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Symbiosen: Dschungel-Ameisen als Wanderhirten

Als nomadische Viehzüchter ziehen die Wanderhirten unter den Ameisen durch die Regenwälder Südostasiens, immer auf der Suche nach frischen Weidegründen für ihre Herden spezieller Pflanzenläuse. Drei Ameisenforscher berichten über eine ungewöhnliche Symbiose.
Verbreitung der Wanderhirtenameisen
Üppiger malaiischer Regenwald, über uns frisch belaubte Triebe, auf einem davon eine dichte Ansammlung von Ameisen, die eine Lage saugender Pflanzenläuse fast völlig überdeckt. Nichts Spektakuläres, uns Ameisenforscher aber ließ dieser Anblick stutzen – glücklicherweise. Was wir damals, vor nunmehr etwa 20 Jahren, noch nicht ahnen konnten: Wir waren auf eine bis dahin unbekannte Form zu leben gestoßen, jedenfalls unter Ameisen.

Ganz unvorbereitet traf uns das Weitere allerdings nicht. Immerhin hat wohl kaum eine andere Tierfamilie eine solche Fülle unterschiedlicher Lebensweisen entwickelt wie die "staatlich organisierten" Ameisen. Schon in Lehrbüchern von Anfang des letzten Jahrhunderts liest man über Pilzzüchter, Gärtner, Wanderjäger, Weber und Ernteameisen, aber auch über Diebsameisen und Sklavenhalter – alles Bezeichnungen, die damals als Assoziationen zu menschlichen Lebensformen oder Untugenden gewählt wurden. So schrieb der Forstwissenschaftler und Insektenforscher Karl Escherich 1906 in seinem Ameisenbuch über die Pilzzüchter: "Gleichwie die Menschen Kulturpflanzen ziehen, so züchten sie Produkte, die in der freien Natur gar nicht vorkommen. Die Analogie zu menschlichen Handlungen ist hier wohl am frappantesten."

Was unsere Studienobjekte dann über die Jahre enthüllten, erinnert verblüffend an eine weitere menschliche Art zu leben: an Vieh haltende Nomaden. Menschliche Wanderhirten haben sich völlig auf die Bedürfnisse ihrer Herden eingestellt, die ihnen alles zum Leben Nötige bieten, vor allem in Form von Milch, Fleisch und Häuten. Mit ihren Biwakzelten folgen solche Gruppen dem Vieh zu immer neuen Weideplätzen. Die Wanderhirten unter den Ameisen – wie wir sie traditionsgemäß tauften – haben ihren ursprünglich sesshaften Lebensstil in entsprechender Weise verändert, ihn ganz darauf ausgerichtet, ihren "Nutztieren" das Optimale zu bieten und bestmöglich von deren Fähigkeiten zu profitieren.

Unsere tierische Ansammlung auf dem Blatttrieb schien zunächst aber in vielem dem zu gleichen, was wir in Mitteleuropa aus unseren Gärten und Wäldern kennen: Ameisen und Blattläuse finden sich dort zu einer Nähr-Schutz-Symbiose zusammen. In dieser Partnerschaft zum gegenseitigen Nutzen erhalten die Ameisen nahrhaften Pflanzensaft, den die saugenden Läuse als so genannten Honigtau ausscheiden; als Gegenleistung schützen die sozialen Insekten ihre Lieferanten vor Räubern und Parasiten. Erst die genauere Beobachtung zeigte, dass unsere Regenwaldpartnerschaft – bestehend aus einer Drüsenameise namens Dolichoderus cuspidatus und einer Schmierlausart der Gattung Malaicoccus – keine der üblichen Nähr-Schutz-Symbiosen war…
Juni 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Juni 2010

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