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Hirschhausens Hirnschmalz: Ein X für ein U

Eckart von HirschhausenLaden...

"Jemandem ein X für ein U vormachen" ist ein geflügeltes Wort. Aber dass man sich für X entscheidet und Sekunden später ohne zu zögern erklären kann, warum U natürlich die bessere Wahl war – das muss man erlebt haben, um es zu glauben. Für meine ARD-Sendung "Hirschhausens Quiz des Menschen" stellten wir mit Zuschauern ein Experiment nach, das die Arbeitsgruppe "Choice Blindness" ("Wahlblindheit") an der schwedischen Universität Lund veröffentlicht hat. Die Psychologen nutzten einen simplen Kartentrick, um einer faszinierenden Selbsttäuschung des Gehirns auf die Schliche zu kommen. Auch im Studio hat es funktioniert!

Die Versuchsperson bekommt für vier Sekunden zwei Fotos in der Größe von Spielkarten gezeigt. Darauf sind zwei Gesichter abgebildet, die zwar auf den ersten Blick sehr ähnlich aussehen, aber bei näherer Betrachtung gut zu unterscheiden sind. Die Aufgabe lautet, das attraktivere der beiden Porträts auszuwählen. Anschließend legt der Versuchsleiter die Karten verdeckt auf den Tisch und schiebt dem Probanden das Bild hin, für das er sich entschieden hat. Dabei vertauscht er die Karten jedoch heimlich. Kurzum: Der Proband hält Sekunden nach der Aufgabe genau das Foto in der Hand, das er nicht ausgewählt hat.

Psychotest

Sind Sie ein schneller Entscheider?

  1. A) Mal so, mal so.
  2. B) Na ja.
  3. C) Muss ich mal drüber nachdenken.
  4. D) Fragen Sie meine Frau.

Die erste Überraschung: Niemand ist überrascht! Den meisten scheint der Schwindel nicht einmal aufzufallen. In den vergangenen Jahren haben Forscher viel über das Phänomen der "Veränderungsblindheit" herausgefunden: Wir sind eklatant schlecht darin, kleine Änderungen in unserer Umgebung zu bemerken, wenn wir keine erwarten. Vermutlich ist Ihnen auch entgangen, dass diese Kolumne zum ersten Mal ein anderes Porträt ziert als sonst?

Doch die "Choice Blindness" geht noch tiefer. Denn auf die Frage, warum sie sich für dieses Foto entschieden hätten, antworten mehr als 80 Prozent der Teilnehmer nicht etwa: "Das ist doch gar nicht das Bild von eben!" Vielmehr vertei­digen sie ihre vermeintliche Wahl: "Ich habe mir das aus guten Gründen ausgesucht. Diese Augen, der hübsche Mund, die positive Ausstrahlung ..."

Mehr noch: Wir vergessen sogar, was wir ­ursprünglich wollten. Im zweiten Durchgang entscheiden sich die Probanden häufiger für die "untergemogelte" Karte, sie bleiben also dem Foto gewogen, für dessen Wahl sie sich schon einmal rechtfertigen mussten. Die Gedanken sind frei? Viel eher trifft es wohl die Zeile aus der Operette "Die Fledermaus": Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist!

Die Wahlblindheit erklärt, warum man heute jemanden lieben kann, obwohl man doch früher ­jemand anderen noch besser fand. Und sie wirft ein neues Licht auf politische Entscheidungen. Wer erinnert sich daran, bewusst Angela Merkel gewählt zu haben? Aber im Nachhinein finden sie viele gut – man steht eben lieber auf der Gewinnerseite. Und so verstehe ich auch endlich, warum man so selten öffentlich hört: "Also ich hab eigentlich FDP gewollt!"

Und was heißt das für den Alltag? Liebe Frauen, fragt bitte nicht: "Fällt dir heute gar nichts an mir auf?" Gebt uns wahlblinden Männern konkrete Hinweise! Dann finden wir auch gerne alles gut und vergessen, was wir je anderes wollten.

7/2014

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 7/2014

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  • Quelle
Johansson, P. et al.: Choice Blindness and Preference Change: You Will Like this Paper Better if You (Believe You) Chose to Read it! In: Journal of Behavioral Decision Making 10.1002/bdm.1807, 2013