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Editorial: Ein Lob der Stille

Daniel Lingenhöhl

Wissen Sie, wonach ich mich während der ersten Monate der Corona-Pandemie in Deutschland mit am meisten gesehnt habe? Nach Stille. Wie viele andere Menschen in Deutschland musste ich nun zu Hause arbeiten und gleichzeitig unsere Kinder betreuen und beschulen. Dazu kamen immer wieder Videokonferenzen und Telefonate, um die Arbeit und manchmal auch den Fernunterricht unseres großen Grundschülers zu organisieren. Abends saßen wir dann meist noch vor dem Fernseher und sahen uns die Nachrichten an.

Ruhige Minuten gab es in dieser Zeit praktisch nicht. Umso mehr genoss ich deshalb die kurzen Auszeiten, wenn ich im Wald allein laufen gehen konnte. Dort stand an einem schmalen Weg eine mächtige Eiche, bei der ich gern stehen blieb und einfach die Ruhe genoss – kaum unterbrochen vom Blätterrauschen und dem Gesang balzender Vögel.

Unsere Titelgeschichte ab S. 12 aus der Feder meiner Kollegin Anna von Hopffgarten erklärt, warum wir körperlich und geistig diese akustischen Pausen brauchen. Stille senkt den Blutdruck und könnte sogar das Wachstum neuer Nervenzellen anregen. Und frei von jeglicher geräuschbedingter Ablenkung schweifen die Gedanken leichter ab, wodurch wir neue Ideen entwickeln können. Umgekehrt ist längst bekannt, dass dauerhafter Lärm uns physisch krank macht. Es ist daher kein Wunder, dass sich immer mehr Menschen bewusst akustische Auszeiten nehmen und sich etwa für ein paar Tage in ein Schweigekloster zurückziehen. Und auch Psychotherapeuten setzen Stille mittlerweile ein, unter anderem um Angststörungen zu behandeln.

Noch mehr innovative Ansätze und Verfahren in der Psychotherapie finden Sie übrigens ab dieser Ausgabe in unserer neuen, sechsteiligen Serie, die von Eva-Lotta Brakemeier, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Greifswald, zusammen mit meinem Kollegen Steve Ayan koordiniert wird.

Ich wünsche Ihnen trotz der turbulenten Zeiten jedenfalls einige ruhige Momente.
Ihr Daniel Lingehöhl

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