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Editorial: Gesund aus der Retorte?



Die Hinweise verdichten sich: Retortenkinder leiden offenbar häufiger an Fehlbildungen als ihre natürlich gezeugten Mitmenschen. Augenscheinlich kommen Geburtsschäden, Entwicklungsstörungen und Erbdefekte bei ihnen vermehrt vor; auch Krebsleiden scheinen häufiger aufzutreten. Vor allem das seit zehn Jahren angewandte Fertilisationsverfahren, bei dem die Spermien per Kanüle in die Eizelle injiziert werden, steht unter Verdacht, Fehlbildungen zu verursachen. Auch die ältere, seit 25 Jahren übliche Reagenzglasbefruchtung wird zunehmend kritisiert – nicht wegen Missbildungen, sondern wegen gehäufter Mehrlingsschwangerschaften. Sie führen nämlich oft zu Frühgeburten, dem "entscheidenden Problem der Reproduktionsmedizin", wie Klaus Diedrich von der Universitätsklinik in Lübeck im Spektrum-Interview kommentiert (Seite 42).

Wir haben den Medizinprofessor zu den nationalen und internationalen Befunden befragt, welche die Medizinjournalistin Martina Lenzen-Schulze für unsere Titelgeschichte zusammengetragen hat. Demnach gibt es keinen Anlass für Alarm, jedoch Grund genug für Besorgnis. Einmal mehr zeigt sich, dass Paare, die sich für eine künstliche Befruchtung entscheiden, gründlicher über die Risiken aufgeklärt werden müssen. Aber auch der Gesetzgeber ist nach Diedrichs Ansicht gefordert. In Ländern wie Belgien, Finnland oder Schweden darf von den befruchteten Eizellen vor der Übertragung auf die Mutter ein Embryo ausgewählt werden – mit dem Ergebnis, dass die Einnistungschance steigt und das Mehrlingsrisiko sinkt. Nach deutschem Recht ist das verboten. Man sollte, fordert Diedrich, "über eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes nachdenken".

Unter Kosmologen herrscht seit einigen Jahren Umbruchstimmung. In unserer Zeitschrift haben wir deshalb in den letzten Monaten und Jahren immer wieder über neueste Entwicklungen auf diesem Gebiet berichtet. Die derzeitige Situation in der Kosmologie erinnert an die Zeit, als Albert Einstein 1905 mit seiner Speziellen Relativitätstheorie die Hypothese eines "Weltäthers" vom Tisch fegte. Ein neuer Befreiungsschlag dieser Güte ist nun wieder gefordert. Zum Abschluss unserer Artikelserie "25 Jahre Spektrum der Wissenschaft" berichtet der Münchener Forscher Gerhard Börner über die rasante Entwicklung der Kosmologie seit 1978. Was sich einst als irrige Hypothese herausstellte, kehrt nun in anderem Gewand wieder: Eine "Dunkle Energie" soll das Vakuum des Weltalls ausfüllen, fast wie einst der Weltäther (Seite 28).

Doch alle Versuche, diese Dunkle Energie physikalisch zu interpretieren, scheiterten bislang. Die Physiker errechnen für die Vakuumdichte nämlich einen Wert, der um 108 Größenordnungen über den kosmologischen Schätzungen liegt – eine fatale Diskrepanz zwischen Theorie und Beobachtung. Auch nach vier Jahrhunderten moderner Kosmologie verstehen wir das Weltall, in dem wir leben, offenbar noch immer nicht – interessante Zeiten für die Wissenschaft.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003, Seite 5
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003

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