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Editorial: Liebe Leserinnen und Leser, chères lectrices et chers lecteurs!

Ein Irrglaube geistert durch die Köpfe vieler Eltern und Pädagogen: Lernen Kinder gleichzeitig zwei Muttersprachen, so leide darunter ihre sprachliche, womöglich sogar ihre gesamte geistige Entwicklung. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie unsere Titelgeschichte ab S. 34 zeigt. Wer bilingual aufwächst, lernt oft nicht nur leichter neue Sprachen – die Zweisprachigen sind noch dazu geistig flexibler und später besser gegen Alzheimerdemenz gewappnet als der Durchschnittsbürger.

Umso bedauerlicher, dass diese Potenziale bei den meisten Kindern hier zu Lande brachliegen – anders als etwa in Kanada, Finnland und der Schweiz. Eine Fremdsprache fließend zu sprechen, steht deshalb bei vielen erwachsenen Deutschen auf der Liste lang gehegter Träume. Meine Großmutter Lisa etwa besuchte noch in fort­geschrittenem Alter einen Französischkurs. Sie schrieb mir dann zuweilen ein paar Vokabeln auf, und aus unerfindlichen Gründen weckte sie damit meine Liebe zur französischen Sprache.

Die paar Stunden Fremdsprachenunterricht in der Schule waren mir nie genug, und so habe ich manche Physikstunde gegen die Originallektüre von Sartre und Camus eingetauscht. Inzwischen bin ich zwar keine Dolmetscherin, sondern Psychologin und Journalistin geworden, aber zu meinen liebsten Pflichten zählt es bis heute, unser französisches Schwestermagazin "Cerveau & Psycho" zu lesen.

Seit Kurzem bleibt dazu allerdings kaum mehr Zeit. Ich freue mich auf meine neue Auf­gabe: die Redaktionsleitung von "Gehirn und Geist"! Unser größter Vorsatz für die Zukunft ist es, die zuweilen trockene Forschung in noch mehr spannende Magazingeschichten zu verwandeln. Der Arbeit eines Übersetzers liegt das gar nicht so fern. Denn ähnlich einer Sprache haben auch Psychologie und Hirnforschung ihr eigenes ­Vokabular, und die Forschungsmethoden bilden eine Art Grammatik. Wer eine wissenschaftliche Disziplin wie seine Muttersprache kennt, ist also in gewisser Weise auch "bilingual".

Eine anregende Lektüre – une lecture passionnante

wünscht Ihre
Christiane Gelitz

6/2013

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 6/2013

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