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Editorial: Sind aussterbende Sprachen ein Verlust?



Die meisten Sprachen der Erde sind bedroht – ganz ähnlich wie viele Tiere und Pflanzen. Soll, kann man sie erhalten? Was geht hier verloren? Mit den Sprachen sterben zwar keine Menschen, aber ganze Kulturen: eine jeweils einmalige Weise, menschliches Denken, Fühlen und Wollen zum Ausdruck zu bringen.

Nach Schätzung von Sprachforschern werden derzeit auf der Erde noch ungefähr 6000 lebende Sprachen gesprochen. Das klingt viel, aber die Gewichte sind recht ungleich verteilt: In Europa und Vorderasien teilen sich etwa 800 Millionen Sprecher 250 Sprachen. In Papua-Neuguinea leben 3,5 Millionen Menschen mit rund 850 Sprachen – im Schnitt also 4000 Sprecher pro Sprache.

Kein Zufall: Forscher schätzen, dass neunzig Prozent aller Sprachen von höchstens je 5000 Menschen verwendet werden. Fast alle diese Sprachen sind gefährdet oder dem Verschwinden nahe. "In hundert Jahren", meint der Düsseldorfer Linguist Dieter Wunderlich, "wird es vielleicht nur noch 600 lebende Sprachen geben, zehn Prozent der heute noch gesprochenen."

Diese Situation ist keineswegs neu – schon immer sind Sprachen von der Bildfläche verschwunden. Anders lief es mit der europäischen Ursprache. Sie "lebt" im Prinzip noch heute fort – im Baskenland! Vor über zehntausend Jahren, noch vor der Invasion des Indogermanischen, war aber offenbar die Urform des Baskischen noch über ganz Europa verbreitet. Ihre Wortreste finden sich zuhauf, auch außerhalb des Baskischen: Wer etwa mit einem Käsebrot in der Hand am Ufer der Isar bei München spazieren geht, hat es – gazi = salzig, is = Wasser, munica = Ort auf der Uferterrasse – mit Relikten des Urbaskischen zu tun (siehe Seite 32).

Wie sollen wir auf das drohende Verschwinden einer Sprache reagieren? Wahrscheinlich lässt sich dieser Prozess gar nicht aufhalten, allenfalls verzögern. Schriftlich überlieferte Kulturen werden länger "durchhalten", ihr Erbe wird von Linguisten mühsam geborgen. Sprachen dagegen, die nur mündlich tradiert werden, sind viel schwerer zu dokumentieren. Sie verlieren sich, sobald die Kinder sie nicht mehr lernen, was derzeit schon bei vierzig Prozent aller Sprachen der Fall ist.

Heute leben viele vom Sprachverlust betroffene Minderheiten zwei- oder mehrsprachig. In einigen Fällen dient ihr Idiom der Identitätswahrung, oft weil ihre Ethnie politisch bedroht wird. Andere Kleinsprachen sind längst zur Folklore erstarrt und durch Selbstmusealisierung einem raschen Untergang geweiht – ein Fall für Historiker. Durch das Sprachensterben verarmt die Welt in einem Akt globalen Vergessens. Wir sind bereits heute Zeugen einer Banalisierung zu Gunsten glatt gewalzter Großsprachen der Zukunft – Einfalt statt Vielfalt.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 2002, Seite 5
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 2002

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