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Editorial: Wer schützt uns vor Impfverweigerern?



Seit einigen Jahren lasse ich mich jeden Herbst gegen Grippe impfen. Seitdem sind meine Krankentage praktisch auf null zurückgegangen. Denn merkwürdigerweise habe ich auch weniger unter simplen Erkältungen zu leiden, obwohl eine Influenza-Impfung ja gegen eine Bakterieninvasion machtlos sein sollte.
Neben dem Vorzug, nicht jedes Jahr wieder ächzend und schwitzend im Bett liegen zu müssen, hat mich auch die Statistik zur Impftreue bekehrt. Jährlich sterben allein in Deutschland 5000 bis 8000 Menschen an Influenza. Das ist ein Skandal: Fast alle hätten mit einer Impfung überleben können (außer einer kleinen Zahl von so genannten Impfversagern). Wer sich nicht impft, gefährdet rücksichtslos sich und andere. Auch Menschen, die trotz einer Infektion keine Krankheitssymptome zeigen, können das Virus übertragen.
Generell gilt: Die Impfbereitschaft der Bevölkerung sinkt seit Jahren. Etwa vierzig Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben heute keinen ausreichenden allgemeinen Impfschutz mehr. Beigetragen dazu haben auch Ärzte, die vor Nebenwirkungen warnten. Dabei ist die Sicherheit heutiger Impfstoffe dank aufwendiger Untersuchungen auf Nebenwirkungen exzellent – ja sogar besser als bei manchen Medikamenten, da Impfstoffe ja nur gesunden Menschen verabreicht werden.

Die Folge der Impfmüdigkeit ist, dass sich Kinderkrankheiten wie Diphtherie oder Masern bei uns wieder ausbreiten, während zum Beispiel Finnland als erstes Land in Europa die Masern ausgerottet hat. In Deutschland bekommen Babys zwar durchweg die erste Masernimpfung, aber die notwendige zweite Impfung im zweiten Lebensjahr erhalten nur mehr ein Drittel aller Kinder . zu wenig, um die Krankheit niederzuhalten.
Auch längst ausgerottete Krankheiten kehren zurück. So galt Europa eigentlich seit zwei Jahren als "poliofrei". Doch letzten April wurde die Kinderlähmung in Bulgarien bei einem wenige Monate alten Mädchen entdeckt, das nicht geimpft worden war. Aber wirklich bedroht von der Wiederkehr der Kinderlähmung sind Länder wie Indien. Die Weltgesundheitsorganisation WHO wollte denn dort auch den Stier bei den Hörnern packen: Ende Februar führte sie im Norden Indiens "die größte Impfkampagne aller Zeiten gegen Polio" durch. 1,3 Millionen Helfer impften insgesamt 165 Millionen Kinder innerhalb von sechs Tagen in einem Gebiet der Größe Westeuropas.
Bei uns eröffnen sich andere Fronten. Neuerdings arbeiten Krebsforscher an Impfstoffen, die das Immunsystem gegen Tumorzellen bei bereits Erkrankten mobilisieren. Solche Impfungen gegen Krebs werden derzeit klinisch getestet, sind allerdings noch teuer, kompliziert und vorläufig nur bei wenigen Krebsarten – wie dem malignen Melanom (schwarzen Hautkrebs) oder dem Prostatakrebs – erprobt. Doch wie unser Bericht ab Seite 38 zeigt, könnte es in einigen Jahren für bislang unheilbar Kranke neue Hoffnung geben.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 2003, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 2003

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