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Editorial: Wie Musik uns prägt

Daniel Lingenhöhl

Zugegeben: Ich bin nicht besonders musikalisch. Ein Instrument habe ich leider nie erlernt beziehungsweise den Versuch rasch aufgegeben, und ich singe nur, wenn es nicht auffällt – unter der Dusche, im Fußballstadion oder auf einem Rockkonzert. Mein persönlicher Musikgeschmack ist zudem für viele wohl eher gewöhnungsbedürftig. Ich besuche durchaus gern klassische Konzerte, im Auto oder zu Hause höre ich jedoch bevorzugt Metallica oder die Gothic-Rock-Band Sisters of Mercy.

Ob aktives Musizieren meinen IQ gesteigert hätte, weiß ich natürlich nicht. Überhaupt ist es eine ungelöste Frage, ob Geigen oder Klavierspielen tatsächlich intelligenter macht. Unser Autor Frank Luerweg widmet sich ab S. 19 diesem Thema. Einige Studien haben bereits gezeigt, dass Menschen, die ein Instrument beherrschen, durchschnittlich einen höheren IQ und besseren Wortschatz besitzen. Doch belegen solche Arbeiten überwiegend nur eine Korrelation, keine Kausalität. Schließlich kann es ebenso sein, dass intelligente Menschen einfach lieber zu einem Instrument greifen. Und wahrscheinlich fördern Eltern, die ihren Kindern Musikunterricht ermöglichen, sie auch anderweitig stark – etwa durch regelmäßiges Vorlesen. Das schult die kognitiven Fähigkeiten ebenfalls.

Eltern sollten es deshalb tunlichst vermeiden, ihren Nachwuchs zum Erlernen eines Instruments zu zwingen, wenn er lieber Sport treibt, liest oder Tiere beobachtet. Denn auch derartige Aktivitäten wirken sich positiv auf die Entwicklung des Gehirns aus, wenn sie mit Freude ausgeübt werden dürfen.

Und wie kommt es zu den unterschiedlichen Vorlieben bei der Musik? Warum schätzen die einen Heavy Metal oder Schlager, während andere am liebsten die Flucht davor ergreifen würden? Der Musikpsychologe Stefan Kölsch erforscht solche spannenden Fragen und gibt im Interview ab S. 12 darüber Auskunft. Offenbar festigt sich unser Geschmack schon in der frühen Jugend, weshalb Menschen wie ich noch 30 Jahre später Metallica hören – und andere die Beatles bis ins Rentenalter. In Stein gemeißelt sind diese Vorlieben jedoch nicht: So wie Kinder gern Süßes essen und Erwachsene dann doch lieber ein bisschen mehr Bitterstoffe, so gewöhnen wir uns im Lauf des Lebens zunehmend an dissonante Klänge und goutieren dann solche Musik.

Viel Spaß beim Musizieren oder Zuhören wünscht Ihnen
Daniel Lingenhöhl

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