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Editorial


Liebe Leserinnen, liebe Leser!



Wer es heute wagt, von einer „Revolution in der Kosmologie“ zu sprechen, führt große Worte im Mund. Doch der Titel unseres Heftes übertreibt nicht. In jüngster Zeit beobachteten mehrere Astronomen-Teams in fernen Galaxien Sternexplosionen, wie sie nur in Doppelsternen vorkommen. Aus deren Entfernungen schlossen sie, daß das Universum sich nicht nur aus-dehnt (soweit nichts Neues), sondern sich die Expansion sogar beschleunigt.

Das ist sensationell neu. Denn nach bald 80 Jahren moderner, „relativistischer“ Kosmologie wird das Universum noch geheimnisvoller, als es nach dem Standardmodell vom Urknall bisher schon war. Anhand der neuen Daten sehen sich die Theoretiker genötigt, jene seltsame Energie des Vakuums anzuerkennen, die Einstein einst als „kosmologische Konstante“ eingeführt hatte – und später als seine „größte Eselei“ wieder verwarf.

Seltsam ist diese Konstante aus mehreren Gründen: Zum einen entfaltet sie eine Wirkung, die der anziehenden Schwerkraft entgegenwirkt. Zum zweiten bildet sie in Einsteins Theorie ein Kuriosum: Alle Materie und Energie erzeugen ein Schwerefeld, das wiederum auf alle Materie und Energie zurückwirkt; die kosmologische Konstante wird aber selbst von der Schwerkraft nicht beeinflußt.

Die Konsequenzen aus den neuen Beobachtungen legen als unser Weltbild fest, was bisher nur als Option erschien: Raum und Zeit haben einen Anfang, jedoch kein Ende. Die Erde stürzt in die verglimmende Sonne, Sterne und Galaxien verglühen, das unendliche All wird dunkel, im immerwährenden Takt der Äonen verdampfen letzte Schwarze Löcher. Der Kosmos nähert sich asymptotisch dem Kältetod (ab Seite 38).



Andere wissenschaftliche Neuerungen mögen nicht ganz so revolutionär sein, doch verändern sie das Leben mancher Menschen oft viel unmittelbarer als eine neue Sichtweise des Alls – ein neues Medikament gegen Grippe zum Beispiel. Grippeviren wären, hätte man sie schon früher gekannt, zweifellos zu den ägyptischen Plagen gerechnet worden. An der letzten Epidemie von 1994/95 erkrankten allein in Deutschland acht Millionen Menschen, über dreitausend starben. Gegen das einzige hier zugelassene, kausal gegen Grippe wirkende Mittel (Amantadin, eigentlich ein Pharmakon gegen Parkinson), werden die sehr wandlungsfähigen Influenzaviren rasch resistent – wenn sie überhaupt darauf ansprechen.

Daß jetzt ein Grippemittel völlig neuen Typs auf den Markt kommen soll, könnte einen Durchbruch im Kampf gegen die Grippeplagen bedeuten. Es greift ein bestimmtes Molekül des Erregers an, ohne das er sich nicht ausbrei-ten kann – ein genialer Trick der Pharmaforscher (Seite 70).


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1999, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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