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Editorial



Eben dachte ich noch, ich hätte mich aus völlig freien Stücken dazu entschlossen, für Sie dieses Editorial zu schreiben. Doch nach Lektüre unseres Interviews mit dem Max-Planck-Forscher Wolf Singer auf Seite 72 bin ich mir da nicht mehr so sicher. Unser persönlicher freier Wille ist in den Augen des Frankfurter Hirnforschers "ein kulturelles Konstrukt". Die Spektrum-Redakteure Inge Hoefer und Christoph Pöppe fragten, ob es denn sein freier Wille sei, uns dieses Interview zu geben? Konsequent antwortete Wolf Singer: "Ich fürchte nein."

Schon in früher Kindheit – so früh, dass wir uns daran nicht mehr erinnern können – würden wir das Konzept eines freien, autonomen Selbst erst entwickeln.

Und zwar dank der Fähigkeit unseres Gehirns, sich in andere hineinzuversetzen – etwas, das uns von den meisten Tieren unterscheidet. Mich erinnert das an Einsteins Diktum über das Verfließen der Zeit, hier gemünzt auf den freien Willen: Es handelt sich zwar um eine Illusion, jedoch eine äußerst hartnäckige.

Im Zeitalter von BSE-Epidemie und Creutzfeldt-Jakob-Erkrankungen sehen sich viele genötigt, ihre bisherigen Essgewohnheiten zu ändern. Zum Glück hatte ich meinen Fleischkonsum in den letzten Jahren ohnehin schon reduziert. Dass vieles, was heute auf unseren Tisch kommt, auf das 17. Jahrhundert zurückgeht, habe ich erst jetzt erfahren. Damals wandelte sich die mittelalterliche Alchimie zur moderneren, aber immer noch vorwissenschaftlichen Chemie. Sie verdrängte die aus der Antike stammenden, zum Teil noch magischen Vorstellungen über Ernährung. Unter diesem Einfluss stellte die feudale Oberschicht ihre Essgewohnheiten um. Alsbald wurden Mehlschwitzen und Fonds angerührt, wurden Salate, Saucen und süße Desserts serviert. Viele dieser neuen Gerichte und Zubereitungsarten blieben bis heute erhalten – obwohl dahinter eine weitgehend überholte Ernährungstheorie steckt (Seite 66).

Eine neue Serie und eine neue Rubrik werden Sie vielleicht schon bemerkt haben: Bereits in 5. Folge stellen wir Ihnen "Das Protein des Monats" vor. Es vermittelt Einblicke in das brandaktuelle Gebiet der "Proteomik", das die Ergebnisse der Humangenom-Forschung vielfältig nutzbar macht. Diesmal präsentiert unser Kolumnist Michael Groß das "Rhodopsin", das beim Sehprozess im Auge eine zentrale Rolle spielt (Seite 23). Die "Mathematischen Unterhaltungen" haben, im Monatswechsel, eine Schwesterrubrik erhalten: "Physikalische Unterhaltungen". Der Physikprofessor Wolfgang Bürger zeigt Ihnen, wie bestimmte Rätsel des Alltags funktionieren, so der "Wirbel in der Badewanne" (im Januar-Heft) oder die "Lichtmühle" auf Seite 104.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2001

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