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Editorial



Seit langem bringen wir in loser Folge Interviews oder Streitgespräche zu Themen, die uns wichtig erscheinen. Das angenehm Überraschende: Fast alle stoßen auf große Resonanz. Spitzenreiter bisher war ein Streitgespräch zu Wissenschaft und Religion im Juni letzten Jahres – mit mehreren hundert Leserbriefen und gut tausend E-Mails an unser Online-Forum.

Aber auch "Gene und Verhalten" (4/01), "Das Ende des freien Willens?" (2/01) oder "Robotik und Gehirn" (10/00) fanden Ihr reges Interesse. Was mich daran besonders freut: Keines dieser Themen ist vordergründig "aktuell". Offenbar bewegt uns Menschen am Beginn des 21. Jahrhunderts ebenso die hintergründige, immer währende Präsenz solcher Fragestellungen, in denen sich naturwissenschaftliches Weltbild und alltägliches Weltverständnis aneinander reiben.

Für dieses Heft haben wir zwei namhafte Experten eingeladen, über die "Wahrheit in der Wissenschaft" zu diskutieren: den Astrophysiker Jürgen Ehlers sowie den Soziologen Rudolf Stichweh. Es enstand ein, wie ich finde, spannender Dialog, in dem sich auch die "Zwei Kulturen" des C. P. Snow widerspiegeln. Der britische Schriftsteller hatte 1959 einen vielleicht unüberbrückbaren Gegensatz von Human- und Naturwissenschaft konstatiert. Er scheint heute aktueller denn je (Seite 70).

Der Wahrheitsanspruch der exakten Wissenschaften liefert ein wichtiges Argument dafür, dass der Steuerzahler die Grundlagenforschung weiter finanziert. Natürlich kann ein Laie nicht selbst prüfen, ob im Prozess der wissenschaftlichen Wahrheitssuche immer alles mit rechten Dingen zugeht – er ist letztlich, bei aller Information, oft auch auf einen Akt des Glaubens oder des Vertrauens angewiesen.

Der wird aber häufig gestört, zumal wenn Forscher zu Betrügern werden oder, etwa als Inhaber eigener Biotech-Firmen, ihre Neutralität verlieren. "Der alltägliche Expertenstreit in den Medien um die wahre Wahrheit ... gilt den Bürgern zu Recht als unwiderlegbarer Beweis, dass die Wahrheit verloren gegangen ist", sagte Dieter Simon, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, kürzlich auf einer Tagung zu Wissenschaft und Öffentlichkeit (www.spektrum.de). "Neue Ergebnisse werden nicht mehr vorbehaltlos begrüßt, sondern argwöhnisch beäugt."

Ein Schuss Skepsis sollte also auch sein. Zum "Gebot der Vertrauensunterstellung" muss, wie es kürzlich hieß, das "Gebot des Zweifelns" treten. Aber wo liegen die Grenzen – etwa zu Wundergläubigkeit oder Paranoia? Wir werden solchen Fragen in weiteren Interviews nachgehen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2001, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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