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Editorial



Man reibt sich die Augen. Da bekennen doch etwa Münchener Genforscher, dass Forschung an Stammzellen aus menschlichen Embryonen für sie "in den kommenden fünf Jahren nicht aktuell" sein werde. Berliner Forscher sehen das Gebiet höchstens "am frühesten Anfang einer Grundlagenforschung"; andere reagieren längst "allergisch auf den Hype".

Offenbar weiß die Nation vor lauter biopolitischer und bioethischer Aufgeregtheit nicht mehr ganz, worum es geht: Was machen mit diesen Stammzellen? Präimplantationsdiagnostik (PID) – ja oder nein? Prügel bezog Ministerpräsident Wolfgang Clement. Ende Mai wollte er solche Stammzellen aus Israel importieren, was nach geltendem Embryonenschutzgesetz nicht verboten ist. Für Kritiker schien er jedoch getrieben von "verrückten Forschern, die rücksichtslos ihre Karriere verfolgten", in einer Art "Kannibalismus", wie Kardinal Meisner befand.

Könnte es sein, dass die Stammzellen-Debatte nicht nur falsch und allzu verkürzt läuft, sondern auch zu früh? Noch während die Genforscher ihre Grundfragen klären, könnte sich jetzt – erdrückt von einer Frankenstein-Hysterie – ein Moratorium oder Forschungsverbot durchsetzen. Wiederholt sich da die Negativerfahrung mit dem Gentechnikgesetz von 1990? Damals hatten die Apokalyptiker gesiegt. Die schlichte Folge: Firmen verlegten ihre Forschungsstandorte ins Ausland, Wissenschaftler suchten ihre Projekte in den USA. Kein Wunder, dass bald Ernüchterung einsetzte und schon 1993 ein Änderungsgesetz folgte. Die Regelungen seien, so hieß es plötzlich, im Vergleich zu den wirklichen Risiken überzogen gewesen. Verfahren wurden gestrafft und bürokratische Hemmnisse beseitigt.

Nun scheint man demonstrieren zu wollen, dass aus Erfahrung nichts gelernt werden muss. Die bioethische Moral wird inzwischen von jenen gepachtet, die sich für Verbote oder ein Moratorium einsetzen – fern sozialer Realitäten. Das bedeutet abermals bremsen, bevor der Zug anfährt. Das bedeutet auch, den Wissenschaftlern abermals einen Exodus nahe zu legen, etwa in Schurkenstaaten wie die USA, Frankreich, England oder Österreich – noch bevor überhaupt klar ist, warum. Hier könnte daran erinnert werden, worauf kürzlich der Heidelberger Jurist Rüdiger Wolfrum hinwies. Gegen ein Moratorium oder Verbot stellt er das "verfassungsrechtliche Gebot", wonach "Kontroll- und Überwachungsmöglichkeiten auszuschöpfen" seien, "bevor eine ganze Forschungsrichtung untersagt wird".

Eine definitive Verständigung in der Ethikdebatte ist unwahrscheinlich, eine konsequente Verbotshaltung wird gegen eine Mehrheitsmeinung nicht durchsetzbar sein. Nationale Alleingänge in Ethik und Gesetz werden nur kurzfristig überleben können. Wollen wir beispielsweise einen PID-Tourismus in Nachbarländer ähnlich wie Jahrzehnte lang bei der Abtreibung? Sicherlich: Der Erfolg von Forschung ist nicht garantierbar – das gilt auch hier. Aber sollten einmal im Ausland erfolgreich Medikamente oder Therapien an human-embryonalen Stammzellen entwickelt worden sein: Wer würde ihren Import aufhalten wollen?

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2001, Seite 3
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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