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Edwin Hubble und die Expansion des Universums

Er hat das astronomische Weltbild revolutioniert: Erst seit seinen bahnbrechenden Entdeckungen war zu erkennen, daß der Kosmos von unzähligen Galaxien erfüllt ist, die sich wie Fragmente einer gigantischen Explosion voneinander entfernen.

In den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts veränderte Edwin Powell Hubble die wissenschaftliche Vorstellung von der Welt radikaler als jeder andere Astronom seit der Renaissance. So wie der italienische Forscher Galileo Galilei (1564 bis 1642) die Erde endgültig aus dem Mittelpunkt des Sonnensystems verbannt hatte, bewies Hubble nun, daß unser Milchstraßensystem nur eine Galaxie unter Abermillionen ist. Vor allem aufgrund seiner Arbeiten setzte sich die kühne Idee durch, daß der Kosmos nichts Statisches ist, sondern sich insgesamt ausdehnt – gewissermaßen die letztmögliche Erweiterung des trotzigen Ausspruchs "Und sie bewegt sich doch", mit dem Galilei auf seine Verurteilung durch die katholische Kirche im Jahre 1633 reagiert haben soll. Zwar haben viele Forscher zu diesen revolutionären Entdeckungen beigetragen; doch erst Hubble zog mit leidenschaftlichem Arbeitseifer, scharfem Verstand und argumentativem Geschick die Summe daraus.

Um Hubbles frühe Jahre ranken sich viele Mythen – zum Teil, weil er gern den Helden spielte, zum anderen wegen seiner Frau Grace, die ihn in ihren Tagebüchern romantisch verklärt hat. Darum geben viele Berichte ein falsches Bild von ihm. Zum Beispiel wird in Biographien behauptet, er sei ein Boxer von Profi-Format gewesen, obwohl es dafür keinen Beleg gibt. Ebenso scheint die oft wiederholte Geschichte von seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg erfunden zu sein. Doch selbst ohne derlei Ausschmückungen mutet Hubbles Leben an wie eine typisch amerikanische Erfolgsgeschichte (Bild 1).

Sein Urgroßvater ritt im Jahre 1833 von Virginia nach Missouri, wo er sich im heutigen Boone County niederließ und eine Familie gründete. Edwins Großvater sowie der Vater John P. Hubble arbeiteten hart, aber mäßig erfolgreich als Versicherungsvertreter. Die Mutter, Virginia Lee James Hubble, war eine direkte Nachfahrin in neunter Generation des Nationalheros Miles Standish, der 1620 mit der "Mayflower" in die Neue Welt gekommen war und der Kommandant der Kolonie Plymouth wurde. In ihrer überschwenglichen Art beschrieb Grace Hubble die Vorfahren ihres Mannes als "groß, gut gebaut und stark; er hatte ihre körperlichen Vorzüge geerbt, bis hin zur reinen, glatten, leicht bräunenden Haut und dem braunen Haar mit rötlich-goldenem Schimmer. Auch ihre Grundsätze hatten sie ihm weitergegeben: Rechtschaffenheit, Loyalität als Bürger, Familiensinn... und unbeirrbares Vertrauen auf die eigene Leistung".

Ein angehender Anwalt

Edwin wurde am 20. November 1889 in Marshfield (Missouri) als drittes von sieben überlebenden Kindern geboren. Im Jahre 1898 zog die Familie nach Evanston (Illinois) und zwei Jahre später nach Wheaton, einem westlichen Vorort von Chicago, wo Edwin sich als guter Schüler und Sportler erwies: Er gehörte stets zu den Besten seiner Klasse und wurde – vor allem in der Läufermannschaft – ein Sportstar der Wheaton High School. Mit sechzehn ging er an die Universität Chicago und bewies auch dort seine Doppelbegabung. In Mathematik, Chemie, Physik, Astronomie sowie in Sprachen schloß er hervorragend ab; und obwohl er zwei Jahre jünger war als die meisten seiner Kommilitonen, gewann er mehrere Auszeichnungen in Lauf- und Basketballwettbewerben.

Nach dem Abschluß bekam Hubble ein Rhodes-Stipendium für weitere Studien in England. Noch war überhaupt nicht klar, welcher seiner zahlreichen Neigungen er schließlich folgen würde. Als er sich im Oktober 1910 am Queens College der Universität Oxford einschrieb, belegte er Vorlesungen über Jura; sowohl sein Vater als auch sein Großvater hofften, er würde Anwalt werden. Aber nach mäßigen Ergebnissen bei Zwischenprüfungen wechselte er im dritten Jahr zu Spanisch. Sportlich blieb er weiterhin aktiv.

Nach drei Jahren als Rhodes-Stipendiat kehrte Edwin zu seiner Familie zurück, die unterdessen nach Kentucky gezogen war. Er gab vor, die Zulassungsprüfung bestanden zu haben und in Louisville als Anwalt zu praktizieren. Doch seinem Freund Nicholas U. Mayall sagte er einmal: "Ich hatte Jura an den Nagel gehängt und mit Astronomie begonnen, und ich wußte, selbst wenn ich nur zweit- oder drittklassig würde, kam für mich nur Astronomie in Frage." Über ein Zulassungsexamen oder eine Anwaltstätigkeit gibt es auch keinen Beleg, wohl aber dafür, daß er in dieser Zeit Lehrer und Trainer für Basketball an der High School in New Albany (Indiana) war – gleich gegenüber von Louisville auf der anderen Seite des Ohio-Flusses.

Da Gesetzestexte Hubble nicht interessierten und seine Lehrtätigkeit ihn nicht befriedigte, wandte er sich wieder seiner wahren Passion zu. Im Frühjahr 1914 schrieb er an Forest Ray Moulton, seinen ehemaligen Astronomie-Professor in Chicago, und fragte ihn, ob er als Doktorand zurückkehren könne. Moulton empfahl ihn wärmstens bei Edwin B. Frost, dem Direktor der Yerkes-Sternwarte in Williams Bay (Wisconsin), wo die Doktorarbeiten betreut wurden.

Frost nahm Hubble gern an und verschaffte ihm ein Stipendium, das Unterrichts- und Lebenshaltungskosten deckte. Im August 1914 sollte das Treffen der Amerikanischen Astronomischen Gesellschaft an der Northwestern University im nahegelegenen Evanston stattfinden; Frost schlug dem angehenden Wissenschaftler vor, zum Auftakt seiner Forschungstätigkeit daran teilzunehmen. So kam es, daß Hubble erlebte, wie Vesto M. Slipher – ein stiller, bescheidener Astronom vom Lowell-Observatorium in Flagstaff (Arizona) – mit seinen neuesten Untersuchungen über sogenannte Nebel eine hitzige Debatte entfachte.

Als Nebel hatten die Astronomen seit Jahrhunderten besonders schwache, diffuse Himmelsobjekte bezeichnet, die im Gegensatz zu Kometen ihre Position und ihr Aussehen nicht ändern. Ihr Wesen entzog sich einfachen Erklärungen. Im Jahre 1755 meinte der Philosoph Immanuel Kant (1724 bis 1804), einige Nebel könnten sogenannte Welteninseln sein – eigenständige Sternsysteme wie die Milchstraße. Diese Idee faszinierte viele Wissenschaftler, ließ sich aber noch nicht beweisen.

Spiralnebel

Im Laufe des 19. Jahrhunderts zeigten immer bessere Fernrohre, daß viele Nebel aus Wolken leuchtenden Gases bestehen; doch eine auffällige Klasse von spiralförmigen Objekten sah deutlich anders aus. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts waren bereits viele Astronomen überzeugt, Spiralnebel seien in Wirklichkeit ferne Galaxien aus einer Unzahl einzelner Sterne; manche Skeptiker hielten sie jedoch weiterhin für nahe Objekte – möglicherweise Frühstadien der Sternentstehung.

Just auf der Tagung der Astronomischen Gesellschaft von 1914 präsentierte Slipher die ersten gut belichteten und genau vermessenen photographischen Spektren von Spiralnebeln. Wird Sternenlicht durch ein Prisma in seine einzelnen Regenbogenfarben – das heißt unterschiedliche Wellenlängen – zerlegt, so zeigt das Spektrum Absorptionslinien; diese dunklen Linien und Banden entstehen, weil Atome der relativ kühleren Sternatmosphäre Strahlung bestimmter Wellenlängen aus dem heißen Sterninneren absorbieren. Slipher zeigte nun, daß die Spektren von Spiralnebeln Absorptionslinien aufweisen, die für eine Ansammlung von Sternen typisch sind.

Wie Slipher zudem herausfand, sind die Linien von Nebelspektren gegenüber den im Labor beobachteten Spektrallinien stark verschoben. Solche Änderungen der Wellenlänge lassen sich – nach dem österreichischen Physiker Christian Doppler (1803 bis 1853) – als Doppler-Effekt interpretieren; er entsteht, wenn sich das leuchtende Objekt auf die Erde zu oder von ihr weg bewegt. Den Doppler-Verschiebungen zufolge bewegten sich die von Slipher beobachteten Spiralnebel viel schneller als die Sterne des Milchstraßensystems. Dies war ein weiteres Indiz dafür, daß die Spiralnebel nicht zu unserer Galaxis gehören.

Als Hubble am Yerkes-Observatorium ankam, fand er eine verschlafene Forschungsstätte vor, die sich in Routineaufgaben erschöpfte. Doch unbeirrt verfolgte er seinen eigenen Weg. Vielleicht angeregt durch Sliphers Vortrag, begann er mit dem nicht ausgelasteten 60-Zentimeter-Spiegelteleskop systematisch verschiedene Nebel zu photographieren. Daraus entwickelte sich seine Doktorarbeit "Photographische Untersuchung schwacher Nebel", eine Vorstufe seiner späteren Forschungen über Galaxien und Kosmologie.

Hubble beschrieb und klassifizierte die zahlreichen kleinen und schwachen Nebel, die nicht wie diffuse Gaswolken aussahen, und bemerkte, daß sie meist nicht spiralförmig sind, sondern elliptisch. Er hob hervor, daß am Himmel die schwachen Nebel nahe der Milchstraße deutlich unterrepräsentiert sind und daß sie anscheinend oft gehäuft auftreten. Hubble ließ an seiner Interpretation keinen Zweifel: "Falls sie jenseits unseres Sternsystems liegen, sehen wir vermutlich Haufen von Galaxien; falls sie sich innerhalb befinden, stehen wir vor einem Rätsel." Hubbles Doktorarbeit ist methodisch schlampig und theoretisch verworren, aber sie zeigt schon die Handschrift eines großen Wissenschaftlers, der sich an die Lösung eines tiefen Problems heranwagt.

Im Oktober 1916 korrespondierte Hubble mit George Ellery Hale, dem Direktor der Mount-Wilson-Sternwarte in Pasadena (Kalifornien); Hale suchte Mitarbeiter für das große 2,50-Meter-Spiegelteleskop, das kurz vor der Vollendung stand. Er bot Hubble eine Stelle an, sofern dieser vorher seine Doktorarbeit beende. Hubble hoffte, damit bis zum Juni des nächsten Jahres fertig zu werden und danach auf dem Mount Wilson anfangen zu können.

Der Eintritt der Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg am 6. April 1917 durchkreuzte diese Pläne. Als früherer Rhodes-Stipendiat fühlte Hubble sich den britischen Alliierten eng verbunden und wollte nun seiner patriotischen Pflicht genügen. Am 15. Mai, nur drei Tage nach seiner Promotion, meldete er sich zum Dienst und begann einen Offizierslehrgang.

Hubble machte schnell Karriere. Er wurde Bataillonskommandeur und danach Major in der 86. "Black-Hawk"-Division. Im September 1918 schiffte die Division sich nach Europa ein, aber bereits vor ihrem ersten Kampfeinsatz kam – sehr zu Hubbles Bedauern – die Nachricht vom Waffenstillstand. Gegenüber Frost faßte er seine militärische Laufbahn mit den Worten zusammen: "Ich bin immer noch Major. Ich habe kaum Pulverdampf gerochen, und alles in allem bin ich vom Krieg enttäuscht. Jedenfalls ist dieses Kapitel abgeschlossen, und ein neues beginnt."

Am 20. August 1919 wurde er ausgemustert und begann sofort am Mount Wilson zu arbeiten. Er war zur richtigen Zeit gekommen. Die Sternwarte hatte jetzt zwei riesige Spiegelteleskope: eines mit 1,50 und das neue mit 2,50 Metern Durchmesser – damals das größte der Welt. Am Yerkes-Observatorium hatte er gelernt, mit solchen Geräten umzugehen, und seine Doktorarbeit wies seiner Forschung eine klare Richtung.

Seinem langjährigen Mitarbeiter Milton L. Humason blieb Hubbles erste Beobachtungsnacht auf dem Mount Wilson unvergeßlich: "Die Sicht war nach unserer Werteskala äußerst schlecht, doch als Hubble mit der entwickelten Photoplatte zurückkam, strahlte er. ,Wenn das ein Beispiel für schlechte Sichtverhältnisse ist‘, sagte er, ,dann werde ich mit den Mount-Wilson-Instrumenten immer brauchbare Photographien erhalten.‘ Das Vertrauen und die Begeisterung, die er in jener Nacht zeigte, waren typisch für seine Art, Probleme anzugehen. Er wußte genau, was er wollte und wie er es anpacken mußte."

Cepheiden

Hubble widmete sich sofort wieder den "nicht-galaktischen Nebeln", die "in der Regel die galaktische Ebene meiden und sich in hohen galaktischen Breiten konzentrieren". Damals war er noch nicht völlig überzeugt, daß diese Objekte eigenständige Galaxien seien. Zunächst konzentrierte er sich auf das irreguläre Objekt NGC 6822 (NGC bezeichnet den "New General Catalogue" für Nebel und Sternhaufen, den der dänische Astronom John Ludwig Emil Dreyer 1888 veröffentlicht hat). Bis 1923 fand Hubble mit dem 2,50-Meter-Teleskop mehrere kleine Nebel sowie zwölf veränderliche Sterne innerhalb von NGC 6822.

Im Jahre 1924 heiratete er Grace Burke Leib – eine Witwe, deren erster Mann 1921 bei einem Grubenunglück umgekommen war. Grace hatte Edwin schon 1920 bei einem Ausflug auf den Mount Wilson kennengelernt und vergötterte ihn bis an ihr Lebensende. Noch Jahre später erinnerte sie sich an den ersten Eindruck: "Ein Olympier, groß, stark und schön, mit den Schultern und der heiteren Gelassenheit des Hermes von Praxiteles."

Nach den Flitterwochen in der Künstlerkolonie Carmel an der kalifornischen Küste und in Europa kehrte Hubble nach Pasadena zurück und wandte sich dem Himmelsobjekt M31 zu – dem berühmten Andromeda-Nebel (M steht für den Katalog von Nebeln und Sternhaufen, den der Franzose Charles Messier 1781 abgeschlossen hatte). Mit seinem ausgeprägten Beobachtungsgeschick und den unvergleichlichen Möglichkeiten des 2,5-Meter-Teleskops gelang es ihm, in M31 sechs veränderliche Sterne zu unterscheiden. Damit war für ihn bewiesen, daß M31 ein entferntes, von der Milchstraße unabhängiges Sternsystem sei und daß es sich bei schwächeren Spiralnebeln um noch weiter entfernte Galaxien handeln müsse.

Obwohl der hellste Veränderliche, den Hubble entdeckte, während des Maximums nur die 18. Größenklasse erreichte und somit 60000fach schwächer war als ein gerade noch mit bloßem Auge erkennbarer Stern, gelangen ihm 83 Helligkeitsbestimmungen – damals eine beachtliche Leistung. Dabei stellte er fest, daß die Helligkeit in der für sogenannte Cepheiden-Veränderliche typischen Weise variierte. Diese Sterne sind besonders interessant, weil ihre Schwankungsperiode direkt mit ihrer absoluten Helligkeit zusammenhängt. Indem Hubble diese mit der beobachteten scheinbaren Helligkeit verglich, konnte er die Entfernung des Sterns und somit die der Galaxie bestimmen.

Mit enormem Arbeitseinsatz gelang ihm eine Entdeckung nach der anderen. Ende 1924 hatte er in M31 sowie in M33, einer Spiralgalaxie im Sternbild Triangel, mehrere Cepheiden-Veränderliche identifiziert (Bild 4). Er reichte eine Zusammenfassung seiner Ergebnisse bei einer gemeinsamen Tagung der Amerikanischen Astronomischen Gesellschaft und der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften in der Bundeshauptstadt Washington ein; dort trug der angesehene Astrophysiker Henry Norris Russell das Papier am 1. Januar 1925 vor. Hubble hatte die Entfernung von M31 und M33 mit jeweils etwa 930000 Lichtjahren berechnet; dieser Wert lag weit jenseits der bekannten Ausdehnung des Milchstraßensystems. In den Worten von Joel Stebbins, des Sekretärs der Astronomischen Gesellschaft, hatte Hubble damit endlich "die sogenannte Welteninsel-Theorie bestätigt".

Trotz seinen raschen Forschungserfolgen veröffentlichte Hubble die Ergebnisse eher gemächlich, um möglichst sicherzugehen. Sein erster Artikel über Veränderliche in Spiralnebeln erschien erst später im Jahre 1925. Aufgrund seiner Beobachtungen der Cepheiden in NGC 6822 bezeichnete er es als "das erste Objekt, das eindeutig außerhalb des galaktischen Systems liegt". Im Jahre 1926 erschien Hubbles epochale Arbeit "Ein Spiralnebel als Sternsystem", in der er zeigte, daß auch M33 eine Galaxie weit außerhalb der Milchstraße ist. Und erst 1929 faßte er diese Phase seiner Forschungen in einem langen Artikel zusammen, der schließlich im Detail beschrieb, wie er die Entfernung und die stellare Zusammensetzung von M31 untersucht hatte.

Hubble suchte indes solche Objekte auch zu klassifizieren und die Vielfalt ihres Aufbaus zu begreifen. Von 1923 an ordnete er die Nebel nach einem augenscheinlichen Entwicklungsmuster. Wie er vermutete, bildet ein elliptischer Nebel mit der Zeit Arme aus, die sich vergrößern und immer weiter öffnen. Um die abweichende Form der sogenannten Balkenspiralen zu erklären, nahm Hubble an, aus einem elliptischen System könne sich entweder eine normale Spirale oder eine Balkenform entwickeln. Dieses gegabelte Klassifikationsschema benutzt man noch heute – allerdings ohne darin wirklich einen Galaxien-Stammbaum zu sehen (Bild 3).

Rotverschiebung

Als weitaus wichtigster Beitrag Hubbles zur modernen Naturwissenschaft gilt heute der überzeugende Nachweis, daß wir in einem expandierenden Universum leben. Erste Hinweise darauf gab es schon vorher. Slipher hatte um 1915 bemerkt, daß die meisten von ihm beobachteten Galaxien sich von der Sonne zu entfernen schienen. Im Jahre 1924 präsentierten drei Astronomen – Carl W. Wirtz in Deutschland, Knut E. Lundmark in Schweden und Ludwik W. Silberstein in den USA – Indizien dafür, daß besonders kleine und darum vermutlich besonders weit entfernte Spiralnebel sich schneller vom Milchstraßensystem entfernen als nahe. Doch ihre Daten waren dürftig, und vor allem Silbersteins polemischer Stil und seine kühnen Behauptungen erwiesen der Idee des expandierenden Universums keinen guten Dienst.

Für weitere Fortschritte schien das neue 2,50-Meter-Teleskop auf dem Mount Wilson geradezu prädestiniert. Mitte der zwanziger Jahre war Hubble vollauf damit beschäftigt, die Helligkeit von Sternen in Spiralgalaxien zu messen; darum beauftragte er seinen Kollegen Humason, die Radialgeschwindigkeit der Galaxien zu bestimmen – das heißt ihre Bewegung zum Beobachter hin oder von ihm fort. Humason berechnete diese Geschwindigkeit, indem er die Rotverschiebung maß: Bewegt sich ein Objekt vom Beobachter fort, sind die Emissions- und Absorptionslinien durch den Doppler-Effekt zum roten Ende des Spektrums verschoben.

Um Anzeichen für eine Expansion des Kosmos zu finden, mußte Hubble nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Entfernung der Galaxien kennen. Mit der Messung kosmischer Distanzen war er schon vertraut. Für jede der wenigen Galaxien, deren Entfernung er durch Beobachten der Cepheiden bestimmt hatte, leitete er die mittlere absolute Helligkeit der hellsten Sterne und der gesamten Galaxie ab. Von diesen Ergebnissen extrapolierte er auf Galaxien, die viel weiter entfernt sind als M31 und M33.

Hubbles erster Artikel über eine Beziehung zwischen Geschwindigkeit und Entfernung erschien 1929 und sorgte in der Fachwelt für enormes Aufsehen. Seine Resultate bildeten die Grundlage für die Urknall-Theorie, auf der die moderne Kosmologie beruht. In seinem Artikel hob Hubble hervor, daß er im Gegensatz zu früheren Forschern "nur diejenigen Nebel-Entfernungen" benutzt habe, "die als zuverlässig gelten". Er kombinierte seine Entfernungsschätzungen mit Präzisionsmessungen der Radialgeschwindigkeit, die Slipher, Humason und andere gesammelt hatten.

Aus den Daten leitete Hubble eine lineare Beziehung zwischen Geschwindigkeit und Entfernung ab, die man in heutiger Notation v=Hr schreibt. Dieses Hubblesche Gesetz besagt, daß die Fluchtgeschwindigkeit der Galaxien v proportional zu ihrer Entfernung r ist; die Proportionalitätskonstante H nennt man den Hubble-Parameter. Aus dem Hubbleschen Gesetz geht hervor, daß das gesamte Universum expandiert: Die Fluchtgeschwindigkeiten scheinen immer größer zu werden, je weiter entfernt die Objekte sind, die man von einem beliebigen Punkt im All aus beobachtet (Bild 2).

Zwischen 1931 und 1936 wiesen Hubble und Humason die Geltung des Gesetzes für immer größere Distanzen nach. Hubble hatte zwar sofort erkannt, daß seine Ergebnisse für ein expandierendes Universum sprachen, aber er akzeptierte nie völlig, daß die Rotverschiebung nur von der Radialgeschwindigkeit der Galaxien herrühren sollte. Er bestand darauf, die aus der Rotverschiebung abgeleitete Bewegung als "scheinbare Geschwindigkeit" zu beschreiben.

Hubble schätzte den Parameter H, den man heute als Expansionsgeschwindigkeit des Universums interpretiert, auf 500 Kilometer pro Sekunde und Megaparsec (1 Megaparsec entspricht etwa 3 Millionen Lichtjahren). Dieser Wert war viel zu hoch; heute findet man 50 bis 100 Kilometer pro Sekunde und Megaparsec (Spektrum der Wissenschaft, Januar 1993, Seite 46). Hubbles Fehler bestand im wesentlichen darin, daß er die absolute Helligkeit der hellsten Sterne in den von ihm beobachteten Galaxien kraß unterschätzte.

Das 5-Meter-Teleskop

In seiner späteren Forschungstätigkeit konzentrierte sich Hubble auf die beobachtende Kosmologie. Insbesondere versuchte er zu messen, wie sich die scheinbare Dichte sehr ferner Galaxien mit ihrer Entfernung ändert, um daraus die geometrische Struktur des Universums zu bestimmen. Er arbeitete dabei mit den Physikern Richard C. Tolman und Howard P. Robertson vom California Institute of Technology in Pasadena zusammen, zwei Experten für die Theorie der Raumkrümmung. Doch hatte er keinen Erfolg – vor allem weil es sehr schwierig war, die Helligkeit schwacher, weit entfernter Galaxien genau zu messen.

Obwohl seine späteren Unternehmungen nicht mehr den Erfolgen der zwanziger und frühen dreißiger Jahre gleichkamen, beeinflußte Hubble weiterhin die astronomische Forschung und machte sie einem größeren Publikum bekannt. Seine Bücher "The Realm of the Nebulae" (das Reich der Nebel) und "The Observational Approach to Cosmology" (die Rolle der Beobachtung in der Kosmologie) inspirierten eine Generation junger Astronomen und Physiker. Dem Einfluß seiner Bücher und Vorträge konnte man sich kaum entziehen; mit seiner starken Persönlichkeit glich er weniger anderen Fachwissenschaftlern als den Filmstars und Schriftstellern, mit denen er sich im Alter anfreundete. Oft gab und kleidete er sich übertrieben englisch; Kollegen, die von seiner Herkunft aus Missouri wußten, fanden dieses Image zwar nicht überzeugend, aber es machte seine öffentlichen Auftritte noch effektvoller.

Um die beobachtende Kosmologie voranzubringen, half Hubble mit, den Bau des 5-Meter-Hale-Teleskops auf dem Mount Palomar in Kalifornien zu organisieren. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verzögerte allerdings das Projekt; gleich nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor trat Hubble dem ballistischen Forschungslabor der US-Armee in Aberdeen (Maryland) bei, wo er seine physikalischen Grundkenntnisse bei der Berechnung von Geschoßbahnen nutzte. Erst 1948 wurde das riesige Instrument in Betrieb genommen (Bild 1). Hubble setzte seine Forschungen auf dem Mount Palomar bis zu seinem Tode fort; am 28. September 1953 erlag er im Alter von 63 Jahren einem Schlaganfall.

Nach seinem Tode entdeckten Humason und später der deutschbürtige Rudolph L. Minkowski mit dem 5-Meter-Teleskop immer weiter entfernte Galaxien. Der ebenfalls aus Deutschland stammende Walter Baade korrigierte die Beziehung zwischen Periode und Leuchtkraft bei den Cepheiden-Veränderlichen und stellte fest, daß all die ohnedies immensen Entfernungen, die Hubble berechnet hatte, verdoppelt werden mußten. Hubbles früherer Student Allan Sandage sowie eine Vielzahl anderer Forscher haben den Wert des Hubble-Parameters immer genauer bestimmt. So bleiben Hubbles kühne Ideen, die er mit unermüdlicher Energie durch Beobachtung abgesichert hat, in der modernen Kosmologie weiterhin lebendig.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 1993, Seite 78
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
9 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 9 / 1993

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