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Bundestagswahl Teil III:: Effektiv managen – effizient forschen

Geeignete Rahmenbedingungen könnten dazu beitragen, bewährte Managementstrukturen und Qualitätskriterien auch an Hochschulen und Forschungsinstituten einzuführen.


Es gibt Wahrheiten in der Welt, die man nicht in Lehrbüchern findet, und es gibt Wahrheiten in Lehrbüchern, die man nicht in der Welt findet", meinte der Göttinger Physikprofessor und Philosoph Georg Christoph Lichtenberg zur Zeit der französischen Revolution. Auch heute ist die Kluft zwischen den Wahrheiten in der Betriebswirtschaft einerseits und den Türmen der Hochschulen und Forschungsinstitute andererseits in manchen Bereichen sehr groß.

Wissenschaftlicher Fortschritt kommt nicht von alleine: Professionalität, Verfügbarkeit von Mitteln, Bereitschaft zum Risiko, Tradition und jahrelange Erfahrung sind wichtige Attribute für den Erfolg. Das gilt für die Großforschung in besonderem Maße. Das in solchen Projekten erreichte Niveau ist auch stets ein Spiegel der wissenschaftlichen und kulturellen Leistungsfähigkeit der gesamten Gesellschaft.

Ein gutes Beispiel sind die Weltraumwissenschaften. Nationen, die sich hier engagierten, hatten nicht nur ein Stück Kultur gepflegt, sondern durch Beobachtung, Analyse und Anwendung neuer Ergebnisse mathematische, naturwissenschaftliche oder geografische Erkenntnisse gewinnen können. Durch das Vorliegen entsprechender Rahmenbedingungen erlebten auf diese Weise Frankreich um das Jahr 1800, England um 1850, Deutschland nach 1900 und die USA nach 1950 ihre wissenschaftliche Blütezeit. Und am Schluss zählt weniger die Flagge auf dem Mond als die Beherrschung der metergenauen zivilen und militärischen Navigation zu Lande, zu Wasser und in der Luft durch die Satellitentechnik.

Für eine effiziente und effektive innovations- und wissenschaftsfreundliche Kultur sind spezielle Rahmenbedingungen erforderlich. Welche Vorgaben sollte eine Regierung heute, zu Anfang des dritten Jahrtausends, hierfür beachten? Meiner Meinung nach die gleichen Vorgehensweisen, die sich in großen Kulturen, Nationen oder erfolgreichen Unternehmungen bewährt haben. Dabei sind immer vier aufeinander folgende Phasen zu bewältigen: Vision, Konzeption, Finanzierung und Umsetzung.

Vision. Die "Leitung" – also die Person oder Organisation, die über den Einsatz der Mittel entscheiden kann – entwickelt eine Vision und formuliert messbare Ziele. Etwa: "Bis zum Jahre 2010 ist Deutschland der anerkannte Führer in der Erfassung, Archivierung und Analyse aller frei verfügbaren zivilen geo- und weltraumwissenschaftlichen Daten aus nationalen und internationalen Quellen." Für die Umsetzung einer Vision sind Maßnahmen zu beschreiben (die "Strategie") und Mittel bereitzustellen.

Konzeption. Die Regierung schafft die notwendigen gesellschafts- und wissenschaftspolitischen Rahmenbedingungen auf nationaler und europäischer Ebene. Fast alle großen Erfolge der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts hatten ihre Wurzeln in der gewollten und staatlich geförderten Zusammenarbeit von Hochschulen, privaten und staatlichen Instituten, geförderten Industrieprojekten oder sicherheitspolitisch motivierten Interessen. Hierzu gehört auch eine gesellschaftlich und arbeitsrechtlich mögliche und akzeptierte Mobilität von Spezialisten zwischen diesen Bereichen.

Für Deutschland könnte dies bedeuten: wirksame Einsetzung und Lenkung von Verbundprojekten, an denen gemeinsam Universitäten, Institute der wissenschaftlich orientierten Max-Planck-Gesellschaft und der industriell ausgerichteten Fraunhofer-Gesellschaft sowie Unternehmen der Luft- und Raumfahrtindustrie teilnehmen – und nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht. Anstelle eines zahn- und mittellosen Bundesforschungsministeriums sind auch andere Ministerien oder Institutionen aus anderen Umfeldern einzubinden. Warum haben wir in Deutschland nichts Entsprechendes zur Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa) des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums, die nach außen durchaus offen ist, und die wesentliche technologische Beiträge zur Grundlagen-, angewandten oder missionsorientierten Forschung geleistet hat?

Finanzierung. Die gegenwärtigen Bundes- und Länderhaushalte für Forschung decken zum wesentlichen Teil feste Kosten ab, die nicht mehr zur Disposition stehen. Mit Ausgaben durch ausschließlich öffentliche Mittel von 0,77 Prozent des Bruttoinlandsproduktes im Jahr 2000 für Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen liegt Deutschland im internationalen Vergleich erst an vierter Stel-le nach Schweden (0,93 Prozent), Finnland (0,88 Prozent) und Frankreich (0,80 Prozent).

Die Landschaft alternativer und kreativer neuer Finanzierungskonzepte neben der langfristigen staatlichen Grundbeihilfe ist in Deutschland unterentwickelt. Hier kann an die einfachere Bereitstellung von Risikokapital und die Schaffung neuer steuerlicher Anreize für Forschungsförderung durch die Industrie oder durch Stiftungen gedacht werden. Wenn es in den USA ein nach den Stiftern benanntes "Keck"-Teleskop und ein Mount-"Wilson"-Observatorium gibt – warum nicht den "Quandt"-Satelliten mit einem "Infineon"-Detektor am "SAP"-Teleskop in Deutschland? Und was ist falsch an der Überlegung, dass auch im öffentlichen Dienst professionelle "Fund-Raiser" gegen Vergütung das tun, was ganze Stabsstellen großer Unternehmungen schon seit langem praktizieren, nämlich hauptamtlich sich Gelder aus allen zugänglichen Quellen beschaffen?

Umsetzung. Notwendig ist eine dauerhafte Etablierung von Managementwissen im Forschungsumfeld. Brillante Wissenschaftler und kreative Denker erweisen sich nicht notwendigerweise auch als gute Manager von Personal, Ressourcen und Programmen. Hier sind konkret nachweisbare Qualifikationen von Führungskräften in der Wissenschaft gefragt.

Forschungsprojekte bleiben leider oft gut gemeinte, aber mit niedrigem Wirkungsgrad geführte Einzelinitiativen. Zumindest wenn sie ohne Projektmanagement-Techniken durchgeführt werden, ohne Werkzeuge zur Lenkung von mehreren Projekten, ohne Kenntnisse um Patente, Kauf, Tausch und Verkauf von geistigem, kommerziell verwertbarem Eigentum oder ohne effiziente Aufbau- und Ablauforganisation in Anlehnung an bewährte internationale Vorgaben (zum Beispiel an die Management-Norm ISO 9001 oder an die so genannte Balanced Scorecard, die einen ausgewogenen Satz von Zielkennzahlen definiert).

Deutschland hat zwar einen Wissenschaftsrat, der die Regierungen von Bund und Ländern zu Fragen der inhaltlichen und strukturellen Entwicklung von Hochschulen, der Wissenschaft und der Forschung berät. Aber warum sollte es nicht auch einen – neu zu schaffenden – "Bundesforschungshof" geben? Eine solche Institution könnte, ähnlich wie der Bundesrechnungshof, regelmäßig oder auf Stichprobenbasis bewer-ten, ob in den Forschungseinrichtungen folgende Rahmenbedingungen vorhanden sind:

- eine deutlich formulierte Forschungspolitik mit messbaren Zielen,

- festgelegte Ablaufprozesse für die wichtigsten Tätigkeiten und langfristige Planungen,

- eine gelenkte Kommunikation innerhalb der Organisation und nach außen,

- sinnvolle Halte- und Freigabevorgaben im Rahmen von Projekten,

- eine Wahrnehmung der eigenen Leistungsfähigkeit durch andere oder wirksame Korrektur- und Vorbeugungsmaßnahmen gegen Risiken und Fehler.

"Auf dass die Wahrheiten der Welt auch in die Elfenbeintürme der Forschung und Verwaltung Einzug halten!" Die Umsetzung dieser Erkenntnisse kommt für Lichtenberg zu spät, aber hoffentlich nicht für uns.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 9 / 2002, Seite 100
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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