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Gallien um 700: Spätmerowingische Zeit: Ehrenrettung einer Epoche

Die Zeit um 700 gilt gemeinhin als Phase des politischen und kulturellen Niedergangs. Doch manches historische Detail will nicht recht in dieses Bild passen.

Als Müßiggänger verunglimpften die Gelehrten Karls des Großen die Herrscher des merowingischen Geschlechts, seinem Biografen Einhard zufolge seien sie gar im Ochsenkarren gereist. Bis vor wenigen Jahren waren Forscher geneigt, solche Zuschreibungen zumindest für die Letzten dieser Dynastie für historisch wahr zu halten. Dementsprechend lassen Experten wie der in Princeton lehrende Peter Brown die Spätantike in der Mitte des 7. Jahrhunderts enden. Schließlich sei sie eine Epoche außerordentlicher Vitalität gewesen, in der beispielsweise das Christentum als religiöse und kulturelle Kraft in den Vordergrund trat. Der "culture clash" zwischen germanischen und lateinischen Gruppen brachte die Grundstrukturen des Mittelalters hervor, zu denen auch der Islam gehörte, der ab dem Jahr 634 seinen Siegeszug im Vorderen Orient und in Nordafrika antrat.

Als Kriterium für eine weitere Epochenabgrenzung sehen Mediävisten den Aufstieg der Karolinger in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts. Das zersplitterte Frankenreich wurde wiedervereint und expandierte unter Karl dem Großem über ganz Westeuropa. Diese Zeit gilt auch als karolingische Renaissance, da die Gelehrsamkeit wieder erblühte; viele antike Handschriften kennen wir heute nur, weil sie in dieser Phase abgeschrieben und so tradiert wurden.

Die späte Merowingerzeit liegt zwischen diesen beiden glanzvollen Epochen. Nun kennt die Geschichte selbst keine solche Einteilung in Abschnitte; dergleichen erlegen ihr die Historiker auf, zum Beispiel um durch eine solche Abgrenzung bestimmte Sichtweisen zu verdeutlichen. Die angebliche Phase des Niedergangs begann mit dem Tod Dagoberts I. im Jahre 639. Der Stern der merowingischen Könige sank, die Macht ihrer Hausmeier wuchs, bis Erstere nur noch eine Funktion hatten: Als Schattenkönige die Herrschaft der Hausmeier zu legitimieren. Zwar räumen Forscher inzwischen ein, dass immerhin Childerich II. (regierte 662 – 675) und Chilperich II. (regierte 715 – 721) bei ihren Zeitgenossen als tatkräftige Herrscher galten. Insgesamt aber übten die Frankenreiche nach allgemeiner Ansicht um 700 außerhalb der eigenen Grenzen keinen politischen oder militärischen Einfluss mehr aus. Erst in den 720er und 730er Jahren begann sich dies zu ändern, als Eudo von Aquitanien und Karl Martell – beide Hausmeier – die Invasion muslimischer Truppen abwehrten. ...

Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft Spezial Archäologie - Geschichte - Kultur 1/2015

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