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Nachhaltigkeit: Ein blasser Geist

Als Unternehmensstrategie ist Nachhaltigkeit in der Wirtschaft beliebt. Doch an einer glaubwürdigen Umsetzung mangelt es meist.


Mit wehenden Locken eilte Professor Wippermann nach der Tagung des Forums für nachhaltige Entwicklung zum Taxi. Da bemerkte er sein Namensschild am Revers. "Hier, nehmen Sie das", sagte er zum Portier. "Es geht schließlich um Nachhaltigkeit, und das kann man nächstes Jahr wieder verwenden." Sprach’s und verschwand. Der verdutzte Portier stand auf und entsorgte das Schild. In den Mülleimer.

Gehört der junge Mann vielleicht zu den 72 Prozent der Deutschen, denen der Begriff Nachhaltigkeit immer noch nichts sagt? Verwunderlich ist es nicht. Lässt doch die Definition der Brundtland-Komission von 1987 viel Interpretationsspielraum: "Nachhaltige Entwicklung soll die Bedürfnisse der heutigen Generationen befriedigen, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu beeinträchtigen." Der Weltgipfel von Rio erkor die Nachhaltigkeit fünf Jahre später als Zielvorgabe für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Doch in Wirtschaftskreisen wird "Nachhaltigkeit" ähnlich nebulös benutzt wie "Corporate Accountability" oder "Total Quality Management".

Immerhin haben sich auf internationaler Ebene Unternehmen organisiert, die sich nachhaltige Entwicklung auf die Fahne schreiben. Der vom UNO-Generalsekretär Kofi Annan initiierte "Global Compact" hat sich zum Ziel gesetzt, Umwelt- und Sozialstandards in der Unternehmenspolitik freiwillig zu beachten und exemplarische Lösungen für eine gute Praxis zu entwickeln. Er dient als Vorbild für nationale Zusammenschlüsse. Vor drei Jahren ging aus dem Umweltausschuss des Bundesverbands der deutschen Industrie das "econsense-Forum für nachhaltige Entwicklung" hervor. Seine 24 Mitglieder rekrutieren sich aus global operierenden Unternehmen, von der Allianz über Siemens bis zu Volkswagen. Im Dialog mit Wirtschaft, Politik und anderen Interessensvertretern wollen sie Konzepte erarbeiten, wie eine Balance sozialer, ökologischer und ökonomischer Ziele zu erreichen ist.

Aber wie ernst sind ihre Bemühungen zu nehmen? Wird da ein Scheindialog mit der Öffentlichkeit geführt und mit Symbolhandlungen gepunktet? Oder sieht die Wirtschaft letztlich ein, dass Gewinnmaximierung nicht so wichtig ist wie der Erhalt des Universums?

Josef Reichholf, Professor für Naturschutz und Gewässerökologie an der Technischen Universität München, meint, dass eine ernsthafte Auseinandersetzung stattfindet: "Die Unternehmen bemühen sich, und es sind ja nicht gerade unwichtige Unternehmen."

Schon jetzt ist es schwierig, einen Überblick über die Nachhaltigkeitsaktivitäten der Konzerne zu bekommen. In der econsense-Veröffentlichung "Nachhaltigkeit konkret" erfährt man mehr. Die dort aufgeführten Beispiele sollen zeigen, dass sich Nachhaltigkeit rechnet. Allerdings wirkt es etwas lächerlich, wenn ein Großkonzern wie Bayer sich brüstet, "fast zwei Dutzend Computer" an brasilianische Schulen und 2400 Portionen Suppe an Slum-Kinder auszugeben. Im gleichen Zeitraum starben 24 Kinder in den Anden an Bayers Pestiziden. Weil diese aussahen wie Milchpulver.

Manche Firmen versuchen immerhin, ihre Arbeits- und Produktionsprozesse umzustrukturieren. Der Chemieriese BASF verteilt zwar immer noch gesundheitsgefährdende Chemikalien wie Phtalate (Weichmacher) rund um den Globus, hat aber eine bemerkenswerte Ökoeffizienzanalyse entwickelt, mit der das Unternehmen seine Produkte strenger unter die Lupe nehmen will. Die Autohersteller BMW und VW basteln an Wirkungsgraden, Wasserstoffantrieb, Brennstoffzellen und nachwachsenden Rohstoffen. Daimler-Chrysler setzt in Brasilien angebaute Materialien wie Kokosnuss, Hanf, Sisal oder Flachs im Fahrzeuginnenbau ein. Wobei die biologischen Verbundmaterialien aber mit einer Kunststoffschicht überzogen werden: Denn welcher Fahrer mag schon Hanfgeruch in seinem Wagen?

Beratung und Zielführung erforderlich

So liegt manchmal der Bezug zur Nachhaltigkeit im Verborgenen: "Die Risiken der Gewinnung von Primärenergie durch Kernspaltung können durch Ausbau beziehungsweise Neubau von Kraftwerken nach dem neuesten Stand als beherrschbar bezeichnet werden", erfährt der erstaunte Leser im Dialogpapier von econsense. Mindestens neun der 24 Unternehmen sind direkt oder indirekt an der Erzeugung von Kernenergie beteiligt. "Ich hoffe, dass beim Thema Klimawandel nicht alles auf die Atomkraft hinausläuft", sagt Reichholf. "Angesichts der einseitigen Konzentration auf die Klimadiskussion könnte ein Biologe aber schon trübsinnig werden."

Umweltmanagement ist inzwischen bei fast allen großen Unternehmen Bestandteil des Wettbewerbs geworden. In Deutschland sind derzeit 2364 Firmen im Besitz eines Umweltzertifikats nach dem Europäischen Umwelt-Audit, 3820 Unternehmen nach der internationalen ISO 14001. Dagegen sieht es in Bezug auf Nachhaltigkeit noch kläglich aus: Im vergangenen Jahr wurden weltweit nur etwa 180 Nachhaltigkeitsberichte geschrieben. Nicht einmal jedes der econsense-Unternehmen publizierte einen. "Es fehlt einfach noch an wissenschaftlicher Beratung und Zielführung", sagt Reichholf. Bei der Bewertung der Berichte sind Wirtschaftsprüfer am Werk. Und die beurteilen zwar die Korrektheit der Angaben, nicht aber die Maßnahmen selbst. Wie auch, wenn Kennzahlen zur Nachhaltigkeit fehlen?

Gegen Regulierungen wehrt sich econsense aber mit Händen und Füßen, obwohl das der Glaubwürdigkeit zuträglich wäre: "Nachhaltigkeit ist ein Feld für Kreativität und Innovation, das bei gesetzlichen Standards nicht gedeiht." Allerdings seien die ökologischen Anforderungen der Nachhaltigkeit nur zu erfüllen, "wenn geeignete wirtschaftliche Grundlagen und entsprechende soziale Rahmenbedingungen existieren". "Wie viel Staat darf es sein?", fragt da der Vorsitzende des Netzwerks Wirtschaftsethik, Albert Löhr: "Auf der einen Seite fordern Unternehmen, der Staat habe die Rahmenbedingungen zu schaffen, auf der anderen Seite soll er sich aber bitte schön nicht einmischen."

"Als Vertreter einer Nichtregierungsorganisation sehe ich den Ansatz der Selbstverpflichtung und des privaten Engagements positiv", meint Reichholf, der auch im Stiftungsrat des WWF aktiv ist. "Nach anderthalb bis zwei Jahren müsste allerdings von außen überprüft werden, ob die angestrebte Wirksamkeit auch erreicht wurde."

Dabei gibt es sie tatsächlich, die vorbildlichen Beispiele. Unternehmen wie Höchst, Puma oder Otto-Versand lassen sich freiwillig von Umweltschützern in die Karten schauen und arbeiten mit ihnen an neuen Konzepten. Sogar Greenpeace lobt den Einsatz mancher Unternehmen, wie beispielsweise der Münchner Rückversicherung, für Klimaschutz und mehr Nachhaltigkeit auf allen Unternehmensebenen. "Im Vergleich zu Verkehr und Privathaushalten hat die Wirtschaft insgesamt am meisten für den Umweltschutz getan", sagt Reichholf.

Im letzten Jahrzehnt gingen Rohstoff- und Energieverbrauch um etwa 0,4 beziehungsweise 0,3 Prozent pro Jahr zurück. Die Luftemissionen sanken um 6,5 Prozent bei den Luftschadstoffen und um 2,1 Prozent bei den Treibhausgasen. Zwar reduzierte die Industrie den Kohlendioxidausstoß um 1,3 Prozent jährlich, der größte Rückgang war aber durch die Schließung veralteter Industrieanlagen in den neuen Bundesländern zu verbuchen. Für die Zielvorgabe der Regierung reicht das freiwillige Engagement bezüglich Kohlendioxidemission, Energie- und Flächenverbrauch leider nicht.

Ein wichtiger Wirtschaftszweig ist im econsense-Forum überhaupt nicht vertreten: die Landwirtschaft. Durch Schaffung von Monokulturen, Einsatz von Pestiziden und Vernichtung tropischer Wälder für Rinderweiden und Futtermittelanbau übersteigt ihre Umweltschädigung die der Industrie um ein Vielfaches. "In Deutschland ist die Landwirtschaft für siebzig Prozent des Artenrückgangs verantwortlich, die Industrie gerade mal für vier Prozent", erklärt Reichholf. "Die weltweiten Brandrodungen belasten die Atmosphäre genau so stark durch Treibhausgase wie die gesamten Emissionen der deutschen Industrie."

Die Viehhaltung verursacht bei weitem die größte Umweltverschmutzung: Nach Reichholfs Berechnungen machen die aus der Massenhaltung stammenden Gülle- und Mistmengen mehr als das Dreifache der menschlichen Abwässer aus. Sie gelangen ungeklärt auf die Felder, überdüngen Böden und Flüsse. Das freigesetzte Methan aus den Verdauungsvorgängen der Wiederkäuer übertrifft die klimaschädigende Wirkung des gesamten Kraftfahrzeugverkehrs erheblich. Allein in Deutschland leben 43 Millionen Huftiere, dies ist nur durch Futtermittelexporte aus Entwicklungsländern möglich. "Nachhaltigkeit müsste bedeuten, dass in einem Gebiet nur so viel tierische Produktion zulässig sein darf, wie dieses selbst tragen kann – ohne Zufuhr von außen", fordert Reichholf.

Ob in der Industrie oder in der Landwirtschaft: Es ist die wachstumsorientierte Herangehensweise, die so viel Zerstörung anrichtet. Die Grenzen des Wachstums will die Wirtschaft nicht wahrhaben. Nun setzt sie auf effizientere Nutzung der Ressourcen. So sind bei Unternehmen die Grenzen der Nachhaltigkeit schnell erreicht. Dass Nachhaltigkeit letztlich einen Rückgang im absoluten Konsum, ein Absenken der Stoff- und Energiedurchsätze besonders in den zu viel konsumierenden Industriestaaten bedeuten muss, wird hartnäckig übersehen. Solange die globalen Konzerne aber unter dem Druck stehen, schnelle Gewinne für die Teilhaber zu erwirtschaften, wird man eine erhaltende Wirtschaftsweise nicht verwirklichen können. Solange Konsumzurückhaltung und stagnierendes Wachstum zu Panikattacken in den Führungsetagen führen, bleibt das Wesen der Nachhaltigkeit ein blasser Geist. Und so lange ist es auch nicht verwunderlich, dass die Wippermanns dieser Welt nicht merken, dass die Gesellschaft sie nicht versteht.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003, Seite 92
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003

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