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Ein Ingenieur des Manierismus - Ausstellung im Deutschen Museum München

Mit seinen Erfindungen wollte Agostino Ramelli (1531 bis 1608) nicht nur praktisch nutzen, sondern – da er die Mechanik als Teil der Mathematik und diese als „die hervorragendste Blüte im Garten der Wissenschaften“ ansah – dazu beitragen, „den menschlichen Geist zu vervollkommnen“.

Der Manierismus ist ein kulturgeschichtlicher Zeitabschnitt, der etwa die Jahre von 1560 bis 1620 umfaßt; dabei sind die Abgrenzungen von der Spätrenaissance und zum Frühbarock unscharf. Das Schaffen des kreativen Einzelmenschen, wie es mit Leonardo da Vinci (1452 bis 1519) seinen Höhepunkt erreicht hatte, richtete sich nun zunehmend auf artifizielle, spitzfindige und bis zu einem gewissen Grade hypertrophe Ideen und Konstruktionen.

Der zwölf Jahre nach Leonardos Tod zu Mesenzana bei Pontetresa am Luganer See geborene Agostino Ramelli ist wohl der typische technische Erfinder dieser Übergangszeit. In jungen Jahren stand er als Kriegsingenieur in den Diensten des skrupellosen Condottiere Medeghino (1495 bis 1555). Ab 1571 wirkte er als Ingenieur am Hofe König Heinrichs III. von Frankreich, dem er sein prächtig ausgestattetes Buch „Le diverse et artificiose machine“ widmete.

Dieses 1588 in Paris gedruckte Werk mit 195 Kupfertafeln veranschaulicht paradigmatisch den Geist des Manierismus. Es enthält komplizierte Entwürfe mit einer Häufung von Mechanismen unter anderem zum Mahlen und Sägen, Wasser- und Lastenheben sowie Zug-, Aushub- und Zielgeräte, angetrieben von Wind, Wasser, Pferd oder Mensch.

Die ideenreichen und überraschenden Maschinenelemente bereicherten zwar den konstruktiven Formenschatz der Technik, waren aber zumeist noch keineswegs zu realisieren, allenfalls als kleine Modelle. Ein Beispiel ist eine rotierende Pumpe mit einem Kurbelkapselwerk, bei dem ein exzentrisch gesetzter Verdränger in einer Kapsel läuft; bewegliche Schieber (Flügel) legen sich, wenn sie der Schwere unterliegen, an der Innenseite der Kapsel an. Solche Kurbelkapselwerke wurden für die praktische Anwendung erst etwa 300 Jahre später, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, entwickelt.

Ein anderes kurioses und kühnes Projekt war eine von einem Wasserrad mit vertikaler Achse angetriebene Pumpe. Sie hat einen ringförmig gebogenen Zylinder, der in damaliger Zeit technisch noch gar nicht auszuführen war.

Eine Konstruktion ganz aus dem manieristischen Erfindungsgeist ist das Leserad, entworfen 1588 (Bild). Mit einem komplizierten epizyklischen Getriebe wird erreicht, daß die Bücherbretter immer dieselbe zum Lesen geeignete Neigung behalten. Figürliche Verzierungen der Vorrichtung und die Abgeschlossenheit des Studienraumes – man wird an das studiolo des Francesco di Medici im Palazzo Vecchio in Florenz erinnert – sind eindeutige Stilelemente der Epoche. Die deutsche Übersetzung von Ramellis Text lautet: „Dies ist eine schöne und künstliche Maschine, welche alle denjenigen sehr bequem ist, die den Studien obliegen, vornehmlich aber denen, die übel zu Fuß und mit dem Podagra (der Gicht) beladen sind.“

Ramelli wurde noch zu Lebzeiten als neuer Archimedes gefeiert. Sein Maschinenbuch hatte im 17. und 18. Jahrhundert großen Erfolg; eine deutsche Übersetzung erschien 1620. Ottavio Besomi und Mario Helbing vom Lehrstuhl für italienische Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich haben eine Ramelli gewidmete Ausstellung konzipiert, die – am 19. Juli eröffnet – bis zum 26. September 1993 von 9 bis 17 Uhr in der Bibliothek des Deutschen Museums in München zu sehen ist. Sie zeigt 49 ausgewählte Tafeln seines Werkes, das als das reichhaltigste Zeugnis der Technik seiner Zeit gelten kann. Maschinenbücher des 16. und 17. Jahrhunderts aus dem Bestand der Bibliothek des Deutschen Museums regen zum Vergleich an. Mit Unterstützung der Banca della Svizzera Italiana hat der Mailänder Verlag Edizioni Il Polifilo 1991 ein Faksimile von Ramellis Buch hergestellt, zu dem der namhafte amerikanische Technikhistoriker Eugene S. Ferguson, Professor an der Universität von Delaware und Kurator für Technik des Hagley-Museums in Greenville (Delaware), einen wissenschaftlichen Apparat geschrieben hat.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1993, Seite 99
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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