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Ein Kommunikations- und Steuersystem für Tetraplegiker


Um vollständig gelähmten Menschen das tägliche Leben zu erleichtern, eignet sich das computerbasierte Kommunikations- und Steuersystem KUSS. Damit sollen durch Tetraplegie (Lähmung aller vier Gliedmaßen), Multiple Sklerose oder Rückenmarkstumoren Behinderte grundlegende Tätigkeiten selbst erledigen können, also etwa das Licht oder ein Radio an- und ausschalten oder die Rückenlehne ihres Bettes verstellen; sie vermögen sogar Gedanken durch Texte oder Bilder zu äußern.

Das System umfaßt einen Personal Computer, von mir entwickelte Steuerungselektronik für Zusatzgeräte und selbstgeschriebene behindertengerechte Software. Diese besteht wiederum aus einem Hauptprogramm, von dem aus man zu dazugehörigen Anwendungen wie Text-, Zeichen- oder Spielprogrammen gelangt.

Zur Bedienung genügen zwei Sensoren, die individuell angepaßt werden können. Diese sind entweder Taster oder – wenn der Behinderte keine Hand mehr zu bewegen vermag – Lichtschranken, die er durch Aufblasen seiner Wangen unterbricht. Mit dem linken Sensor gelangt der Benutzer von einem Menüpunkt zum nächsten, mit dem rechten läßt er den gerade angewählten Befehl ausführen.

Zur Auswahl stehen flache Taster, auf die man einfach drückt, und zylindrische, die man in Funktionshandstellung umgreift, um einer schädlichen Streckung der Gelenke vorzubeugen und das Anspannen der Hand zu trainieren. Die Lichtschranken sind an einem U-förmigen Rohr angebracht, das mit einem Stirnband bequem am Kopf zu tragen ist (Bild).

Vorschläge beratender Ärzte, durch Ausblasen von Luft Wärmesensoren anzusprechen oder über ein Mikrophon Schaltsignale zu geben, erwiesen sich als wenig geeignet, weil der Mund dann schnell austrocknet. Hingegen trat die befürchtete Ermüdung der Wangenmuskulatur nicht auf.

Um beispielsweise die Rückenlehne des Krankenbetts anzuheben, wählt der Benutzer im Hauptmenü den Punkt "Umgebung" an (weitere Optionen sind "Textprogramm", "Zeichenprogramm", "Einstellen" und "Beenden"). Nach Betätigen des rechten Sensors erscheint ein weiteres Menü, darin ist "Klingel" der oberste Punkt. Betätigen des linken Sensors führt weiter zu den Auswahlmöglichkeiten "Radio", "Licht" und schließlich "Bett". Der rechte Sensor bestätigt die letzte Wahl, und es erscheint ein spezielles Menü, das als erste Option "Auf" bietet. Jetzt kann der Behinderte so lange rechts drücken oder die Wangen aufgeblasen lassen, bis die Rückenlehne die gewünschte Höhe erreicht hat. Zweimal links ("Ab", "OK") und Bestätigen rechts bringt ihn ins Hauptmenü zurück.

Sprachbehinderte können auf dieselbe Weise schreibend oder zeichnend eine Unterhaltung führen: Buchstaben sind in einer Matrix angeordnet und lassen sich mit etwa 13 Zeichen pro Minute nach Zeile und Spalte aussuchen; beim Zeichenprogramm wird ein Fadenkreuz bewegt, um etwa mit einfachen Graphiken Gegenstände zu beschreiben.

Ein Betreuer kann die Programme für den Benutzer und den jeweiligen Computer konfigurieren, etwa Namen für steuerbare Geräte festlegen und den Funktionsumfang den Bedürfnissen anpassen. Die Reaktionsgeschwindigkeit der Sensoren vermag der Behinderte mittels einer Sicherheitsabfrage einzustellen.

KUSS wurde auf einem Atari-Computer realisiert und müßte für einen IBM-kompatiblen Personal Computer umgeschrieben werden. Die jetzigen Merkmale – 230-Volt-Schaltausgänge, Motorsteuerung für Rückenlehne und Rolladen, Klingel, Sensor-Eingänge sowie Steuerung eines Druckers mit Endlospapier – könnten dann beispielsweise um eine Rufanlage und eine Telephon- und Fernsehbedienung erweitert werden.

Die Praxistauglichkeit des Systems wurde in einem Krankenhaus unter ärztlicher Aufsicht getestet. Eine Patientin ohne Computer-Vorkenntnisse konnte mit Hilfestellung innerhalb einer halben Stunde das Hauptprogramm bedienen und kam mit der Menüführung gut zurecht.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1995, Seite 97
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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