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Avicenna: Ein Muslim im Kirchenfenster

Der Arzt und Philosoph Avicenna kam wie kein anderer Gelehrter aus dem arabisch-islamischen Raum auch im Abendland zu hohen Ehren. In einer rast- und ruhelosen Epoche verfasste er Werke, die jahrhundertelang an europäischen Hochschulen als Standardlehrbücher benutzt wurden.


Über einem Altar im nördlichen Querschiff des Mailänder Doms befindet sich ein buntes Glasfenster von besonderer wissenschaftshistorischer Bedeutung. Es zeugt von der Rezeption arabischer Wissenschaft in unserem europäischen Mittelalter. Gestiftet hatte es im Jahr 1479 die örtliche Apothekerzunft.

Dargestellt sind legendenhafte Szenen aus dem Leben des Johannes von Damaskus (um 650-750). Dieser Sohn eines arabischen Christen arbeitete zunächst in der Finanzverwaltung der Omaijadenkalifen. Nach einem Herrscherwechsel zog er sich als Mönch in ein Kloster bei Jerusalem zurück, wo er sich unter anderem durch eine spöttische Polemik gegen den noch jungen Islam und seinen Stifter Mohammed hervortat. Er schrieb in seiner Muttersprache Griechisch, was die Muslime nicht lesen konnten. Die eigenständige christliche Kultur in der Region mit ihren Klöstern und der Kenntnis des Griechischen ermöglichte auch das Weiterleben der antiken Wissenschaften. Erst ab dem 9. Jahrhundert begannen arabische, persische und syrische Gelehrte, die Werke der Griechen ins Arabische zu übersetzen, sodass sie auch den Muslimen zugänglich wurden.

Kleinere Medaillons des Mailänder Kirchenfensters sind mit Fantasieporträts von berühmten Ärzten gefüllt. Drei von ihnen lebten im klassischen Altertum: Hippokrates, der »Vater der Medizin«, Galen von Pergamon, der im zweiten nachchristlichen Jahrhundert in Rom wirkte, und Dioskurides, der Verfasser eines oft illustrierten Heilpflanzenbuches. Zwei weitere sind orientalische Christen; aber links daneben erscheint ein dritter, der wegen des beigeschriebenen Namens als Muslim zu erkennen ist. Wieso wurde ihm die Ehre zuteil, im Fenster einer christlichen Kirche abgebildet zu werden?

Der Porträtierte ist der gebürtige Perser Avicenna (um 980-1037). Unter diesem Namen kannte man ihn im lateinischen Westen. Seine Wertschätzung gründete sich auf die Arzneikunde in seinem berühmten »Kanon der Medizin«, der an ­medizinischen Fakultäten in Europa jahrhundertelang als Lehrbuch eingesetzt wurde. Der fünfte Teil des Werkes, der die aus einfachen Substanzen zusammengesetzten Heilmittel behandelt, ist übrigens nichts weiter als ein Auszug aus den einschlägigen, in griechischer Sprache verfassten Schriften Galens; aber die waren im lateinischen Westen noch kaum zugänglich, und so wirkte Avicenna als Vermittler.

In seiner persischen Heimat wussten noch Generationen nach ihm Wunderdinge von seiner medizinischen Praxis zu erzählen. Da war etwa der Fall eines Prinzen, der auf unerklärliche Weise abmagerte. Avicenna fühlte ihm den Puls, während andere die Namen der Straßen der Stadt nacheinander aufsagen mussten. Bei der Nennung einer bestimmten Straße wurde der Puls des jungen Mannes unregelmäßig. Nun ging es an die einzelnen Häuser dieser Straße und danach an die Bewohner eines bestimmten Hauses, bei dessen Nennung der Puls wieder heftig reagiert hatte. Auf diese Weise kreiste der Meister schließlich ein Mädchen ein, in das der Unglückliche verliebt war. Nicht minder erfolgreich wie die Diagnose war die Therapie: Im Einvernehmen mit dem regierenden Herrscher arrangierte Avicenna die Hochzeit.

Der Kern dieser Geschichte entspricht einer Wanderanekdote, die ähnlich auch schon von Ärzten des Altertums erzählt wurde. Aber darum ist sie nicht unglaubwürdig. Denn warum sollte Avicenna, der die übersetzte Literatur bestens kannte, die Methode nicht selbst angewendet haben? Er behauptet es jedenfalls in seinem »Kanon«.

Gänzlich unwahrscheinlich ist hingegen eine Begebenheit, die man noch heute in Avicennas Heimatstadt Buchara hören kann. Der Meister habe so viele Patienten gehabt, dass er unmöglich alle zu Hause besuchen konnte. Der Ausweg: Man spannte Fäden vom Handgelenk der Kranken quer durch die Stadt zu ihm, durch die hindurch er ihren Puls zu fühlen vermochte. Eine Greisin, der es offenbar schon wieder recht wohl ging, machte sich einen Scherz, indem sie den Faden um die Pfote ihrer Katze spannte. Als Avicenna den Faden am anderen Ende in die Finger nahm, soll er ungläubig den Kopf geschüttelt und gemurmelt haben: »Das ist doch nicht möglich, die alte Frau bekommt Sechslinge.«

Der wirkliche Avicenna, wie er uns aus seinen Werken entgegentritt, hat sich indes nicht als hauptamtlicher Arzt gefühlt. Er war ein Philosoph von durchaus eigenständiger Prägung, der das Wissen seiner islamischen Kultur souverän beherrschte. Dazu gehörten neben der Philosophie die Mathematik und Geometrie, die Astronomie, die Geodäsie, die Mechanik, die Tier- und Pflanzenkunde und schließlich auch die Medizin, die nach seinen Worten »keine schwere Wissenschaft« war.

Avicenna, der mit seinem vollen arabischen Namen Abu Ali al-Husain ibn Abdallah ibn al-Hasan ibn Ali ibn Sina hieß, wurde um das Jahr 980 christlicher Zeitrechnung in der Nähe von Buchara als Sohn eines hohen Staatsbeamten geboren. In seiner Autobiografie beschreibt er anschaulich, wie er sich als frühreifes Wunderkind und mit unersättlicher Wissbegier ausgerüstet teils bei Lehrern, teils autodidaktisch die Wissenschaften aneignete. »Wenn ich in einer Frage in Verlegenheit war …, pflegte ich deswegen die Moschee aufzusuchen und zum Schöpfer des Alls zu beten und zu flehen, dass er mir das Verschlossene auftun und das Schwere leicht machen möge. In der Nacht kehrte ich in meine Behausung zurück, stellte die Lampe vor mich hin und widmete mich dem Lesen und Schreiben. Wenn mich der Schlaf übermannen wollte oder ich eine Schwäche verspürte, wandte ich mich einem Becher Wein zu, um wieder zu Kräften zu kommen. Dann kehrte ich zu meiner Lektüre zurück. Und wenn immer mich ein Schlummer überwältigte, sah ich ebendiese Probleme im Traum. Viele Fragen sind mir im Schlaf klar geworden. Ich fuhr auf diese Weise fort, bis bei mir alle Wissenschaften fest eingeprägt waren und ich sie so begriffen hatte, wie es einem Menschen möglich ist. Alles, was ich in dieser Zeit gelernt habe, ist so, wie ich es jetzt weiß, bis heute ist nichts dazugekommen.«

Der Ruhm seiner Gelehrsamkeit verbreitete sich auch über die Grenzen seiner Heimatstadt hinaus. Und so erreichte ihn eines Tages ein Schreiben aus Kath, der ­weiter nördlich am Amudarja gelegenen Hauptstadt des damaligen Reiches Choresm. Der Brief stammte von dem etwas ­älteren und ebenso lernbegierigen Gelehrten al-Biruni und enthielt 18 Fragen zu einigen naturwissenschaftlichen Problemen, die diesem bei der Lektüre des Aristoteles aufgestoßen waren. Die Korrespondenz mit den Antworten Avicennas und den dagegen geäußerten Einwänden al-Birunis ist erhalten. Aristoteles hatte, um ein Beispiel herauszugreifen, vier Elemente angenommen, aus denen unsere irdische Welt bestehen sollte, nämlich Erde, Wasser, Luft und Feuer. Was geschieht nun, fragte al-Biruni, wenn Wasser verdampft? Verwandelt es sich in richtige Luft, oder verteilen sich seine Teilchen nur in der Luft? Avicenna berief sich in seiner Antwort sogar auf ein Experiment. Er hatte eine Glasflasche mit Wasser gefüllt, fest verstöpselt und in einen Kohleofen gelegt. Die Explosion ließ nicht lange auf sich warten, und Avicenna glaubte zu beobachten, wie die wirkliche Verwandlung des Wassers gleich bis zu der Form des Feuers weiterging.

Die Methodik des Experiments war eben noch nicht entwickelt, und wo doch einmal Versuche gewagt wurden, waren sie der Fehldeutung stärker ausgesetzt als die spontanen Beobachtungen in der Natur.

Die Erde in der Mitte der Sphären

Die Phänomene des gestirnten Himmels waren zur damaligen Zeit von weltanschaulicher Brisanz. Die Fixsterne, die ihre Abstände zueinander nicht ändern und einen absolut gleichmäßigen täglichen Umschwung am Firmament vollführen, schienen an einer Kugelschale festgemacht zu sein. Verbildlicht wurde das durch Himmelsgloben, wie sie die Araber in griechischer Tradition herstellten. Auf diesen Modellen sind die Sternbilder von ihrer Rückseite dargestellt, so als würde man sie von »außen« betrachten. Es gab nur einzelne Querdenker – zu denen später auch al-Biruni gehörte –, die wenigstens mit der Möglichkeit rechneten, dass der Umschwung der Fixsterne nur auf einer Täuschung beruht und statt dessen die relativ kleine Erdkugel an ihrem Ort inmitten der ausgedehnten Himmelssphären rotiert.

Avicenna hat später in einer Spezialschrift belegt, warum die Erde in der Mitte des Kosmos stillstehen müsse. Sie musste es im Rahmen seines Systems, das er im engen Anschluss an den türkischen Philosophen al-Farabi (um 870-950) entwickelte. Avicenna wurde auf diesen Gelehrten zufällig aufmerksam, wie er in seiner Auto­biografie berichtet. Obwohl er die »Metaphysik« des Aristoteles vierzigmal durchgelesen hatte und schon auswendig wusste, verstand er den Inhalt nicht. Aber auf dem Buchmarkt von Buchara drängte ihm ein Händler eine Schrift al-Farabis auf: »Über die Intentionen des Buches der Metaphysik«. Weiter berichtet Avicenna: »Ich kehrte nach Hause zurück und ging eilends an die Lektüre. Da ging mir mit einem Male der Sinn dieses Buches auf, denn ich kannte es ja bereits auswendig. Ich freute mich darüber und gab am folgenden Tag ein reichliches Almosen für die Armen aus Dankbarkeit gegen Gott, der erhaben ist.«

Aristoteles hatte die gleichmäßige Bewegung der Himmelskörper als ein liebend-beseeltes, aber ewig unerfülltes Hinstreben zu einer obersten unsichtbaren Gottheit gedeutet. Spätere griechische Denker, von denen al-Farabi beeindruckt war, hatten die Welt in einem ständig andauernden Prozess aus einem übersinnlichen und jenseits allen Begreifens liegenden Wesen hervorgehen lassen, das sie schlicht »das Eine« nannten. Dies vollzog sich in Stufen, deren allerunterste die Materie war, die Wurzel des Bösen in der Welt, in die der Mensch verstrickt ist, aus der er sich aber durch das Denken der ­philosophischen Wahrheiten herausheben kann, bis er nach dem Tod geläutert in die obere göttliche Lichtwelt aufsteigt.

Dieses »Eine« der griechischen Philosophie konnte man mit einiger Mühe mit dem Gott des Korans zusammendenken, der die Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt geschaffen hat und ihr auch einmal ein Ende setzen wird. Die muslimischen Philosophen, unter ihnen Avicenna, erklärten solche Aussagen des heiligen Buches als pädagogische Anpassung an den Verstand des einfachen und zum abstrakten Denken unfähigen Volkes. Vermittelt werden sollte der Grundgedanke, dass die Welt nicht aus sich selbst bestehe, sondern von einem göttlichen Ursprung abhängig sei. Der ewige Prozess des Hervorgehens oder »Ausfließens«, wie man es in der griechischen wie in der arabischen Philosophie formulierte, vollzog sich laut al-Farabi in Stufen durch die Sphären der Fixsterne und der Planeten hindurch. Sie boten mit ihren unveränderlichen Bewegungen einen anschaulichen Übergang hinunter in den Wirrwarr unseres irdischen Daseins.

Am Herrscherhof in Buchara

Al-Biruni warf einen revolutionären Gedanken in die Debatte: Könnten nicht die Himmelskörper auch aus irdischer Materie bestehen und mechanischen Gesetzen unterliegen? Schließlich schienen Gebirge ebenfalls unveränderlich zu sein, obwohl man wisse, dass dem nicht so sei. Hierauf antwortete Avicenna sehr gereizt, denn al-Biruni hatte sich angeschickt, einen Baustein seines philosophischen Weltgebäudes herauszubrechen. Im Wesentlichen verlief jedoch die Diskussion der beiden jungen Männer in einer respektvollen Tonart.

Auch in der Stadt Buchara verbreitete sich Avicennas Ruf. So kam es, dass er noch in jungen Jahren in das Ärztekollegium aufgenommen wurde, das den schwerkranken Emir Nuh ibn Mansur behandeln sollte. Avicenna nutzte die Gelegenheit, die ihm die Nähe des Herrschers bot. Er erzählt in seiner Autobiografie: »Eines Tages bat ich ihn um die Erlaubnis, die Bibliothek zu betreten und die Bücher einsehen und den Inhalt lesen zu dürfen. Er gewährte es mir, und man führte mich in ein Gebäude mit vielen Räumen. In jedem Raum waren Kästen mit übereinander geschichteten Büchern. In einem der Räume waren die Bücher über die arabische Sprache und die Poesie, in einem anderen die Rechtswissenschaft, und so weiter in jedem Raum eine besondere Disziplin. Ich las den Katalog mit den ›Büchern der Alten‹ und verlangte, was ich brauchte. Da sah ich Bücher, wie sie vielen Leuten nicht einmal dem Titel nach bekannt waren und die ich zuvor nie gesehen hatte und auch danach nicht zu Gesicht bekam.«

Mit den »Alten« sind keine anderen als die alten Griechen gemeint. Ihre Werke hatten kompetente christliche Übersetzer im 9. Jahrhundert in Bagdad ins Arabische übertragen. Die Texte, obwohl keineswegs immer mit dem orthodoxen Islam konform, verbreiteten sich in den interessierten Kreisen. Auf diese Weise füllten sie auch eine Abteilung der fürstlichen Bibliothek im fernen Buchara. Von dem respektablen Geistesleben des geografisch näher liegenden China wussten die Muslime nichts. Nur das Papier hatten sie von dort übernehmen können, nachdem Kriegsgefangene das Geheimnis der Herstellung verraten hatten. Das billige Schreibmaterial wurde zu einem bedeutenden Kulturfaktor. Von den Indern war hingegen etwas von ihrer Medizin, ihrer Astronomie und ihrer Mathematik in Übersetzung zugänglich geworden. Im Händlermilieu verbreitete sich ihre praktische Stellenschreibweise der Ziffern mit der Null, die wir nicht ganz zutreffend die »arabischen« nennen. Avicennas fürsorglicher Vater hatte ihn, damit er auch das noch lerne, zu einem Gemüsehändler auf den Markt geschickt.

Eine oft erzählte Legende will wissen, dass Avicenna die Erlaubnis zum Besuch der Hofbibliothek erhalten habe, weil er den Emir erfolgreich heilte, nachdem die Kunst der anderen Ärzte erfolglos geblieben war. Doch Avicenna, der sonst sein Licht durchaus nicht unter den Scheffel zu stellen pflegte, berichtet davon nichts, und der Emir ist auch bald darauf gestorben. Aber er hat dem Herrscher als junger Philosoph einen anderen Dienst erwiesen, indem er ihm nämlich eine Schrift widmete. Dieses Werk ist uns erhalten. Darin schlägt Avicenna unter anderem ein Thema an, das ihn zeit seines Lebens beschäftigen sollte: nämlich der schwierige Nachweis, dass die Seele als eine vom Körper unabhängige und unsterbliche Substanz zu begreifen sei, die vom Untergang des Körpers nicht mitbetroffen wäre. Avicenna trägt zu diesem Zweck verschiedene Argumente vor. Zum Beispiel solle die körperliche Kraft ab dem vierzigsten Lebensjahr dem Verfall unterliegen, nicht aber die geistige, was auf deren Unabhängigkeit hindeute. Auch umfassten die Begriffe der Geometrie, der Arithmetik oder der Philosophie Unendliches, könnten also nicht in dem endlichen Körper eingeschlossen werden, jedoch in der Seele, die als etwas Unkörperliches durch sich selbst bestehe.

In reifer Form gipfelten Avicennas Bemühungen später schließlich in seinem berühmten Gedankenexperiment vom »fliegenden Menschen«: Man stelle sich einen Menschen vor, der mit dreißig Jahren plötzlich ins Dasein getreten sei, ohne jegliche Sinneswahrnehmung im Raum schwebend und mit ausgestreckten Extremitäten, die sich nicht berührten. Könnte ein solches Wesen überhaupt etwas denken? Ja, antwortet Avicenna zuversichtlich, es habe ein Bewusstsein seiner selbst.

In einer philosophischen Schrift mit dem Titel »Der Ausgang und die Heimkehr« erzählt Avicenna eine Begebenheit, die sich am Hof in Buchara zugetragen hatte. Der Emir ließ für eine Gesellschaft Essen auftragen, als eine Sklavin, die sich beim Absetzen einer Platte tief bücken musste, von einer plötzlichen Lähmung befallen wurde und sich nicht mehr aufrichten konnte. Ein anwesender Arzt kam auf den Einfall, ihr die Hosen herunterzuziehen. Das Schamgefühl erzeugte nach Avicennas Diagnose eine aufwallende Hitze, die den Schleim in den Gelenken zum Schmelzen brachte, und die Störung war so schnell behoben, wie sie gekommen war. Dieses Vorkommnis diente ihm wieder als Beleg dafür, welche Macht die Seele über den Körper habe und weswegen sie letztlich von ihm unabhängig sei.

Die antik-griechische Medizin war materialistischer eingestellt. Galen betonte in einer Spezialschrift, die auch ins Arabische übersetzt war, wie die Seele von der Verfassung des Körpers abhängig sei. Über ihre Unsterblichkeit äußerte er sich schwankend und meistens skeptisch. Die in der arabischen Medizin schon von Avicennas Vorgängern eingeleitete Hinwendung zu seelischen Faktoren wirkte sich auf die Therapieformen aus. Avicenna erläutert im »Kanon«, wie wichtig es ist, dem Patienten Hoffnung zu machen und ihn durch Musik oder Anschauen einer schönen Landschaft in heitere Stimmung zu versetzen.

Die medizinische Praxis sollte in Avicennas Leben eine wichtige Rolle spielen, obwohl er eigentlich etwas anderes werden wollte, nämlich ein juristisch-theologisch ausgebildeter Regierungsbeamter im Dienste der heimischen Dynastie der Samaniden in Buchara. Aber daraus wurde nichts. Von der östlichen Steppe herandrängende türkische Stämme machten der Samaniden-Herrschaft ein Ende, von Afghanistan her eroberte Mahmud von Ghazna eine Region nach der anderen. Dieser Herrscher, der auf wiederholten Einfällen nach Nordindien die hinduistischen Tempel plünderte, verstand sich auch in den beherrschten muslimischen Gebieten als Vorkämpfer des wahren Glaubens und verfolgte die Ketzer und die Philosophen. Avicenna ­hatte allen Grund, vor ihm auszuweichen. So flüchtete er zuerst nach dem nördlich gelegenen Choresm an der Mündung des Amudarja in den Aralsee, von dort nach Gurgan an der Südküste des Kaspischen Meeres. In Rayy, das in der Nähe des heutigen Teheran gelegen ist, übernahm er die Behandlung eines an Melancholie erkrankten Kronprinzen, dann wechselte er in den Dienst einer anderen Dynastie in Hamadan, wo er Leibarzt des regierenden Emirs wurde und zugleich die Funktion eines Ministers übernahm.

Flüchtling mit »aktivem Intellekt«

Nebenher arbeitete er an dem »Kanon in der Medizin« und an einer großen Enzyklopädie, die er »Das Buch der Genesung« nannte und in der alle anderen Wissenschaften systematisch dargestellt werden sollten. Seine Einkünfte gestatteten ihm, mit seinen Schülern einen besonderen Lebensstil zu pflegen, den einer von ihnen folgendermaßen geschildert hat: »Er hatte das erste Buch des ›Kanon‹ geschrieben, und jede Nacht versammelten sich die Adepten der Wissenschaft in seinem Haus. Ich las ein Stück aus der ›Genesung‹, ein anderer ein Stück aus dem ›Kanon‹. Waren wir damit fertig, erschienen Sänger aller Art, ein Weingelage mit allem, was dazugehört, wurde hergerichtet, und wir befassten uns damit. Der Unterricht fand in der Nacht statt, weil er tagsüber im Dienst des Emirs stehend keine Zeit hatte.«

Nicht jeder war mit Avicennas Amtsführung zufrieden. Einmal meuterte das Militär, setzte ihn fest, plünderte sein Haus und verlangte vom Emir die Hinrichtung, was dieser aber ablehnte. Ein Kolikan­fall bewog den Emir schließlich, wieder Avi­cennas Dienste als Leibarzt in Anspruch zu nehmen und ihn auf seinem Posten zu bestätigen. Der aber plante von langer Hand einen erneuten Seitenwechsel und begann eine Korrespondenz mit dem Herrscher des weiter östlich gelegenen Isfahan, der mit dem in Hamadan verfeindet war. Die Absicht kam jedoch ans Licht, und Avicenna wurde auf einer nahe gelegenen Festung eingekerkert.

Während der Haft regte sich in ihm eine poetische Ader. Seine Einlieferung hatte er noch mit einem lockeren Vers kommentiert: »Du siehst, der Eingang ist geschafft, der Ausgang ist ganz zweifelhaft«. Danach verdichteten sich weltflüchtige Gedanken in einer kleinen Prosaerzählung voll rätselhafter Anspielungen und philosophisch-theologischem Tiefsinn.

Das Stück beginnt mit einem Spaziergang in einem umzäunten Park. Der Erzähler, der in der ersten Person redet, befindet sich in der Gesellschaft dreier zweifelhafter Freunde. Der erste, der vor ihm hergeht, lügt viel, trotzdem ist er von dessen Mitteilungen abhängig. Der zweite befindet sich zur Rechten, er ist reizbar und gleicht einem wilden Hengst oder einer Löwin, die ihr Junges verloren hat. Noch schlechter ist der dritte zur Linken, er ist gierig und gefräßig und benimmt sich wie ein geiler Hengst oder wie ein Schwein in einem Misthaufen. Symbolisiert werden durch diese Gestalten die Teile der menschlichen Seele, die schon Plato, dessen Dialoge Avicenna kannte, in ähnlicher Weise zerlegt und beschrieben hatte. Der erste lügenhafte Freund verkörpert den Komplex der inneren Sinne, welche die Informationen der fünf äußeren Sinne im Gehirn und in einer unzuverlässigen Weise verarbeiten und dem vernünftigen Seelenteil zuleiten, der von dem Ich-Erzähler verkörpert wird. Der zornige Freund zur Rechten ist der »mutvolle« Teil der platonischen Psychologie, der zur Abwehr von Gefahren antreibt, aber auch in sinnlose Aggressivität ausarten kann. Der zur Linken ist der »begehrende« Teil, der zur Ernährung und zur Fortpflanzung unentbehrlich ist.

Da begegnet der Gruppe ein in ewiger Jugend strahlender Greis, der sie freundlich begrüßt. Sein Name, der sich wie ein normaler arabischer Personenname anhört, lautet »Hayy ibn Yaqzan«, was sich übersetzen lässt als »Lebendiger, Sohn des Wachenden«. Der Wachende ist kein anderer als Gott selbst, von dem es in Sure 2, 255 heißt: »Nicht ergreift ihn Schlummer noch Schlaf.« In dem göttlichen Ausfließen durch die beseelten und mit Intelligenz begabten Gestirnsphären hindurch manifestiert sich, wie Avicenna in anderen Schriften ausgeführt hat, schließlich in der Mondsphäre ein Intellekt, den er in Anlehnung an eine schwer deutbare Stelle bei Aristoteles den »aktiven Intellekt« nennt, und er ist der »Lebendige«. Er beherrscht die Welt unter dem Mond und erleuchtet in einem direkten Kontakt die Geister der richtig denkenden Philosophen, die so zu sicheren Wahrheiten gelangen, die sie allein aus dem Durcheinander der Erscheinungen niemals herausheben könnten.

Das folgende belehrende Gespräch ist ein Sinnbild für diese Einwirkung. Es handelt in verschlüsselter Form von der Fülle der Naturdinge, von den Planetensphären und ihren Bewohnern und schließlich von der Innenwelt der menschlichen Seele, aus der heraus sich ein Weg zum Schöpfer des Alls eröffnet. Bereits dem russischen Orientalisten Jewgenij E. Bertels war eine Verwandtschaft mit Dante Alighieris grandioser »Comedia« aufgefallen, die ansonsten ohne klassische oder biblische Vorbilder ist und wo Avicenna ein ehrender Platz in der Vorhölle unter den erlauchten, aber ungetauften Geistern des klassischen Altertums zugewiesen ist.

Das abstruse Konzept des »aktiven Intellekts« hat bei Avicenna zu ungewöhnlichen Konsequenzen geführt. So war es in seinem System nur natürlich, dass auch Erkenntnisse im Traum vermittelt werden, wie er es schon in seiner Jugend erfuhr. Besonders begabte Individuen konnten auch Informationen über konkrete Einzeldinge erhalten, sogar über zukünftige. Das waren die Propheten nach gut islamischer Lehre, jedoch war von Avicennas Voraussetzungen her nicht zu begründen, warum Mohammed der letzte Prophet gewesen sein sollte. In einer späteren Schrift mit dem lapidaren Titel »Hinweise und Ermahnungen« hat Avicenna ausgeführt, was den vom aktiven Intellekt in besonderer Weise inspirierten »Wissenden« alles möglich sein sollte. Dank ihrer intensiven Verbindung zu ihm können sie Regen oder auch Erdbeben machen, eine Epidemie, eine Überschwemmung oder eine Feuersbrunst abwenden oder wilde Tiere zähmen. Er erwähnt auch zustimmend die Praktiken türkischer Schamanen, die sich für eine Erleuchtung vorbereiten, indem sie einen glänzenden Gegenstand fixieren oder bis zur Bewusstlosigkeit rennen.

Avicenna kam wieder aus der Haft frei, als der Herrscher von Isfahan mit seinem Heer nach Hamadan vorrückte. Der Gefangene, dem die Eroberung der Festung nicht unlieb gewesen sein dürfte, musste mit nach Hamadan evakuiert werden, wo er in der Stadt untertauchen konnte. Als wandernder Derwisch verkleidet gelang ihm schließlich die Flucht. In Isfahan wurde er am Hofe von Ala ad-Daula, der im Ruf eines Freigeistes stand, aufgenommen. Avicenna bereicherte mit seinem Wissen die gelehrten Unterhaltungen, stellte mit einem neu entwickelten Gerät astronomische Messungen an und hatte die Muße, weiter Schüler zu unterrichten. Auch die Arbeit am »Kanon der Medizin« und am »Buch der Genesung« schloss er nun ab.

Strapaziös war das Leben trotzdem, denn Avicenna musste den Fürsten auf seinen zahlreichen Kriegszügen begleiten. Auf einem, der sich gegen die ihm wohl bekannte Stadt Hamadan richtete, ist er im Alter von 58 Jahren an einer Kolik gestorben. Dort wurde er in einem schlichten Mausoleum beigesetzt. Als 1952 der tausendste Jahrestag seiner Geburt nach muslimischer Zeitrechnung begangen wurde, hat man seine Gebeine in eine monumentale Grabstätte überführt, deren schlanker Turm sich 64 Meter über die Stadt erhebt.

Eine solche Ehrung wäre in den Jahrhunderten nach Avicennas Tod nicht von allen gutgeheißen worden. Manchen Orthodoxen galt er als Ketzer, obwohl er sich immer als Muslim gefühlt und nach dem Zeugnis seiner Schüler das fünfmalige tägliche Pflichtgebet nie versäumt hat. Aber sein unpersönlicher Gottesbegriff entsprach doch mehr dem der griechischen Philosophie als dem des Korans. Es hat sogar Bücherverbrennungen gegeben, dem auch das gewaltige »Buch der Genesung« zum Opfer fiel. Aber solche sporadischen Aktionen vernichteten nur Einzelexemplare und sind mit der Zensur in modernen totalitären Staaten nicht zu vergleichen.

Avicennas Einfluss auf Europa

Als große Autorität aber lebte Avicenna mit seiner Medizin weiter, die im Wesentlichen nur eine scholastische Zusammenfassung der Werke des Galen von Pergamon war. Damit war er auch im Abendland an den hier gegründeten medizinischen Fakultäten willkommen, und die lateinische Übersetzung des »Kanon« erlebte bis zum Jahr 1500 nicht weniger als 36 gedruckte Auflagen. Dann setzte sich im Zuge der Renaissance langsam die Meinung durch, man solle lieber direkt aus den griechischen Quellen schöpfen und brauche die arabische Vermittlung nicht. In jener Zeit reinigte man auch die medizinische Nomenklatur von den vielen ins Latein eingedrungenen arabischen Fremdwörtern. In der Anatomie sind heute davon nur noch die Vena saphena magna (die »große Rosenader« am Unterschenkel), das Ligamentum nuchae (das »Nackenband« im oberen Halsbereich) und die unbeholfenen Lehnübersetzungen der Dura mater und Pia mater als Bezeichnungen für die harte und den inneren Teil der weichen Hirnhaut übriggeblieben. (Die entsprechenden arabischen Ausdrücke hatten übrigens nur die schlichte Bedeutung »die harte zum Gehirn Gehörige« und »die zarte zum Gehirn Gehörige«; in lateinischer Bearbeitung wurde daraus eine »hartherzige Mutter« und eine »fromme Mutter«.)

Aber noch zu Beginn des 16. Jahrhunderts gab es – auch in Deutschland – Lehrer an den medizinischen Fakultäten, die weiterhin treu zu Avicenna hielten und die man deshalb »Arabisten« nannte. Der Streit mit den »Galenisten« artete oft in persönliche Beschimpfungen aus; es ging nicht anders zu als bei den Theologen. Hatte Martin Luther vor den Toren Wittenbergs die Urkunde der Bannandrohung und dazu einen Haufen »papistischer« Literatur den Flammen übergeben, tat Paracelsus, der große Reformator der Medizin, am 24. Juni 1527 auf dem Marktplatz in Basel ein Gleiches, indem er den »Kanon« ins Johannisfeuer warf.

Vor diesem Hintergrund ist es verwunderlich, dass 1593 ein römisches Verlagshaus das Wagnis einging, den Kanon im arabischen Original zu drucken. Aber der solide aufgemachte Band, nur leider auf der Titelseite durch einen schweren grammatischen Fehler entstellt, war für den Export in den Orient bestimmt, wie die nach muslimischer Art eingestreuten frommen Redensarten verraten. Auch dieses Unternehmen reiht sich ein in die aggressive Handelspolitik der italienischen Städte, die mit ihrem Export von Textilien, Papier und Glaswaren die Basarstraßen in den islamischen Ländern füllten und mit dazu beitrugen, die Herausbildung eines eigenen kapitalkräftigen und unternehmenden Bürgertums zu verhindern.

In der wirtschaftlichen und geistigen Stagnation der nachfolgenden Jahrhunderte konnte sich die medizinische Autorität Avicennas im Orient unangefochten behaupten, ohne dass die arabische Wissenschaft von den vielen europäischen Neuerungen Notiz nahm. Nur von Paracelsus wurde verspätet im 17. Jahrhundert einiges aus dem Lateinischen übernommen. Moderne arabische Medizinhistoriker sind auf den Gedanken verfallen, Avicenna wegen seiner allzu selbstsicher vorgetragenen Systematik für die Stagnation der ärztlichen Kunst in den islamischen Ländern verantwortlich zu machen. Aber Handbücher muss es immer geben, und es liegt an den allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnissen, wenn sich kein Bedürfnis regt, ein besseres herauszubringen.

Literaturhinweise


Al-Biruni. Ein Gelehrter, den das Abendland übersah. Von G. Strohmaier in: Spektrum der Wissenschaft 5/2001, S. 74.

Avicenna. Von G. Strohmaier, München 1999.

Die Zunft der Mailänder Apotheker und das Glasfenster vom heiligen Johannes dem Damaszener im Dom von Mailand. Von L. Belloni in: Zusammenhang. Festschrift für Marielene Putscher, hg. v. O. Baur u. O. Glandien, Köln 1984, Bd. 1, S. 177.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2003, Seite 84
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2003

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