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Ein neues Modell der Homo-Evolution

Jüngsten Befunden zufolge verlief die Entwicklung zum modernen Menschen viel komplizierter als bisher angenommen: Die Familie der Hominiden brachte in Afrika wohl mehrmals neue Linien der Gattung Homo hervor; andere Arten entstanden offenbar in Eurasien, starben aber schließlich aus.

Früher schien alles so einfach mit unserer Evolution. Man stellte sich vor, daß die erste Homo-Art, wie die Hominiden auch, in Afrika aufgetreten sei. Viel später erst wären frühe Menschen von diesem ihrem Stammkontinent nach Eurasien abgewandert – in Gestalt des aus asiatischen und afrikanischen Fossilfunden seit langem bekannten Homo erectus, von dem Pionierhorden Ostasien vor ungefähr einer Million Jahren erreicht haben sollten.

Alle späteren Menschen hielt man für Nachfahren dieser verbreiteten, lange überdauernden Spezies; und nach fast einhelliger Meinung gehörten diese sämtlich zu einer Art und zur selben wie der heutige Mensch. Der Tatsache, daß einige Vertreter dieser Gruppe von uns jetzigen Menschen auffallend abwichen, wurde man durch Unterscheidung eines sogenannten archaischen Homo sapiens gerecht.

So überschaubar stellt sich unser Stammbaum nun nicht mehr dar. Nach Erkenntnissen aus den letzten Jahren verlief die menschliche Evolution in ihren späteren Abschnitten wesentlich ereignisreicher als lange angenommen.

Dies gilt zwar auch für ihre ersten Phasen, doch spricht bislang nichts gegen Afrika als eigentliche Wiege des Menschen. Denn für mehr als die Hälfte der Zeitspanne, in der die Familie der Hominiden – in die man alle Primaten mit aufrechtem Gang stellt – nachgewiesen ist, gibt es keinen einzigen Beleg für ein Vorkommen außerhalb Afrikas. Hingegen scheint es nach jüngsten Befunden möglich, daß die ersten Menschen, die Afrika verließen, noch gar nicht zu Homo erectus gehörten. Vielleicht hat die Ausbreitung früher begonnen, als man bislang dachte.


Verwirrung in der Vorgeschichte

Seit in Kenia kürzlich Fossilien eines Vormenschen entdeckt wurden, die man der neuen Hominiden-Art Australopithecus anamensis zuschreibt, ist der Beginn des aufrechten Ganges auf 3,9 bis 4,2 Millionen Jahre zurückzudatieren (Bild 3). Zweifelhafter ist die Deutung von Funden aus Äthiopien, denen zufolge eine Ardipithecus ramidus getaufte Art sogar schon vor rund 4,4 Millionen Jahren aufrecht ging. Anatomische Strukturen von A. anamensis ähneln stark denen des späteren, weitaus besser überlieferten Australopithecus afarensis, von dem es aus Äthiopien und Tansania Fossilien aus der Zeit zwischen 3,9 und 3,0 Millionen Jahren vor der Gegenwart gibt, darunter ein als Lucy berühmt gewordenes Skelett aus Hadar in Äthiopien (Bild 1).

Auch wenn Lucy und ihre Verwandten aufrecht gingen, wie insbesondere der Bau des Beckens und der Kniegelenke zeigen, hatten sie doch noch viele ältere, urtümlichere Merkmale bewahrt, vor allem was die Proportionen der Gliedmaßen und die Form von Händen und Füßen betrifft; demnach dürften sie auch an das Klettern auf Bäumen noch recht gut angepaßt gewesen sein. Zusammen mit einem Gehirn, das etwa so groß war wie das von Menschenaffen, und einem großen vorspringenden Gesicht läßt das ihre Charakterisierung als Schimpansen auf zwei Beinen recht treffend scheinen – zumal sich immer deutlicher zeigt, daß frühe Hominiden sich offenbar gerne in Habitaten mit ziemlich dichtem Baumbestand aufhielten.

In ihrer Weise waren diese Primaten offenbar erfolgreich. Immerhin existierten sie mit ihrem relativ wenig spezialisierten Körperbau, mit dem sie nicht so gut an das Baumleben angepaßt waren wie die heutigen Menschenaffen und nicht so gut an den aufrechten Gang wie spätere Angehörige der Familie, mehr als zwei Millionen Jahre lang – wenn auch verschiedene Arten mit diesen Grundmerkmalen kamen und gingen.

Es ist nicht einmal klar, in welchem Maße die anatomisch zu erschließende Lebensweise sich veränderte, als die ersten Steinwerkzeuge aufkamen; das war, den frühesten Artefakten aus Kenia und Äthiopien nach zu urteilen, vor rund 2,5 Millionen Jahren (Bild 5). Aus jener Zeit hat man nämlich noch keine menschlichen Fossilien im Fundzusammenhang damit. Erst für eine spätere Phase, die vor rund zwei Millionen Jahren begann, häufen sich vielerlei Hominidenfossilien, mit denen gemeinsam sich nun oft steinerne Gerätschaften und Knochenreste von zerlegtem Wild finden; die meisten Fundorte liegen in der Olduvai-Schlucht in Tansania und in der Region Ost-Turkana von Kenia.

Wie könnten die ersten Werkzeughersteller ausgesehen haben? Einem Rekonstruktionsversuch zufolge waren zumindest manche Individuen der ostafrikanischen Populationen kaum größer als die zierliche Lucy, und auch das Skelett war kaum weiter entwickelt; möglich ist aber auch, daß sie bereits hochwüchsiger waren sowie ein etwas größeres Gehirn und einen moderneren Körperbau hatten. Wie viele Arten von frühen Hominiden es dort eigentlich zu jener Zeit gab, welche davon Geräte herstellten und wie ihr Gang beschaffen war, ist noch ein Rätsel – und eine der wichtigsten Fragen zu den Anfängen menschlichen Daseins.

Wenigstens für die körperliche Entwicklung wird das Bild nach der Zeit vor 1,9 Millionen Jahren klarer. Aus dieser Phase gibt es aus Nord-Kenia die ersten überzeugenden Belege für eine Art, die der unseren bereits deutlich ähnelt. Am besten erkennt man das an dem bemerkenswert vollständigen 1,6 Millionen Jahre alten Skelett eines Jugendlichen, Turkana-Junge genannt, das 1984 entdeckt wurde (Bild 2). Diese Menschen hatten einen im wesentlichen modernen Körperbau und demnach wohl einen gut entwickelten aufrechten Gang, zudem einen mäßig großgesichtigen Schädel und ein bereits ungefähr doppelt so großes Gehirn wie Menschenaffen mit nur rund 400 Kubikzentimetern (das des modernen Menschen kommt mit nahezu 1400 Kubikzentimetern im Durchschnitt allerdings wiederum fast auf das Doppelte). Wäre der Junge von Turkana erwachsen geworden, hätte er vermutlich eine Größe von mehr als 180 Zentimetern erreicht und lange, schlanke Gliedmaßen gehabt, wohl ähnlich denen der heutigen afrikanischen Bevölkerungen von trockenheißen Regionen. Dies ist natürlich nicht als Anzeichen einer speziellen Verwandtschaft zu werten, sondern als eine allgemeine ökologische Anpassung: Offensichtlich waren jene Frühmenschen in der offenen Savanne zu Hause.

Lange war es in der Paläontologie üblich, die Fossilien möglichst wenigen Arten zuzuordnen und daraus eine lineare Abfolge bei steter Höherentwicklung abzuleiten. Nach dieser Tradition stufte man den Turkana-Jungen zunächst als Homo erectus ein – und damit als Vertreter jener weitverbreiteten Art, die zuerst anhand einer vor 100 Jahren in Java gefundenen Schädelkalotte und eines Oberschenkelknochens beschrieben worden war. Später waren weitere Funde aus Java und auch aus China hinzugekommen, so wie die des mittlerweile wieder verlorenen 500000 Jahre alten Peking-Menschen (Bild 7). Schließlich umfaßte das Konvolut eine Vielfalt von Hominiden-Relikten – und zwar auch afrikanische, darunter den mit OH9 bezeichneten massigen Hirnschädel aus der Olduvai-Schlucht (Bild 4), der nachträglich auf 1,4 Millionen Jahre zurückdatiert wurde, nachdem er ursprünglich als erheblich jünger eingeschätzt worden war. Die Menschen dieser großen Sammelgruppe hatten ein mit 900 bis 1200 Kubikzentimetern mäßig großes Gehirn, eingebettet in eine lange, niedrige Schädelkapsel, die mächtige Überaugenwülste und einen scharfen Knick am Hinterhaupt aufweist. Den wenigen von Arm- und Beinknochen gefundenen Fossilien zufolge waren die Gliedmaßenknochen zwar sehr kräfig, doch denen heutiger Menschen grundsätzlich ähnlich.

Ob Homo erectus jemals auch nach Europa vorgedrungen ist, war in jenen Jahren heftig umstritten. Gegner dieser Auffassung plädierten dafür, alle frühen europäischen Hominidenfossilien, deren älteste bestenfalls um die 500000 Jahre zählten, schon dem archaischen Homo sapiens zuzurechnen. Aus all dem ergab sich somit ein stimmiges Bild einer kontinuierlichen Höherentwicklung: Da die Fossilien aus Java nach damaliger Einschätzung ein Alter zwischen einer Million und 700000 Jahren oder gar weniger haben sollten und auch die ältesten chinesischen Fossilien auf höchstens eine Million Jahre geschätzt wurden, die afrikanischen Funde aber offenbar beträchtlich älter waren, mußte Homo erectus (zu dem nicht nur OH9, sondern auch der Turkana-Junge und damit assoziierte Fossilien gerechnet wurden) sich in Afrika entwickelt haben, von wo er sich erst vor wenig mehr als einer Million Jahren auf andere Kontinente ausbreitete. Man nahm an, daß er dann rasch bis nach Ostasien gelangte – und Homo erectus wäre es demnach auch gewesen, auf dem die weiteren Entwicklungen beruhten, einschließlich derer in Europa.

Doch ein mittlerweile angestellter eingehender Vergleich ergab, daß die afrikanischen vermeintlichen Homo-erectus-Schädel völlig anders gebaut sind als die klassischen ostasischen. Insbesondere fällt auf, daß bestimmte Ausbildungen anatomischer Strukturen der Köpfe von Java- und Peking-Menschen – offensichtlich Spezialisierungen – den afrikanischen ungefähr gleichen Alters nicht zu eigen waren; bei ihnen wirken diese Merkmale älter, ursprünglicher. Deswegen regte sich bei vielen Wissenschaftlern der Verdacht, in Wirklichkeit handele es sich um zwei verschiedene Frühmenschenformen; der mutmaßlich älteren aus Kenia billigt man inzwischen zunehmend eine eigene Art zu, die als Homo ergaster bezeichnet wird (Bild 2).

In ihr haben wir eine plausible Ahnform sämtlicher späteren Menschen. Der eigentliche Homo erectus aus Ostasien aber, der lange als Zwischenglied der Entwicklung hin zu uns heutigen Menschen für die Phase von vor einer Million bis vor 500000 Jahren galt, gewissermaßen als der typische Hominidenvertreter jener Epoche, wird nun als eine lokale, spezialisierte Art einer – wie ich noch darlegen werde – schließlich ausgestorbenen Linie gedeutet.


Die Sackgasse in Ostasien

Einen kräftigen Anstoß, neuerlich und unvoreingenommen den Hominiden-Linien nachzugehen, gaben im Frühjahr 1994 Carl C. Swisher vom Geochronologischen Zentrum in Berkeley (Kalifornien) und seine Kollegen. Sie datierten vulkanische Gesteinsproben von zwei javanischen Fossilfundplätzen mit der neueren Kalium/Argon-Methode und kamen auf 1,81 und 1,66 Millionen Jahre. Ein so hohes Alter hatte niemand erwartet, obwohl für den älteren der Fundorte schon einmal ein derartiger Wert bestimmt worden war.

Nun geben die knöchernen Relikte beider Plätze allerdings für eine sichere Kennzeichnung der Spezies recht wenig her. Bei dem älteren handelt es sich um den Hirnschädel eines Kindes; zur Artbestimmung zieht man jedoch Merkmale heran, die erst bei erwachsenen Individuen vollständig ausgeprägt sind. Das jüngere ist ein stark deformiertes und zerbröseltes Schädeldach, das niemals zufriedenstellend rekonstruiert wurde.

Die meisten Bearbeiter haben beide Fossilien als zugehörig zu Homo erectus eingestuft, aber wohl mehr aus Gewohnheit und Bequemlichkeit und mangels plausibler Alternativen. Immerhin kamen über die Jahrzehnte hin und wieder Diskussionen darüber auf, ob es sich bei den Java-Funden um Zeugnisse einer oder verschiedener Arten handele; und erst kürzlich wurden starke Zweifel laut, ob die Gesteinsproben im ersteren Falle wirklich von derselben Stelle stammten wie der Kinderschädel.

Desungeachtet passen diese Daten zu anderen Befunden, denen zufolge Hominiden – welcher Arten auch immer – möglicherweise schon viel früher als noch vor kurzem gemeinhin angenommen in Ostasien gelebt hatten. Ein Beispiel ist ein Unterkiefer, der 1991 bei Dmanisi in der früheren Sowjetrepublik Georgien gefunden wurde und den die Beschreiber Homo erectus zuordneten (Bild 10). Die Datierung mit gleich drei verschiedenen Verfahren ergab mutmaßliche 1,8 Millionen Jahre. Auch wenn nicht alle Experten dies schon überzeugend finden, scheinen doch die neuen Alterswerte für Java und Zentralasien zusammen zu besagen, daß Hominiden unerwartet früh aus Afrika ausgewandert sind. Versucht man das – zugegeben bruchstückhafte – Material nach einem möglichst einfachen Schema zu ordnen, dann ist zu schließen, daß die ersten Pioniergruppen in Asien wohl zu Homo ergaster gehörten oder ihm zumindest stark glichen.

Eine derart frühe erste Ausbreitung von Menschen würde vor allem auch endlich erklären, wieso man an den asiatischen Fossilfundplätzen niemals Geräte fortschrittlicher Technologie gefunden hat, wie es bei einem jüngeren Alter eigentlich zu erwarten wäre. Zur Zeit des frühesten Homo ergaster, also vor knapp zwei Millionen Jahren, waren sie praktisch noch immer ebenso grobschlächtig wie schon seit einigen hunderttausend Jahren: von rundlichen Geröllsteinen abgeschlagene scharfkantige Splitter (Bild 5). Mit einer solchen Schneide kann man zwar nachweislich sogar Elefanten zerlegen; aber diese Werkzeuge hatten noch kein einheitliches Aussehen. Erst vor etwa 1,4 Millionen Jahren kam in Afrika die sogenannte Acheuléen-Industrie mit größeren, sorgfältig bearbeiteten und deutlicher symmetrisch geformten, gewissermaßen standardisierten Geräten auf, nämlich den zu vielen Zwecken benutzten tropfenförmigen, zweischneidigen Faustkeilen – englisch auch treffend als hand axes bezeichnet – sowie einschneidigen Spaltkeilen (die ersten solchen Artefakte fand man Mitte des 19. Jahrhunderts bei St. Acheul in Frankreich; Bild 6).

Auffälligerweise fehlen derart hergestellte Artefakte unter den Steinwerkzeugen Ostasiens. Es muß verwundern, daß die Frühmenschen diese Errungenschaft nicht dorthin mitgebracht haben – es sei denn, sie hätten Afrika schon vor der Acheuléen-Zeit verlassen. Vor einigen Jahren noch hatte die Behauptung des Archäologen Robin W. Dennell für Aufruhr gesorgt, sehr grob behauenes Steingerät von Riwat in Pakistan sei mehr als 1,6 Millionen Jahre alt. Dies scheint aus heutiger Sicht durchaus nicht mehr völlig unglaubwürdig.

Doch jede neue Erkenntnis wirft selbst wieder neue Fragen auf: Was hat so frühe menschliche Populationen befähigt, ihren Ursprungskontinent zu verlassen? Meist nahm man bisher an, technologische Fortschritte hätten ihnen ermöglicht, nordwärts in unwirtliche Klimazonen vorzudringen. Diese Erklärung würde nun hinfällig. Aber eine andere bietet sich geradezu an: Die Ausbreitung folgte offensichtlich bald auf den Erwerb eines relativ modernen Körperbaus, so daß man wohl annehmen darf, daß der allgemeinmenschliche Wandertrieb der Hominiden zur selben Zeit aufkam, als sie sich vom Waldrand-Habitat emanzipierten, dem bis dahin bevorzugten Lebensraum. Der Umstand, daß der Turkana-Junge und seine Verwandten ihren körperlichen Proportionen zufolge an trockenheiße Klimata angepaßt waren, erklärt natürlich nicht, warum sich Homo ergaster so rasch in kühlere Regionen jenseits des Mittelmeers auszubreiten vermochte. Augenscheinlich befähigten ihn die grundlegenden anatomischen Veränderungen per se ausreichend dazu – insbesondere die damit verbundene physische Ausdauer, die zum Überleben im offenen Gelände erforderlich ist.

Da erstens die Acheuléen-Industrie sich niemals bis nach Ostasien ausgebreitet hat und da zweitens der Schädelbau des Homo erectus Spezialisierungen aufweist, könnte es gut sein, daß diese Populationen in eine evolutive Sackgasse geraten waren. In Ostasien wäre demnach die Entwicklung weitgehend ihren eigenen Weg gegangen, unabhängig vom Geschehen in der übrigen Welt. Darauf deuten noch andere Indizien hin, so die kürzlich von Swishers Team veröffentlichten Datierungen für das Homo-erectus-Fossillager bei Ngandong auf Java: Es soll nur rund 40000 Jahre alt sein, was trotz der sehr sorgsamen Erhebung beträchtliche Zweifel in der Wissenschaftlergemeinschaft hervorrief.

Sollte dieser Wert sich als korrekt erweisen, hätte das erhebliche Auswirkungen auf das Gesamtbild der menschlichen Stammesgeschichte. Ein derart spätes Vorkommen von Homo erectus könnte nämlich bedeuten, daß er ein ähnliches Schicksal erlitten hat wie der Neandertaler in Europa, der mit oder vielleicht sogar wegen der Ankunft des modernen Menschen ausstarb. Ebenso mag der Homo erectus erst sehr spät verdrängt worden und schließlich verschwunden sein, als Homo sapiens – vor vergleichsweise kurzer Zeit – in seinen ostasiatischen Lebensraum vorstieß.

Dieses Szenario würde sich gut in das Bild fügen, das sich nun allmählich immer klarer abzeichnet: daß die menschliche Evolution ein Prozeß mit etlichen experimentellen Vorstößen war, mit regional verschiedenen Arten – in diesem Falle in den entgegengesetzten Teilen Eurasiens; sie starben aber aus, als Populationen neuer Linien zuwanderten, die sich ihrerseits zuvor anderwärts entwickelt hatten.

Auch zu den mutmaßlichen Anfängen des Homo erectus erbrachte die Forschung neuerdings weitere Befunde. Ein internationales Team, das Huang Wanpo von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking geleitet hat, meldete im vergangenen Jahr für eine Fundschicht aus der Longgupo-Höhle in der Provinz Sichuan ein bemerkenswert hohes Alter. Von dort stammen ein Schneidezahn und ein kleines Unterkieferfragment mit zwei Zähnen, die ursprünglich als Homo erectus klassifiziert worden waren, sowie einige sehr grob gefertigte Steingeräte. Dieses Fundmaterial, so meinte die Gruppe, könne 1,9 Millionen Jahre alt sein; und der neuerlichen Untersuchung zufolge schienen die Fossilien stärker der frühesten afrikanischen Homo-Art zu ähneln als dem Homo erectus (Bild 9).

Diese überraschende Behauptung wollten mein Kollege Jeffrey H. Schwartz von der Universität Pittsburgh (Pennsylvania) und ich denn doch prüfen. Tatsächlich ähneln die Zähne des Unterkieferfragments denen des afrikanischen Homo eher in den ursprünglichen Merkmalen als in den spezialisierten (nur letztere würden aber eine spezifische verwandtschaftliche Beziehung erkennen lassen). Vor allem aber fällt auf, daß sie den Zähnen eines viel jüngeren Hominoiden (in diese Gruppe stellt man außer den Hominiden auch die Menschenaffen) aus Vietnam gleichen, der dem Orang-Utan nahesteht. Der einzelne Schneidezahn wiederum wirkt zwar hominid, ist aber ziemlich typisch für die ganze systematische Gruppe – ein Merkmal für besondere Nähe zu einer bestimmten Homo-Spezies läßt sich unseres Erachtens nicht erkennen. Vielleicht glücken aber weitere Funde in Longgupo und helfen, die Situation zu klären.

Einstweilen darf fast als sicher gelten, daß in China außerordentlich früh Menschen lebten, die von den ersten afrikanischen Auswanderern abstammten (Bild 8). Wie sie in unseren Stammbaum einzuordnen sind, muß sich erst noch herausstellen. Die Gruppe um Huang könnte mit der Vermutung, daß es sich eher um Vorfahren des H. erectus handelt als um diese Art selbst, durchaus recht haben.

Auch wenn diese Idee überzeugend scheint, ergibt sich dadurch doch auch wieder eine Unstimmigkeit mit dem bisherigen Bild. Sollte sich der Homo erectus tatsächlich erst in Ostasien entwickelt haben, muß man fragen, ob der Hirnschädel OH9 aus Olduvai, den man zur selben Art rechnet, überhaupt richtig zugeordnet ist – und wenn ja, wie das zu erklären wäre. Immerhin gilt dieses Fossil nun als fast 1,4 Millionen Jahre alt. Bei einer Evolution in Ostasien müßte Homo erectus entweder bereits vor jenem Zeitpunkt entstanden sein, wogegen die chinesischen Funde zu sprechen scheinen, und eine Linie wäre später nach Afrika zurückgewandert. Oder, falls sich Huangs These bewahrheitet, daß der Homo erectus jünger ist, könnten sich die bislang dieser Art zugeordneten, durch OH9 repräsentierten ostafrikanischen Fossilien als Relikte einer eigenständigen Hominiden-Spezies erweisen. Derzeit ist dies wahrscheinlicher.


Westliche Sonderformen

Was geschah im Westen Eurasiens? Wie angedeutet, verlief auch dort die Entwicklung getrennt von der Hauptlinie. Europa wurde anscheinend erst recht spät besiedelt. Die frühesten überzeugenden Funde, Werkzeuge von recht plumper Machart, sind nur ungefähr 800000 Jahre alt (hingegen bestand bei Ubeidiya nahe einem israelischen Kibbuz am Jordan, sozusagen auf der Schwelle zwischen Afrika und Vorderasien, wohl bereits vor 1,4 Millionen Jahren eine Acheuléen-Industrie, also etwa ebenso früh wie in Afrika selbst). Bis vor kurzem fehlten allerdings Fossilien von den ersten Europäern selbst.

Diese Lücke beginnt sich nun zu füllen. Eudald Carbonell von der Universität Tarragona und seine Mitarbeiter haben 1994 in Nordspanien in der Großen Doline, einer Einsturzhöhle in den Atapuerca-Hügeln, außer zahlreichen recht groben Steinwerkzeugen etliche menschliche Skelettfragmente entdeckt. Am vollständigsten erhalten sind Bruchstücke des oberen Gesichtsschädels eines älteren Kindes (Bild 11). Die Datierung der Fundschicht ergab mindestens 780000 Jahre. Es fanden sich keinerlei Hinweise auf eine Acheuléen-Technologie; auch die Fossilien selbst weisen recht alte evolutive Merkmale auf. Die Forscher stellten sie vorläufig zu Homo heidelbergensis – jener nach dem Unterkiefer von Mauer bei Heidelberg benannten Art, der zunehmend auch Funde zugeordnet werden, die bisher als Relikte des archaischen Homo sapiens galten.

Carbonells Gruppe hält ihre frühen Spanier für die ersten Vertreter einer eigenständigen europäischen Linie, aus der allmählich die Neandertaler hervorgingen. Diese Hominiden mit auffallend großem Gehirn – es war durchschnittlich noch etwas größer als das des heutigen Menschen – kennt man nur aus Europa und dem südwestlichen Asien. Ihre Blütezeit hatten sie vor 200000 bis vor 30000 Jahren, als der Homo sapiens in diesen Raum vordrang.

Dieses Szenario ist allerdings nicht das einzig mögliche. Solange die sehr fragmentarischen Fossilien aus der Gran Dolina nicht intensiv bearbeitet sind, kann man zwar auch keine anderen Deutungen überzeugend belegen. Dennoch erscheint es als mindestens ebenso plausibel, daß sie von Hominiden stammen, die einen ersten Vorstoß nach Europa unternahmen, dort aber langfristig nicht bestehen konnten. Auch in Afrika haben ebenfalls schon vor 600000 Jahren Vertreter von Homo heidelbergensis gelebt; und es ist gut denkbar, daß die Art sich in Europa später erneut angesiedelt und dann erst die Neandertaler hervorgebracht hat. Der Homo sapiens schließlich entstammt einer anderen Linie, die von einer weniger spezialisierten afrikanischen Population begründet wurde.

Nur einen Kilometer von der Gran Dolina entfernt entdeckten Juan-Luis Arsuaga von der Complutense-Universität in Madrid und seine Kollegen ein reiches Lager hervorragend erhaltener menschlicher Fossilien, die ein Alter von rund 300000 Jahren haben (Bild 12). Zwar meinen manche, diese Menschen aus der Sima de los Huesos – der Knochengrube – würden den Neandertaler in manchem bereits vorwegnehmen; doch gehörten sie keineswegs schon zu jenem Menschenschlag. Und wenngleich Arsuagas Team betont, die Neandertaler (wie möglicherweise weitere verwandte Arten) entstammten einer eigenen Entwicklung in Europa, ist deswegen gar nicht sicher, daß die Menschen von Gran Dolina ihre Ahnen waren.


Afrikanischer Ursprung neuer Linien

Wie steht es bei all dem mit unserer eigenen Herkunft? Grob gesagt, streiten zwei wissenschaftliche Lager darüber, ob Homo sapiens in vielen Populationen in verschiedenen Regionen der Welt zugleich entstanden ist oder in einer einzigen in Afrika (Bild 13; siehe "Afrikanischer Ursprung des Menschen" von Allan C. Wilson und Rebecca L. Cann sowie "Multiregionaler Ursprung des Menschen" von Alan G. Thorne und Milford H. Wolpoff, Spektrum der Wissenschaft, Juni 1992, Seiten 72 und 80).

Dem ersten Modell zufolge ist der archaisch gebaute H. erectus (einschließlich des H. ergaster) lediglich eine alte Variante des modernen Menschen. Während der vergangenen zwei Millionen Jahre verlief die Evolution zum H. sapiens demnach in der gesamten Alten Welt in vielfältigen sich trennenden und wieder vereinenden Strömungen; trotz aller regionalen Anpassungen fand immer wieder genetischer Austausch statt. Die heutige großräumige Vielfalt des Menschen wäre also schlichtweg das Ergebnis der jüngsten Permutation eines seit langem fortdauernden Prozesses.

Die Gegenseite vertritt ein Modell, das sich viel besser zu den Kenntnissen von Evolutionsprozessen im allgemeinen fügen würde. Demnach stammen alle jetzigen menschlichen Bevölkerungsgruppen von einer einzigen Population ab, die etwa 150000 bis 100000 Jahre vor der Gegenwart lokal begrenzt auftrat. Dem recht dürftigen Fossilbefund zufolge war dies irgendwo in Afrika (doch auch die Levante käme in Frage). Begründet wird diese These unter anderem mit molekularbiologischen Vergleichen bestimmter Abschnitte des Erbmaterials.

Nach dem, was ich über die periphere Rolle von ostasiatischen und europäischen Populationen gesagt habe, sollte meine Position nicht überraschen: Ich favorisiere entschieden das zweite Modell, halte also einen ziemlich jungen und örtlich begrenzten Ursprung von Homo sapiens für wahrscheinlich. Meines Erachtens spricht vieles dafür, daß diese Entwicklung in Afrika stattfand – auf dem Kontinent, der seit Anbeginn die wichtigsten Neuerungen in der Hominiden-Evolution hervorgebracht hat.

Der Aufstieg des modernen Menschen ist der letzte Akt dieses Schauspiels evolutiver Aufspaltungen und Spezialisierungen. Von frühesten Zeiten an ist Afrika das Ursprungszentrum neuer Linien gewesen. In Europa und Ostasien ereigneten sich zwar interessante evolutive Entwicklungen, aber in Populationen, die sich nicht nur von afrikanischen Auswanderern ableiteten, sondern durch solche auch wieder ersetzt wurden. Afrika ist die Wiege unserer eigenen Linie, und seit seine Hominiden sich erstmals vom Leben in der Waldrandzone emanzipierten, sind von dorther Gruppen in aufeinanderfolgenden Wellen in alle Teile der Alten Welt gelangt. Die derzeitige Fossildokumentation vermittelt bestenfalls ein diffuses Abbild dessen, was einst eine äußerst verwickelte Abfolge von Ereignissen gewesen sein muß.

Vor allem zeigen die aktuellen Befunde aus Ostasien, daß die räumliche Mobilität menschlicher Bevölkerungen so alt ist wie der evolutiv neuartige Körperbau der Gattung Homo mit all seinen Anpassungen, der lange Wanderungen erst ermöglichte. Und die Befunde aus Europa lassen zwar regionale eigene Entwicklungen erkennen, doch auch ein offenbar komplexes Besiedlungsmuster.

Wie noch stets haben neue Erkenntnisse das Bild der Haupt- und Nebenwege der Hominiden-Evolution komplizierter gemacht. Deshalb ist zu hoffen, daß uns weitere Fossilfunde mehr Übersicht im Detail über die letzten zwei Millionen Jahre verschaffen, in denen immer neue Arten der Homo-Gattung entstanden und immer andere Populationen ins Unbekannte aufgebrochen sind.

Literaturhinweise

- Three New Human Skulls from the Sima de los Huesos Middle Pleistocene Site in Sierra de Atapuerca, Spain. Von J.-L. Arsuaga und anderen in: Nature, Band 362, Heft 6420, Seiten 534 bis 537, 8. April 1993.

– Age of the Earliest Known Hominids in Java, Indonesia. Von C. C. Swisher III und anderen in: Science, Band 263, Heft 5150, Seiten 1118 bis 1121, 25. Februar 1994.

– A Plio-Pleistocene Hominid from Dmanisi, East Georgia, Caucasus. Von L. Gabunia und A. Vekua in: Nature, Band 373, Heft 6514, Seiten 509 bis 512, 9. Februar 1995.

– Lower Pleistocene Hominids and Artifacts from Atapuerca-TD6 (Spain). Von E. Carbonell und anderen in: Science, Band 269, Heft 5225, Seiten 826 bis 830, 11. August 1995.

– Early Homo and Associated Artefacts from Asia. Von W. Huang und anderen in: Nature, Band 378, Heft 6554, Seiten 275 bis 278, 16. November 1995.

– Whose Teeth? Von J. H. Schwartz und I. Tattersall in: Nature, Band 381, Heft 6579, Seiten 201 bis 202, 16. Mai 1996.

– Latest Homo erectus of Java: Potential Contemporaneity with Homo sapiens in Southeast Asia. Von C. C. Swisher III und anderen in: Science, Band 274, Heft 5294, Seiten 1870 bis 1874, 13. Dezember 1996.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997, Seite 64
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 1997

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