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Multisensorik: Ein Reiz kommt selten allein

Berührt ist nicht gleich berührt: Was wir genau spüren, hängt auch davon ab, welche Sinneseindrücke unser Gehirn sonst noch empfängt. Und sogar davon, was andere Menschen in unserer Umgebung empfinden.
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Sonntagabend, "Tatort"-Zeit. Lisa sitzt vor dem Fernseher. In dem Krimi hat ein Mädchen seine Laufschuhe nach dem Sport vergessen und geht zurück in die dunkle Turnhalle. Lisa ahnt nichts Gutes, ihr Herz hämmert. Als ein dunkler Schatten über den Bildschirm huscht und sich an die Fersen der Schülerin heftet, kommt Lisas Freund unbemerkt ins Zimmer und tippt ihr auf die Schulter. Lisa schreit vor Schreck laut auf. Im Nachbarhaus verfolgt Anna währenddessen gebannt die letzte Folge der "Herr der Ringe"-­Trilogie. Das Gefecht ist in vollem Gang, und vor Spannung hat Anna sogar aufgehört, ihre Nachos zu knabbern. Als ihre Schwester ihr von hinten auf die Schulter klopft, bekommt Anna das gar nicht mit – so eingenommen ist sie von dem Film.
Um zu verstehen, weshalb die beiden so unterschiedlich reagieren, müssen wir zunächst einen Blick auf die komplexen Prozesse werfen, die ein Reiz wie eine simple Berührung an der Schulter im Gehirn auslöst. Es kommt hierbei zu einer ganzen Kaskade neuronaler Reaktionen: Die Rezeptoren der Haut leiten den Impuls über das Rückenmark und den Hirnstamm in den Thalamus, einer Art Verteilerstation für Sinnesinformationen, die etwa in der Mitte des Gehirns liegt. Von dort gelangt das Signal in verschiedene höhere Zentren der Großhirnrinde (Kortex), wo sie entschlüsselt werden. Natürlich bekommen wir von all dem nichts mit – die einzelnen Verarbeitungsschritte verlaufen rasend schnell und anfangs vollkommen unbewusst.
Dasselbe gilt für die anderen Sinne, etwa den Seh- und Hörsinn. Zwar registrieren unsere Augen und Ohren Licht und Schall – doch erst im Gehirn gelangen die Reize in unser Bewusstsein. Entgegen der landläufigen Meinung nehmen wir die Welt also nicht mit den Augen, Ohren oder der Haut wahr. Wir sehen, hören und fühlen vielmehr mit unserem Gehirn ...

4/2013

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 4/2013

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  • Quellen

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