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Ein Saatbeet für künftige Forschung


Welche Rolle spielen die Institute der Blauen Liste in der Wissenschaftspolitik des Freistaates Sachsen?

Wir sind stolz auf sie und halten sie für eine sehr wesentliche Komponente unserer Forschungslandschaft.

Warum werden dann ihre Existenz und ihre Position außerhalb der Universität immer wieder angefochten?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer von ihnen ist die thematische Heterogenität, die aus der Entstehungsgeschichte zu verstehen ist.

Der zweite Grund: Als es darum ging, die Wissenschaftslandschaft im Osten Deutschlands neu zu ordnen, meinten sehr einflußreiche Leute, dies sei nun die Chance, der seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stetig steigenden Bedeutung der außeruniversitären Forschung im Vergleich zu den Universitäten einen Riegel vorzuschieben und das Blatt zu wenden. Außerdem wurde damals die Behauptung verbreitet, die Universitäten und Hochschulen der DDR seien reine Lehreinrichtungen gewesen und die Forschung sei in die Akademie der Wissenschaften ausgewandert. Seit 1991 bemühen wir uns, dieser Behauptung entgegenzutreten. Wir können dazu Zahlen und Aussagen von unabhängigen Quellen vorlegen: Es stimmt einfach nicht. Gleichwohl wird bis heute diese Behauptung unverdrossen wiederholt.

Dahinter steckten und stecken meines Erachtens Verteilungskämpfe. Man war sich darüber im klaren, daß im Osten sehr wohl leistungsfähige Wissenschaftseinrichtungen bestehen und daß diese im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe und des gesamtdeutschen Länderfinanzausgleichs einen höheren Anteil an dem erhalten müßten, was insgesamt für die Forschung in Deutschland zur Verfügung steht – auf Kosten der alteingesessenen westlichen Institute.

Die heutigen Blaue-Liste-Institute waren vorher nicht in Universitäten und Hochschulen, sondern selbständige Einrichtungen. Wir können sie jetzt auch gar nicht in die Hochschulen integrieren. Angesichts unserer finanziellen Möglichkeiten müßten wir dann entweder weite Teile der Hochschulen oder diese Institute schließen.

Andererseits hat der Bund immer darauf hingewiesen, daß das Forschungspotential, das ja in den sogenannten neuen Bundesländern wesentlich natur- und ingenieurwissenschaftlicher Art ist, für uns und unser wirtschaftliches und öffentliches Leben unverzichtbar ist. Trotzdem geht die Debatte um die BL-Institute unverdrossen weiter, die Verteilungskämpfe haben auch eher an Schärfe zu- als abgenommen.

Übrigens sind die Bemühungen leistungsstarker BL-Institute insbesondere aus dem Osten Deutschlands um eine kräftigere Selbstprofilierung der Blauen Liste als wissenschaftliche Gemeinschaft bei einer Reihe dieser Institute im Westen nicht auf die Unterstützung gestoßen, die wir erhofft hatten.

Wir müssen eine Lösung finden, die in sich das Merkmal der sinnvollen und akzeptierten Stabilität trägt. Es kann nicht angehen, daß wir Jahr um Jahr erneut erklären müssen, warum es Institute der Blauen Liste gibt und daß es völlig unsinnig ist zu fordern, diese in die Hochschulen einzubeziehen.

Wie wird sich das Verhältnis der Blaue-Liste-Institute zur DFG gestalten?

Unsere Institute sehen es als Gütesiegel, wenn sie im DFG-Wettbewerb erfolgreich sind, und sind bereit, sich dem zu stellen. Dann sollen sie aber auch nicht am Katzentisch der DFG sitzen. Wenn wir erstens die Zusammenarbeit zwischen BL-Instituten und Hochschulen ganz konsequent verstärken und zweitens die Forschungsinstitute der Blauen Liste in den Wettbewerb um Fördermittel der DFG einbeziehen, dann ist es konsequent, daß sie auch Mitglieder der DFG werden, entweder einzeln oder wiederum als Gemeinschaft. Beides ist ja denkbar, wenn wir zu einer handlungsfähigen und etwas homogeneren WBL kommen.

Andererseits heißt es, die Finanzierung durch die DFG sei nur für eine Übergangsphase vorgesehen. Wenn erst einmal der Senat der Leibniz-Gemeinschaft etabliert sei, werde dieser die Mittel vergeben.

Auch das ist eine Möglichkeit. Wir haben sie von Anfang an ins Spiel gebracht, dann zunächst zurückgestellt, als die Institute sich zunächst einmal dem Wettbewerb in der DFG stellen wollten, sicherlich auch im Blick auf die Debatte über Sinn und Qualität der Blaue-Liste-Institute. Aber es besteht natür-lich kein Grund, eine funktionsfähige Wissenschaftsgemeinschaft von Leibniz-Instituten anders zu behandeln als die HGF oder andere Wissenschaftsgesellschaften.

Welche Rolle spielten die Institute der Blauen Liste bei der wissenschaftlichen Transformation in Ostdeutschland?

Es gab nicht schlechthin Bewahrung, sondern Bewahrung dessen, was sich als wertvoll erwies. Und da wurde ein harter Maßstab angelegt. Es ist nicht einfach etwas umgewandelt worden, sondern es haben lauter Neugründungen stattgefunden. Der Wissenschaftsrat mußte zu einem Instrument greifen, das vorhanden war; das waren die Institute der Blauen Liste.

Zahlreiche BL-Institute sind aus Teilen der Akademie der Wissenschaften der DDR hervorgegangen.

Der Bund war nicht bereit, in größerem Umfang Großforschungseinrichtungen im Osten zu etablieren. Man muß fairerweise hinzufügen, daß der Wissenschaftsrat das auch nicht wollte, denn damals war er mehrheitlich der Überzeugung, daß die Großforschungseinrichtungen eigentlich überlebte Fossilien aus einer anderen Zeit seien. Ich empfand es als faszinierend, wie sich bis 1995/96 die Vorstellung wieder in die andere Richtung wandelte.

Wie immer dem sei, für uns sind die Institute der Blauen Liste unverzichtbar. Wir benötigen dringend ihr ingenieur- und naturwissenschaftliches Potential als das Saatbeet für das, was in einem nächsten Schritt in der Industrieforschung in funktionsfähige Ergebnisse umgesetzt werden muß. Sonst sind wir in allem, was wir aufzubauen hoffen, von Ergebnissen in Westdeutschland abhängig. Und außerdem wäre es ein Verlust des wissenschaftlichen Leistungspotentials für ganz Deutschland, nicht nur für uns, wenn man die Institute der Blauen Liste nicht weiterführen würde oder sie nicht gegründet hätte.

Das Interview führte G. H. Altenmüller.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997, Seite 130
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
11 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 11 / 1997

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