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Winters' Nachschlag: Ein Stich Butter für die Seele

Ein verklärter Blick zurück in eine Zeit voll ungesunder Mahlzeiten und pädagogisch wertloser Enkelerziehung
Uli WintersLaden...
Wie heißt das jüngere Göttergeschlecht in der nordischen Mythologie? Richtig: "Asen". Haben Sie auch als Kind zusammen mit Ihren Großeltern unzählige Kreuzworträtsel gelöst? Bei mir war es jedenfalls so. Daher könnte ich Ihnen auch heute noch ohne großes Nachdenken einen Nebenfluss der Wolga mit vier Buchstaben nennen und eine Fülle weiterer abstruser Begriffe mit hohem Vokalgehalt wie auf Knopfdruck abspulen.

Dieses ebenso enzyklopädische wie nutzlose Wissen verdanke ich ausschließlich meiner "Oma Eilendorf", mit der mein Bruder und ich uns im Lauf unserer Jugendjahre durch rund 5000 Kreuzworträtsel hindurchkämpften. Ich kann also bedenkenlos der Grundthese des Artikels "Enkels Liebling" von Birgit Jackel ab S. 14 zustimmen – dass nämlich die Großeltern eine deutliche Bereicherung der Kindererziehung darstellen.

Dabei konnte ein Aufenthalt bei Oma und Opa aus der heutigen, pädagogisch überkorrekten Sichtweise keinesfalls als kindgerecht bezeichnet werden. Der Fernseher lief von früh bis spät und musste zudem einmal wöchentlich von einer klebrigen Teerschicht befreit werden, weil meine Großeltern ihr kleines Häuschen durch den Konsum von täglich gut und gerne 100 Zigaretten in eine Nichtraucher-Hölle par excellence verwandelten. Es wurden mindestens fünf extrem ungesunde Mahlzeiten pro Tag aufgetischt – und wehe, man aß seinen Teller nicht leer.

Zusätzlich musste ich ("Damit du groß und stark wirst!") unmittelbar vor dem Schlafengehen etwa eineinhalb Liter Haferbrei schlürfen. In der Mitte schwamm der berühmte Stich Butter, ein schmelzender Fettwürfel von etwa 150 Gramm, der ohne Ausnahme jede von Oma Eilendorf zubereitete Speise krönte. Falls es mir danach überhaupt gelang, mit diesem unförmigen Breiklumpen im Magen einzuschlummern, so wurde ich nach spätestens 15 Minuten wieder unsanft geweckt: Die schwere Standuhr, deren Ticken vermutlich noch im Nachbardorf zu hören war, gab nämlich jeder verstrichenen Viertelstunde durch das Abspielen der Big-Ben-Melodie in infernalischer Lautstärke das letzte Geleit.

Nachdem ich schließlich am nächsten Morgen völlig gerädert aufgestanden war, brachte mir Oma Eilendorf beim Frühstück (Weißbrot mit Nutella und in Öl schwimmendes Rührei – mit einem Stich Butter natürlich) die besten Betrugstechniken für das Canasta-Spiel bei, um, wie sie sagte, beim nächsten Familientreffen "Tante Elsbeth auszunehmen".

Wenig später begann Oma dann wieder, in der Küche eine weitere cholesterinstrotzende Mahlzeit zuzubereiten. Derweil spielte Opa Franz mit mir und meinem Bruder Skat, trank Bier, schwieg und gewann. Opa sah aus wie Henry Miller, und der einzige Satz, den er nach meiner Erinnerung jemals von sich gab, lautete: "Picus, der Waldspecht." Das sagte er allerdings recht oft, nämlich immer dann, wenn jemand eine Pik-Karte spielte.

Nun scheint es sich auf den ersten Blick bei diesem Kinderbeschäftigungsprogramm nicht gerade um die im Artikel beschriebene "intensive Auseinandersetzung mit den Enkeln" zu handeln – und doch erschien mir jede Sekunde bei Opa und Oma wie eine Stunde im Paradies.

Apropos: Auch für die von Birgit Jackel angesprochene Verbindung, die Großeltern durch die Beschäftigung mit ihren Enkeln zur Kultur der Gegenwart herstellen, lieferte Oma Eilendorf ein perfektes Beispiel. Niemand, der je dabei Zeuge war, wird ernsthaft bestreiten, dass sie mit ihrem Abendgebet "Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Englein um mich steh'n" bereits Ende der 1960er Jahre eine astreine Vorlage für den Rap des 21. Jahrhunderts ablieferte.
April 2010

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist April 2010

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