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Neuroplastizität: Eine eigene Hirnregion für Pokémon

Gesichter zu erkennen, ist entscheidend für das Sozialverhalten. Dass wir darin im Lauf unserer Entwicklung quasi zum Experten werden, haben wir der Plastizität unserer Sehrinde zu verdanken. Bereits Babys wenden sich bevorzugt Gesichtern zu, und das spiegelt sich auch im Gehirn wider: Die Kleinen entwickeln ein auf Gesichter spezialisiertes Areal, dessen Koordinaten sich von Mensch zu Mensch erstaunlich stark überschneiden.

Doch welche Objekteigenschaften bestimmen darüber, ob sich ein Expertenareal ausbildet? Um diese Frage zu beantworten, untersuchten Forscher von der Stanford University nun elf Erwachsene, die eine Gemeinsamkeit teilten: Sie hatten in ihrer Kindheit ab einem Alter von fünf Jahren exzessiv Pokémon auf dem Gameboy gespielt. Während die Wissenschaftler ihr Gehirn mittels fMRT scannten, schauten sich die Probanden Bilder von Pokémon, Tieren, Wörtern oder Autos an. Dabei trat Erstaunliches zu Tage: Bei den ehemaligen Spielern regte sich beim Betrachten der Taschenmonster stets ein ganz bestimmter Bereich der Sehrinde. Bei der Kontrollgruppe blieb die Region hingegen stumm. Die Forscher stellten fest, dass die sehr speziellen Eigenschaften der Pokémon, wie etwa die Größe ihres Bildes auf der Netzhaut, die Ausprägung und exakte Lokalisation des Areals beeinflussten.

Offenbar können Dinge, die wir in der Kindheit besonders häufig zu Gesicht bekommen, die Architektur unseres visuellen Systems verändern. Therapeutische Interventionen, etwa bei Autismus oder einer gestörten Gesichtserkennung, sollten deshalb in möglichst jungen Jahren erfolgen, schlussfolgern die Autoren.

9/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 9/2019

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  • Quelle
Nature Human Behavior 10.1038/s41562-019-0592-8, 2019