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Maul- und Klauenseuche: Eine Panikimpfung würde das Problem nur verdecken



Eine Impfung gegen die akut drohende Maul- und Klauenseuche erscheint derzeit wenig sinnvoll – und das aus einer Reihe von Gründen:

Bis geimpfte Tiere eine Immunität gegen das Virus aufbauen, vergehen je nach Tierart einige Tage bis zu zwei oder gar drei Wochen. Selbst dann noch können Wiederkäuer zu Virusträgern werden und möglicherweise andere Tiere anstecken, obwohl sie selbst nicht erkranken. Weil zur Zeit noch keine verlässlichen Tests verfügbar sind, um geimpfte von tatsächlich infizierten Tieren zu unterscheiden, könnte das Virus unerkannt unter der Impfdecke zirkulieren.

Ohnehin gibt es nirgendwo die Kapazitäten, um die nötigen Impfstoffmengen für alle Klauentierpopulationen in der Europäischen Union bereitzustellen. Ringimpfungen lediglich um den primären Infektionsherd können dann sinnvoll sein, wenn das Virus nicht bereits durch Tiertransporte oder auf andere Weise weit verbreitet wurde. Als die Seuche in Großbritannien erkannt wurde, war es dafür bereits zu spät. Gleiches gilt für Sperrgürtel.

Bis 1991 wurden die Tierbestände in Deutschland flächendeckend gegen Maul- und Klauenseuche geimpft. Zusammen mit anderen strikten Maßnahmen gelang es damals in Westeuropa, die hier endemischen Typen der Erreger auszumerzen. Gegen das jetzt festgestellte Virus hätten die alten Impfstoffe vermutlich nicht geholfen. Denn der gegenwärtig grassierende Erregerstamm wurde wahrscheinlich aus dem asiatischen Raum eingeschleppt und unterscheidet sich deutlich von den früheren Typen. Die Impfstoffbanken der Europäischen Union und einiger Länder halten zwar eine Vakzine auf der Basis eines "ähnlichen" Stammes in beschränkter Menge vorrätig. Doch wie gut der im akuten Fall wirken würde, ist sehr ungewiss.

Der Impfstoff gegen die Maul- und Klauenseuche ist eine Totvakzine, besteht also aus inaktivierten Viren. Das hat aber zur Folge, dass die Immunität sich erst nach einiger Zeit aufbaut und nicht allzu lange anhält. Zudem können sich geimpfte Tiere dennoch mit dem Erreger infizieren und ihn weitergeben. Um die Vakzine herzustellen, muss man zunächst mit hochvirulenten Viren arbeiten, wovon für flächendeckende Impfungen große Mengen benötigt würden. Trotz aller technisch möglichen Sicherheitsvorkehrungen besteht jederzeit ein Risiko, dass der Erreger irgendwie entwischt. Dies geschah beispielsweise 1988 beim Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Deutschland. Auch in der Europäischen Union insgesamt waren zwischen 1977 und 1987 knapp 40 Prozent der Ausbrüche "hausgemacht" – auch einer der Gründe, warum die Impfungen vor zehn Jahren in Deutschland eingestellt wurden.

Wie viele meiner Kollegen befürworte ich einen Rückfall in die Impfzeit nicht. Wie sonst aber wäre Ausbrüchen der Maul- und Klauenseuche am besten zu begegnen? Die Keulung – in der Tierseuchenbekämpfung keineswegs eine "antiquierte Praxis", wie viele behaupten – hilft, wenn Infektketten schnell unterbrochen werden müssen. Britische Epidemiologen meinen, dass in Großbritannien zwischen dem Erkennen der Symptome und der Tötung zu viel Zeit verstrich. Deswegen wurde das Land der Epidemie so lange nicht Herr.

Der akute Ausbruch der Maul- und Klauenseuche wird hoffentlich die Entwicklung von markierten Impfstoffen vorantreiben. Denn bei anderen Tierseuchen hat sich die Strategie "gesunde Tiere mit markierter Vakzine impfen, infizierte Tiere töten" bewährt.

Primär sollten aber unbedingt die massiven Risiken in unserer Gesellschaft für Infektionen im Veterinärbereich ausgeräumt werden: nämlich Tiertransporte über weite Distanzen, willkürliches Zusammenbringen von Tieren aus verschiedenen Regionen oder gar Ländern, Viehhandel ohne ausreichende Dokumentation. Außerdem müssen Landwirte die Hygiene wieder ernster nehmen. Wirklich "archaisch" ist die Unsitte, den Tieren unerhitzte Speiseabfälle zu verfüttern. Dies ist längst verboten, wird aber noch oft praktiziert.

Wieder mehr Respekt vor Seuchen, der bis in die persönliche Beweglichkeit hineindringt, wäre heilsam.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2001, Seite 94
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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