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Eisige Welten. Im Kosmos der Minusgrade.

BLV, München 1996.
164 Seiten, DM 98,-.

In ihrem neuen Buch verschaffen die beiden Geologen und Journalisten Bernhard Edmaier (Photos) und Angelika Jung-Hüttl (Text) dem Betrachter und Leser eine durchaus angenehme Kühlung, nachdem sie ihn 1994 mit "Vulkane. Wo die Erde Feuer und Asche spuckt" (ebenfalls bei BLV erschienen) erwärmt hatten. Doch spätestens seit den Ausbrüchen des Vulkans Grimsvötn unter dem isländischen Eisschild Vatnajökull im Herbst 1996 (Spektrum der Wissenschaft, Dezember 1996, Seite 36) ist einer breiten Öffentlichkeit bekannt, daß sich diese Gegensätze durchaus begegnen können.

Bei derartigen subglazialen Eruptionen sammeln sich große Mengen Schmelzwasser unter der Eisdecke an, können sie anheben und schließlich schwere Hochwässer verursachen. Beim größten solchen Gletscherlauf der jüngeren Zeit, den 1922 der Grimsvötn verursachte, flossen sechs Tage lang 53000 Kubikmeter pro Sekunde ab; das entspricht fast der sechsfachen Wasserführung des Amazonas an seiner Mündung.

Außer solchen spektakulären Ereignissen werden im vorliegenden Buch wissenschaftliche Fakten und Theorien, Geschichte, Geschichten und vieles andere auf sehr abwechslungsreiche und anregende Weise zu einem umfassenden Gesamtbild verwoben. Die faszinierenden Photos beleuchten Eis in seinen vielfältigen Erscheinungsformen, in der Unstetigkeit, mit der es sich selbst und seine Umgebung fortwährend verändert und von ihr verändert wird. Sie zeigen Eis aus der Nähe und aus der Ferne, Phänomene, die wir alle kennen, und viele, die wir nur selten oder nie zu Gesicht bekommen. Insgesamt vermittelt das Buch einen reichhaltigen, aktuellen und kompetenten, zugleich gut verständlichen Querschnitt über die Wissenschaft vom Eis – die Glaziologie.

Wie viele Forschungszweige hat auch dieser in unserem Jahrhundert zahlreiche grundlegend neue Erkenntnisse gewonnen, die uns heute bereits als selbstverständlich erscheinen. So ist erst seit gut 100 Jahren allgemein anerkannt, daß wiederholte Vergletscherungen viele Landschaften wie den Norden Deutschlands und den gesamten Alpenraum nachhaltig geformt haben. Zuvor hatten viele eine große Flut, vielleicht die Sintflut, für den Transport von bis zu 3000 Tonnen schweren Findlingsblöcken verantwortlich gemacht, während nun jeder weiß, daß das fließende Eis sie aus den nordischen Gebirgen beziehungsweise den Alpen herangeschafft hat. Durch Klimaänderungen, die nach der Theorie des jugoslawischen Geophysikers Milutin Milankovi´c mit Veränderungen der Erdbahn um die Sonne zusammenhängen (Spektrum der Wissenschaft, September 1993, Seite 48), gab es wiederholt Eiszeiten, während deren bis zu 30 statt der heutigen 10 Prozent der Erdoberfläche mit Eis bedeckt waren.

Derzeit beschäftigen sich viele Forschungen gerade mit diesem Wechselspiel zwischen Klima und Eis. Anhand von Eisbohrkernen, die chemische Indikatoren vergangener atmosphärischer Bedingungen enthalten, und zahlreichen Spuren, welche die Gletscher hinterließen, sucht man die natürliche Schwankungsbreite des Klimas zu ermitteln. Dieser Kenntnis kommt zentrale Bedeutung zu, wollen wir eine vom Menschen verursachte Klimaänderung erkennen, verstehen und ihre Folgen beurteilen.

Ein hervorragender Indikator für die derzeitige Situation und einen potentiellen Trend sind Gebirgsgletscher, denn in ihnen summieren sich viele komplexe Klimaeinflüsse. Während die Gletscher in einigen wenigen, sehr niederschlagsreichen Regionen der Erde wachsen, ziehen sich die meisten seit vielen Jahrzehnten deutlich zurück, in den Alpen bis zu mehreren Dutzend Metern pro Jahr. Jeder, der sich gelegentlich im Hochgebirge aufhält, wird dieses Schrumpfen des sogenannten ewigen Eises bemerkt haben. Der Gletscherrückzug legt Berghänge und weite Vorfelder frei, verändert den Wasserhaushalt von Bergregionen und ist für einige alpine Naturkatastrophen verantwortlich. Die momentan feststellbare Klimaänderung scheint sich am Rande der für die letzten 10000 Jahre typischen natürlichen Variabilität zu bewegen.

Im Gegensatz zu den derzeitigen Erwärmungstendenzen herrschte vom Beginn des 15. bis Mitte des 19. Jahrhunderts eine Kälteperiode, kleine Eiszeit genannt. Obwohl die mittlere Jahrestemperatur nur um ein Grad niedriger lag als heute, stießen die Gletscher vor; die Vegetation war so beeinträchtigt, daß dürftige oder gänzlich ausfallende Ernten Hungersnöte und Auswanderungswellen, vielleicht auch manche sozialen Unruhen zur Folge hatten. Dies mag eine Ahnung geben von den gravierenden Risiken einer menschengemachten Klimaänderung, durch die nach neueren Prognosen die globale Durchschnittstemperatur um bis zu drei Grad steigen könnte.

"Eisige Welten" ist ein äußerst gelungenes Werk über einen elementaren Umweltfaktor unserer Erde, das einem breiten Publikum überaus zu empfehlen ist: ein Buch für manchen sommerlichen Liegestuhl.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1997, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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