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Allgemeinwissen: Encyclopædia Britannica 2003

Encyclopædia Britannica Inc., Chicago 2003. Zu beziehen über den Akademischen Lexikadienst, Münster (Westfalen). 32 Bände, 32000 Seiten, 1780,– €. Digitale Ausgabe: 2 CD-Rom 99,– €, erweiterte Version (\\


Mehr als zweihundert Jahre lang stellte der Star unter den Nachschlagewerken, die Encyclopædia Britannica, sich selbst als echt britischen Luxusartikel dar, obgleich sie schon seit den 1930er Jahren in Chicago produziert wird. Nicht nur die edle Ausstattung der Bände selbst beeindruckte den Kunden; auch der persönliche Besuch eines Lexikonvertreters vermittelte das Gefühl, hier einen besonderen Kauf zu tätigen. Der stolze Preis passte in diesen Rahmen: Schon die bescheidenste Ausgabe des Prachtwerks kostete über 3000 DM.

Dann kam das Internet, und alles wurde anders. In Gestalt der Microsoft Encarta trat 1992 ein großmächtiger Konkurrent mit niedrigen Preisen auf. Sie konnte zwar die Qualität der ehrwürdigen "Britannica" nicht erreichen; doch wie in anderen Fällen siegte Masse über Klasse. 1996 hatten sich die Verkaufszahlen der "Britannica" halbiert, auch die Produktion einer eigenen CD-Rom-Version konnte die Talfahrt nicht mehr aufhalten. Sie endete noch im selben Jahr mit dem Verkauf des Traditionsunternehmens an einen Schweizer Investor.

Für Computer- und Internetfans folgte eine Ära der Freude: Die neuen Eigentümer passten sich dem Trend der Zeit an und gaben den Verkauf über Vertreter zu Gunsten der digitalen Version auf. Wer zu diesem Zeitpunkt die Britannica erwerben wollte, mußte sich mit einer Scheibe zufrieden geben oder den Weg ins World Wide Web gehen. Im Internet waren die Artikel zunächst sogar umsonst zu haben.

Heute werden drei verschiedene CD-Rom-/DVD-Versionen angeboten, und die Website der Encyclopædia Britannica ist allseits bekannt und beliebt – allerdings nicht mehr kostenlos zugänglich. Wer mehr als Appetithäppchen will, muss sich auf ein Abonnement einlassen. Dieses ist schnell und einfach abgeschlossen; die Kundenfreundlichkeit der Site und ihrer Betreiber ist durchaus bemerkenswert.

Nachdem die Entwicklung der elektronischen Britannica schon so weit vorangetrieben war, gab der Verlag 2002 wieder eine neue Devise aus: "Back to the roots". Nach vier Jahren rein digitaler Vermarktung kommt eine überarbeitete Neuauflage in gedruckter Form auf den Markt. Nun kann der geneigte Leser sich wieder am Anblick von fast anderthalb Metern Buch erfreuen und trotzdem auf dem letzten Stand sein – zumindest kurzfristig. In der Darstellung des deutschen Vertreibers sind gar die CD-Rom-Versionen nur noch eine "Ergänzung" zum "repräsentativen gedruckten Erzeugnis".

Was kann einen deutschen Leser bewegen, sich der Sprachhürde zum Trotz für die Encyclopædia Britannica zu entscheiden – egal ob digital oder gedruckt? Der Umfang ist in der Tat beeindruckend. Allein der zwölfbändige erste Teil, die "Micropædia", enthält bereits die Stichwortartikel eines kompletten Lexikons. Das richtig tief gehende Wissen ("Knowledge in Depth") steht in der 17 Bände umfassenden "Macropædia". Auf durchschnittlich zwanzig, gelegentlich bis zu 300 Seiten findet der Leser eine Art Überblicksvorlesung zu Themen wie "Telekommunikation", "Algebra" oder "Die Schweiz". So wird der Nachschlagende im besten Sinne zum Studierenden. Insgesamt kommen über 65000 Artikel mit mehr als 24000 Fotos, Karten und Illustrationen zusammen.

Zur Erschließung dieser Fülle gibt es einen zweibändigen Index der Luxusklasse: mit 700000 Einträgen, die zum Stichwort nicht nur Band und Seitenzahl, sondern auch die Spalte und die – obere oder untere – Spaltenhälfte nennen.

Der pädagogische Anspruch des Werkes zeigt sich am deutlichsten im "nullten Band", der "Propædia" oder "Outline of Knowledge". Es handelt sich um nichts weniger als den Versuch, die Gesamtheit des menschlichen Wissens säuberlich in zehn große Schubladen zu sortieren, die wieder in Unter- und Unterunterschubladen (divisions und sections) eingeteilt sind. Eine division des großen Wissensgebiets "Human Life" ist zum Beispiel "Stages in the Development of Human Life" mit den sections "Human Evolution" und "Human Heredity". Letztere enthalten Empfehlungen zum Weiterlesen in Micro- und Macropædia.

Wie sieht es mit Aktualität und Detailreichtum des gedruckten Werkes aus? Zumindest dem Kandidaten von "Wer wird Millionär?", der bei der Frage nach dem zweiten Vornamen der "Harry Potter"-Autorin Joanne K. Rowling sehr ins Schwitzen geriet, hätte das Werk geholfen. Die Dame heißt "Kathleen". Joschka Fischer wird mit einer ausführlichen Biografie gewürdigt. Diese bekommt allerdings nicht jeder Besitzer des Werkes zu Gesicht: Sie befindet sich in einem der jedes Jahr zusätzlich aufgelegten Bände "Britannica Book of the Year" – in diesem Fall von 1996. Für den Hauptteil ist unser Außenminister offensichtlich noch nicht lange genug im Geschäft. Schwieriger wird es, wenn schon die Frage nicht ganz klar ist: "Apropros Alarmanlagen. War da nicht irgendwann einmal etwas mit Gänsen, die einen Überfall verhinderten?" Unter welchem Stichwort sollte man da schauen? Gänse? Historische Überfälle? Hier hilft die elektronische Version, die schon auf die Suchbegriffe "geese" und "warning system" die Geschichte vom nächtlichen Überfall der Gallier auf Rom im Jahre 390 v. Chr. liefert.

Die Begeisterung über den Erfolg darf sich aber in Grenzen halten. Die Internet-Suchmaschine Google findet die Gänsegeschichte genauso schnell, sogar in wesentlich ausführlicherer Form, desgleichen den zweiten Vornamen von Frau Rowling. Und über Joschka Fischer findet man auf dessen eigener Website noch einiges mehr als nur seine Biografie.

Macht also eine gute Suchmaschine das ganze Lexikon entbehrlich? Ich glaube nicht. Die Encyclopædia beantwortet doch noch mehr Fragen als das Internet. Vor allem aber kann man den Antworten in (fast) jeder Hinsicht vertrauen.

Für Recherchezwecke ist die gedruckte Form der "Britannica" der digitalen eindeutig unterlegen. Letztere wird immerhin vierteljährlich aktualisiert; außerdem bietet sie vielfältige Suchstrategien, zusätzliche Bilder, Videos, Animationen, den Online-Zugriff auf mehrere tausend Zeitschriftenartikel, Videoclips und Verweise auf Zigtausende von Websites, die eigens von den "Britannica"-Redakteuren ausgewählt wurden.

Ist es also reine Nostalgie – vielleicht sogar Snobismus –, sich die Prachtbände ins Regal zu stellen? Vielleicht mag es ja Leute geben, die ganze Kapitel am Bildschirm lesen oder sich ausdrucken. Wenn es um Lernvergnügen und nicht nur um kurze Fakteninformation geht, dann ist für mich ein Buch in den meisten Fällen die bessere Wahl. Durch die pädagogische Sorgfalt der Redakteure fühlt sich der Leser eingeladen, sich einen Überblick über ganze Gebiete zu verschaffen und nicht nur schnelles Wissen abzugreifen. Wo ein Kapitel bis zu 300 Seiten lang sein kann, da ist die Buchform sehr willkommen. Und ganz ehrlich – ein bisschen Tradition und Nostalgie schadet nicht.

Die Herausgeber pflegen diese Tradition auf besondere Weise. Unter http://www.1911encyclopedia.org ist die Originalausgabe der "Britannica" von 1911 abzurufen – kostenlos.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 7 / 2003, Seite 95
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
7 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 7 / 2003

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