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Entzifferung der ältesten Schrift Amerikas

Die Inschrift der vor wenigen Jahren in Mexiko entdeckten Mojarra-Stele konnte nun großenteils entschlüsselt werden. Damit scheint die schon der Maya-Zeit entstandene erste Schrift der Neuen Welt weitgehend aufgeklärt.


Die gesellschaftlichen Grundlagen der eigenständigen Schriftentwicklung im Amerika der voreuropäischen Zeit finden sich nicht im Bereich der wirtschaftlichen Registratur (wie es für Frühformen der mesopotamischen Schriften vermutet wird), sondern in Religion (Kalender, Riten) und Militärpolitik (Eroberungen). Die Ursprungsregion dieser Schrift ist vermutlich die mexikanische Golfküste – der heutige Bundesstaat Tabasco und der Süden des Nachbarstaates Veracruz.

Hier bestand von etwa 1200 bis 600 vor Christus die Olmeken-Kultur, die durch monumentale Kopfporträts ihrer Herrscher berühmt geworden ist und der man aufgrund dieses und anderer Merkmale bereits den Organisationsgrad einer frühen Staatsform zubilligen muß. Doch über Ansätze einer Schriftentwicklung sind die Olmeken in ihren beiden Hauptzentren San Lorenzo und La Venta vermutlich noch nicht hinausgekommen: Mehr als einzelne Bildzeichen für Namen und einige wenige Begriffe läßt sich in den erhaltenen Dokumenten nicht erkennen.

Erst die anschließenden epi-olmekischen Kulturen, deren Verbreitungsgebiet sich noch ein Stück weiter nach Norden und im Süden bis ins heutige Guatemala erstreckte, schufen und hinterließen wirkliche Schrifttexte. Den Tageskalender, wie er sich später bei den klassischen Maya in höchster Blüte wiederfindet, hatten sie bereits voll ausgebildet.

In welcher Sprache die Epi-Olmeken geschrieben haben und ob ihre Schrift bereits wie die der Maya den Status einer Vollschrift erreicht hatte, war bisher jedoch umstritten. Immerhin hatten schon vor fast 20 Jahren Terrence Kaufman von der Universität Pittsburgh (Pennsylvania) und Lyle Campbell von der Staatsuniversität von New York in Albany vermutet, das Epi-Olmekische sei eine Vorform der heute noch gesprochenen Zoque-Sprachen. Wie sie nachweisen konnten, sind Kernbestandteile des mesoamerikanischen Kulturvokabulars (darunter "Kakao", "Tomate" und viele Kalendernamen) in den meisten Sprachen dieser Region Lehnwörter aus dem Zoque und dem eng verwandten Mixe. Daß Mixe und Zoque (oder ihre gemeinsame Vorform) die Sprache der damals höchstentwickelten Kultur dieses Raumes war, schien demnach wahrscheinlich. Für eine Schriftanalyse mangelte es jedoch an längeren Texten.

Dies änderte sich erst, als 1986 eine Stele aus dem Alluvialschlamm eines Flußarmes gezogen wurde. (Gerüchten zufolge soll sie in Wahrheit allerdings, wie es bei bedeutenden Neufunden leider meistens der Fall ist, aus einem vorgeschichtlichen Siedlungszentrum unbekannter Lage geplündert worden sein.) Der als "La Mojarra Stele 1" bekannte Monolith enthält eine lange, ausgezeichnet erhaltene Inschrift sowie das Bildnis eines Herrschers, dessen Leben, Kriegstaten und rituelle Pflichten offenbar beschrieben werden (Bild auf Seite 25).

Wie Kaufman und John Justeson von der Staatsuniversität von New York bei einer eingehenden Analyse nun herausgefunden haben, setzt sich der Text aus Silbenzeichen der Struktur Konsonant-Vokal sowie einigen Bildzeichen (vor allem für Eigennamen) und eingestreuten Kalenderdaten zusammen ("Science", Band 259, Seiten 1703 bis 1711, 19. März 1993). Bei der Entzifferung stützten sich die beiden Wissenschaftler so weit wie möglich auf die (leider dürftigen) Kenntnisse der damaligen Kulturen Mesoamerikas sowie auf die Systemeigenschaften der späteren, weitgehend entzifferten Maya-Schrift und die Inhalte von Maya-Texten.

Wegen ihrer Länge erlaubt die Inschrift, den angenommenen Silbenwert eines Zeichens in vielen Zusammenhängen auf Plausibilität zu prüfen. Auf diese Weise konnten Justeson und Kaufman, indem sie von den Silben zu ganzen Wörtern voranschritten, den Sinn einzelner Aussagen aufklären und zeigen, daß sie zum chronologischen Raster der eingestreuten Kalenderdaten passen.

Gerade eine auf den ersten Blick abwegig anmutende Passage der Inschrift spricht dabei für die Richtigkeit der vorgeschlagenen Lesung. Sie besagt, der abgebildete König habe sich den durchbohrt, um sein eigenes Blut fließen zu lassen. Tatsächlich ist diese merkwürdige rituelle Sitte von Maya-Königen vielfach verbürgt.

Die beiden Wissenschaftler liefern noch viele weitere Beispiele für Einzellesungen und Satzaussagen der geschilderten Art. Wie sie nachweisen, ergeben diese Lesungen nur dann einen Sinn, wenn man Lautstruktur und Grammatik einer Vorform des Zoque zugrunde legt. Dies steht in Einklang mit der früheren Vermutung von Kaufman und Campbell über die Sprache der Epi-Olmeken.

In den strukturellen Eigenschaften und in fast allen anderen Merkmalen gleicht die epi-olmekische Schrift derjenigen der Maya, obwohl die Form der Zeichen und die ihnen zugrundeliegende Sprache völlig unterschiedlich sind. Demnach müßten die Erfinder dieser Schrift die Maya über Sprach-, Kultur- und wohl auch politische Grenzen hinweg beeinflußt haben. Dies hätte kulturgeschichtlich interessante Implikationen – würde es doch bedeuten, daß während der kurzen Zeit der Koexistenz und Nachbarschaft von späten Epi-Olmeken und formativen Maya ein enger kultureller Kontakt zwischen ihnen bestanden hat. Dafür gab es bisher kaum archäologische Belege.

Für eine lückenlose Gesamtlesung der Inschrift reichen die erzielten Entzifferungen noch nicht aus. Justeson und Kaufman stellen jedoch weitere Veröffentlichungen in Aussicht. Da sie Regeln und Systemeigenschaften der Schrift herausgearbeitet haben, kann ihr endgültiger Erfolg wohl nur noch dadurch vereitelt oder hinausgezögert werden, daß so wenige Texte zur Verfügung stehen. Außer der Inschrift auf der Stele Mojarra 1 kennt man bisher nämlich nur einige wenige Weihe(?)-Inschriften auf Kleingeräten und Schmucksteinen, so daß viele Bildzeichen mangels Vergleichsmöglichkeiten vorerst vieldeutig bleiben. Die Entdeckung weiterer Monumentalinschriften wäre deshalb sehr willkommen. Zudem sollten die Mixe- und Zoque-Sprachen eingehend sprachwissenschaftlich erforscht und dokumentiert werden, bevor sie der fortschreitenden Modernisierung des ländlichen Mexiko zum Opfer fallen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1994, Seite 25
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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