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Marssonden: Erkundung des Roten Planeten

Die Marsforschung macht mobil: Zwei kleine Fahrzeuge und ein stationäres Labor werden in den kommenden Wochen auf unserem roten Nachbarplaneten landen und dort nach Wasser und eventuellen Resten primitiven Lebens suchen.


Vor sechs Jahren sorgte die erfolgreiche Landung von Mars Pathfinder auf unserem roten Nachbarplaneten für Furore.

Als die Sonde im Ares Vallis niederging und dann das kleine Fahrzeug Sojourner über die staubige Gerölllandschaft zuckelte, war eine zwei Jahrzehnte währende Pechsträhne in der Marsforschung zu Ende gegangen. Die US-Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa hatte die Landung medienwirksam auf den 4. Juli 1997, den amerikanischen Nationalfeiertag, gelegt. Abgesehen von dem wissenschaftlichen Erfolg der Mission konnten so auch zwei politische Ziele erreicht werden: Die USA demonstrierten die Überlegenheit ihrer Technologie, und die Nasa konnte ihr durch Sparzwänge und Fehlschläge beschädigtes Ansehen aufpolieren.

Nun wagt die Nasa einen neuen Versuch – mit zwei Sonden gleichzeitig. Am 10. Juni startete von Cape Canaveral die Mission Mars Exploration Rover A (mit Spitznamen Spirit). Vier Wochen später, am 8. Juli, folgte die Schwestersonde Mars Exploration Rover B, genannt Opportunity. Beide Sonden werden im Januar 2004 Landeroboter zur Erforschung der Marsoberfläche absetzen. Dieses Mal ist die Nasa jedoch nicht alleine: Bereits am 2. Juni brachte eine russische Trägerrakete vom Weltraumbahnhof in Baikonur (Kasachstan) die Mission Mars Express der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa auf den Weg zu unserem äußeren Nachbarplaneten. Die Ankunft dort ist für den 25. Dezember vorgesehen.

Mars Express ist die erste europäische Mission, die auf einem anderen Himmelskörper landet. Sie gilt zugleich als Prototyp für so genannte flexible Missionen der Esa im Rahmen ihres Langzeit-Wissenschaftsprogramms "Horizon 2000 plus". Mit derartigen Unternehmungen, die kostengünstig und mit kurzer Vorbereitungszeit durchgeführt werden sollen, will die Esa auf aktuelle wissenschaftliche Fragestellungen reagieren.

Internationale Kooperation

Auch wenn die drei Raumsonden gleichsam als Wettläufer auf Mars zurasen, handelt es sich hier nicht um einen kämpferischen Wettstreit zwischen den Nationen, wie wir ihn von den Mondlandeprogrammen der USA und der damaligen UdSSR zu Zeiten des Kalten Kriegs kennen. Raumfahrtmissionen sind zwar noch immer Prestigeprojekte, doch längst keine politischen Konkurrenzveranstaltungen mehr. Die Vereinigten Staaten, die Europäische Union und auch Russland arbeiten auf vielen Gebieten der Wissenschaft und der Raumfahrt eng zusammen – nicht nur bei der Internationalen Raumstation ISS. Und die Unternehmungen der Esa brauchen sich hinsichtlich technischem Anspruch und wissenschaftlicher Ausbeute längst nicht mehr hinter denen der Nasa zu verstecken. Im Gegenteil: Dort, wo die beiden Raumfahrtbehörden gleichartige Missionen durchgeführt haben wie etwa in der Röntgen- und Gammastrahlenastronomie, haben die wissenschaftlichen Ergebnisse der Europäer diejenigen aus Übersee mitunter weit übertroffen.

Die Ziele der drei aktuellen Marsmissionen – denen in den nächsten zehn Jahren weitere folgen werden – weisen viele Gemeinsamkeiten, aber auch einige Unterschiede auf.

Die europäische Sonde Mars Express soll wichtige neue Daten zur Geologie, Mineralogie und Atmosphäre des Mars liefern sowie nach Spuren von Wasser suchen. Es gibt starke Hinweise darauf, dass der Rote Planet in seiner Frühzeit über einen großen Ozean verfügte, aber im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte das Wasser auf noch unbekannte Weise verschwunden ist. Womöglich lassen sich unter der Marsoberfläche noch Reste davon finden – und vielleicht sogar Indizien für einst vorhandenes Leben. Umfangreiche Messungen nimmt der Orbiter von Mars Express vor, der den Planeten in einer polaren, elliptischen Umlaufbahn umrunden soll. Zusätzlich zu dieser Fernerkundung wird eine Landeeinheit namens Beagle 2 – so benannt in Anlehnung an das Expeditionsschiff Beagle, mit dem der Biologe Charles Darwin in den 1830er Jahren Hinweise für seine Evolutionstheorie zusammentrug – den Marsboden direkt untersuchen und auch in die Tiefe graben. Von den Ergebnissen erhoffen sich die Wissenschaftler Auskunft über die Entwicklungsgeschichte des Planeten. Wenn sie beispielsweise herausfinden könnten, warum das Wasser von der Marsoberfläche verschwunden ist, so könnten sie daraus schließen, ob den irdischen Ozeanen vielleicht ein ähnliches Schicksal bevorsteht.

Auch die beiden Nasa-Sonden Spirit und Opportunity setzen je eine Landeeinheit ab. Im Gegensatz zu Beagle 2, die ortsfest ist, werden die beiden Landefahrzeuge mehrere hundert Meter auf der Marsoberfläche zurücklegen können. Auch sie untersuchen die Morphologie und Zusammensetzung des Gesteins in der Hoffnung, Spuren von Wasser zu finden. Allerdings können sie nur auf der Oberfläche suchen und nicht den Untergrund anbohren. Diesem Nachteil steht jedoch die großräumige Mobilität gegenüber. Auf diese Weise ergänzen sich die Esa- und die Nasa-Missionen: Durch die unterschiedliche Herangehensweise stehen der Wissenschaftlergemeinschaft letztlich umfangreichere Informationen zur Verfügung, als wenn man gleichartige Messverfahren eingesetzt hätte.

Hopplige Landung

Für das Absetzen der Bodensonden greifen die Nasa und die Esa auf eine Technik zurück, die sich bereits bei Mars Pathfinder bewährt hat: Die Landeeinheiten werden nach dem Eindringen in die dünne Marsatmosphäre mittels Fallschirmen abgebremst. Kurz vor dem Bodenkontakt zünden Rückstoßdüsen, welche die Geschwindigkeit noch weiter reduzieren. Sodann blasen sich robuste Airbags auf, um die Wucht des Aufpralls zu dämpfen. Durch die elastischen Ballons federn die Landeeinheiten zurück und hopsen in immer kleineren Sprüngen über die Marsoberfläche, bis sie schließlich zum Stillstand gelangen. Nachdem die Schutzhüllen geöffnet wurden, können die wertvollen Instrumente mit ihren Messungen beginnen.

Die Nasa-Ingenieure vergleichen die einzelnen Komponenten der beiden Rover gern mit menschlichen Körperteilen. "Hals" und "Kopf", das so genannte Pancam Mast Assembly, tragen eine Panoramakamera, die das Jet Propulsion Laboratory in Pasadena (Kalifornien) konstruiert hat. Mit ihrer 360°-Rundumsicht aus einer Höhe von 1,4 Metern wird die Kamera den Wissenschaftlern auf der Erde quasi die Sichtweise eines Geologen vermitteln können, der auf der Marsoberfläche steht. Nach Auswahl der interessantesten Gesteinsbrocken in der näheren Umgebung des Fahrzeugs kann der Rover dann seine nächsten Ziele ansteuern.

Spektakuläres Minilabor

Die Panoramakamera besteht aus zwei Digitalkameras mit CCD-Sensoren (charge coupled devices) hoher Auflösung, die wie das Augenpaar eines Menschen Stereobilder erzeugen können. Wenngleich jede Kamera nur 270 Gramm Masse hat, liefert sie Bilder, die 4000 Pixel hoch und 24000 Pixel breit sind. Das entspricht der dreifachen Auflösung der Sojourner-Kamera. Somit werden die Rover noch spektakulärere Aufnahmen von der Marsoberfläche liefern als jene, die uns Sojourner vor sechs Jahren ge-sendet hat.

Der "Hals", der die Panoramakamera trägt, dient zugleich als Periskop für ein weiteres Fernerkundungsinstrument: Über Spiegel wird Infrarotstrahlung zu einem kleinen Spektrometer geleitet, das sich im Körper des Rovers befindet. Dieses so genannte Mini-TES (Miniature Thermal Emission Spectrometer) kann anhand der Wärmestrahlung der Gesteine und des Bodens Vorkommen und Häufigkeit bestimmter Minerale ermitteln. So hofft man, mit Mini-TES auch Karbonate und Lehmsorten aufzuspüren, die sich normalerweise unter der Einwirkung von Wasser bilden.

Zu den weiteren Gliedmaßen des Rovers gehört ein Roboterarm, der wie ein menschlicher Arm mit drei Gelenken versehen ist: Schulter, Ellbogen und Handgelenk. An der "Hand" befinden sich vier kleine Geräte. Eines ist eine Fräse, das Rock Abrasion Tool (RAT). Es ähnelt einer Schleifscheibe, die selbst in hartes Gestein ein Loch von fünf Millimeter Tiefe und 45 Millimeter Durchmesser fräsen kann. Sobald die Arbeit des RAT beendet ist, können die drei Messinstrumente, die sich ebenfalls an der Hand des Rovers befinden, die freigelegte Oberfläche des Gesteins untersuchen.

Ein miniaturisiertes Mößbauer-Spektrometer, gebaut von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, kann den Gehalt eisenhaltiger Minerale im Gestein feststellen (siehe Kasten auf Seite 75). Dadurch bekommen die Wissenschaftler Hinweise auf die Rolle von Wasser während der Gesteinsentstehung, und sie können abschätzen, bis zu welcher Tiefe atmosphärische Einflüsse im Nachhinein den Marsboden verändert haben.

Mehrere Monate Messzeit

Das Alphateilchen-Röntgenspektrometer (APXS), konstruiert vom Max-Planck-Institut für Chemie, ebenfalls in Mainz, ist eine weiter entwickelte Version des Instruments, das sich an Bord von Sojourner befunden hat und als "Schnüffler" bekannt geworden ist. Der Messkopf enthält radioaktives Curium-244, das die Oberfläche des Gesteins mit Alphateilchen und Röntgenstrahlung bombardiert. Das beprobte Gestein sendet dann seinerseits Röntgenstrahlung aus, deren Spektrum von dem Gerät analysiert wird. Auf diese Weise erhalten die Wissenschaftler Auskunft über die chemische Zusammensetzung der untersuchten Gesteine. Die Mikroskopkamera schließlich, konstruiert vom Jet Propulsion Laboratory, ist ein für diese Art von Mission schon fast banales Instrument, allerdings von entscheidender Wichtigkeit für die geologische Untersuchung. Es liefert Oberflächenbilder der angeschliffenen Marsgesteine, auf denen man deren mikroskopische Struktur erkennen kann. Handelt es sich um Sedimente, lässt sich daraus wiederum erschließen, ob es einst Seen oder Wasserläufe auf der Marsoberfläche gegeben hat.

Jeder der beiden Rover soll mindestens neunzig Marstage im Einsatz sein. (Ein Marstag ist mit 24 Stunden und 37,4 Minuten etwas länger als ein Tag auf der Erde.) Doch wenn es der Zustand der Fahrzeuge und der Instrumente erlaubt, wird die Nasa die Mission bis über den April 2004 hinweg fortführen.

Das Pendant der Esa soll nach seiner Landung Ende Dezember mindestens sechs Monate lang den Marsboden analysieren. Beagle 2 wird auf der Isidis Planitia niedergehen, einer Tiefebene auf der nördlichen Hemisphäre des Mars. Anders als die beiden Nasa-Rover wird Beagle 2 am Landepunkt verbleiben. Er ist nicht mobil, und sein Aussehen gleicht einer aufgeklappten Muschel.

Beagle 2 sucht Lebensspuren

Nachdem die beiden Viking-Sonden der Nasa Mitte der 1970er Jahre erstmals – und vergeblich – direkt nach Lebensspuren auf der Marsoberfläche gesucht haben, wird Beagle 2 nun einen erneuten Versuch unternehmen. Wenn es jemals mikrobielle Lebensformen auf dem Roten Planeten gegeben hat, dann könnte ihre biologische Aktivität chemische Spuren hinterlassen haben. Hinweise darauf glaubten Wissenschaftler bereits in Me-teoriten gefunden zu haben, die offenbar vom Mars stammen (siehe Spektrum der Wissenschaft 9/1996, S. 112 und 2/1998, S. 70). Die Instrumente von Beagle 2 werden zum einen nach Resten komplexer organischer Verbindungen suchen, die beim Zerfall biologischen Materials entstehen. Zum anderen analysieren sie das Verhältnis der Kohlenstoffisotope C-12 und C-13. Auf unserem Heimatplaneten nämlich hat die biologische Aktivität das natürliche Verhältnis dieser beiden stabilen Kohlenstoffisotope verschoben: Leben auf der Erde bevorzugt das leichtere Isotop C-12. Falls es also gelingen sollte, in Proben des Marsgesteins oder -bodenmaterials Strukturen zu finden, deren C-12-Anteil höher ist als der von Kohlenstoffverbindungen in der Umgebung, so hätte man ein bedeutendes Indiz dafür gefunden, dass der Rote Planet einst Leben beherbergt hat.

Gleich nach der Landung wird Beagle 2 das umgebende Gelände mit einem Stereokamerasystem sondieren, das auf einem Gelenkarm montiert ist. Die Wissenschaftler auf der Erde können anhand dieser Aufnahmen interessante Steine und Bodenstrukturen für die nähere Untersuchung auswählen. Materialproben können sowohl von der Oberfläche als auch aus dem Untergrund entnommen werden. Felsbrocken werden zunächst mit einer Schleifscheibe bearbeitet, um grobes Material zu entfernen und das Innere freizulegen. Ein spezieller Bohrer, den das DLR-Institut für Raumsimulation in Köln gemeinsam mit russischen Kollegen unter dem Namen Pluto (Planetary Underground Tool) entwickelt hat, kann Proben noch aus 1,5 Meter Tiefe entnehmen. Anstatt ein Bohrgestänge dieser Länge einzusetzen, haben die Wissenschaftler ein Gewicht sparendes "Maulwurfprinzip" angewandt: Pluto besteht aus einem kompakten zylindrischen Eindringkörper mit Kegelspitze, der sich selbsttätig in den Untergrund vorarbeitet und nur per Kabel mit dem Beagle-2-Landegerät verbunden bleibt.

Im Laufe der Mission soll Pluto drei Proben aus dem Untergrund entnehmen und sie mittels des Greifarms dem Gas Analysis Package (GAP) im Inneren des Landegeräts zur Untersuchung vorlegen. Dieser Gasanalysator – entwickelt von der Open University in Milton Keynes (Großbritannien) unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für Aeronomie in Katlenburg-Lindau – erhitzt die Proben schrittweise und untersucht das bei der Verbrennung von Kohlenstoffverbindungen frei werdende Kohlendioxidgas in einem Massenspektrometer auf seinen Anteil an C-12 und C-13. Reste organischen Materials geben sich dabei zu erkennen, indem sie Kohlendioxid bei geringerer Temperatur freisetzen, als es bei anorganischem Karbonatgestein der Fall ist.

Unterstützung durch den Orbiter

Beagle 2 verfügt ferner über mehrere Messinstrumente zur chemischen und mineralogischen Untersuchung des Gesteins und Bodenmaterials: ein Röntgen-Fluoreszenz-Spektrometer, eine Mikroskopkamera und – wie die beiden Rover – ein Mößbauer-Spektrometer. Sensoren für die Bestimmung der Umweltbedingungen und der solaren UV-Strahlung komplettieren die Analysegeräte.

Während Beagle 2 und die beiden amerikanischen Landefahrzeuge die Marsoberfläche direkt untersuchen, wird der in der Umlaufbahn verbliebene Orbiter der Mars-Express-Mission mindestens zwei Jahre lang eine umfangreiche Fern-erkundung durchführen. An Bord sind sieben Instrumente mit herausragenden Eigenschaften, mit denen sich die Wissenschaftler einen Durchbruch in der Marsforschung erhoffen.

Das Radar-Experiment Marsis (Mars Advanced Radar for Subsurface and Iono-sphere Sounding), dessen vierzig Meter lange Antenne Radiowellen im Frequenzbereich von 1,3 bis 5,5 Megahertz aussendet, kann auf der Nachtseite des Planeten dessen obere Schichten bis zu einer Tiefe von 5000 Metern sondieren.

Wo ist das Wasser geblieben?

Auf der Tagseite des Mars erlaubt das Radar-Experiment die Untersuchung der Hochatmosphäre; so wird etwa die Elektronendichte in der Ionosphäre gemessen und der Einfluss des Sonnenwindes – eines stetigen Stromes geladener Teilchen, der von der Sonne ausgeht – auf die obere Marsatmosphäre bestimmt. Marsis wurde unter der Leitung der Universität La Sapienza in Rom entwickelt. Mit diesem Experiment möchten die Wissenschaftler vor allem prüfen, ob ein Teil des einst auf der Marsoberfläche reichlich vorhandenen Wassers in das Planeteninnere gesickert ist. Die Radarwellen durchdringen die Oberfläche und werden von etwaigen Hindernissen reflektiert. Durch gleichzeitiges Aussenden zweier unterschiedlicher Frequenzen und Analyse der jeweiligen Echos lassen sich die elektrischen Eigenschaften der reflektierenden Oberfläche bestimmen, aus denen man dann den Übergang von Gestein zu Wasser erkennen kann.

Die Instrumentengruppe Aspera (Analyzer for Space Plasmas and Energetic Atoms) registriert die Dichte von Ionen, Elektronen und energiereichen neutralen Teilchen in der oberen Atmosphäre des Mars. Sie soll ebenfalls den Einfluss des Sonnenwindes untersuchen und dabei die Frage klären helfen, wie genau dem Planeten seine einstmals dichtere und feuchtere Atmosphäre abhanden gekommen ist. Bisher weiß man nur, dass offenbar das fehlende Magnetfeld ursächlich war. Unsere Erde zum Beispiel wird durch ihr Magnetfeld geschützt, das den Strom geladener Partikel von der Atmosphäre fernhält. Der Mars indes ist diesem Teilchenbombardement schutzlos ausgeliefert: Die geladenen Partikel prallen ungehindert auf die Atmosphäre und reißen die Atome mit sich weg ins Weltall. Wenngleich dieser Prozess grundsätzlich verstanden ist, so ist doch unklar, ob er alleine ausgereicht hat, die Dichte der Marsatmosphäre auf den heutigen Wert zu verringern und das Wasser von der Oberfläche des Planeten verschwinden zu lassen.

Um die Informationen über die Marsatmosphäre zu vervollständigen, untersucht das in Frankreich gebaute UV- und Infrarot-Spektrometer Spicam (Spectroscopic Investigation of the Atmosphere of Mars) deren Wasserdampfgehalt und Oxidationsfähigkeit. In der Tat ist die Marsatmosphäre sehr aggressiv. So werden Atome an Oberflächen leicht ionisiert. Dieses Phänomen verleiht dem Mars seine rote Farbe, da es das gesamte im Boden enthaltene Eisen rosten lässt. Mit großer Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dem Oxidationsstoff um das Radikal OH, das bei der Spaltung von Wasserdampfmolekülen durch die ultraviolette Strahlung entsteht.

Unter italienischer Leitung steht das Planeten-Fourier-Spektrometer (PFS). Dieses Instrument soll untersuchen, wie Temperatur und Druck der Marsatmosphäre mit der Höhe variieren, wie viel Staub sie enthält und wie sich ihre chemische Zusammensetzung ändert. Das PFS analysiert dazu die Marsatmosphäre im Spektralbereich von 1,2 bis 45 Millimeter Wellenlänge und ermittelt so die Anteile von Wasserdampf, Kohlenmonoxid, Methan und Formaldehyd.

Erste 3-D-Farbkarte des Mars

Das Infrarotspektrometer Omega (Observatoire pour la minéralogie, l’eau, les glaces et l’activité), das unter französischer Leitung für die missglückte Mars-96-Mission entwickelt worden war und nun erneut zum Einsatz kommt, wird vom Orbiter aus die Zusammensetzung der Marsoberfläche untersuchen. Die bisher gesammelten Daten über Silikate, Basalte und Eisenoxide, den Hauptbestandteilen der Marsoberfläche, sind eher vage. Omega wird nun erstmals genauere Erkenntnisse erlangen. Insbesondere hoffen die Wissenschaftler darauf, mit diesem Instrument Karbonate nachweisen zu können, die ein starkes Indiz für das Vorkommen von Oberflächenwasser wären. Zudem können die von Omega aufgezeichneten Spektren die PFS-Daten ergänzen: Ein Teil der von der Marsoberfläche emittierten Wärmestrahlung wird nämlich in der Atmosphäre absorbiert, sodass das registrierte Spektrum auch Informationen über die Gashülle des Planeten enthält.

Eine hochauflösende Stereokamera (High Resolution Stereo Camera, HRSC) hat das DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin für den Mars-Express-Orbiter beigesteuert. Mit ihr kann erstmals systematisch eine 3-D-Farbkarte einer Planetenoberfläche erstellt werden. Höhenstrukturen lassen sich mit diesem Instrument mit einer Genauigkeit von zehn bis vierzig Metern erfassen. Ein zusätzliches Teleobjektiv kann noch zwei bis drei Meter große Gegenstände auf der Marsoberfläche erkennen. Bettet man diese ultrahochaufgelösten Bilder in die farbigen Stereodaten ein, lassen sich Oberflächenstrukturen von der Größe einer Garage identifizieren. Damit können die Wissenschaftler die Geomorphologie des Planeten in bisher nicht erreichter Genauigkeit analysieren. Insbesondere erhoffen sie sich dadurch weitere Erkenntnisse über die Klimageschichte des Planeten, die sich am heutigen Oberflächenrelief ablesen lässt.

Das Experiment MaRS (Mars Radio Science) schließlich nutzt die Datenübertragung des Orbiters zur Erde, um die Funkwellen auf feinste Veränderungen zu untersuchen, die beim Passieren der Signale durch die Atmosphäre und das Schwerefeld des Mars entstehen. Entwickelt hat das Experiment das Institut für Geophysik in Köln in Zusammenarbeit mit der Universität der Bundeswehr in München.

Modelllabor für die Wissenschaft

All diese Experimente starten gewissermaßen einen Großangriff auf die Geheimnisse, die der Mars noch birgt. Vo-rausgesetzt, alles verläuft nach Plan, dann werden die Messdaten, die uns in den nächsten Monaten von unserem Nachbarplaneten erreichen, unser Wissen über diesen erdähnlichsten aller Himmelskörper im Sonnensystem beträchtlich erweitern. Zugleich wird damit der Boden bereitet für die nachfolgenden Marsmissionen, die in den nächsten Jahren starten sollen. Der Mars wird sich dadurch in ein einzigartiges Modelllabor für die Wissenschaft verwandeln, in dem sich umfassende neue Erkenntnisse über planetarische Geologie und möglicherweise auch Exobiologie gewinnen lassen. Dies wiederum wird zu einem besseren Verständnis der geologischen und klimatischen Vorgänge auf der Erde führen. Denn um unseren Heimatplaneten, seine Vergangenheit und seine Zukunft besser verstehen zu können, bedarf es einer Sicht, die wir nur erlangen können, wenn wir uns von ihm lösen und ihn im Kontext aller Planeten in unserem Sonnensystem betrachten.

Literaturhinweise


Die unirdischen Landschaften des Mars. Von Arden L. Albee in: Spektrum der Wissenschaft 7/2003, S. 42.

Express zum Mars. Von Lutz Richter in: Astronomie Heute, März/April 2003, S. 24.

Die Pathfinder-Mission zum Mars. Von Matthew P. Golombek in: Spektrum der Wissenschaft 9/1998, S. 62.

Die Klimageschichte des Mars. Von Jeffrey S. Kargel und Robert G. Strom in: Spektrum der Wissenschaft 1/1997, S. 50.


In Kürze


- Der Mars ist von allen Planeten des Sonnensystems der Erde am ähnlichsten. Es gibt zahlreiche Indizien, dass er einst über beträchtliche Mengen an Wasser verfügte und womöglich einfache Formen von Leben beherbergte. Aber wo sind die Gewässer geblieben? Ist das Leben erloschen oder hat es sich mitsamt dem Wasser in die Tiefen des Planeten zurückgezogen?

- Drei Marsmissionen sollen diese Fragen nun beantworten helfen: Mars Express, ein Unternehmen der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa, sowie die beiden Nasa-Missionen Mars Exploration Rover A und B.

- Ein stationäres Modul namens Beagle 2 und zwei mobile Roboter werden auf Mars landen und Boden- und Gesteinsproben analysieren. Die Instrumente dieser drei Landeeinheiten werden durch umfangreiche Fernerkundungsexperimente an Bord des Mars Express Orbiters ergänzt.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003, Seite 70
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 2003

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 2003

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