Direkt zum Inhalt

Erntevernichtende Bio-Waffen

Auch biologische Waffen, die den Menschen nicht direkt bedrohen, bergen ein vernichtendes Potential. Die Zerstörung der Ernte kann für ein Land verheerende Folgen haben, nicht nur wirtschaftlicher Art. Doch anders als nukleares Material sind pflanzenpathogene Erreger relative leicht zu beschaffen und einzusetzen.

Der 25. November 1969 war ein denkwürdiges Datum in der Geschichte der Biowaffen-Kontrolle. Damals verkündete US-Präsident Richard Nixon, daß die Großmacht USA unilateral "auf den Einsatz tödlicher biologischer Waffen und Kampfstoffe sowie aller anderen Formen der biologischen Kriegsführung" verzichten würde. Offiziell begründet wurde dies mit der begrenzten militärischen Bedeutung solcher Waffen. Erst 1989 nannte der Harvard-Wissenschaftler Matthew S. Meselson, Molekularbiologe und Experte für Biologische Kriegsführung, vor dem US-Senat die wahren Gründe für den damaligen Verzicht: "Erstens konnten diese Waffen eine ähnlich hohe Bedrohung wie Kernwaffen darstellen; zweitens waren sie leichter und preiswerter zu entwickeln und herzustellen als Kernwaffen; und ganz entscheidend – das US-Bio-Angriffswaffenprogramm hätte sich leicht kopieren lassen…. Diese nüchterne Analyse führte zu der Erkenntnis, daß unser Bio-Waffen-Programm eine beträchtliche Bedrohung unserer eigenen Sicherheit darstellte."

Die US-Regierung definierte biologische Kriegsführung als "die gezielte Zucht oder Herstellung pathogener [krankheitserregender] Bakterien, Pilze, Viren, … und derer Toxine sowie bestimmter chemischer Wirkstoffe zu dem Zwecke, Krankheit oder Tod herbeizuführen. Doch sind biologische Waffen keine Erfindung der Neuzeit. Ihre Geschichte reicht mindestens bis in die Antike zurück. Römische Soldaten verseuchten mit Tierkadavern die Wasserressourcen des Gegners. Im Mittelalter wurden Pestleichen in die feindlichen Befestigungen katapultiert. Und vor dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg versuchten britische Siedler die indianische Urbevölkerung auszurotten, indem sie mit Pocken verseuchte Decken verteilten.

Nach allgemeiner Vorstellung liegt das grauenvolle Potential von B-Waffen noch immer in der gezielten Infektion ganzer Bevölkerungsteile mit tödlichen Seuchen wie Milzbrand (Anthrax) und Pest. Die Besorgnis wird auch deshalb geschürt, weil bereits einzelne Terroristen versucht haben, sich Ausgangsmaterial zu beschaffen. Aufgrund der Publicity dieser Vorfälle ist sich die breite- Öffentlichkeit der Gefährdung durch absichtlich verbreitete Mikroben bewußt, die den Menschen befallen. Kaum beachtet wird dagegen ein weiterer, weniger naheliegender Typ B-Waffen, trotz seines großen zerstörerischen Potentials. Er fällt unter jene "anderen Formen der biologischen Kriegsführung", die Nixon erwähnte, und umfaßt Kampfstoffe, die sich nicht gegen Menschen direkt, sondern gegen deren Nutzpflanzen richten.

Daß solche Erntevernichtungsmittel nicht unter "ferner liefen" rangieren, beschrieb eindrücklich Anfang der sechziger Jahre der Pflanzenpathologe J. E. van der Plank vom Forschungsinstitut für Pflanzenschutz im südafrikanischen Pretoria. Im Zusammenhang mit rapide sich ausbreitenden Pflanzenpathogenen "sprechen wir oftmals von einer explosiven Epidemie. In Friedenszeiten mag dies eine treffende Umschreibung sein, im Kriegsfall kann sie jedoch – im militärischen Sinne – zur grausamen Wirklichkeit werden. Ein Gegner verfügt über nur wenige Sprengstoffe, die es mit einem Pathogen aufnehmen können, das sich täglich um 40 Prozent vermehrt … und dies über mehrere Monate. … Viele Sporenarten verbreiten sich so leicht wie Rauch, … sie brauchen nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort ausgesetzt zu werden, und die Natur übernimmt den Rest: die Detonation".

Die unilaterale Absichtserklärung der Großmacht USA von 1969 war wegbereitend für das 1972 ins Leben gerufene Bio-Waffen-Übereinkommen (BWÜ, englisch: Biological and Toxin Weapons Convention, BTWC oder BWC). Die Unterzeichnerstaaten verpflichten sich hierin, Entwicklung und Produktion von B-Waffen einzustellen und sämtliche Bestände zu vernichten. Aber obwohl dem Abkommen inzwischen 141 Staaten beigetreten sind, ist in den letzten zehn Jahren die Besorgnis über die Risiken biologischer Kriegsführung beträchtlich gewachsen. Das Schreckgespenst des Terrorismus ist nur einer der Gründe dafür – ein anderer die Enthüllung, daß der Irak vor Ausbruch des Golfkrieges ein aktives biologisches Waffen-Programm unterhalten hat, auch für Mittel zur Erntevernichtung.

Die Arbeit an B-Waffen allgemein begann dort in den siebziger Jahren und erreichte zwischen 1985 und 1991 ihren Höhepunkt. Neben den für Menschen gefährlichen Seuchenerregern, wie Milzbrandbazillen, umfaßte sie bakterielle Toxine wie das Botulin, das Lebensmittelvergiftungen verursacht, und bestimmte Schimmelpilzgifte, die sogenannten Aflatoxine. Die Bemühungen bei Erntevernichtungsmitteln konzentrierten sich hauptsächlich auf Brandpilze der Gattung Tilletia, die bei Weizen zu Steinbrand führen. Steinbrand ist in vielen- Teilen der Welt "endemisch" verbreitet, tritt dort also immer wieder lokal be-grenzt- auf. Der Erreger befällt den Blütenstand der Weizenpflanze; sie bildet dann massenweise schwarze Pilzsporen, die sich mit dem Wind weiterverbreiten. Bei starkem Befall entstehen massive Ernteverluste. Vermutlich wollte der Irak diese Waffen gegen den Iran richten, wo Weizen die wichtigste Getreidesorte darstellt. Nebenbei besitzt Steinbrand einen ungewöhnlichen, militärisch interessanten Nebeneffekt: Der Erreger bildet leicht entzündliches Trimethylamin-Gas, das Erntemaschinen, die infiziertes Korn einsammeln, explodieren lassen kann.

Die Arbeit an solchen Waffen im Irak zeigt, wie ernst diese Form biologischer Kriegsführung zu nehmen ist. Wie Meselson bemerkte, kann selbst ein Land, das technisch nicht in der Lage ist, Atomwaffen zu produzieren, Kampfstoffe entwickeln, die unter Umständen verheerende Hungersnöte und gewaltige wirtschaftliche Schäden hervorrufen. Derartige B-Waffen lassen sich sogar zu einem gewissen Grade nach Maß schneidern.

Von allen bedeutenden Nutzpflanzen existieren nämlich zahlreiche lokale Sorten, die gewöhnlich an das jeweilige Klima und die Bodenverhältnisse angepaßt sind. Dabei unterscheiden sich die Sorten auch in ihrer Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten. Die Erreger haben sich ihrerseits in Stämme aufgespalten, die auf bestimmte Sorten spezialisiert sind. Indem ein Aggressor diese Eigenschaften geschickt nutzt, könnte er "intelligente Bomben" entwickeln, die ausschließlich die Hauptnahrungspflanzen des Gegners zerstören.

Spätestens die Spanische Grippewelle von 1918, die rund 20 Millionen Tote forderte, hat gezeigt, welche Bedrohung von Erregern ausgeht, die sich durch die Luft beziehungsweise durch sogenannte Tröpfcheninfektion verbreiten. Ganz ähnlich ist dies mit Pilzsporen; sie werden vom Wind verteilt oder mit dem

Regen von Blatt zu Blatt gespült. Viele besonders verhängnisvolle Pflanzenkrankheiten sind gerade durch Schadpilze verursacht. Was entsprechende B-Waffeneinsätze- zur Erntevernichtung anrichten- könnten, zeigt sich im Vergleich mit natürlichen Epidemien: In den Jahren 1845-1850 verursachte die von einem Pilz ausgelöste Kartoffelfäule die "Große Hungersnot" in Irland, in deren Verlauf über eine Million Menschen starben und eine weitere Million das Land verließ. Über zwei Millionen Menschen verhungerten zwischen 1942 und 1943 in Bengalen, als ein Teil des Reises durch den Pilz Bipolaris oryzae befallen wurde. Auch der wirtschaftliche Schaden kann bedeutend sein. 1970 verursachte der Pilz Helminthosporium maydis, der Erreger von Maisbrand, im Süden der USA Schäden im Wert von einer Milliarde US-Dollar. Periodisch wiederkehrende Epidemien von Getreiderost oder Getreidebrand bringen weltweit nicht selten Einbußen von Hunderten Millionen US-Dollar. Kaffeerost vernichtete im 19. Jahrhundert zahlreiche Pflanzenbestände in Südostasien und entwickelte sich in den letzten zwanzig Jahren in Lateinamerika zu einem großen Problem.

Eine durch B-Waffen ausgelöste Epidemie unter Nutzpflanzen dürfte wie ein natürlicher Befall erscheinen, so daß bei einem heimlichen Anschlag dem Aggressor nichts angelastet werden kann. Tückisch sind die Waffen auch in anderer Hinsicht, wenn eine Regierung für offene feindselige Maßnahmen gegen ein anderes Land öffentliche Zustimmung sucht, mag ein militärischer Schlag gegen- Pflanzen, ähnlich Wirtschaftssanktionen, psychologisch vertretbarer wir-ken- als direkte Angriffe auf lebende Personen. Milzbrandbazillen, in einer Großstadt freigesetzt, ließen hunderttausende Bewohner rasch auf qualvolle Weise sterben. Demgegenüber erscheint eine Zerstörung der Ernte, bei der Menschen nicht direkt betroffen sind, vergleichsweise harmlos.

Tatsächlich jedoch können auch diese Maßnahmen fatale Folgen haben. In einem armen Land, in dem Millionen von Menschen überwiegend von einer einzigen Getreidesorte wie Reis leben, führen drastische Einbußen der Ernte zu einem Mangel an Grundnahrungsmitteln, der besonders die einkommensschwachen Schichten trifft. Über die direkte- Bedrohung einer Hungersnot hinaus, schwächt Unterernährung die Abwehrkräfte gegen eine Vielzahl gewöhnlicher Krankheiten, und dann steht das Leid in der Bevölkerung dem eines Milzbrandangriffs nicht nach. Ein gezielter, gravierender biologischer Schlag gegen die Ernte kann in diesem Fall durchaus ähnlich viele Leben, wenn nicht mehr, kosten wie die direkte Infizierung einer Großstadtbevölkerung mit der Seuche. In jedem Fall richtet sich der Einsatz in erster Linie gegen die Zivilbevölkerung, wobei der Angreifer nicht einmal vorgeben kann, militärische Ziele avisiert zu haben.

Seit nunmehr hundert Jahren werden energische Versuche unternommen, eine internationale gesetzliche Kontrolle der Kriegsführung allgemein zu etablieren; der jüngste Erfolg ist das Verbot von Landminen. Vor allem geht es darum, Angriffe auf die wehrlose Zivilbevölkerung zu minimieren. B-Waffen jedoch würden eben diese Menschen am ehesten treffen. Eine scheinbar schmerzlose Form des Kriegs – ohne Explosionen, Kugeln, Minen oder Bomben – könnte in Wirklichkeit ein erschreckendes Massensterben auslösen.

Theoretisch sind biologische Kampfstoffe gegen Nutzpflanzen somit ein wichtiger Bestandteil des staatlichen Waffenarsenals – kein Wunder, daß dieses Potential schon seit etlichen Jahrzehnten weites Interesse gefunden hat. Frankreich begann beispielsweise 1921, biologische Waffen zu entwickeln, und nahm Ende der dreißiger Jahre auch die Kartoffelfäule (Bild S. 76) sowie den Kartoffelkäfer ins Programm (Bild S. 73 unten).

Großbritannien hingegen konzentrierte sich während des Zweiten Weltkrieges auf Milzbrand. Die im Rahmen dieses Programms durchgeführten Freilandversuche auf der Gruinard-Insel vor der schottischen Küste machten das Eiland 50 Jahre lang für Menschen unbewohnbar. Die bedenkliche Nähe zum Festland führte dazu, daß die Tests 1943 auf die Versuchsstation Suffield verlagert wurden, mitten in die freie Prärie der kanadischen Provinz Alberta. Ebenso investierten die Briten in die Entwicklung von Kampfstoffen zur Nutzpflanzenvernichtung, wobei sie sich auf diverse chemische Herbizide konzentrierten. Einige dieser Pflanzenvernichtungsmittel wurden in den fünfziger Jahren bei der Bekämpfung kommunistischer Rebellen in West-Malaysien verwendet. Letztlich bereiteten sie den USA den Weg für einen umfangreichen Einsatz chemischer Entlaubungsmittel im Vietnamkrieg, also in den sechziger und siebziger Jahren.

Auch im Deutschen Reich wurde während des Zweiten Weltkriegs an B-Waffen gegen Menschen wie auch gegen Nutzpflanzen geforscht. In einer nach dem Krieg durch die USA ausgearbeiteten Analyse heißt es: "Wahrscheinlich hatten die Forscher der Abteilung Kampfstoffe gegen Pflanzen mehr Pläne und Ideen entwickelt als jede andere. … Mehrfach und nachdrücklich wird ein möglicher Einsatz verschiedener Kampfstoffe gegen England betont, in einem Fall wird speziell Amerika erwähnt." Die Deutschen untersuchten zahlreiche Pflanzenkrankheiten – so die Kraut- und Knollenfäule an Kartoffeln, Reisbrand sowie verschiedene Arten Weizenrost – daneben aber auch einige Schadinsekten. Im Jahre 1943 war bereits ein groß angelegtes Programm zur Zucht von Kartoffelkäfern angelaufen. Aufzeichnungen weisen darauf hin, daß die Tiere wohl im Juni 1944 einsatzbereit gewesen wären – zu spät allerdings, um die britische Kartoffelernte desselben Jahres noch zu schädigen. Infolge der deutschen Kapitulation im Folgejahr unterblieb glück-licherweise die Erprobung.

Das japanische B-Waffen-Programm des Zweiten Weltkriegs war insbesondere von der berüchtigten Unit 731 geprägt. Die Angehörigen dieser Spezialeinheit nahmen Vivisektionen an Kriegsgefangenen vor und entwickelten auch gegen Menschen gerichtete biologische Kampf--stoffe. Über solche gegen Pflanzen blieben die Informationen lückenhaft, doch waren immerhin bis zu 100 Mitarbeiter mit der Erforschung zahlreicher Pflanzenpathogene und chemischer Herbizide beschäftigt. Der Schwerpunkt dabei lag auf Krankheiten, die amerikanische und sowjetische Nutzpflanzen befallen, insbesondere solche Sorten, die im nordwestpazifischen Raum wachsen. Besonders erfolgversprechend erschienen den Japanern, Weizen mit Brandpilzen und Nematoden (Fadenwürmern) zu infizieren. Dazu bauten sie eine Fabrik, die alljährlich mehr als 90 Kilogramm Sporen des Weizenrostpilzes produzieren konnte. Wie Staub durch den Wind verbreitet, hätten die Sporen beispielsweise die amerikanischen Weizenfelder über weite Strecken vernichten können.

Von den vierziger Jahren an bis zu jenem Kommuniqué Präsident Nixons im Jahre 1969 betrieben die USA eine beachtliche Bio-Waf-fen--Forschung, die auch umfangreiche Studien zur Erntevernichtung umfaßte. Nach Meinung Julian Perry Robinsons von der Universität Sussex in Brighton waren es gerade die vielversprechenden Ergebnisse bei Kampfstoffen zur Pflanzenvernichtung, die das gesamte B-Waffenprogramm aufrechterhielten, als diesem bereits in den Zeiten vor 1969 das Aus drohte.

Viele ehemals geheimen Details über das Potential amerikanischer Bio-Waffen sind heute der Öffentlichkeit zugänglich. Erstmals nach Öffnung der Akten er-wähnt- Robinson in einer Publikation über die Gefahren chemischer Kampfstoffe auch einige der bis dahin geheimgehaltenen Erkenntnisse über biologische Kriegsführung speziell gegen Nutzpflanzen. Auf weitere Angaben hierüber stieß einer von uns (Whitby) in Unterlagen über biologische Waffen allgemein, die andere Forscher entdeckt hatten. Das B-Waffenprogramm der USA befaßte sich mit zahlreichen Pflanzenkrankheiten, beispielsweise der Kartoffelfäule und der Sklerotienfäule, die zahlreiche Nutzpflanzen wie etwa Sojabohnen, Zuckerrüben, Süßkartoffeln und Baumwolle befällt. Hauptsächlich ging es jedoch um Pathogene gegen die Weizen-sorten im westlichen Bereich der Sowjetunion, speziell der Ukraine, sowie gegen die Reissorten in Asien, insbesondere in China.

Zwischen 1951 und 1969 lagerten die USA über 30 000 Kilogramm Sporen von Puccinia graninis tritici ein, einer Pilzart, die Weizenschwarzrost hervorruft. Diese Menge allein hätte vermutlich ausgereicht, sämtliche Weizenpflanzen der Erde zu infizieren. Als biologische Waffe eignet sich der Schadpilz besonders, weil seine Sporen selbst bei zweijähriger Lagerung im Kühlhaus keimfähig bleiben und weil er sich rasch ausbreitet, sobald er ausgesetzt wird. Aus einem einzigen befallenen Weizenkorn gehen allein bis zu 12 Millionen neue Sporen hervor. Als primären Kampfstoff gegen Reis wählten die Amerikaner den Erreger des Blattbrands, Pyricularia oryzae, von dem sie um 1966 nahezu eine Tonne staubkorngroßer Sporen gehortet hatten.

Neben den Keimen selbst entwickelten die USA teilweise raffinierte Systeme, um die Erntevernichter zu verteilen. Eines der frühesten war eine 500 Pfund schwere Bombe, die ursprünglich zum Abwurf von Propagandamaterial gedacht war. Statt Flugblätter trug dieser ungewöhnliche Flugkörper Vogelfedern, die mit winzigen Pilzsporen eingestäubt waren. Das Puder allein konnte bis zu einem Zehntel des Federgewichts ausmachen (Bild S. 75). Die USA testeten die "Federbombe" in Feldversuchen in Camp Detrick im Bundesstaat Maryland sowie auf dem US-Territorium der Jungferninseln. Freigesetzt in einer Höhe von 400 bis 500 Metern, schwebten die Federn großflächig verteilt zu Boden, wobei sie ihre Sporenfracht beim Auftreffen auf Pflanzen teilweise an die Blätter abgaben. Wie aus einem der nun freigegebenen Berichte von Camp Detrick hervorgeht, enthielt ein gefüllter Flugkörper dieser Art ausreichend Sporen, um beispielsweise am Boden eine Getreiderost-Epidemie auzulösen.

Andere US-Verfahren setzten auf spezielle unbemannte Heißluftballons, ausgestattet mit Geräten zur optimalen Verteilung von Erntevernichtungswaffen (Bild S. 74). Erreger von Pflanzenkrankheiten ließen sich auch direkt aus Jagdbombern des Typs F-100, F-105 oder F-4C versprühen – eine Methode, die die Amerikaner bereits in den fünfziger Jahren entwickelten und schließlich im Vietnamkrieg zum Ausbringen chemischer Herbizide einsetzten. Nach der unilateralen Verzichterklärung der amerikanischen Regierung wurde jedoch das gesamte amerikanische Bio-Waffen-Programm eingestellt. Im Gegensatz dazu hat die ehemalige UdSSR, laut Informationen von Überläufern, bis zu ihrer Auflösung 1991 aktiv an B-Waffen zur Vernichtung von Nutzpflanzen gearbeitet. Aber bis auf diese spärlichen Berichte war nur wenig über andere B-Waffen-Programme bekannt. Erst 1995, als die Irak-Sonderkommission der Vereinten Nationen wesentliche Fakten aufdeckte, gelangten weitere Informationen an die Öffentlichkeit.

Auch im 21. Jahrhundert müssen die Industrie- wie die Entwicklungsländer weiterhin damit rechnen, Opfer biologischer Kriegsführung gegen Nutzpflanzen zu werden. Bei den Aggressoren kann es sich sowohl um Nationen, als auch um politische Splittergruppen oder Terrorvereinigungen handeln.

Ein umfangreicher landwirtschaftlicher Beratungsdienst, wie beispielsweise in den USA, kann höchstwahrscheinlich das Auftreten von Pflanzenseuchen frühzeitig erkennen und durch Empfehlung teurer Pestizide wirksam bekämpfen. Denn die meisten Pflanzenkrankheiten, die sich schnell innerhalb einer Vegetationsperiode verbreiten, besitzen eine kurze Inkubationszeit und machen sich durch sichtbare Blattschäden leicht bemerkbar. Derartige Überwachungs- und Bekämpfungsmaßnahmen setzten natürlich gewisse finanzielle und infrastrukturelle Ressourcen voraus, die in ärmeren Ländern oft fehlen.

Aber auch hochentwickelte Industrienationen wie in Westeuropa oder Nordamerika sind verwundbar, weil ihre wichtigsten Nutzpflanzen meist nur in einer oder zwei Sorten angebaut werden, als landesweite Monokultur sozusagen. Deshalb können sich Erreger, die für eben diese Sorten pathogen sind, leicht zu Epidemien auswachsen, die sich auf den ganzen Kontinent ausweiten. Um die Ernten einer gesamten Region zu vernichten, müßte ein Aggressor lediglich einen einzigen Erregerstamm im richtigen Moment freisetzen, wenn Witterungsverhältnisse und das Wachstumsstadium der Pflanzen optimal sind. Selbst wenn die betroffene Nation den Ausbruch der Krankheit rechtzeitig bemerkt und erfolgreich bekämpft, könnte der ökonomische Schaden enorm sein.

Hinzu kommt, daß die Bedrohung noch wächst, weil die Fortschritte der Bio- und Gentechnologie allen interessierten Gruppen zu weiteren Möglichkeiten verhelfen, neue biologische Waffen zu konzipieren. Das Erbgut von Nutzpflanzen zu entziffern und die Interaktionen zwischen ihnen und den sie befallenden Erregern aufzuklären ist zwar Grundlagenforschung, die letztlich die Produktivität der Landwirtschaft steigern sollte, doch könnte sie – in den falschen Händen – zur Entwicklung effektiver B-Waffen mißbraucht werden. Denkbar ist beispielsweise, Erreger-Stämme gegen Kälte, Trockenheit oder herkömmliche Pestizide resistent zu machen.

Ein Arbeitspapier der Vereinten Nationen beispielsweise nennt zehn Erreger, welche die meisten bedeutenden Nutzpflanzen dieser Welt befallen können, als potentielle biologische Waffen. Zu den schädlichsten gehören auf Weizen spezialisierte Rostpilze sowie Brandpilze, die Reis und Zuckerrohr heimsuchen. Durch Biowaffen gefährdet sind ferner Mais, Kartoffeln, Kaffee, diverse Bohnenarten und Fruchtlieferanten, aber auch einige Nadelbäume, die ökonomisch bedeutende Holzlieferanten darstellen.

Nun, in der Ära nach dem Kalten Krieg, kann politischem Druck und wirtschaftlichen Sanktionen eine ebensolche Bedeutung zukommen wie eine direkte militärische Konfrontation. Die bloße Macht, die gegnerischen ökonomischen Ressourcen auf das Eindämmen beginnender Epidemien zu lenken, verleiht Erntevernichtungswaffen beträchtliche Schlagkraft. Somit sollte die Überwachung des Verbots solcher Kampfmittel wesentlicher Gegenstand der gegenwärtigen Bemühungen sein, das Bio-Waffen--Übereinkommen zu stärken. Es war zwar 1975 schon in Kraft getreten, doch ohne Kontrollmaßnahmen ist die Einhaltung kaum zu gewährleisten.

Seit 1991, knapp nach dem Ende des Golfkriegs, laufen in Genf entsprechende Verhandlungen. Eine entscheidende Maßnahme zur Kontrolle bestünde in einem effektiven Verifizierungsprotokoll. Es sähe die Errichtung einer speziellen Organisation vor; sie hätte Deklarationen der wichtigsten Institutionen und Anlagen zu bewerten, die sich zur Entwicklung von B-Waffen eignen. Sie würde außerdem rechtlich befugt sein, solche Meldungen vor Ort zu kontrollieren. Bei Bedarf wären zusätzliche "Verdachtsinspektionen" von Anlagen durchzuführen. Im militärischen Fachjargon ausgedrückt sollte die Organisation "jederzeit, überall und ohne Recht auf Zutrittsverweigerung arbeiten dürfen, wann auch immer der Verdacht einer Verletzung der geltenden Bestimmungen besteht."

Die USA, die Europäische Union und verschiedene andere Staaten treten entschieden für ein solches Verifizierungsprotokoll ein. Dies könnte einen Konsens noch vor dem Jahre 2001 anbahnen; dann findet die nun fünfte Überprüfungskonferenz des ursprünglichen Abkommens statt, die alle fünf Jahre ansteht. Eine Einigung ist allerdings nicht sicher. Neben beachtlichen technischen Schwierigkeiten, die ein Überprüfungsprotokoll aufwirft, sind noch eine Reihe politischer Probleme zu bewältigen.

Ein erheblicher Meinungsunterschied besteht zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern in der Frage nach Ausmaß und Umfang der wissenschaftlichen und technologischen Unterstützung. Weder darf das Protokoll zu einem Instrument- geraten, durch das fortschrittliche Technologien, die sich zur Waffenherstellung verwenden ließen, unkontrolliert von Besitzer- zu Nichtbesitzerstaaten fließen, noch sollte es den legitimen wissenschaftlichen Transfer zur friedlichen Nutzung verhindern. Zudem haben bereits große Biotechnologie-Unternehmen die Besorgnis geäußert, daß internes, kommerziell interessantes Wissen im Rahmen solcher Inspektionen nach außen dringt. Und manche Länder möchten sich vermutlich nach wie vor die Option erhalten, biologische Waffen herzustellen.

Falls die momentanen Bemühungen scheitern, wird die Welt mit der Aussicht konfrontiert, in einer Phase sich beschleunigenden wissenschaftlichen und technologischen Fortschritts die Kontrolle über eine große Gruppe Waffen mit Massenvernichtungscharakter zu verlieren. Als Konsequenz könnte in den folgenden Jahrzehnten ein breit gefächertes Arsenal neuer, verheerender Waffen entstehen. Und einige davon werden sich sicherlich genau gegen jene Pflanzen richten, von denen sich der größte Teil der Weltbevölkerung ernährt.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 1999, Seite 72
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
10 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 10 / 1999

Kennen Sie schon …

Impfungen - Erfolgreiche Strategie in Gefahr

Spektrum Kompakt – Impfungen - Erfolgreiche Strategie in Gefahr

Impfen rettet Leben: Das gerät offenbar gerade in Ländern mit guter Gesundheitsversorgung gern in Vergessenheit. Impfmüdigkeit und Impfskepsis führen dazu, dass längst eingedämmte Krankheiten wieder auftreten. Dafür macht die Impfstoffentwicklung bei Viren wie HIV oder Zika Fortschritte.

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

  • Infos