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Erosion im Hochgebirge und der strukturelle Wandel der Almwirtschaft

Mehr als spektakuläre Bergstürze gefährden schleichender Bodenabtrag die alpine Kulturlanschaft. Im Nationanlpark Brechtesgaden werden solche Schäden dokumentiert und ihre Ursachen erforscht.


Als er den Alpenraum zu besiedeln begann, fand der Mensch ein stabiles Hochgebirgsökosystem vor, das jedoch gegenüber Eingriffen in die natürliche Vegetation, wie eine land- oder forst-wirtschaftliche Nutzung sie zwangsläufig mit sich brachte, sehr empfindlich war. Die Umwandlung weiter Gebiete in eine Kulturlandschaft mit ausgedehnten Almregionen erhöhte mithin die Gefahr nachhaltiger Störungen insbesondere durch Bodenerosion und Massenbewegungen; das künstliche Ökosystem ist nur durch eine den natürlichen Gegebenheiten angepaßte Bewirtschaftung und intensive Pflege zu bewahren.

Spektakuläre Ereignisse wie der Bergsturz im oberitalienischen Veltlintal im Sommer 1987 werden in den Massenmedien zwar als Anzeichen einer zunehmenden Gefährdung des alpinen Lebensraumes durch den Menschen gewertet. Derartige Abtragsvorgänge gehören aber zum Wesen eines Hochgebirges und haben in der Regel natürliche Ursachen. Es sind vielmehr die schleichenden Veränderungen in der Kulturlandschaft, vor allem in den hochgelegenen Almregionen, die tiefgreifende und dauerhafte Schäden hervorrufen.

Zunehmende Industrialisierung, bessere Verdienstmöglichkeiten im Dienstleistungsgewerbe und eine naturräumlich bedingte ungünstigere Wettbewerbssituation gegenüber Betrieben im Flachland hatten in den vergangenen Jahrzehnten zur Folge, daß vielerorts die Almwirtschaft extensiviert oder völlig aufgegeben wurde. Hinzu kamen zunehmende Umweltbelastungen durch den Winter- und Sommertourismus.

Auf den Almen selbst macht sich die Beanspruchung des Ökosystems in den meisten Fällen vorerst nur in verstärktem Bodenabtrag bemerkbar. Langfristig hat die schleichende Destabilisierung jedoch weitreichende und schwerwiegende Konsequenzen. So bewirkt der teilweise oder völlige Verlust des wasserspeichernden Bodens, daß die sommerlichen Niederschläge vermehrt oberflächlich abfließen. Damit steigt die Hochwassergefahr in den Tallagen. Nicht selten lösen die ungebremst abfließenden Wassermassen aber auch Hangrutschungen in den tieferen Landschaftsbereichen aus, die Siedlungen und Verkehrswege unmittelbar gefährden können.

Blaiken – Indikatoren wirtschaftlichen Strukturwandels


Ein weithin sichtbares Zeichen steigender Instabilität der alpinen Kulturlandschaft ist die Zunahme sogenannter Blaiken auf extensiv genutzten oder brachliegenden Almen: durch beschleunigten Bodenabtrag entstandene vegetationslose oder nur schütter bewachsene Flächen am Hang (Bild 1 ) Im Rahmen eines durch den Nationalpark Berchtesgaden geförderten Untersuchungsprogramms zur Erfassung, Klassifizierung und Bewertung hochgebirgsspezifischer Massenverlagerungen untersuchen wir dort seit 1990 den Zusammenhang zwischen Blaikenbildung, natürlichen Bodeneigenschaften und Änderungen in der traditionellen Almwirtschaft.

Die Blaiken auf den steilen Grashängen der Almen im kalkalpinen Raum lassen sich nach Form und Ursprung in drei Grundtypen unterteilen (Bild 2), wobei freilich vielfach fließende Übergänge vorkommen.

Schneemassen können auf stark geneigten Almhängen (bei Steigungen von mehr als 35 Grad) mit Geschwindigkeiten abrutschen, die vom langsamen Gleiten bis zum Niederstürzen von Lawinen reichen. Dabei werden die meist flachgründigen, steinreichen Böden stark abgeschürft. An Steinen, vereinzelten Sträuchern oder Bodenverwundungen ansetzend, hobeln die Schneemassen zuerst Vegetationsdecke und Humusauflage und schließlich auch die obere Bodenzone ab. Die entstehenden Schneeschurfblaiken sind oftmals nur wenige Zentimeter tief und sehr unregelmäßig begrenzt, ziehen sich aber charakteristischerweise in Hangfallrichtung hin (Bild 1 links).

Schon das Einstellen der Mahd leistet dieser Zerstörung Vorschub. Die hochgewachsenen Gräser legen sich unter der Schneeauflast teppichartig um, was erosionswirksame Schneebewegungen erleichtert oder oft überhaupt erst ermöglicht. Aufkommende Sträucher oder Fichtenanflug, ja selbst einzelne ausgewachsene Bäume oder größere Steine können den Schnee nicht festhalten, sondern werden abgeschoben oder ausgehebelt, wodurch der Boden aufreißt; oft rutschen sie auch mit den Schneemassen weit hangabwärts und hinterlassen dabei vor allem auf lehmigen Böden tiefe Schurfrinnen. Die Bodenverletzungen bilden dann neue Ansatzpunkte für Erosion, sei es durch weitere Schneebewegungen oder Abspülung bei Regen.

Früher umfaßte die Almpflege außer der Mahd sowohl das Schwenden jungen Baumwuchses durch Ausreißen oder Fällen als auch das stetige Absammeln von Gesteinsbrocken auf steilen Wiesen und Weiden. Erosionsschäden, die trotzdem immer wieder auftraten, wurden durch Aufbringen von Heu oder Grasschollen weitgehend behoben. Wenn diese arbeitsintensiven Maßnahmen ausbleiben, sind verstärkte Schneeschäden unvermeidlich.

Ungenügend beaufsichtigtes Weidevieh oder Bergtouristen, welche die vorgesehenen Wege verlassen, verursachen dagegen Trittblaiken. Vor allem nach längeren Niederschlägen weichen Wanderer oft vom glitschigen Pfad ab, um nicht auszurutschen; gerade dann aber geben Bewuchs und Erdreich besonders leicht nach. Infolgedessen verwildern die Wege, und der Boden wird vor allem zwischen Serpentinen schließlich völlig abgetragen.

Durch die Angewohnheit der Rinder, annähernd horizontal zum Hang zu weiden, bilden sich in steilen Almbereichen parallel verlaufende Pfade, sogenannte Viehgangeln. Auch hier wird der plastische Boden bei feuchter Witterung leicht abgetreten, und der resultierende Narbenversatz bietet Ansatzpunkte für die Erosion. Außerdem sucht sich selbst überlassenes Vieh oft Standorte mit bevorzugten Futterpflanzen auf oder betritt steile Almflächen bei Nässe. So können auch wenige Tiere, die sich nicht gleichmäßig verteilen, einzelne Hangbereiche übermäßig abweiden und Blaiken entstehen lassen.

Auf stark begangenen Flächen geringerer Neigung bilden sich ebenfalls Trittblaiken. Hier ist der Grund jedoch, daß der Boden festgestampft und in seiner Struktur so homogenisiert wird, daß er kaum noch Feuchtigkeit aufnimmt und der Erosion durch oberflächlich abfließende Niederschläge preisgegeben ist. Die heute übliche Haltung von schwereren Rindern leistet dem zusätzlich Vorschub.

Die dritte Art von Blaiken schließlich entsteht besonders auf tiefgründigen lehmigen Böden, indem bis zu 40 Zentimeter mächtige quadratmetergroße Schollen samt Vegetationsdecke entlang präformierter hangparalleler Scherflächen abrutschen. Die resultierenden sogenannten Blattanbrüche zeichnen sich durch scharfe, sichelförmige Abrißkanten aus. Im Nationalpark Berchtesgaden haben die meisten Almen lehmige Böden – oft von Stauwasser beeinflußte Braunerden aus Verwitterungsprodukten mergelig-kieseliger Sedimente.

An solchen Standorten wurde in der Regel Hangschutt als geschichtetes Lockermaterial in mehreren Decken übereinander abgelagert. Die Untergrenze der Blattanbrüche fallt durchweg mit einem Schichtwechsel zusammen, an dem sich die Korngröße sprunghaft ändert oder die Lagerungsdichte nach unten hin plötzlich ansteigt. Damit sind die tieferen Bodenzonen standfester als die feinkörnigen und lockeren oberen, und der Boden weist eine vorgezeichnete hangparallele Labilitätszone gegenüber mechanischer Beanspruchung durch Schneebewegungen auf.

Auch dieser Blaikentyp hat im Gebiet des Nationalparks mit den Veränderungen in der Almbewirtschaftung zugenommen. Durch ungeregelte Beweidung infolge mangelnder Aufsicht breiten sich weniger schmackhafte Pflanzen, die das Vieh meidet, ungehindert aus. Dazu gehört insbesondere die wechselfeuchte Standorte bevorzugende, horstbildende Rasenschmiele (Deschampsia caespitosa). Ähnlich wie Sträucher bieten Grashorste einer Schneebewegung erheblichen Widerstand, ohne sie aufhalten zu können. So übertragen sie die Kräfte einer abrutschenden Schneedecke flächenhaft auf den Boden. Dadurch entstehen Setzungen oder meterlange Anrisse und bei entsprechender Schneemasse und Spannungszunahme im Boden schließlich Blaiken. Entlang der Schichtgrenze abgescherte Bodenschollen werden samt Schneedecke hangabwärts verlagert.

Während wir bis Ende 1991 auch nach mehrtägigem Starkregen keine nennenswerten Materialverschiebungen an gefährdeten Hängen im Nationalpark beobachtet hatten, stellten wir im Frühjahr 1992 eine deutliche Zunahme und Ausweitung von Blattanbrüchen fest. Wo abgerutschte Schneemassen sich aufgetürmt hatten, fanden sich jeweils zahlreiche quadratmetergroße Bodenschollen, deren Mächtigkeit durchweg derjenigen der feinkörnigeren oberen Bodenschichten entsprach.

Wir führen diese verstärkte Erosion auf den sehr schneereichen Winter 1991/ 92 mit bis zu drei Meter mächtigen Schneedecken zurück. Der drastische Bodenverlust bei Blattanbrüchen mindert die ökologische und ökonomische Qualität der betroffenen Standorte auf lange Sicht beträchtlich.

Almwirtschaft ist Landschaftsschutz


Am Beispiel der Blaikenbildung wird deutlich, daß sich die heutige Kulturlandschaft der Alpen mit ihrem abwechslungsreichen, attraktiven Nebeneinander von Wald- und Almbereichen sowie der entsprechenden pflanzlichen und tierischen Artenvielfalt nur durch permanente kundige Pflege erhalten läßt. Naturschützer plädieren häufig dafür, in ausgewählten Bereichen dieses infrastrukturell am besten erschlossenen Hochgebirges der Erde die Natur einfach wieder sich selbst zu überlassen und jegliche Nutzung einzustellen; dann könne, so die Argumentation, die natürliche Vegetation neuerlich aufkommen und die Landschaft ihre ursprüngliche Stabilität zurückerlangen. Anders als im Flachland brächte eine solche Verwilderung ohne aufwendige technische Begleitmaßnahmen über einen nicht bestimmbaren Zeitraum jedoch eher ökologische Nachteile mit sich. Ein weitreichender Bodenverlust auf den Almflächen, hervorgerufen durch schnell fortschreitende Erosion infolge von Schneebewegungen, könnte die erhoffte Wiederbewaldung erschweren oder sogar gänzlich verhindern.

Zum Schutz vor Blaikenerosion wäre außer Maßnahmen gegen einen übermäßigen Tourismus die Rückkehr zu traditionellen Arbeitsweisen in der Almwirtschaft wünschenswert. Dies diente nicht nur der Bewahrung der alpinen Almlandschaften, sondern auch dem Erhalt einer jahrhundertealten bergbäuerlichen Kultur. Allerdings müßte die Agrarpolitik geeignete ökonomische Rahmenbedingungen dafür schaffen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 5 / 1993, Seite 16
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
5 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 5 / 1993

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