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Erotik in der Kunst Griechenlands


Reicher und farbiger bebildert, zudem übersichtlicher gestaltet präsentiert sich die Neuauflage des gleichnamigen Werkes der Autorin, das bereits 1988 als Sonderheft der Zeitschrift "Antike Welt" erschienen war. Inhaltlich beschränken sich die Neuerungen auf einige eingeschobene kürzere Kapitel, die durch das 1989 veröffentlichte Buch "Ehe, Hetärentum und Knabenliebe" von Carola Reinsberg angeregt sind. Ansprechend aufgemacht, direkt und wortgewandt formuliert, richtet sich das Buch vor allem an allgemein interessierten Leser; aber auch der Fachmann wird von den guten Abbildungen und dem aktuellen Anmerkungsapparat profitieren können.

Das Buch reiht sich ein in eine Folge von Publikationen der letzten Jahre, die sich mit dem Geschlechtsleben der Menschen in der Antike befassen, dem hetero- wie homosexuellen, dem ehelichen wie außerehelichen, sowie seiner Spiegelung in Mythos und Kult. Fragen nach der Organisation des Gemeinschaftslebens, dem realen wie philosophischen Verständnis von Liebe, den Liebespraktiken, der Rolle des Mannes und der An-erkennung der Frau sind interessant und diskutierbar geworden durch den vorbehaltloseren Umgang unserer eigenen Gesellschaft mit Sexualität und Erotik.

In der Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen Thema untersucht die Archäologin Angelika Dierichs zwar viele Facetten der Erotik, die sowohl die sinnliche Seite einer Liebesbeziehung als auch das Spiel mit körperlichen Reizen sowie die geschlechtliche Vereinigung umfaßt. Sie konzentriert sich dabei aber speziell auf eine Fragestellung, indem sie griechische Bildwerke vom 6. bis etwa ins 1. Jahrhundert vor Christus mit ausgewählter, jedoch nicht nur auf Liebesszenen beschränkter Thematik immer wieder aus dem gleichen Blickwinkel betrachtet: Haben sie eine erotische Ausstrahlung auf den Betrachter, von welcher Intensität ist sie, und durch welche darstellerischen Mittel werden "erotische Signale" ausgelöst?

Mit Hilfe detaillierter, einfühlsamer Beschreibungen motiviert Angelika Dierichs den Leser zum genauen Hinschauen und Beobachten. Ihre eigenen Kriterien zur Beantwortung der Fragen sind deutlich erkennbar: Sie orientiert sich am nackten oder mit eng anliegenden beziehungsweise durchscheinenden Gewändern bekleideten Körper, am Gesichtsausdruck sowie an Gesten, Haltungen und Handlungen der dargestellten Menschen oder Götter.

Doch um welchen Betrachter geht es der Autorin eigentlich, um den modernen oder den antiken? Es kann ja nicht als selbstverständlich unterstellt werden, daß ein Grieche vor mehr als zwei Jahrtausenden die gleichen Assoziationen beim Anblick der Bilder hatte wie wir heute, da – wie auch Angelika Dierichs stets betont – die erotische Empfindsamkeit eines Menschen sehr persönlich geprägt ist. Aber eine saubere Trennung oder auch nur die Frage, ob die zum Maßstab gesetzten Kriterien in gleicher Weise für den antiken Betrachter gelten, sucht der Leser vergeblich. Offensichtlich beurteilt Angelika Dierichs die Bildwerke in den meisten Fällen nach "heutiger Sehweise" (Seite 96; vergleiche auch "gemäß moderner Sehweise" auf Seite 112). Dabei sollte es doch eigentlich die Aufgabe des Archäologen sein, zwischen dem antiken Bild und dem modernen Betrachter zu vermitteln, indem er die anhand weitgehend objektivierter Kriterien untersuchten Darstellungen in ihren ursprünglichen Kontext zurückführt und so aus der bloßen Ansicht des neuzeitlichen Betrachters löst.

Die Unschärfe der Fragestellung setzt sich in der Gliederung der Untersuchung fort. Gleiche Phänomene und inhaltlich zusammengehörende Aspekte finden sich an getrennten Stellen diskutiert oder – was sie übermäßig aufwertet – in eigenen Kapiteln isoliert. So bleibt am Ende, obwohl jeweils kurze übergreifende Bemerkungen die einzelnen Abschnitte einleiten, die antike Lebenswirklichkeit, vor deren Hintergrund sich die gesellschaftliche Funktion und Bedeutung der Erotik erst eigentlich erschließt, unzureichend beschrieben.

Das war anscheinend auch gar nicht das vordringliche Ziel der Autorin. Sie möchte offenbar in erster Linie einem vielleicht manchmal durch allzu analytische Forschung vernachlässigten Aspekt mehr Geltung verschaffen und darauf aufmerksam machen, daß Erotik als konstanter Faktor zu griechischen Bildwerken sowie zu elementaren Lebensbereichen der Griechen gehörte.

Unabhängig davon, welche Relevanz man diesem sehr allgemeinen Ergebnis zuschreibt, beruhen einige Schlußfolgerungen der Autorin auf methodisch nicht haltbaren Kriterien. Das läßt sich an folgenden Beispielen veranschaulichen:

Nackten Statuen weist Angelika Dierichs eine erotische Wirkung zu, die sich dem Betrachter mal verhaltener, mal deutlicher aufdränge. Als Illustration dienen ihr unter anderem die Kouroi, Statuen junger Männer des 6. Jahrhunderts vor Christus, deren erotische Kraft vom "Genital als dominierende[m] Zentrum des Rumpfes" ausgehe. Die Einseitigkeit der nur aufs Erotische gerichteten Fragestellung reduziert hier eine komplexe Bedeutungsstruktur auf Oberflächliches. Gerade die Nacktheit der Kouroi ist ein zentraler Punkt im wissenschaftlichen Bemühen um ein Verständnis der Statuen. Daß der Kouros zu seiner Zeit ein Inbegriff von jugendlicher Schönheit und Mannhaftigkeit, von Kraft und Stärke war, ist gut begründetes Allgemeingut in der Fachliteratur. Hinter der Darstellung steht die im 6. vorchristlichen Jahrhundert in der Oberschicht verbreitete Wertschätzung des jungen Mannes, die den Krieger und Athleten preist, möglicherweise auch – wie jüngst nur beiläufig in der Fachliteratur geäußert -den zur Knabenliebe begehrten Jüngling. Selbst wenn die Kouroi damit nicht nur für den kriegerischen und sportlichen, sondern auch für den erotischen Lebensbereich der jungen Männer stünden, so berechtigt dies nicht, Nacktheit direkt realistisch mit Erotik gleichzusetzen. Vielmehr ist Nacktheit im übertragenen Sinne als bildliche Ausdrucksform für ein komplexes gesellschaftliches Ideal zu verstehen.

Als weiteres Indiz für erotische Schwingungen in den Bildern versteht Angelika Dierichs den Gesichtsausdruck und beschreibt ihn mit Worten wie abweisend, charmant, gequält, begehrlich, verführerisch, zärtlich und verliebt. Erneut läßt sie dabei eine gängige Feststellung unberücksichtigt, nach der Physiognomie und Stimmungen griechischer Bildwerke sich erst im Vergleich mit anderen Darstellungen ihrer Zeit entschlüsseln. So ist das für uns heute aus geneigter Kopfhaltung mit in sich gekehrtem, ruhigem Blick der Figuren aus der Zeit um die Mitte des 5. Jahrhunderts vor Christus sprechende Sentiment nicht individuell, persönlich und einmalig situationsbezogen zu deuten, da es sich als Formel gänzlich unabhängig vom Bildthema wiederholt; vielmehr spiegelt sich darin – wie die Kombination mehrerer Quellen ergibt – das Selbstverständnis einer Epoche.

Skepsis ist ferner angebracht, wenn Angelika Dierichs transparente Kleidungsstücke generell als erotisch stimulierend bewertet. Zwar war der Antike ein solcher Gedanke, wie aus Schriftquellen bekannt, keineswegs fremd. Ob er aber unterschiedslos in allen Epochen der griechischen Kunst den zahlreichen Darstellungen von Göttern, Heroen und Menschen in durchscheinenden Gewändern zugrunde liegt, bezweifle ich. Angesichts zum Beispiel der Vasenbilder des 5. vorchristlichen Jahrhunderts spricht einiges dafür, daß ein unter dem Gewand sichtbar gemalter Körper auch ein gestalterisches Mittel sein konnte, durch das die Maler Plastizität und Tiefe in ihre nahezu völlig auf die raumlose Darstellung von Figuren konzentrierten Bilder zu bringen vermochten.

Insgesamt beeinträchtigen methodische Unzulänglichkeiten leider allzuoft das Buch mit seiner eigentlich interessanten Thematik. Dieser jedoch wird Angelika Dierichs durch die Fixierung auf die erotische Wirkung der Bilder nicht voll gerecht, da so der Zugang zu tiefergehenden Fragen und verflochtenen Zusammenhängen verbaut ist und beliebige, gelegentlich unzutreffende Beurteilungen die Folge sind. Dies ist um so bedauerlicher, als die Autorin die angesprochenen Mängel zwar durchaus bemerkt, sich ihnen aber in der Auseinandersetzung mit dem Material nicht gestellt hat. Angesichts der zahlreich in den letzten Jahren erschienenen Literatur zum gleichen Thema ist das Buch nur in Teilen eine Bereicherung.



Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 1995, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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