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Erste genmanipulierte Kinder?



Unbemerkt von der Weltöffentlichkeit sind die ersten genmanipulierten Menschen geboren worden." Diese dpa-Meldung von Anfang Mai schien die schlimmsten Befürchtungen über die skrupellosen Machenschaften von Genforschern zu bestätigen. Während etwa in Deutschland gerade ein Ethikrat eingesetzt wurde, der helfen soll, Missbrauch menschlicher Embryonen zu verhindern, hätten demnach Wissenschaftler anderswo längst heimlich Fakten geschaffen.

In Wahrheit kann davon jedoch keine Rede sein. Zum einen hat Jacques Cohen von der St.-Barnabas-Klinik in Livingston (New Jersey) seine von dpa inkriminierte Behandlungsmethode für unfruchtbare Frauen keineswegs vor der Öffentlichkeit verborgen. Zum Beispiel stand bereits am 14.1.1998 ein Artikel darüber im "stern" – immerhin der auflagenstärksten deutschen Illustrierten. Zum anderen scheint der Ausdruck "Genmanipulation" für die angewandte Technik weit überzogen – impliziert er doch, das Erbgut der Kinder sei gezielt verändert worden, um ihnen bestimmte Eigenschaften zu verleihen.

Um das Erbgut ging es aber gar nicht. Die behandelten Frauen waren unfruchtbar, weil im Cytoplasma ihrer Eizellen, also in der Zellflüssigkeit außerhalb des Zellkerns, Stoffe fehlten, die zur Entwicklung eines Embryos nach der Befruchtung nötig sind. Cohen konnte diesen Mangel beheben, indem er Cytoplasma von normalen Eizellen anderer Frauen übertrug.

Soweit hat das alles mit Genen nichts zu tun. Die kommen nur dadurch ins Spiel, dass die im Cytoplasma gelegenen Mitochondrien – die Energieversorger der Zelle – einen kleinen Satz eigener Gene enthalten, die bei dem Verfahren unabsichtlich mit übertragen werden. Sie codieren allerdings ausschließlich Enzyme des Energiestoffwechsels, der bei allen gesunden Menschen völlig gleich ist.

Man mag in Cohens Manipulation an Eizellen ein Risiko für die daraus gezeugten Kinder sehen. Es liegt aber sicher nicht in den "fremden" Genen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 6 / 2001, Seite 13
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
6 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 6 / 2001

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