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Etruskische Malerei - Original und Kopie

Die Fresken von 28 etruskischen Gräbern, von denen viele inzwischen verloren sind, waren um die Jahrhundertwende faksimiliert worden. Diese Dokumente werden derzeit in Stendal und später in anderen Städten ausgestellt.

Wenn die Fachleute wie derzeit vollauf damit beschäftigt sind, die bekannten archäologischen Denkmäler zu erhalten und zu sichern, müssen sie ihren Entdeckerdrang zügeln. Nun sind aber Altertümer ohnehin am besten geschützt, wenn sie ungestört im Boden belassen werden; und mitunter bietet das etwas ironisch „Museumsarchäologie“ genannte Sichten alter Bestände von Funden und Do-kumenten der wissenschaftlichen Neugier reiches Material.

Das gilt auch für die Wandmalereien in den unterirdischen Kammergräbern Etruriens aus dem 6. bis 2. Jahrhundert vor Christus. Seit Jahren kämpft die italienische Antikenverwaltung gegen Verfall und Verlust dieser ganzen beispiellosen Denkmälergattung der vorrömischen urbanen Kultur zwischen Tiber und Arno westlich und südlich der Apenninen. Die Experten und Hilfskräfte sind mit Restaurieren, Fixieren und Dokumentieren der – noch – vorhandenen Kunstwerke mehr als ausgelastet. Neuentdeckungen müssen dem Zufall überlassen bleiben.

Um so wichtiger sind die archivierten Materialien zur etruskischen Malerei, die man praktisch seit Jahrzehnten vergessen hat: Skizzen, Aquarelle, Faksimiles und Photographien, die im 19. Jahrhundert zum Teil unmittelbar nach Entdeckung der Gräber angefertigt worden waren. Sie zeigen Kulturzeugnisse und Kunstwerke in einem Erhaltungszustand, der mittlerweile vielfach nicht mehr anzutreffen ist. Damals zugängliche Kammern sind wieder verschüttet; in anderen sind die Malereien bis zur Unkenntlichkeit verblaßt oder durch Grabräuber, Vandalismus, Erdbeben, Klimaschwankungen, Wassereinbrüche und insbesondere auch durch den Massentourismus beschädigt oder gar völlig zerstört.

Historische Zeichnungen sind deshalb für die Kenntnis der etruskischen Malerei beinahe wichtiger als Neufunde. Bisher aus alten Beschreibungen nur unvollkommen bekannte sowie verloren geglaubte Kunstwerke können wenigstens in Kopie gleichsam erneut entdeckt und erforscht werden.

Eine Ausstellung im Winckelmann-Museum Stendal zeigt bis Ende Mai die Ergebnisse des nach Anspruch und Aufwand größten der verschiedenen historischen Dokumentationsprojekte. Es geht zurück auf den ehrgeizigen Plan des dänischen Bierbrauers Carl Jacobsen (1842 bis 1914), in der von ihm gestifteten Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen die gefährdete Malerei möglichst vollständig in Faksimiles zu erhalten. Unter der wissenschaftlichen Leitung des deutschen Archäologen Wolfgang Helbig (1839 bis 1915) wurden zwischen 1895 und 1913 die Malereien aller seinerzeit zugänglichen Kammergräber von einem Team römischer Zeichner und Maler aufgenommen.

Über die Einzelheiten des Unternehmens informieren die erhaltenen Briefe, von denen manchmal mehrere in der Woche zwischen Rom und Kopenhagen gewechselt wurden. Jacobsens Museum sollte zur „Stelle par excellence für Copien nach etrurischen Fresken“ und damit zu einem „Lieblingsstück für das gebildete Publicum“ werden. „Lass uns retten, was noch zu retten ist!“ lautete das Motto des enthusiastischen Mäzens.

Weder vorher noch nachher hat es in Etrurien ein Dokumentationsunternehmen dieser Größenordnung gegeben: Beinahe 100 Faksimiles im Format der Originale, 166 Aquarelle und eine Vielzahl von Durchzeichnungen auf Transparentpapier sowie Grundrisse und ergänzende Übersichtstafeln aus insgesamt 28 Gräbern waren die Ausbeute einer fast zwanzigjährigen Arbeit. Sie werden von der Ny Carlsberg Glyptothek und vom Schwedischen Institut in Rom verwahrt.

Der dokumentarische Wert des Materials ist freilich von Blatt zu Blatt unterschiedlich und hängt von vielen Faktoren ab, in erster Linie vom (damaligen wie heutigen) Erhaltungszustand der Originale, aber auch von den Fähigkeiten der verschiedenen Kopisten. Helbig hatte zeitweilig bis zu vier Maler beschäftigt, über deren Biographie und sonstiges Œuvre nur wenig bekannt ist. Immerhin weiß man inzwischen, daß einer Helbigs Schwiegersohn Alessandro Morani (1859 bis 1941) war, der als Professor für dekoratives Zeichnen am Museo Artistico Industriale in Rom lehrte. Seine eigenen künstlerischen Arbeiten, vor allem Landschaftsbilder, sind wissenschaftlich erst kaum erschlossen, da sie sich weitgehend in Privatbesitz befinden. Es ist zu vermuten, daß die anderen Kopisten aus dem Kreis seiner Schüler stammten.

So erklärt sich der doppelte Reiz der Kopien: Sie wirken nicht nur wie akademisch getreue Wiedergaben, sondern wie eigenständige Kunstwerke – in ihrem Stil durchaus auf der Höhe ihrer Zeit.

Archäologen und Kunstgeschichtler, Wissenschaftshistoriker und Biographen werden mit der Auswertung der wiederentdeckten Archivalien noch eine ganze Weile zu tun haben. Außerdem bieten sie die Möglichkeit, die etruskische Malerei einem breiten Publikum zu erschließen, und zwar eben nicht durch den aus konservatorischen Gründen höchst problematischen „Gräbertourismus“ vor Ort in Italien, sondern durch sorgfältig aufbereitete Ausstellungen nördlich der Alpen. Denn früher oder später muß auch für die etruskischen Gräber die für andere archäologische Stätten (etwa die altägyptischen Gräber im Tal der Könige oder die südfranzösischen Höhlen mit eiszeitlichen Malereien) bereits seit langem diskutierte Frage entschieden werden: Soll und darf man zum Schutz der Originale die Grabkammern vollständig schließen und das Publikum auf Kopien verweisen? Die Faksimiles aus dem vergangenen Jahrhundert könnten dabei zu einem entscheidenden Argument werden.

Die Ausstellung im Winckelmann-Museum Stendal ist bis zum 31. Mai 1993 zu sehen und soll auch andernorts (so in Cuxhaven und Mannheim) gezeigt werden. Der Katalog „Etruskische Grabmalerei – Faksimiles und Aquarelle“ ist beim Verlag Philipp von Zabern in Mainz und als Sonderheft der Zeitschrift „Antike Welt“ erschienen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1993, Seite 112
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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