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Europa-Universität Viadrina Brückenhochschule an Deutschlands Grenze

Die 1991 neu gegründete Universität in Frankfurt (Oder) hat Gestalt angenommen. Die drei Fakultäten der Viadrina wollen nicht nur Forschung und Lehre treiben, sondern zwischen Deutschland und Polen, West- und Osteuropa vermitteln wie auch zwischen den Disziplinen und Fachbereichen.

Die Medien präsentieren Frankfurt an der Oder immer wieder als staubig-sterile Kleinstadt. Dabei stößt der Besucher auf ein durchaus ansehnliches Gemeinwesen mit ungefähr 85000 Einwoh-nern, das seit fünf Jahren darum bemüht ist, seinen Altstadtteilen ihre einstige Würde und Schönheit zurückzugeben; und auch der umgebenden Landschaft mit ihren Oderburgen, friderizianischen Kolonistendörfern, alten Pfarrkirchen und dem einstigen Zisterzienserkloster Chorin fehlt es nicht an Reiz.

Fünf Jahre ist es nun her, daß dieser Ort auch seine Hochschule wiederbekam. Mit ihrer Neugründung knüpft die Europa-Universität an eine dreihundertjährige Tradition an, die seit langem unterbrochen war. Sie nimmt die Geschichte der 1506 eingerichteten Alma Mater Viadrina ("der an der Oder Gelegenen") wieder auf, die 1811 wegen der Gründung der Berliner Humboldt-Universität geschlossen wurde. Damals ging ihr gesamtes Inventar nach Breslau.

Zu Zeiten der DDR schließlich hatte das Hauptgebäude (Bild 1) den Rat des Bezirks beherbergt. Doch nichts verweist mehr auf diese Vergangenheit, denn mit rund 2300 Studenten aus 37 Ländern begann die Viadrina im letzten Herbst ihr fünftes akademisches Jahr.

Mit ihr verbunden ist auf der anderen Seite der Oder, im polnischen Sl/ubice, das Collegium Polonicum, das die Viadrina gemeinsam mit der Adam-Mickiewicz-Universität Posen begründet hat. Während der Bau des Hauptgebäudes dieser Institution (Bild 2 links) noch nicht abgeschlossen ist, wird bereits in Räumen der nebenan liegenden Wielkopolski-Bank unterrichtet. Bislang beschränkt sich dieser Unterricht auf die Komplementärkurse für polnische Juristen, wofür eigens Professoren aus Breslau (Wrocl/aw) anreisen. Dieser unbequeme Zustand des Hin- und Herpendelns soll sich aber bereits in Kürze ändern, wie der Verwaltungsdirektor Krzysztof Wojciechowski versichert.

Die Europäische Gemeinschaft hat dem Collegium bis 1999 etwa vier Millionen Mark zum Auf- und Ausbau der sieben dort geplanten Lehrstühle zugesagt. Diese Einrichtung soll nicht nur Studiengänge in Ergänzung jenes Angebots an der Viadrina ermöglichen, das sich vor allem an polnische Studenten wendet, sondern außerdem eine Stätte für wissenschaftliche und kulturelle Begegnungen zwischen Polen und Deutschen werden.

Von all den dafür vorgesehenen Forschungsprojekten zu polnisch-deutschen sowie mittelosteuropäischen Fragen der Wissenschaft und des Rechts fiel dabei das Augenmerk auf die europäischen Außengrenzen. Das erste Projekt des Collegium Polonicum wird sich darum mit dem Problem der – gerade auch in Frankfurt zur Zeit akuten – Grenzkriminalität befassen.

Die alte Oder-Universität hatte als eine der bedeutendsten Bildungsstätten des brandenburgisch-preußischen Beamtenstaates gegolten. Viele bedeutende Persönlichkeiten der deutschen und polnischen Kulturgeschichte waren hier eingeschrieben – so etwa der Humanist Ulrich von Hutten (1488 bis 1523), der Komponist Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788), die Brüder Alexander (1769 bis 1859) und Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1835) und der Schriftsteller Heinrich von Kleist (1777 bis 1811); auf polnischer Seite waren es beispielsweise der Theologe Pawel Swietlicki (1699 bis 1756) und Jan Kolaczek (1630 bis 1683), der sich sehr um die deutsche Kultur bemühte und die letzten 24 Jahre seines Lebens Direktor der Universität war.

Bereits damals stellte Polen den größten Anteil der ausländischen Studenten. Dies ist auch heute so, denn allein 900 kommen aus diesem östlichen Nachbarland. Die anderen 35 vertretenen Nationen verteilen sich einstweilen auf lediglich 100 Personen. "Insofern läßt das internationale Flair noch etwas auf sich warten", wie eine junge deutsche Studentin meint: "Das eigentliche Klima ist bipolar, das heißt polnisch-deutsch, und im Grunde bleibt man lieber unter sich." Den befragten Studenten zufolge liegt dies wohl an der Macht der Gewohnheit. Studiert werde zwar zusammen, doch privat müßten sich die Mentaliäten erst noch angleichen. Einen internationalen oder zumindest europäischen Geist in Heidelberg, Krakau oder Florenz zu propagieren ist wesentlich einfacher als direkt an der deutsch-polnischen Grenze, wo immer wieder fiktive und reale Wirtschaftskriminalität wohlfeile Vorurteile noch verstärkt. Deshalb kommt es auch des öfteren vor, daß polnische Studenten an der Grenze trotz ihrer Sondererlaubnis wieder in die Schlange der Wartenden zurückgeschickt werden und so ihre Vorlesungen verpassen.

Doch auch das möchten das Land Brandenburg und die Stadt Frankfurt ändern. Über die Viadrina soll in beide Staaten hineingewirkt werden. In gewissem Maße hat sich bereits etwas getan; so haben, obgleich es von polnischer Seite noch immer Probleme mit der offiziellen Anerkennung der von der Viadrina ausgestellten Diplome gibt, einige polnische Studenten der Kultur- wie auch der Rechtswissenschaften bereits ein Jahr vor ihrem Abschluß Stellenangebote.


Studien- und Lehrbetrieb

Studiert wird vornehmlich Jura, an zweiter Stelle stehen die Wirtschaftswissenschaften, gefolgt von den Kulturwissenschaften mit 500 Studenten. Die Rechtswissenschaften ermöglichen ein juristisches Doppelstudium des polnischen wie auch des deutschen Rechtssystems. "Das ist vor allem für die polnischen Jurastudenten besonders attraktiv", meint Wojciechowski. Gute Berufsaussichten hätten beispielsweise Spezialisten des Insolvenzrechts beider Systeme, von denen es bisher kaum welche gebe, die aber gerade für die immer vielfältigeren Wirtschaftskontakte zwischen Polen und Deutschland dringend benötigt würden. Aber auch in der Wissenschaft braucht man junge Juristen, die in zwei Systemen ausgebildet sind; hier geht es darum, ein neues Rechtsverständnis, ja überhaupt eine neue Rechtskultur zu entwickeln.

Den Wirtschaftswissenschaften wiederum kommt außer der Internationalität der Lehre auch das Modell der Sukzessivprüfungen zugute, das eine völlig neue Studienorganisation ermöglicht. Es war der Wunsch des Wissenschaftsrates, daß sich die Kulturwissenschaftliche Fakultät fachlich an den beiden ersten Wissenschaften orientieren und auf sie einwirken möge; und so spiegelt das durchaus weitgefächerte Programm, das Bereiche aus der Kulturphilosophie, den Sozialwissenschaften, der Literaturwissenschaft und der Linguistik abdeckt, eine vielleicht zu homogene Rezeption der europäischen Moderne wider, in der sich alles mischt – das Proseminar über Polen von 1919 bis 1945 mit dem über die Museen in Berlin, eines über Sozialpsychologie mit dem über Sein und différence bei Martin Heidegger und Jacques Derrida.

Während die Ausgestaltung der beiden ersten Wissenschaften festgelegt ist, leidet die Kulturwissenschaft an der Viadrina etwas unter der vom Wissenschaftsrat vorgeschlagenen Reduzierung. Ein bewußt agierendes Kulturforum sollte über allgemeine Themen hinaus notwendigerweise einen Kristallisationspunkt finden, um nicht nur recht isolierte Bildungsinhalte zu vermitteln. (So versteht es etwa die Kulturwissenschaft im österreichischen Klagenfurt; diese hat sich zur Aufgabe gemacht, den Adria-Alpen-Raum mit seinen spezifischen Lebensformen und Traditionen in den Mittelpunkt ihrer Lehre und Forschung zu stellen.) Trotzdem konnte die Frankfurter Fakultät 1996 zwei erfolgreiche Habilitationen und eine Promotion aufweisen.


Ausbau der Infrastruktur

Von den 51 geplanten Lehrstühlen an der Hochschule sind bereits 45 besetzt, mehrheitlich mit Professoren aus den alten Bundesländern. Dem Ausbauziel – 4100 Studierende – kommt die Viadrina ebenfalls beständig näher. Dabei stößt die Universität auf große finanzielle Probleme, denn während sie sich weiter vergrößert, stagnieren die staatlichen Zuschüsse. Sparauflagen, Kürzungen der Ausbildungsförderung und Studiengebühren verschärfen noch die Lage; die Defizite wirken sich vor allem in einer prekären Raumsituation und auf die Stipendien für polnische Studierende aus. Die Sanierungen des Hauptgebäudes und einiger Hörsäle dauern voraussichtlich noch bis zum Herbst 1998, das neue Mensagebäude am Oderufer soll gar erst 2002 fertiggestellt werden. Das Ministerium hat zudem die geplanten Räume bisher nicht verbindlich zugesagt. Zur Zeit kann die Universität nur 1 bis 1,5 Arbeitsräume je Lehrbeauftragten und Inhaber eines Lehrstuhls zur Verfügung stellen.

Für die Stipendien der polnischen Studierenden benötigt die Viadrina für 1997 etwa 2,7 Millionen Mark. Das Land Brandenburg hatte ursprünglich nur 1,9 Millionen Mark zur Verfügung gestellt; die Restbeträge kamen aber mittlerweile über die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (600000 Mark) und aus privaten Quellen (bislang 300000 Mark) zusammen.

Auch das Studentenwerk hat Nöte mit der wachsenden Anzahl von Kommilitonen. Es gibt zur Zeit 850 Betten in Wohnheimen (Bild 2 rechts), was nur für ein Drittel der Immatrikulierten reicht; die anderen müssen sich auf dem freien Markt eine Bleibe suchen. Manche wandern gewissermaßen nach Sl/ubice aus, wo die Universität Posen mehrere Heime unterhält; man schätzt, daß bereits 60 deutsche Studenten dort wohnen.

Doch trotz all dieser Probleme sind seit Eröffnung der Viadrina beachtliche Investitionen zustande gekommen. Ein Beispiel ist die im Oktober letzten Jahres eingeweihte Universitätsbibliothek, die sich in dem schier endlos langen Dachgeschoß des Hauptgebäudes befindet. Sie bietet 390 Leseplätze, 18 Internet-Kabinen und rund 240000 Bücher, all dies auf 5900 Quadratmetern und betreut von 40 Angestellten. Über Computerarbeitsplätze der Universität können Bücher abgefragt und bestellt werden. Alle Regale bis auf das Magazin im Keller sind für die Benutzer direkt zugänglich. In ihnen befinden sich unter anderem fast alle Publikationen der Europäischen Gemeinschaft, denn die Bibliothek der Viadrina versteht sich auch als europäisches Dokumentationszentrum.

Die Initiative zur Vernetzung der über Frankfurt verteilten Wohnheime verspricht gleichfalls gute Ergebnisse. Das Studentenwerk und das Fachreferat Allgemeine Datenverarbeitung der Viadrina haben im Zuge eines Pilotprojekts bereits einige Studentenwohnungen über ein von den Stadtwerken verlegtes und sonst für den Fernsehempfang genutztes Koaxialkabel verbunden; vorgesehen ist, demnächst auch die anderen Wohnheime anzuschließen.

Gänzlich neu ist ebenfalls der WINShuttle-Zugang, der seit September 1996 funktioniert. Damit ist die Universität in Frankfurt (Oder) einer der fünfzehn Standorte in der Bundesrepublik, an denen dieser Dienst im Deutschen Forschungsnetz genutzt werden kann. Hier tritt die Viadrina auch in direkten Kontakt mit der mittelständischen Industrie. Formen der Beschaffungslogistik, Erschließung neuer Märkte, Absatzwege und Marktlücken – was ließe sich hier aus dem weltweiten Kommunikationsnetz nicht alles herausholen? Der Wirtschaftsinformatiker Karl Kubel sucht dies in einem von der Stiftung Industrieforschung Köln geförderten Projekt herauszufinden. Eine Datenbank für Unternehmensansiedlung soll zudem entwickelt werden.

Die Öffnung nach außen läuft jedoch nicht nur über das Internet. Die Viadrina hat eine Reihe internationaler Kontakte geknüpft, die vom Besuchsprogramm bis zu multinationalen Foren reicht. Dazu gehören der für 1997/98 geplante Studentenaustausch mit der Universität Stellenbosch (Südafrika) ebenso wie die künftige Kooperation zwischen den Kultur- und Rechtswissenschaften und des Sprachzentrums der Viadrina mit der Philosophischen Fakultät der Universität Linköping (Schweden) und die Verbindungen der Wirtschaftswissenschaften zu den Universitäten Reims und Montpellier (Frankreich).

In allem spielt der Umstand eine große Rolle, daß Frankfurt (Oder) bisher keine nennenswerte wissenschaftliche Infrastruktur aufweist. Die Viadrina bemüht sich deshalb, einen institutionellen Rahmen für die Entwicklung der Forschung an diesem Ort zu schaffen. Dazu gehören Arbeitstagungen wie jene, die Ende Juni 1996 unter dem Thema "Russische Emigration und deutsch-russische Beziehungen in der Zwischenkriegszeit" Wissenschaftler aus Deutschland, Rußland und Israel zusammenbrachte, sowie Gastvorträge und Projektseminare – beispielsweise jenes, das sich ebenfalls Ende Juni 1996 mit der Problematik der Wirtschafts- und Arbeitsmarktentwicklung und der internationalen Migration beschäftigte.

Die gesuchte Interdisziplinarität und Internationalität wird sich allerdings auch in den drei Forschungsinstituten entwickeln, die nun an der Viadrina ihre Arbeit aufgenommen haben. Es ist das Frankfurter Institut für Transformationsstudien, das Interdisziplinäre Zentrum für Ethik sowie das Heinrich-von-Kleist-Institut für Literatur und Politik. Ersteres sucht die Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa systematisch zu erfassen und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Ethik in ihrer Rückbindung sowohl an die Naturwissenschaften als auch an die Rechts- und Geisteswissenschaften sowie ihre neuen Aufgaben in der modernen oder auch postmodernen Gesellschaft – dies beschäftigt insbesondere Professor Jan C. Joerden, der mit der Unterstützung anderer Ethik-Zentren im In-und Ausland rechnet. Um die Wechselbeziehung von Politik- und Literaturwissenschaft bei der Etablierung der Kulturwissenschaften geht es im dritten Institut; hier sollen unter anderem Einfluß und Verflechtung von politischen wie literarischen Elementen in der Repräsentation in den Medien und in ihrer generellen Intermedialität untersucht werden.

Insgesamt sind die Studenten mit ihrer Hochschule zufrieden, besonders die jungen Polen, denen Viadrina und Collegium Polonicum viele neue Horizonte eröffnen. Etwas kritischer äußern sich die Deutschen, vor allem die aus den alten Bundesländern stammenden; sie bemängeln "das seltsame Demokratieverständnis der Ministerien, des Wissenschaftsrates, aber auch der Kommilitonen, die sich nicht wehren", und verweisen auf die kurzerhand nicht verlängerten Verträge der wissenschaftlichen Mitarbeiter oder auf die vier unvermittelt entlassenen ostdeutschen Professoren der Rechtswissenschaften. In diesen Angelegenheiten fordern die Studentenvertretungen Mitspracherecht und eine offenere Einstellung gegenüber den Studierenden. "Denn", so ein angehender Jurist, "gerade an einer Europa-Universität sollte nicht das Diktat, sondern das Zusammenwirken aller die gemeinsame Arbeit prägen."


Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
2 / 1997

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 1997

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