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Evolutive Ursachen der Monogamie

Die Einehe gilt längst nicht in allen menschlichen Kulturen als sittliche und gesetzliche Norm. Im Tierreich sind entsprechende Paarbildungen sogar die Ausnahme. Der soziobiologische Ansatz untersucht die evolutiven Bedingungen, unter denen Monogamie für weibliche und männliche Individuen dennoch die optimale Form des Zusammenlebens ist.

Tiere, die in Einehe leben, interessieren besonders. So erweckte Konrad Lorenz (1903 bis 1989), der Begründer der vergleichenden Verhaltensforschung, mit seinen Untersuchungen des Soziallebens von Graugänsen von Anfang an viel Aufmerksamkeit sowohl unter Biologen wie weithin in der Öffentlichkeit: Es überraschte, daß Gänse nicht nur Paarbindungen eingehen (unter günstigen Umständen sogar lebenslange), sondern auch – wie Lorenz es nannte – eine Verlobungszeit haben. Das heißt, sie verpaaren sich lange bevor sie geschlechtlich aktiv werden; und nach ergebnisloser Suche nach dem verlorenen Partner scheinen sie sogar um ihn zu trauern.

Die Arbeiten von Lorenz haben wir in dem von ihm bis 1973 geleiteten Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen weitergeführt, allerdings nun mit dem Rüstzeug der Soziobiologie, die in den sechziger und siebziger Jahren entwickelt worden ist. Jetzt ging es nicht mehr vorrangig um die Verhaltensmechanismen, die dem Zusammenbleiben und der gegenseitigen Treue der Paarpartner zugrunde liegen; gesucht wurden vielmehr die spezifischen Umweltbedingungen, mit denen man erklären könnte, weshalb sich bei den Gänsen in der Evolution die Monogamie anstelle von anderen Eheformen, wie Polygamie (Vielweiberei oder Vielmännerei), oder auch Unehigkeit, durchgesetzt hat.

Im Ganzen gesehen ist Monogamie eher selten, kommt allerdings bei einzelnen Tiergruppen häufiger vor. Man spricht üblicherweise in der Ethologie bereits dann von Monogamie, wenn Männchen und Weibchen jeweils nur für eine Fortpflanzungssaison zusammenbleiben, wie bei vielen Singvögeln, die sich jedes Frühjahr neu verpaaren.

Eine – praktisch lebenslange – Dauerehe ist noch seltener. Immerhin finden sich Beispiele in den verschiedensten Klassen des Tierreichs, bei manchen Wirbellosen ebenso wie bei einer Reihe von Fischen und Vögeln sowie bei den Säugetieren (wenn auch dort allenfalls bei drei Prozent der Arten). Von den Primaten leben – außer manchen Menschen – fast nur die Gibbons paarweise. Monogam sind aber im Grunde auch manche südamerikanischen Krallen- und Nachtaffen, bei denen sich in der großen Familiengruppe nur das ranghöchste (monogame) Paar fortpflanzt.

Der Geschlechterkonflikt

Daß die wenigsten Tiere monogam sind, läßt sich evolutionsbiologisch relativ leicht erklären. Um so schwieriger ist die Ausnahme von der Regel zu begründen. Schon wegen der unterschiedlichen Größe und Menge der Keimzellen der beiden Geschlechter ist ein weiteres Zusammenbleiben der Partner nach der Kopulation an sich unwahrscheinlich: Ein Männchen kann viel mehr Eier befruchten, als ein einziges Weibchen produziert.

Für das Weibchen würde es genügen, wenn ein einziges Männchen alle seine Eier besamte; Männchen können dagegen viel mehr Junge haben, wenn sie die Eier mehrerer Weibchen befruchten. Tatsächlich findet man meistens, daß die Männchen untereinander um den Zugang zu möglichst vielen Weibchen konkurrieren und die Weibchen ihrerseits wählerisch sind. Das gilt für die vielen unehigen Tierarten und auch für die, bei denen die Vielweiberei, die Polygynie, vorherrscht.

Zum Interessenkonflikt zwischen den Geschlechtern kommt es, wenn das Weibchen dadurch Nachteile hat, daß sich das Männchen nach der Paarung um weitere Weibchen kümmert. Dann nämlich ist die günstigste Eheform für das Weibchen die Monogamie, während das Männchen sich möglicherweise weiterhin am besten steht, wenn es keine Bindung auf Dauer eingeht. Bei monogamen Arten haben die Weibchen offenbar diesen Konflikt zu ihren Gunsten entschieden. Unter welchen Umständen ist das möglich? Warum setzte sich die Einehe bei manchen Tieren durch, bei anderen nicht?

Zuständig für diese Art von Fragen sind die Soziobiologen, die seit Charles Darwin (1809 bis 1882) davon ausgehen, daß sich erbliche Merkmale – das können auch Verhaltensweisen sein – in Populationen dadurch ausbreiten, daß sie ihren Trägern besonders viele fortpflanzungsfähige Nachkommen verschaffen (die dieses Merkmal meistens auch wieder aufweisen). Dieser Fortpflanzungserfolg – gemessen über das gesamte Leben des Merkmalsträgers – ist die Währung, in der über den evolutiven Erfolg oder Mißerfolg von Merkmalen entschieden wird. Warum aber sind manche Merkmale erfolgreich, andere nicht?

Es gibt eine Vielzahl von Umständen, die den Fortpflanzungserfolg beeinträchtigen können; man nennt sie Selektionsfaktoren oder Selektionsdrücke. Dazu gehören Gefahren für das eigene Überleben durch Raubfeinde oder Nahrungsmangel, Gefahren für das Überleben der Brut, die Konkurrenz um Geschlechtspartner und vieles mehr. Die Evolution eines Merkmals oder Verhaltens, das heißt seine Ausbreitung in der Population, läßt sich erst dann verstehen, wenn man weiß, welche dieser Selektionsdrücke es zu verringern hilft, auf welche Weise es seinem Träger mithin einen Vorteil verschafft.

Um nun die Evolution einer Dauer-Monogamie wie bei den Gänsen zu erklären, muß man dreierlei verstehen: Erstens, inwiefern die beiden Partner bei der Produktion von Nachkommen dadurch profitieren, daß sie zusammenbleiben, zweitens, was sie davon haben, immer – auch für spätere Bruten – am gleichen Partner festzuhalten, und drittens, welche Bedingungen verhindern, daß weitere Männchen oder Weibchen zum Paar dazustoßen, so daß Polygamie die Folge wäre.

Vorteile des Paarzusammenhalts

Zu den bestuntersuchten dauerhaft monogamen Tieren gehören die Gänse. In der Natur trifft man nur selten unverpaarte erwachsene Tiere an; das sind dann solche, die ihren Partner durch irgendeinen Unglücksfall verloren haben. Schon zu Beginn des zweiten Lebensjahres suchen sich manche einen Partner; die meisten verpaaren sich im Jahr darauf, wenn sie geschlechtsreif werden.

Lorenz meinte darum, Gänse seien in ihrer Veranlagung von Grund auf monogam. Auch wenn sich andere Gelegenheiten böten, seien sie dem Partner unbedingt treu.

In der Tat weichen sich die Partner kaum je von der Seite, halten lebenslang zusammen, sofern sie nicht durch einen Unfall getrennt werden, und ziehen jedes Jahr gemeinsam die Jungen groß (Bild 1). Kommt einer der beiden ums Leben, verpaart sich der andere allerdings bald wieder neu.

Bei Gänsen ist der Vorteil des Paarzusammenhaltes leicht zu erkennen und auch zu messen: Eine Gans, die den ständigen Schutz und die Unterstützung eines Ganters genießt, kommt mehr zum Fressen und kann daher mehr Eier legen und die Hungerzeit des Brütens mit höherer Wahrscheinlichkeit durchstehen. Außerdem hat sie bessere Aussichten auf einen günstigen Nestplatz als ein alleinstehendes Weibchen. Und später, wenn das Paar gemeinsam die Jungen führt, überleben mehr Gössel als wenn die Mutter das allein besorgen müßte. Diese Vorteile des Paarzusammenhaltes sind für verschiedene Gänsearten im Freiland belegt und gelten auch für die freifliegenden indischen Streifengänse (Anser indicus) in Seewiesen, an denen wir 15 Jahre lang Daten zur Verpaarung und Fortpflanzung gesammelt haben.

Diese Effekte zahlen sich auch für den Ganter aus, denn sein Weibchen ist ihm sexuell treu, und die Jungen, die es produziert, sind somit auch seine Nachkommen. Aber könnte er seinen Fortpflanzungserfolg nicht vielleicht noch steigern, indem er sich mit mehreren Weibchen paarte, die jede wenigstens einen Teil der Brut allein hochzuziehen vermöchten?

Nehmen wir an, ein Weibchen kann mit dem Männchen zusammen die gesamte Brut durchbringen, allein jedoch nur ein Drittel der Jungen. Ein Männchen, das die Eier von vier Weibchen befruchtet, sticht dann mit vier Drittel Bruten den treuen Familienvater aus.

Allerdings läßt sich diese theoretische Möglichkeit nicht immer in die Praxis umsetzen. Dazu müßten nämlich freie Weibchen in der Population verfügbar sein – und das ist bei Wildgänsen in der Regel nicht der Fall: In ihren arktischen oder sehr hoch gelegenen Brutgebieten mit kurzem Sommer beginnen sie mit dem Eierlegen und Brüten so früh wie möglich, gleich nach der Schneeschmelze; und um alle Eier eines Weibchens zu befruchten, muß der Ganter mindestens eine Woche lang bei ihm bleiben. Wenn dann das Gelege vollständig ist, sind für ihn keine anderen Weibchen mehr da, die nicht bereits mit anderen Männchen kopuliert hätten oder auch schon auf ihren Eiern säßen.

In unserer Streifengans-Kolonie in Seewiesen gab es jedoch – anders als im Freiland – aus ungeklärten Gründen einen Weibchenüberschuß. Und so verzeichneten wir tatsächlich gelegentlich Kopulationen von Gantern mit anderen Gänsen als der eigentlichen Partnerin. Allerdings waren das Paarungen, die der Ganter wahrnehmen konnte, ohne seine Partnerin zu verlassen; es handelte sich um Seitensprünge, die die Partnerinnen übrigens anstandslos duldeten, und nicht um Ehebruch.

Im Gegensatz dazu kann man einige monogame Arten von Buntbarschen (Bild 2 links), bei denen das Männchen sonst die Jungen bis zur Selbständigkeit mitbehütet, zum vorzeitigen Desertieren verleiten, wenn man in ein Aquarium überzählige Weibchen setzt. Die Männchen verlassen dann ihre Partnerinnen samt Brut, balzen unverpaarte Weibchen an und laichen auch mit ihnen ab.

Der Paarzusammenhalt ist dann von Vorteil, wenn beide Partner bei gemeinsamer Brutpflege mehr Nachwuchs haben als sonst. Er kann aber gefährdet sein, wenn für wenigstens einen Partner noch anderweitig zusätzliche gute Fortpflanzungschancen bestehen.

Dies impliziert, daß Monogamie sich in der Evolution im Zusammenhang mit der Brutpflege herausgebildet hat. So sind unter den Vögeln im Verhältnis deutlich mehr Nesthocker monogam – etwa viele Singvögel – als Nestflüchter wie Hühner- oder Entenvögel. Nackte, blinde Junge brauchen viel mehr Zuwendung als befiederte, die gleich laufen und selbst fressen.

Insofern sind die – ebenfalls nestflüchtenden – Gänse eine Ausnahme. Wahrscheinlich ist der Grund, daß sie sich hauptsächlich von Gras ernähren und deshalb viel Zeit an Land auf freier Fläche verbringen, wo sich die Jungen nicht so leicht durch Abtauchen oder Flucht in die Deckung in Sicherheit bringen können, sondern von den Eltern gegen Feinde verteidigt werden müssen.

Doch die Notwendigkeit von kooperativer Brutpflege durch zwei Eltern kann nicht immer der Grund für die Evolution von Monogamie gewesen sein, denn es gibt auch monogame Arten, die keine Brutpflege ausüben. Die im Korallenriff lebenden Schmetterlingsfische (Chaetodontidae) geben die befruchteten Eier ins freie Wasser ab. Und trotzdem sind manche von ihnen monogam, vermutlich weil sie die großen und hart umkämpften Nahrungsterritorien, in denen sie leben, nur zu zweit gegen die Konkurrenz halten können. Bei der seltenen indopazifischen Harlekin-Garnele (Hymenocera picta; Bild 2 rechts), deren frisch geschlüpfte Larven im und vom Plankton leben, ist wahrscheinlich ein Sexualpartner so schwer zu finden, daß es sich zusammenzubleiben lohnt, wenn es einmal geglückt ist. Ähnliches könnte für den Pärchenegel (Gattung Schistosoma) gelten, den Erreger der Bilharziose, der in den Venen des Menschen parasitiert, wobei das schlankere Weibchen umschlossen von dem zu einem Rohr gefalteten Männchen lebt.

Vorteile der Partnertreue

Außer bei Gänsen bleibt auch bei Schwänen und vielen anderen Vogelarten, zum Beispiel Papageien und Rabenvögeln, ein Paar in der Regel lebenslang zusammen und zieht Jahr für Jahr gemeinsam seine Jungen groß. Welchen Vorteil die dauerhafte Monogamie gegenüber der Neuverpaarung in jeder Brutsaison haben kann, ist indes erst an einer Art befriedigend untersucht worden: Myrfyn Owen vom Britischen Wildfowl Trust und seine Mitarbeiter haben eine Population von weitgehend individuell beringten Nonnengänsen (Branta leucopsis) beobachtet, die auf Spitzbergen brütet und in Südschottland überwintert.

Trotz der üblichen festen Bindung fanden sich Paare, die sich neu zusammengetan und gebrütet hatten – an der Trennung vom früheren Partner waren in allen belegten Fällen Mißgeschicke auf dem Zug schuld. Interessant war nun, daß von diesen nur neun Prozent wenigstens einen Jungvogel mit ins Winterquartier brachten. Erst im nächsten Jahr hatten wieder 21 Prozent dieser Paare Nachwuchs, ähnlich wie bei den langjährig verpaarten Vögeln. Da Nonnengänse, obgleich sie mehr als 20 Jahre alt werden können, durchschnittlich nur etwa vier bis fünf Fortpflanzungsjahre erleben, kostet sie also ein einziger wie auch immer verursachter Partnerwechsel vom gesamten potentiellen Fortpflanzungserfolg 10 bis 15 Prozent.

Gegen den Partnerwechsel wirkt demnach ein sehr hoher Selektionsdruck. So ist es kein Wunder, daß die Tiere sich offensichtlich sehr bemühen, den Partner nicht zu verlieren.

Warum neu gebildete Paare einen geringeren Bruterfolg haben, ist noch nicht recht geklärt. Zum einen könnte es daran liegen, daß sich Einzelvögel, die bis kurz vor Brutbeginn allein und daher rangniedrig sind, nicht die nötigen Nährstoffreserven für eine erfolgreiche Brutsaison zulegen können. Eine andere Erklärung ist, daß sich ein verwitweter Vogel meistens mit einem jüngeren, das heißt schwächeren und weniger erfahrenen Partner verpaaren muß.

Bedingungen für Monogamie

Die eigentliche Frage ist aber, wieso sich bei manchen Arten Monogamie einstellt, obwohl wenigstens für die Männchen die Vielweiberei oder die Unehigkeit in aller Regel vorteilhafter ist. Gorden Orians von der Universität von Washington in Seattle hat zur Klärung ein besonders auf Singvogelweibchen passendes Modell entworfen, demzufolge die Qualität der verfügbaren Brutreviere den Ausschlag gibt. Je besser ein vom Männchen verteidigtes Territorium sich in Nistmöglichkeiten, Nahrungsangebot, Deckung, Kleinklima oder anderen für das Ausbrüten und Aufziehen von Jungen wichtigen Merkmalen eignet, desto eher werden Weibchen sich dort niederlassen.

Ist nun ein Revier mehr als doppelt so gut wie das Nachbarterritorium, kann es sich unter Umständen für ein Weibchen lohnen, sich dem schon ansässigen Paar anzuschließen, statt mit dem schlechteren Revier vorlieb zu nehmen, auch wenn es dort das einzige Weibchen wäre. Umgekehrt sollte es bei nur geringem Unterschied der Territoriumsqualität das schlechtere, aber freie Revier wählen. Den Grenzwert nennt man die Polygynieschwelle (Bild 3).

Tatsächlich fand man, daß Polygynie bei 14 von 291 daraufhin untersuchten nordamerikanischen Singvogelarten regelmäßig vorkommt und daß von diesen 13 in Sumpf- und Steppengebieten brüten, wo die Nahrung auf engem Raum unregelmäßiger verteilt ist als etwa im Wald. Daß auch andere Faktoren wichtig sein können, wurde an Trauerammern nachgewiesen: Wo mehr beschattete Nistplätze vorhanden waren, brüteten mehr Weibchen. Deren Aufzuchterfolg ließ sich zudem im Experiment um 50 Prozent steigern, indem man über den Nestern ein undurchsichtiges Plastikstück befestigte; und während man sonst maximal zwei brütende Weibchen in einem Revier zählte, fanden sich in manchen der Territorien, die man zusätzlich mit solchen künstlichen Schattenplätzen versehen hatte, sogar drei Weibchen ein.

In all diesen Fällen entscheiden die Weibchen über die Eheform; die Männchen können höchstens durch Vorleistungen so auf die Bilanz der Weibchen einwirken, daß für diese der Harem die günstigere Option ist.

Das Modell läßt sich im Prinzip auch auf Gänse anwenden. Allerdings zählt hier nicht die Qualität eines Territoriums, sondern der Rang des Ganters als Ausdruck seiner Qualität. Ein ranghoher Ganter kann ein Weibchen beim Fressen und beim Erobern eines Nestplatzes nämlich wirksamer unterstützen als ein rangtiefer.

Theoretisch müßte es also bei diesen Vögeln gleichfalls eine Schwelle geben, jenseits derer es sich für Weibchen lohnte, sich einem schon verpaarten – ranghohen – Ganter anzuschließen. Das konnten wir an unserer Kolonie auch beobachten: Obwohl Streifengänse in freier Wildbahn anscheinend konsequent monogam sind, bildeten sich in der Seewiesener Population hin und wieder dauerhafte Harems. Somit hatten wir die ideale Möglichkeit, bei derselben Art die Voraussetzungen für Monogamie und Haremsbildung zu vergleichen.

Unverpaarte Weibchen, die drei Jahre und älter waren, hatten in unserer Schar kaum mehr Chancen, noch einen Partner für sich allein zu bekommen. Ein Harem entstand jeweils dadurch, daß sich ein solches Weibchen einem Paar mit ranghohem Ganter anschloß. Nach anfänglichen Reibereien duldete das ursprüngliche Paar den Zugang, und das neue Weibchen folgte fortan nur diesem einen Ganter. Der kümmerte sich zwar vornehmlich um sein Hauptweibchen, lief ihm nach und bewachte es beim Brüten, aber er kopulierte auch mit dem Sekundärweibchen und verhalf ihm zu einem Nestplatz. Manche Harems umfaßten auch mehr – maximal vier – solche Sekundärweibchen.

Der Status als Nebenfrau ist für den Fortpflanzungserfolg ungünstiger als der des Hauptweibchens. Die 71 untersuchten Hauptweibchen produzierten pro Jahr im Durchschnitt 0,56 flügge Junge, die 19 Sekundärweibchen nur 0,23. Dieser Unterschied rührte daher, daß die Sekundärweibchen vom Ganter beim Brüten nicht bewacht wurden und wegen der vielen Störungen am Nest durch andere Gänse eine geringere Schlüpfrate ihrer Eier hatten.

Doch waren sie offenbar immer noch besser gestellt als die 46 alleinstehenden Weibchen, die zwar keine Schwierigkeiten hatten, von einem Ganter begattet zu werden, aber nur sehr geringe Chancen, sich an einem Nestplatz zu behaupten; auch mußten sie wie die Sekundärweibchen ungeschützt brüten und hatten deshalb insgesamt fast keinen Erfolg, nämlich im Mittel bloß 0,02 flügge Junge pro Jahr (Bild 4).

Die älteren von den alleinstehenden Weibchen suchten zwar regelmäßig Anschluß bei ranghohen Gantern, wurden aber konsequent abgewiesen, warum, wissen wir nicht.

Wenn Sekundärweibchen schlechter abschneiden als Hauptweibchen, würde man erwarten, daß sie sich nach Möglichkeit um einen noch unverpaarten Ganter bewerben. In der Tat gab es in Seewiesen trotz des Weibchenüberschusses noch vereinzelt unverpaarte junge Ganter. Bei genauer Betrachtung erwiesen sich die jedoch als besonders rangniedrig – auch im Vergleich mit Altersgenossen. Offenbar war eine Gans als Sekundärweibchen bei einem ranghohen Ganter doch noch erfolgreicher, als wenn sie Hauptfrau eines solchen Schwächlings geworden wäre.

Der Vorteil für den Besitzer eines Harems ist offensichtlich: er kann mit mehreren Weibchen mehr Nachkommen haben als in einer monogamen Beziehung. Aber er vermag einen Harem nicht zu erzwingen: Wenn seine Weibchen auseinandergehen, kann er nur einem von ihnen folgen und muß die anderen laufen lassen.

Deshalb steht das Paarungssystem der Gänse allein unter der Kontrolle der Weibchen. Lohnt sich für sie wegen Männchenknappheit der Sekundärweibchenstatus, können einige der Ganter zu einem Harem kommen. Sind dagegen, wie normalerweise in freilebenden Populationen, genügend Männchen vorhanden, ist die Monogamie für die Weibchen die günstigere Option – und von den Gantern nicht zu verhindern.

Monogamie beim Menschen

In den heutigen menschlichen Gesellschaften ist Monogamie keineswegs die typische Eheform. Nur 16 Prozent aller Kulturen schreiben sie vor – wobei fraglich ist, wie viele Verheiratete sich auch sexuell treu bleiben. In rund 0,5 Prozent ist Vielmännerei (Polyandrie) üblich, in 83,5 Prozent Vielweiberei (Polygynie) erlaubt, wenn auch vielen Männern faktisch nicht möglich.

Nun sind menschliche Normen und Verhaltensweisen in der Regel so stark kulturell geprägt, daß oft schwer zu beurteilen ist, ob und in welchem Maße biologische Faktoren das Erscheinungsbild mitformen oder die Tradition einmal mitgeprägt haben. Daß aber Ehe – welcher Art auch immer – ursprünglich vor allem ein Zweckbündnis im Dienste der Fortpflanzung war und vielfach heute noch ist, läßt sich wohl nicht bestreiten.

Manche Interessenkonflikte der Geschlechter könnten schon dadurch vorgegeben sein. Nicht nur haben Männer das höhere Fortpflanzungspotential; eine Frau kann zudem sicher sein, daß ein von ihr geborenes Kind ihr eigenes ist, während ein Mann an der Vaterschaft nur dann nicht zu zweifeln braucht, wenn seine Frau ihm sexuell treu ist. Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, daß Männer bei einem Seitensprung der Frau eher auf Scheidung drängen als umgekehrt. Frauen scheint die Versorgung für sich und ihre Kinder vorrangig zu sein.

Daß Ehescheidungen und Trennungen in den hochentwickelten Industrieländern zunehmen und auch immer häufiger von der Frau ausgehen, ist sicherlich eine Folge von Wohlstand und sozialer Sicherheit. Eine Mutter vermag Kinder leichter allein aufzuziehen, nicht nur weil die Gesellschaft dies inzwischen weithin toleriert, sondern auch, weil sie finanzielle Unterstützung gewährt und Kinderhorte einrichtet, so daß die Frau selber Geld verdienen kann. Es gibt schon aus der Antike Hinweise darauf, daß die Scheidungsrate mit zunehmender ökonomischer Unabhängigkeit der Frau ansteigt. Der Paarzusammenhalt verliert dann seine biologische Notwendigkeit.

Inwieweit die jeweiligen ökonomischen Verhältnisse die Ausprägung der überlieferten Eheformen mitbestimmt haben, läßt sich nicht leicht nachvollziehen. Nach dem Polygynieschwellen-Modell sollte man Monogamie dort erwarten, wo die Ressourcen auf die Männer einigermaßen gleich verteilt sind. Das war in der abendländischen Kultur aber nie der Fall. Zwar verdient heute nahezu jeder Mann immerhin genug, um Kinder durchbringen zu können, denn einen Teil der Kosten für Erziehung und medizinische Versorgung sowie notfalls soziale Hilfen übernimmt der Staat. Doch obgleich zumindest eine Chancenähnlichkeit besteht, sind die ökonomischen Ungleichheiten weiterhin sehr groß. Darum ist für unsere Gesellschaft eher eine kulturell gesetzte Norm als Grund für die Einehe anzunehmen. Gestützt wird sie von einem komplexen Sittenkodex, den die christliche Mission gleich mit dem Evangelium bei anderen Kulturen eingeführt hat.

Die teilweise erstaunlichen Parallelen zwischen den sozialen Entscheidungen von Tieren und Menschen dürfen nicht vergessen lassen, daß wir im wesentlichen Lern- und Kulturwesen und deshalb den Regeln und Zwängen der biologischen Evolution nicht mehr gleichermaßen unterworfen sind. Man darf darum ähnliche Phänomene nicht einfach nach denselben Prinzipien erklären wollen wie bei Tieren, sondern muß die noch weniger erforschten Mechanismen der kulturellen Evolution einbeziehen.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1993, Seite 62
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 1993

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 1993

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