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Betrug in der Wissenschaft: Fälschungen hinter Mauern des Schweigens

Renommierte Mediziner, manipulierte Publikationen und überholte Klinikstrukturen prägen den schwersten deutschen Forschungsskandal. Der Abschlussbericht der "Task Force F.H." mahnt dringend Reformen des Forschungssystems an.


Wie Wissenschaft in Deutschland befindet sich derzeit in einer ihrer schwersten Krisen. Ihre Glaubwürdigkeit ist bedroht. Was bisher im so genannten Fall Herrmann/Brach an Betrug und Fälschungen publik geworden ist, weist auf gravierende Defizite in der Struktur des derzeitigen Forschungssystems hin, insbesondere in den Lebenswissenschaften.

Die Mängel reichen über die welt-weit wirksamen Faktoren Forscherehrgeiz und publish or perish als Grundsatz weit hinaus. Denn die Furcht, zu wenig zu veröffentlichen und deshalb im Wettbewerb abgehängt zu werden, hat auch spezifisch deutsche Gründe. Dazu zählen unter anderem die Abhängigkeit der Promovenden und Habilitanden von ihren "Betreuern" – gut etablierten, mächtigen Professoren – sowie vor allem in den Kliniken der Zwang für alle Mediziner, ihre Forschung in den knappen Feierabend zu verlegen. Eine gründliche Reform des Medizinstudiums und der biowissenschaftlichen Forschung ist deshalb äußerst dringlich.

Lange hatte sich die Wissenschaft in Deutschland vor Fälschungen sicher gewähnt. Dass ein Forscher mit unredlichen Methoden die eigene Karriere beschleunigen könnte, schien undenkbar. Man vertraute ganz auf die Kontrolle durch die Selbstverwaltung. Vorsorglich hatte sich jedoch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) schon 1992 auf Regeln festgelegt, wie bei Verdacht auf Fehlverhalten von Wissenschaftlern zu verfahren sei. Diese Regeln sollten die "Selbstreinigungskraft" der Wissenschaft unterstützen und deren Integrität wahren.

Sie konnten freilich nicht verhindern, dass fünf Jahre später Datenmanipulationen in wissenschaftlichen Aufsätzen der Krebsforscher Friedhelm Herrmann und Marion Brach dieses Gebäude ins Wanken brachten. Wissenschaftsorganisationen, beteiligte Hochschulen und Stiftungen gerieten in helle Aufregung. Sie zogen ihre Fördergelder zurück, ergriffen Disziplinarmaßnahmen und begannen vor allem, Kommissionen einzurichten, die auf die Integrität der Wissenschaft achten sollen.

Eine international besetzte DFG-Kommission "Selbstkontrolle in der Wissenschaft" legte 1998 "Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis" vor. Sie sollten Fälschungen verhindern oder wenigstens einschränken. Ein dreiköpfiges Gremium "Der Ombudsmann der DFG" betonte am 26. Juni 2000 in seinem ersten Jahresbericht an den Senat der DFG, es sei nicht sein vordringliches Ziel, Fehlverhalten festzustellen, sondern mit den Beteiligten nach Problemlösungen zu suchen. Für trotzdem vorkommende Fälschungen ist jetzt der Unterausschuss "Fehlverhalten" des DFG-Hauptausschusses zuständig.

Die Max-Planck-Gesellschaft hatte bereits im November 1967 eine interne Verfahrensordnung verabschiedet, die das Vorgehen bei Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten regelt – wenn also "in einem wissenschaftlichen Zusammenhang bewusst oder grob fahrlässig Falschangaben gemacht werden, geistiges Eigentum anderer verletzt wird oder sonstwie deren Forschungstätigkeit beeinträchtigt wird". Vorsitzender der damaligen Expertenkommission war Albin Eser, Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg.

Eser hatte auch 1992 die vorsorglichen Maßnahmen der DFG angeregt und war dann Vorsitzender der Kommission, die 1998 für die Universität Freiburg – deren Klinikum von Herrmanns und Brachs Fälschungen am härtesten getroffen war – Richtlinien zur "Selbstkontrolle in der Wissenschaft" ausarbeitete. Am 20. Juni 2000 ist diese Eser-Kommission in Freiburg erneut eingesetzt worden, denn der Fall hatte sich drastisch ausgeweitet.

Neben den lokalen Untersuchungskommissionen auch an den anderen Karrierestationen von Herrmann und Brach – den Universitäten Ulm, Mainz und Lübeck sowie dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch – hatte die DFG eine Gemeinsame Kommission unter dem Vorsitz des Freiburger Internisten Wolfgang Gerok einberufen, um die Fälschungsvorwürfe zu klären. Doch den dafür notwendigen Aufwand konnte diese nicht leisten. In einem nicht veröffentlichten Bericht im Juli 1997 regte sie daher weitere Untersuchungen an. Dazu finanzierten die DFG und die Mildred-Scheel-Stiftung/Deutsche Krebshilfe eine Arbeitsgruppe "Task Force F.H.", die der Würzburger Zellbiologe Ulf R. Rapp leitete. Sie untersuchte 562 in wissenschaftlichen Zeitschriften erschienene Arbeiten von Herrmann und seinem Umkreis sowie 68 Buchartikel.

Ihr im Juni 2000 vorgelegter Abschlussbericht ist deprimierend: Von den 347 analysierten Veröffentlichungen von Herrmann, meistens in Kooperation mit anderen Wissenschaftlern verfasst, wurden 29 als "fälschungsbehaftet" identifiziert, bei 65 besteht "konkreter Verdacht auf Fälschungen"; bei 121 Arbeiten blieb der Anfangsverdacht auf Fälschung bestehen, nur 132 konnten davon befreit werden. Unmittelbare Auswirkungen für die Verursacher hat dieses Ergebnis aber nicht mehr: Herrmann hat den Universitätsbereich verlassen, Brach ist Professorin in den USA.

Die Fälschungsaffäre ist damit nicht mehr in erster Linie der Fall Herrmann/Brach. Vielmehr sind auch anerkannte Wissenschaftler in Herrmanns Umkreis in ihren Sog geraten. Zwei Medizinern wurde im Juni die Habilitation aberkannt, weil in ihren Habilitationsschriften, die sie an der Universität Freiburg eingereicht hatten, Fälschungen nachgewiesen wurden. (Wegen eines administrativen Formfehlers kann der Habilitationsausschuss allerdings erst im Oktober den Entzug der Lehrbefugnis endgültig beschließen.)

Nur die Spitze eines Eisbergs?


Schwer wiegen die Verdachtsmomente gegen einen deutschen Pionier in der Gentherapie: Roland Mertelsmann, Ärztlicher Direktor der Abteilung Innere Medizin (Schwerpunkt: Hämatologie und Onkologie) der Freiburger Medizinischen Universitätsklinik. Dort war Herrmann Laborleiter. Die Task Force untersuchte 245 Journalartikel von Mertelsmann, in denen Herrmann nicht als Koautor erscheint. Dabei ergaben sich zwar keine Hinweise auf Fälschungen, die man ihm persönlich oder bei ihm arbeitenden Wissenschaftlern zuschreiben müsste. Bei einer Arbeit jedoch "ergaben sich eine ganze Reihe von Unstimmigkeiten und Hinweise auf einen Umgang mit Daten außerhalb der lex artis … Da-raus ergibt sich, dass zumindest in einer zweiten Arbeitsgruppe seiner Abteilung zumindest in einer Publikation nicht wissenschaftlich sauber gearbeitet wurde." Der Verdacht besteht, dass dies auch bei anderen Arbeiten der Fall ist.

Doch der "Abschlussbericht" der Task Force bleibt hier wie in allen anderen Fällen den genauen Nachweis noch schuldig. In ihm wird immer wieder auf die 22 Anlagen verwiesen, die erst dann veröffentlicht werden sollen, wenn die Zweifelsfragen in Bezug auf andere Autoren außer Herrmann ebenfalls geklärt sind. Aber bis dahin kann es noch eine Weile dauern. Der DFG-Unterausschuss, der sich das vorgenommen hat, kommt nur langsam voran. Für seine letzte Sitzung Ende August in Bonn ließen sich Mertelsmann und ein anderer mit ihm eingeladener Freiburger Mediziner entschuldigen. Die DFG drängt jetzt auf rasche schriftliche Antwort auf ihre Fragen.

Herrmann war nach den Feststellungen der Task Force "der bei weitem wichtigste wissenschaftliche Partner" Mertelsmanns, "dessen Renommee als internationale Kapazität wohl mit auf dieser Allianz beruht". An 170 der untersuchten 347 Artikel von Herrmann war Mertelsmann als Koautor beteiligt. Darunter zählen 58 zu den "inkriminierten" Publikationen, welche die Task Force als fälschungsbehaftet identifizierte oder bei denen konkreter Verdacht auf Fälschungen besteht. Bei 15 dieser Veröffentlichungen zeichnete Mertelsmann als Letztautor, dem normalerweise eine besondere Verantwortung zukommt.

Die Task Force kann zwar nicht belegen, dass Mertelsmann von Herrmanns Datenmanipulationen – insbesondere an Abbildungen – wusste, hält es aber bei der außerordentlich engen Zusammenarbeit für undenkbar, dass er ahnungslos war. Die Mitverantwortung Mertelsmanns beruhe einmal in der "Ehrenautorschaft", die nach den Empfehlungen der DFG-Kommission "Selbstkontrolle in der Wissenschaft" als Fehlverhalten anzusehen sei. Zum anderen war Mertelsmann und nicht Herrmann der Betreuer der beiden Wissenschaftler, denen jetzt die Lehrbefugnis entzogen werden soll. "Nach Auffassung der Task Force ist Herr Mertelsmann seiner besonderen Verantwortung in der Affäre nicht durch aktive und intensive aufklärerische Aktivitäten gerecht geworden." Auch habe er auf den Fragebögen der Task Force nur sehr dürftige Informationen gegeben. Überdies wurde auch in einer anderen Gruppe, die Mertelsmann zugeordnet ist, wissenschaftlich unsauber gearbeitet. Das spreche dafür, dass in dem Bereich des an-gesehenen Freiburger Gentherapie-Forschers "der Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis nicht der notwendige Stellenwert eingeräumt wird".

Damit ist die Task Force bei der entscheidenden Strukturfrage angelangt, "ob der ärztliche Direktor einer Klinik mit der Funktion der Leitung auch der Forschungsarbeit an dieser Klinik nicht überfordert ist". Es waren nicht nur Fälschungen, denen sie auf die Spur gekommen ist, sondern auch ganz einfach handwerkliche Fehler und wissenschaftliche Unkenntnis. Einer der beiden erwähnten Habilitanden entschuldigte seine Fehler mit mangelnder naturwissenschaftlicher Erfahrung.

Reformen des Forschungs-und Ausbildungssystems angemahnt


Der Vorsitzende der Task Force, Rapp, und ihr Mitglied Roland Houben haben die offenbar gewordenen Mängel zum Anlass genommen, eine zweistufige Ausbildung von Medizinern und eine Verbesserung der Forschung in den Kliniken vorzuschlagen. Demnach sollten für Ärzte die wissenschaftlich meist wertlosen Dissertationen wegfallen und der Titel "Doktor" mit der ersten Staatsprüfung vergeben werden. Ebenso sollten bei Medizinern die Habilitationen entfallen und die Forschungsstrukturen in den Kliniken verbessert werden. Wer in Biowissenschaften promovieren will, solle dies in Arbeitsgruppen tun, deren Leiter selbst im Labor arbeitet. In Graduierten-Seminaren, an denen auch die Arbeitsgruppenleiter und die Professoren teilnehmen, müssten alle Arbeiten der Gruppe diskutiert werden. "Dieser Prozess der Diskussion kann von Betrug abschrecken oder ihn zumindest in der Gruppe leichter erkennbar machen." In den Biowissenschaften solle transdisziplinäre Forschung an die Stelle der heutigen naturwissenschaftlichen und vor allem medizinischen Arbeitsgruppen treten, denn diese entließen "unfertige Forscher in eine Welt …, in der ihre Entwicklung stark von ihren Betreuern abhängt".

Der Fall Herrmann/Brach hätte, würden solche Ideen realisiert, doch noch ein akzeptables Ergebnis gezeitigt.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 10 / 2000, Seite 98
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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