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Wissenschaftsgeschichte: Fermi, Szilard und der erste Atomreaktor

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs trafen in den USA zwei aus Europa emigrierte Physiker zusammen, die nur in ihrer Begeisterung für die Wissenschaft übereinstimmten. Dennoch glückte dem ungleichen Paar der Bau des ersten Kernreaktors.


Im Januar 1939 zogen zwei europäische Physiker in das King’s Crown Hotel nahe der Columbia University in New York. Zwar hatten Enrico Fermi und Leo Szilard schon zuvor Briefe ausgetauscht, doch ihre Begegnung im Hotel war reiner Zufall. Aus dem Treffen ging eine der lebhaftesten – und streitbarsten – Partnerschaften in der Wissenschaftsgeschichte hervor.

Beide waren Flüchtlinge vor dem in Europa grassierenden Rassenwahn, und jeder der beiden besaß wichtige Teile des Puzzles, das schließlich den Weg zur Kernenergie weisen sollte. Aber wie sich bald herausstellte, hatten sie höchst unterschiedliche Ansichten, Arbeitsmethoden und Eigenheiten. Wäre es Fermi und Szilard nicht gelungen, trotz aller Differenzen zusammenzuarbeiten, so hätte nicht 1942 die erste kontrollierte nukleare Kettenreaktion stattgefunden, und das amerikanische Manhattan-Projekt hätte nicht 1945 zum Bau der ersten Atombomben geführt. Szilard meinte später: "Falls die Nation uns Dank schuldet – und vielleicht tut sie das nicht –, dann dafür, dass wir es so lange wie nötig miteinander ausgehalten haben."

Der 38-jährige Enrico Fermi war gerade aus Rom in New York angekommen. Unterwegs hatte er in Stockholm Station gemacht, um den Nobel-Preis des Jahres 1938 für Physik entgegenzunehmen. Die Auszeichnung wurde ihm für Elementumwandlungen durch Neutronenbeschuss verliehen; dabei war es ihm anscheinend gelungen, so genannte Transurane – künstliche instabile Elemente, die schwerer sind als das schwerste natürliche Element Uran – durch den Beschuss von Uran mit Neutronen zu erzeugen. Aus Furcht vor neuen Rassengesetzen beschlossen Fermi und seine jüdische Frau, nicht mehr ins faschistische Italien heimzukehren. Stattdessen nahm er eines von vier amerikanischen Angeboten an und ging an die Columbia University.

Eine Begegnung auf verschlungenen Wegen

Leo Szilard, ein ungarischer Jude von 40 Jahren, kam auf verschlungeneren Wegen nach New York. Er war in Budapest aufgewachsen und 1919 nach Berlin übersiedelt, um bei Albert Einstein zu studieren und mit ihm zu arbeiten. Unter anderem entwickelten sie damals gemeinsam eine elektromagnetische Kühlpumpe bis zur Patentreife (Spektrum der Wissenschaft 6/1997, S. 94); doch zwei Jahrzehnte später sollte ihr Verhältnis historische Bedeutung gewinnen.

Als Hitler 1933 die Macht übernahm, floh Szilard sofort nach London. Im selben Jahr konzipierte er die Idee einer nuklearen "Kettenreaktion", die gemäß seinem Patentantrag von 1934 "elektrische Energie" und möglicherweise "eine Explosion" liefern sollte. Solche Kettenreaktionen fanden bald darauf tatsächlich in Kernreaktoren und Nuklearwaffen statt; doch zunächst galt es, ein dafür passendes Element zu entdecken. Nach vier Jahren vergeblicher Versuche an der Universität Oxford sowie an den Universitäten von Rochester und Illinois in den USA ging auch Szilard an die Columbia University.

Fermi war ein strikter Akademiker, der sein Leben ganz und gar einer brillanten Physik-Karriere widmete; Politik interessierte ihn kaum. Als häuslicher Mensch zog er mit seiner Familie bald aus dem New Yorker Hotel in ein Reihenhaus in New Jersey um. Er stand jeden Tag um halb sechs auf und verbrachte die zwei Stunden vor dem Frühstück damit, an seinen Theorien zu feilen und die Experimente des kommenden Tages zu planen. Ungewöhnlich für einen Forscher des 20. Jahrhunderts ist, dass Fermi nicht nur ein begabter Theoretiker war, sondern auch gern manuell arbeitete. Wenn er nicht Vorlesungen hielt, bastelte er mit seinen Assistenten im Labor.

Als Gastforscher ohne feste Anstellung, ohne eigene Vorlesungsreihe oder eigenes Labor hielt der Junggeselle Szilard kaum Lehrveranstaltungen ab, publizierte wenig und dilettierte in Wirtschaftswissenschaft und Biologie. Er lebte in Hotels und Universitätswohnheimen, wo er sich mit Vorliebe stundenlang in der Badewanne räkelte, um neue Ideen auszuhecken. Eine solche Eingebung besagte etwa, die National Science Foundation – das amerikanische Gegenstück zur Deutschen Forschungsgemeinschaft – solle zweitklassigen Wissenschaftlern keinerlei Forschungsmittel gewähren. Szilard las begierig Zeitung, grübelte unablässig über finanzielle, politische und militärische Probleme nach und hatte stets zwei gepackte Koffer parat, um jeder neuen Eruption des Faschismus sofort entfliehen zu können.

Als notorischer Spätaufsteher tauchte er in der Universität oft erst zum Mittagessen auf, um sich anschließend auf Kollegen zu stürzen und ihnen tiefgründige Fragen zu stellen oder Experimente vorzuschlagen, die sie ausführen sollten. "Du hast zu viele Ideen", sagte ihm schließlich der künftige Nobelpreisträger Isidor Isaac Rabi, "bitte geh weg".

Der Physiker Bernard Feld – zuletzt am Massachusetts Institute of Technology tätig – arbeitete seinerzeit mit Fermi und Szilard als Forschungsassistent des Letzteren an der Columbia University. Er charakterisierte die beiden so: "Fermi ging erst von Punkt A nach Punkt B, wenn er alles nur irgend Mögliche über A wusste und vernünftige Sicherheiten über B besaß. Szilard sprang von A nach B und wunderte sich dann, warum man Zeit mit B und C vergeudete."

Wenige Tage nach dem zufälligen Treffen zwischen Fermi und Szilard im King’s Crown Hotel landete der dänische Physiker Niels Bohr in New York mit einer wichtigen Nachricht aus Europa: Die Physikerin Lise Meitner – eine Jüdin, die von Berlin nach Stockholm geflohen war – hatte eine Erklärung gefunden, warum die Berliner Chemiker Otto Hahn und Fritz Strassmann beim Beschuss von Uran mit Neutronen nicht Transurane erzeugt hatten, sondern leichtere Kernfragmente: Sie hatten den Atomkern gespalten. Erst im Jahre 1966 wurden alle drei für die Entdeckung der Kernspaltung mit dem Enrico-Fermi-Preis geehrt, nachdem zunächst nur Hahn und Strassmann dafür den Nobelpreis des Jahres 1944 erhalten hatten (siehe dazu Spektrum der Wissenschaft 5/1998, S. 80).

Durchs Bohrs Bericht gelangte Fermi zu einem besseren Verständnis seiner eigenen Uran-Experimente von 1934: Er hatte nicht Transurane erzeugt, sondern unwissentlich Atomkerne gespalten.

Szilard fand die Neuigkeit bedrohlicher. Er erkannte, dass Uran das Element war, das sich für die in seinem Patentantrag von 1934 beschriebene Kettenreaktion eignete. Auf Grund seines politischen Gespürs hatte er dieses Patent der britischen Admiralität als Geheimpapier übergeben, um deutsche Wissenschaft-ler nicht auf die Möglichkeit atomarer Explosivstoffe hinzuweisen. Die Entdeckung der Kernspaltung bestätigte Szilards Befürchtung, eine Atombombe könnte in naher Zukunft Realität werden.

Transurane oder Kernfragmente?

Die Idee der nuklearen Kettenreaktion war Szilard gekommen, als er 1933 in London an einer Straßenecke stand. Erst ein Jahr zuvor war das Neutron entdeckt worden, und die Physiker stellten sich das Atom nun als eine Art winziges Sonnensystem vor, in dem die negativ geladenen Elektronen einen Kern aus positiv geladenen Protonen und neutralen Neutronen umkreisen. Da das Neutron keine Ladung trägt, vermag es in den Kern einzudringen, ohne von ihm abgestoßen zu werden. Szilard erkannte nun, dass bei der durch Neutronenbeschuss ausgelösten Kernspaltung die den Atomkern zusammenhaltende Bindungsenergie frei wird. Außerdem kann der gespaltene Kern einige Neutronen abgeben, die nun ihrerseits weitere Atome spalten. Wenn jedes gespaltene Atom mehr als ein Neutron entlässt, wächst der Prozess exponentiell an, und in Sekundenbruchteilen können Millionen Atome gespalten und riesige Energiemengen freigesetzt werden. Wie Szilard später erfuhr, kam auch Fermi durch Bohrs Nachricht auf die Möglichkeit einer Kettenreaktion, doch hielt Fermi sie für extrem unwahrscheinlich.

Während Szilard 1934 sein Patent einreichte, wurde Fermi in Rom zum weltweit anerkannten Experten für den Neutronenbeschuss von Atomen. Wie er herausfand, konnte er die Neutronen abbremsen, indem er sie eine Paraffinschicht passieren ließ, und erhöhte dadurch die Wahrscheinlichkeit, dass sie vom Zielkern absorbiert wurden. Seine Resultate mit Uran waren verwirrend. Manchmal absorbierte der Kern Neutronen und verwandelte sich in ein schwereres Uran-Isotop. Doch manchmal erzeugte der Neutronenbeschuss völlig neue Elemente. Als die deutsche Chemikerin Ida Noddack von Fermis Experimenten erfuhr, schlug sie vor, die neuen Produkte chemisch zu analysieren, um festzustellen, ob es sich um Fragmente gespaltener Atome handle. Doch da Fermi sich nur auf die Physik von Beschuss und Absorption konzentrierte, verfolgte er diesen Gedanken nicht weiter. Hätte er es getan, wäre er vielleicht Jahre vor Lise Meitner auf die Kernspaltung gestoßen.

Im Frühjahr 1939 unternahmen sowohl Fermi als auch Szilard an der Columbia University Experimente zum besseren Verständnis der Kernspaltung. Szilard verschaffte dem kanadischen Physiker Walter Zinn eine Radium-Beryllium-Neutronenquelle aus England. Damit wiesen Zinn und Szilard nach, dass pro Spaltung mehr als zwei Neutronen frei wurden. Fermi und sein Assistent Herbert Anderson verwendeten für ein ähnliches Experiment eine stärkere Radon-Beryllium-Quelle – mit uneindeutigen Ergebnissen. Szilard vermutete, die Quelle sei so stark, dass einige Neutronen den Kern glatt durchstießen und sich im Detektor unter die durch Kernspaltung erzeugten Neutronen mischten. Szilard lieh Fermi seine englische Neutronenquelle, die viel klarere Resultate lieferte.

Danach versuchten die beiden Forscher zusammenzuarbeiten – und der Krach war unvermeidlich. Szilard scheute manuelle Arbeit und heckte lieber immer neue Ideen aus, während Fermi von allen Mitarbeitern erwartete, dass sie bei Experimenten selbst Hand anlegten. Zwar respektierte jeder die Fähigkeiten des anderen, aber sie gingen einander auf die Nerven. Doch da sie erkannten, dass sie auf einander angewiesen waren, wandten sie sich an George Pegram, den Leiter der physikalischen Fakultät, damit er ihre separate Arbeit koordinierte. Pegrams Pendeldiplomatie gelang es, Fermis Präzision mit Szilards Ideenreichtum zu versöhnen. Zusammen mit Anderson erkannten die ungleichen Partner, dass mit langsamen Neutronen "eine nukleare Kettenreaktion aufrechterhalten werden kann".

Der Atommeiler

So häufig es zu Zusammenstößen zwischen Fermi und Szilard kam, so selten waren anfangs Kollisionen zwischen Neutronen und Kernen. Erst wenn die Neutronen durch so genannte Moderatoren – etwa Fermis Paraffin – abgebremst wurden, erhöhte sich die Spaltungsrate. Im Jahre 1939 wussten die Physiker auch schon, dass so genanntes schweres Wasser ein wirksamer Moderator ist. Gewöhnliches Wasser besteht aus zwei Wasserstoffatomen und einem Atom Sauerstoff; in schwerem Wasser tritt an die Stelle des Wasserstoffs dessen Isotop Deuterium. Auch in heutigen Kernreaktoren dient schweres Wasser als Moderator für natürliches Uran, während für angereichertes Uran normales Wasser verwendet wird.

Doch schweres Wasser war rar und teuer. Die groß angelegten Experimente, die Szilard vorhatte, erforderten einen leichter zugänglichen und billigeren Moderator, und er entdeckte einen, den die deutschen Physiker übersehen hatten.

Wie Szilard befürchtet hatte, war die deutsche Erforschung der Atomenergie im Frühjahr 1939 schon im Gange. Sowohl deutsche wie amerikanische Physiker erkannten, dass Graphit – die amorphe Form des Kohlenstoffs, die in Bleistiften verwendet wird – sich als Moderator eignet. Doch die Deutschen kamen wieder davon ab, weil Graphit zu viele Neutronen absorbierte; stattdessen konzentrierten sie sich auf schweres Wasser, das schwer zu beschaffen war. Szilard, der oft mit der Bahn nach Boston oder Buffalo fuhr, um Rohmaterial für Fermis Versuche zu beschaffen, erkannte, dass käuflicher Graphit kleine Beimengungen von Bor enthielt, das gierig Neutronen absorbierte. Er bestellte darum speziell fabrizierten reinen Graphit – was einen besonders heftigen Streit mit Fermi auslöste.

Anderson maß die Neutronenabsorption in dem reinen Graphit und fand, dass er in der Tat einen guten Moderator abgeben würde. Szilard empfahl, die Testergebnisse geheim zu halten. Fermi, ganz der reine Wissenschaftler, widersetzte sich diesem Bruch mit der guten akademischen Tradition, ein Resultat nach Prüfung durch Fachkollegen in wissenschaftlichen Zeitschriften zu publizieren. "Fermi verlor echt die Beherrschung", erinnerte Szilard sich später. "Er fand das wirklich absurd." Doch wieder einmal schlichtete Pegram, und Fermi willigte unter den gegebenen Umständen widerstrebend ein, Selbstzensur zu üben.

Mit dem Graphit-Moderator sah Fermi nun wenigstens einen Hoffnungsschimmer für eine echte Kettenreaktion. Bezüglich der Frage, wie realistisch diese Hoffnung sei, waren Fermi und Szilard wiederum höchst unterschiedlicher Meinung. Szilard sah die Deutschen schon fast als Sieger in einem nuklearen Rüstungswettlauf, aber Fermi tat dies grob als Spinnerei ab. Er meinte, so etwas wie Atombomben werde es frühestens in 25 oder 50 Jahren geben; das Erzeugen einer echten Kettenreaktion sei "eine entfernte Möglichkeit" mit vielleicht zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit.

"Zehn Prozent ist keineswegs eine entfernte Möglichkeit, wenn es bedeutet, dass wir vielleicht daran sterben", erwiderte Isidor Rabi. Szilard bemerkte, wie unterschiedlich er und Fermi dieselbe Information auslegten. "Wir beide wollten vorsichtig sein", erinnerte Szilard sich später, "aber Fermi hielt es für vorsichtig, die Möglichkeit dieses Ereignisses herunterzuspielen; ich hingegen hielt die Annahme für vorsichtig, es werde eintreten, und meinte, man müsse die nötigen Vorkehrungen treffen."

Zu diesen Vorkehrungen gehörte, dass Szilard 2000 Dollar lieh, um Fermis Forschung zu unterstützen. Dennoch zeigte Fermi, wie wenig ihn die denkbaren Folgen der Nuklearforschung kümmerten, indem er an die Universität von Michigan ging, um kosmische Strahlen zu untersuchen. Die erste erfolgreiche Konstruktion eines Kernreaktors entstand darum weder in einem Labor noch in einer Bibliothek, sondern in Briefen.

Wie es Szilards Art war, drängte er darauf, "groß angelegte Experimente" zu beginnen, und zwar "sofort". Fermi blieb wieder einmal skeptisch. Szilard schlug vor, abwechselnde Schichten von Uran und Graphit in einem Gitter anzuordnen, dessen Geometrie die Neutronenstreuung und die anschließenden Spaltungsvorgänge festlegen würde. Fermi konterte mit einem homogenen Aufbau, bei dem Uran und Graphit wie Kies gemischt würden. Dieser Vorschlag ärgerte Szilard; er unterstellte Fermi, dieser wolle nur eine Konfiguration, die sich einfacher berechnen lasse. Fermi antwortete, nach gründlicher Überlegung habe Szilards Gitter-Idee ihn nun doch überzeugt. Nachdem er einmal überredet war, setzte Fermi all seine beträchtlichen Fähigkeiten ein, um die physikalischen Eigenschaften des Gitters zu bestimmen und das für den Bau eines Reaktors erforderliche Personal zu organisieren.

Unterstützung von höchster Ebene

Szilard erkannte, dass er und Fermi trotz all ihrer intellektuellen Fähigkeiten die Unterstützung wichtiger Verbündeter brauchten, wenn ihr Projekt gelingen sollte. Die Helfer bildeten ein seltsames Trio: der amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt, FBI-Chef J. Edgar Hoover und Albert Einstein.

Im Laufe des Sommers erfuhr Szilard, dass Deutschland Uran hortete. Er nahm an, dies bedeute Kernspaltungsforschung, und wollte die amerikanische Regierung warnen. Mit dem Instinkt eines Fachmanns für Öffentlichkeitsarbeit wandte er sich an seinen Freund und Mentor Einstein, der sich rund hundert Kilometer östlich von New York in einem Sommerhaus auf Long Island aufhielt. Szilard informierte den weltberühmten Physiker über die Kettenreaktion. "Daran habe ich überhaupt nicht gedacht", antwortete Einstein; endlich sah er einen Mechanismus vor sich, der die Verwandlung von Masse in Energie gemäß seiner berühmten Äquivalenzgleichung verwirklichen konnte.

Szilard besuchte Einstein zwei Mal und schlug ihm schließlich einen Brieftext zur Unterzeichnung vor. "Szilard konnte alles außer Auto fahren", erinnert sich ein mit Szilard befreundeter Wissenschaftler, der ebenfalls aus Ungarn stammte, vor Hitler geflohen war und nun beim zweiten Besuch am Steuer saß. "Und ich konnte Auto fahren. Also fuhr ich Szilard zum Sommerhaus... Einstein war ein Demokrat: Er lud nicht nur Szilard zu einer Tasse Kaffee ein, sondern auch den Fahrer." Darum war Edward Teller – der spätere Vater der Wasserstoffbombe – dabei, als Einstein in einem alten Schlafrock und Hausschuhen den unterdessen berühmten Brief an Präsident Roosevelt unterschrieb.

Das Schreiben ist auf den 2. August 1939 datiert und beginnt: "Kürzliche Arbeiten von E. Fermi und L. Szilard ..." Im Folgenden warnt es vor deutscher Atomwaffenforschung und drängt die USA, selbst solche Forschung zu treiben.

Szilard übergab den Brief an den Investmentbanker Alexander Sachs, einen wirtschaftspolitischen Berater des Präsidenten. Am 1. September brach der Zweite Weltkrieg aus, und als Roosevelt im Oktober endlich den Brief bekam, stimmte er zu, dass etwas geschehen müsse, "damit die Nazis uns nicht in die Luft sprengen". Zu diesem Zweck schuf er das Uranium Committee, ein beratendes Gremium, dem neben Szilard weitere emigrierte Wissenschaftler als Mitglieder angehörten. Binnen Wochen wurden ihnen 6000 Dollar für Forschungen an der Columbia University überwiesen.

Verdächtige Gestalten

Nach dem Krieg sagte Einstein, er habe eigentlich nur als Briefkasten für Szilard gedient. Doch im Jahre 1940 war Einstein noch einmal gezwungen, eine entscheidende Rolle zu spielen, als die amerikanische Armee Fermi und Szilard um ein Haar die politische Unbedenklichkeit abgesprochen und den Zugang zu geheimen Forschungen verweigert hätte. Auf Grund "höchst verlässlicher Quellen" kamen die Army-Überprüfer zu dem paradoxen Schluss, Fermi – der vor dem Faschismus geflohen war – sei "zweifellos ein Faschist", und Szilard, in Wahrheit von unablässiger Furcht vor den Nazis erfüllt, sei "sehr pro-deutsch". Vielleicht hatten Szilards laute Warnrufe, Deutschland könne den Krieg gewinnen, zu solchen Fehldeutungen geführt. Der Bericht buchstabierte außerdem Szilards Namen auf zwei unterschiedliche Arten, beide Mal falsch. Die Army befand bezüglich beider Männer: "Beschäftigung dieser Person mit geheimen Arbeiten wird nicht empfohlen" – trotz der Tatsache, dass die einzigen geheimen Arbeiten, die zu jener Zeit in den USA in Frage kamen, in den Köpfen von Fermi und Szilard stattfanden.

Hätte die Army sich durchgesetzt, wären natürlich keinerlei Fördermittel mehr geflossen, und die Kernforschung im Regierungsauftrag, mit der Fermi und Szilard gerade erst anfingen, hätte ein frühes Ende gefunden. Um diese Fehlentscheidung abzuwenden, wurde das FBI auf Druck des Weißen Hauses angewiesen, "ihre Loyalität gegenüber den Vereinigten Staaten zu verifizieren". FBI-Chef J. Edgar Hoover schickte Agenten los, um Einstein zu befragen, dessen Pazifismus übrigens später ihn selbst den Behörden verdächtig machen sollte. Einsteins Wort galt so viel, dass im November 1940 Regierungsgelder zur Columbia University flossen; dennoch hörte die Verdächtigung Fermis und Szilards erst Jahre, nachdem sie US-Bürger geworden waren, allmählich auf.

Nachdem die Förderung gesichert war, konstruierte Fermis Team nun systematisch so genannte "Piles" – geschichtete "Haufen" von Uran und Graphit gemäß Szilards Gitteridee –, um das für eine Kettenreaktion geeignete Mischungsverhältnis und die optimale Konfiguration herauszufinden. Einen Tag vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor bewilligte Präsident Roosevelt ein umfassendes Regierungsprogramm zur Entwicklung der Atombombe. Im Frühjahr 1942 übersiedelten Fermi, Szilard und das übrige Columbia-Team zur Universität Chicago, um dort unter höchster Geheimhaltung ein "metallurgisches Laboratorium" für die Erforschung der Kettenreaktion einzurichten. Schon im Juni wurde das Labor dem Manhattan-Projekt der Armee angegliedert.

Im Herbst wurde ein Pile aus Uran-Kugeln, eingebettet in Graphitblöcke, konstruiert. Am 2. Dezember 1942 leitete Fermi in einem Squash-Keller unter dem Football-Stadium der Universität das Experiment, bei dem die erste kontrollierte Kettenreaktion ausgelöst wurde. Nach dem historischen Versuch standen Fermi und Szilard noch eine Weile allein vor ihrem Reaktor. Sie schüttelten einander die Hand, erinnerte sich Szilard, "und ich sagte, mir schiene, dieser Tag würde als schwarzer Tag in die Geschichte der Menschheit eingehen".

Konflikt und Konsens

Im Jahre 1945, gegen Ende des Krieges, waren Fermi und Szilard erneut unterschiedlicher Meinung. Szilard hatte die Entwicklung der Atombombe als Verteidigungswaffe gegen Deutschland vorangetrieben. Nach dem Sieg über Hitler war Szilard dagegen, die Bombe offensiv gegen Japan einzusetzen; ihre Vernichtungskraft solle nur demonstriert werden, um zur Kapitulation aufzufordern. Fermi – unterdessen wissenschaftlicher Berater des Regierungskomitees, das den Einsatz der Bombe diskutierte – hielt eine Demonstration für ungeeignet. Die Regierung war derselben Meinung, und im August wurden die Städte Hiroshima und Nagasaki dem Erdboden gleichgemacht.

Nach dem Krieg war Fermi dafür, dass die Armee weiterhin die Kernforschung kontrolliere, während Szilard den Kongress überzeugte, eine neue zivile Atomenergiebehörde einzurichten. Einig waren sich die beiden 1950 gegen Szilards alten Freund Teller, als sie einmütig die Entwicklung der Wasserstoffbombe kritisierten. Fermi nannte die H-Bombe "eine Waffe, deren Wirkung praktisch Völkermord gleichkommt".

Ein gemeinsames Patent für den Fermi-Szilardschen "Neutronenreaktor" wurde erstmals 1955 publiziert, ein Jahr nach Fermis Tod. Szilard beschäftigte sich mit Molekularbiologie und den Problemen der Rüstungskontrolle im Atomzeitalter bis zu seinem Tod im Jahre 1964. Fermi charakterisierte Szilard als "extrem brillant", aber als jemanden, der "es anscheinend genießt, Leute zu verwirren". Szilard schrieb über Fermi: "Ich mochte ihn am liebsten bei den seltenen Gelegenheiten, in denen er wütend wurde (außer natürlich, wenn er wütend auf mich wurde)".

Literaturhinweise


Enrico Fermi, Physicist. Von Emilio Segrè. University of Chicago Press, 1995.

Genius in the Shadow: A Biography of Leo Szilard, the Man behind the Bomb. Von William Lanouette (mit Bela Silard). University of Chicago Press, 1994.

Kettenreaktion. Das Drama der Atomphysiker. Von Jost Herbig. Hanser, München 1976.

Collected Works of Leo Szilard. Bd. 1, 2 und 3. MIT Press, 1972, 1978 und 1987.

Enrico Fermi: Collected Papers. Bd. 1 und 2. University of Chicago Press, 1962 und 1965.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001, Seite 78
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
1 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 1 / 2001

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