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Wahrnehmung: Fördern Antidepressiva Tinnitus?

Der Neurotransmitter Serotonin macht bei Mäusen offenbar Nervenzellen in einer Hirnregion empfindlicher, die bei Menschen mit Tinnitus zusammenhängt. Das entdeckten Laurence Trussell und Zheng-Quan Tang an der Oregon Health and Science University in Portland, als sie den Einfluss von Serotonin auf die Neurone im hinteren Schneckenkern des Gehirns untersuchten. Dieses Areal ist an der Zusammenführung verschiedener Sinnesreize beteiligt, und nach Ansicht vieler Wissenschaft­ler könnten dort auch die lästi­gen Ohrgeräusche entstehen, die typisch für einen Tinnitus sind.

Wie Trussell und Tang berichten, scheint der Signalstoff hier einen sehr speziellen Effekt zu haben: Er schwächt einerseits die Eingangssignale aus dem Ohr selbst ab, erhöht auf der anderen Seite jedoch den Einfluss anderer Sinnesreize. Zusätzlich erwiesen sich jene Zellen, die beide Signaltypen zusammenführen, unter dem Einfluss von Serotonin als besonders empfindlich. Der Gesamteffekt dieser Veränderung ist, so die beiden Forscher, dass plötzlich viel mehr Signale in die Hörleitung eingespeist werden, die gar nicht aus dem Ohr kommen.

Die Ergebnisse könnten vor allem für Menschen relevant sein, die gleichzeitig unter Tinnitus und einer Depression leiden. Denn gegen Letztere werden häufig Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) verschrieben, welche die Konzentration des Botenstoffs im Gehirn erhöhen. Auch bei anderen psychischen Leiden wie Angst- und Zwangsstörungen kommen die Medikamente zum Einsatz. Sollte Serotonin beim Menschen einen ähnlichen Effekt auf die Geräuschverarbeitung im Gehirn haben, seien solche Präparate womöglich nicht die optimale Wahl für Betroffene, meinen Trussell und Tang. Denn dann könnten die SSRI die Ohrgeräusche vielleicht verschlimmern.

11/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Gehirn&Geist 11/2017

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  • Quelle
Cell Rep. 20, S. 1844–1854, 2017