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Forschung für den Markt. Geschichte der Fraunhofer-Gesellschaft.

C. H. Beck, München 1999. 480 Seiten, DM 68,–.


Die Fraunhofer-Gesellschaft (FhG), eine der tragenden Säulen des bundesdeutschen Wissenschafts- und Innovationssystems, hat zu ihrem 50jährigen Bestehen eine Darstellung ihrer eigenen Geschichte in Auftrag gegeben. Dazu gewährte sie den Wissenschaftshistorikern Helmuth Trischler vom Deutschen Museum in München und Rüdiger vom Bruch von der Humboldt-Universität Berlin einen privilegierten Blick in Archive und aktuelle Handakten. Das vorliegende Buch basiert im wesentlichen auf diesem Material.

In ihrer "schwierigen Frühgeschichte" von 1949 bis 1965 agierte die FhG alles andere als erfolgreich und entkam nur knapp dem wirtschaftlichen Bankrott. Nur aufgrund der äußeren forschungspolitischen Konstellation konnte sich dennoch später das "Erfolgsmodell" FhG entwickeln: Zum Ende der sechziger Jahre wurde das bundesdeutsche Wissenschaftssystem neu formiert, und der Bedarf an einer anwendungsorientierten Forschungseinrichtung war unübersehbar. Die Wahl fiel – nicht unumstritten – auf die FhG.

Deren eigentlicher Aufstieg fällt in die "langen siebziger Jahre". Ein Kabinettsausschußbeschluß von 1973 ("das Grundgesetz der neuen Fraunhofer-Gesellschaft") markiert faktisch eine Neugründung. Die gesamte Leitungsstruktur – Vorstand, Zentralverwaltung und Aufsichtsgremien – wird umfassend reorganisiert und neu besetzt, die vorhandenen Arbeitsgebiete werden arrondiert und ergänzt. Vor allem führt der Beschluß in Abweichung vom üblichen Haushaltsrecht die "erfolgsabhängige Anreizfinanzierung" ein: In dem Maße, wie es der FhG gelingt, Aufträge von Wirtschaftsunternehmen und öffentliche Projekte zu akquirieren, erhält sie eine staatliche Grundfinanzierung, die sie autonom einsetzen kann. Das "FhG-Modell" ist erfunden.

In den "kurzen achtziger Jahren" expandiert die FhG durch eine Reihe von Institutsgründungen, wobei sie geschickt einen infrastrukturpolitischen Wettlauf der Länder ausnutzt. Gegen Ende der achtziger Jahre stößt sie erkennbar an Wachstumsgrenzen. Unverhofft hilft die deutsche Einheit: Zuwachs durch neue Institute und ein gehöriger Anstieg an staatlicher Grundfinanzierung, der auf hohem Niveau als "Vereinigungsgewinn" stabilisiert wird – erkauft freilich durch einen erheblichen Einbruch der staatlichen Projektfinanzierung.

Neuerlich steht die FhG in einem Prozeß umfassender interner Reorganisation, der früher als in den vergleichbaren Forschungsorganisationen beginnt. Fieberhaft wird an neuen Konzepten gearbeitet. "Auf dem Weg in das 21. Jahrhundert" gehen die Autoren bis an den Rand der Tagesaktualität.

Dem historischen Abriß folgt ein zweiter Teil "Querschnitte" zu speziellen Themen wie Verteidigungsforschung, Konflikten zwischen Bund und Ländern sowie Fallbeispielen von Instituten. Die Ausgliederung dieses Materials kommt der Lesbarkeit des ersten Teils zugute.

In der Rückschau ist die "Erfindung" des Fraunhofer-Modells die wesentliche forschungspolitische Innovation der siebziger Jahre. Mit Recht bildet sie mitsamt dem zugehörigen personellen wie organisatorischen Umbruch den Kern der Abhandlung.

Es gelingt den Autoren, hinter den angestaubten Akten durchaus spannend die personellen wie sachlichen Konfliktlinien dieser Phase nachzuzeichnen. Charakteristisch für die FhG war und ist das Spannungsverhältnis zwischen dezentraler Produktion wissenschaftlicher wie wirtschaftlicher Ergebnisse an den Instituten und den Handlungsoptionen der Zentrale auf der Skala zwischen der Gewährung von Autonomie und der zentralen Zuweisung von Mitteln und Personal.

Was den Autoren für die "zweite" Gründungsphase gelingt – den konstitutiven Strukturkonflikt mit Leben zu füllen –, mißglückt für die späteren Jahre. Offensichtlich haben sich die Autoren durch den privilegierten Quellenzugang zu einer Verengung des Blickwinkels auf die Vorstandsperspektive verleiten lassen. Für die Erläuterung des grundsätzlichen Strukturkonflikts ist das nachteilig.

So wird der Professionalisierungs- und Zentralisierungsschub der siebziger Jahre weit überbewertet. Schon für diese Zeit sprechen Trischler und vom Bruch von der durchgreifenden Münchener Zentrale als dem "kommunikativen Herzstück", von zentraler Akquisition, exakter Kostenermittlung, professioneller Öffentlichkeitsarbeit und effektiven Sektionsgesprächen – alles Dinge, die effektiv erst mit der zweiten Professionalisierungs- und Zentralisierungswelle seit Beginn der neunziger Jahre in Angriff genommen wurden. Entsprechend wird diese zweite Welle in ihrer Bedeutung unterschätzt.

Irreführend ist die Beschreibung zum Finanzierungsmodell der FhG, weil die Autoren den guten Vorsatz für die Tat nehmen. In Wirklichkeit ist die "Drittelfinanzierung" – je ein Drittel Grundfinanzierung, öffentliche Projektförderung und Wirtschaftsaufträge – nie realisiert worden (Bild). An den variablen Anteilen der drei elementaren Finanzierungsquellen werden grob forschungspolitische Konjunkturen sichtbar. In den siebziger Jahren wollte der Staat durch Projektförderung Einfluß auf die technologische Entwicklung und Infrastrukturbildung nehmen. Mitte der achtziger Jahre steigen die Wirtschaftserträge deutlich an, die Grundfinanzierung geht relativ zurück zugunsten eines neuerlichen Anwachsens der Projektfinanzierung. Jetzt sind es Verbundforschungsprojekte, die staatlich finanziert, aber von der Industrie gesteuert werden. Mit der deutschen Einheit ändert sich die Finanzierung schlagartig. Für die neuen Ost-Institute wird die Grundfinanzierung deutlich aufgestockt. Die staatliche Projektförderung wird zurückgefahren und ist für die FhG nicht mehr erreichbar. Die Evaluation der FhG im Frühjahr 1999 bestätigt diese Entwicklung, indem sie einen Wirtschaftsertrag von 40 Prozent der Gesamteinnahmen bis 2005 zum Ziel setzt.

Mit den Finanzierungsmodalitäten hat die FhG ihre Funktion für den Innovationsprozeß verändert, ohne grundsätzlich vom Modell der erfolgsabhängigen Anreizfinanzierung abzugehen. Aus einer Infrastruktureinrichtung für Wirtschaft und Staat ist eine nur für die Wirtschaft geworden. Entsprechend ist der Wirtschaftsertrag allmählich zur dominanten Steuergröße gegenüber den Instituten avanciert: Die Höhe der Zuweisung von Grundfinanzierung und Stellendeputaten und damit das langfristige Schicksal der Institute ist unmittelbar an den Wirtschaftsertrag gekoppelt.

Daß dies problematisch ist, wird nicht angemessen verdeutlicht; selbst Stimmen aus der FhG warnen vor der Gefahr der Verkürzung der FhG auf konservative Ingenieurleistungen.

Das Buch verspricht eine "kritische Evaluierung der Fraunhofer-Gesellschaft aus historischer Perspektive". Dieser hohe Anspruch wird vor allem für die jüngste Zeit nicht eingelöst, schon weil Wachstum und Markterfolg die einzigen für den Leser erkennbaren Evaluationskriterien sind. Andererseits: Das Binnenleben von Forschungseinrichtungen und vor allem marktorientierte Forschung ist für gewöhnlich terra incognita – daher wird die materialreiche Abhandlung auf absehbare Zeit ein unverzichtbarer Fundus sein.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 12 / 1999, Seite 122
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
12 / 1999

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 12 / 1999

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