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Forschungshilfe für den Osten - Ansätze zur Koordination

In gutgemeinten Konferenzen suchen Wissenschaftler und Politiker aus der westlichen Welt nach Möglichkeiten, den Forschern in Mittel- und Osteuropa im gegenwärtigen geistigen, politischen und wirtschaftlichen Umbruch zu helfen. Skeptiker meinen allerdings, die große Chance von 1989 sei bereits vertan.

Der Internationale Rat wissenschaftlicher Vereinigungen (International Council of Scientific Unions; ICSU) hat zusammen mit der Europäischen Gemeinschaft und der UNESCO zu einer entscheidenden Veranstaltung vom 5. bis 7. April eingeladen: Im südenglischen Leeds Castle sollen die zuständigen Politiker Mittel- und Osteuropas an ihre Verantwortung erinnert werden, dem Aufbau der Wissenschaft in ihren Ländern Priorität einzuräumen.

Zweifel am Engagement einiger dortiger Regierungen wachsen allerdings. Igor Makarow vom Präsidium der Russischen Akademie der Wissenschaften berichtete Ende Januar auf einer Konferenz in Potsdam von einem ihm als symptomatisch erscheinenden Fall: Als er im vorigen Jahr mit Moskauer Regierungsmitgliedern bei der EG über westeuropäische Hilfe verhandelte, forderten die Politiker als das für die Bevölkerung Dringlichere den Kauf von Kartoffeln.

Hingegen wurde in Polen, wie Jan Krzysztof Frackowiak auf der von der Berliner OstWestWirtschaftsAkademie ausgerichteten Potsdamer Tagung mitteilte, der Anteil der Wissenschaftsausgaben am Bruttosozialprodukt im letzten Jahr von 0,6 auf 1 Prozent angehoben. Und in Weißrußland, so Wladimir F. Kontratenko von der staatlichen Wirtschaftsplanung, sei die Zahl der Stellen in Forschungseinrichtungen in den letzten zwei Jahren zwar um 20 Prozent reduziert worden, aber „es blieben diejenigen Wissenschaftler, die in der Lage sind, dort weiter zu arbeiten“. Die Minsker Regierung habe neue Bedingungen zur staatlichen Hilfe für die Forschung geschaffen; seine Behörde solle nun die Ergebnisse für die belorussische Produktion nutzbar machen – ein gewiß sehr utilitaristisches Konzept, doch ein Indiz für vorwärtsgewandtes Planen verglichen mit den rabiaten Kürzungen der Wissenschaftsmittel in fast allen anderen Staaten im ehemaligen sowjetischen Einflußbereich.

Insgesamt scheinen die Gelegenheiten zur besseren Finanzierung und zur Strukturreform von Wissenschaft und Forschung in den früher sozialistischen Ländern verschlafen worden zu sein, befürchtete Antoni Kuklinski von der Universität Warschau auf einem Symposium am 15. Januar in Bonn. Ob deren wissenschaftliche Systeme überhaupt noch aus sich heraus reformfähig seien, werde zunehmend fraglicher.

Im Zentrum der Kritik steht Rußland. Mit dem Wunsch, die lange Tradition der seit Peter dem Großen bestehenden und weltweit anerkannten Akademie der Wissenschaften in Moskau fortzusetzen, verbindet sich dort neuerdings das Bestreben, überhaupt keine Reformen zu vollziehen. Das alte System solle offenbar nur mit einigen aus dem Westen übernommenen Details angereichert werden, konstatierte in Bonn der Beauftragte der Landesregierung Nordrhein-Westfalen für Beziehungen zu den Hochschulen in Rußland, Karl Eimermacher. Das bestätigte sich 14 Tage später auf der Potsdamer Konferenz: Makarow hielt dort ausdrücklich an der überkommenen Organisationsform fest, ähnlich wie andere Vertreter der GUS. Im selben Sinne äußerte sich auch der Präsident der als wichtigstes Forschungszentrum Bulgariens seit 1869 bestehenden Akademie dieses Landes, Jordan Malinowski.

Anders die baltischen Staaten: Ihnen war 1940 – wie auch der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg – das sowjetische System der Akademie der Wissenschaften aufgezwungen worden. Sie kehrten jetzt zur Autonomie der Universitäten als Stätten der Forschung und der Lehre zurück. Makarow räumte dazu ein, daß jedes Land seine eigene Kultur erhalten oder wiederbeleben müsse; im Bereich der GUS seien aber die Akademien nun einmal Garanten für Kontinuität.

In Bonn und Potsdam wurden die spezifischen Besonderheiten durchaus ernst genommen, vor allem aber die generellen Schwierigkeiten und möglichen Gegenmaßnahmen diskutiert. Wie ist der Brain-Drain aus Ost- nach Westeuropa zu stoppen? Können die bürokratischen Bindungen der Regierungen abgeschüttelt werden? Wie wäre der Nachwuchs zu mobilisieren? Wie lassen sich die unschätzbaren Ressourcen an Quellenmaterial, Forschungsgerät und Erfahrungen zum Beispiel bei der Russischen Akademie retten und nutzen? Dringend scheint die Evaluation durch ausländische Experten, wie sie zum Beispiel in Estland mit Hilfe der Schwedischen Akademie der Wissenschaften oder in Ungarn mit Hilfe des ICSU geschehen ist. Der Präsident der OstWestWirtschaftsAkademie, Klaus-Heinrich Standke, erinnerte an die guten Erfahrungen der OECD mit ihren Länderprüfungen in den letzten Jahrzehnten.

In welcher Form können Institutionen finanzielle Hilfe sinnvoll leisten – seien es EG, OECD, UNESCO, Einzelstaaten, Wissenschaftsorganisationen oder Stiftungen? Wie können die Anwendung der wissenschaftlichen Erkenntnisse und der Technologietransfer verbessert werden?

Die Potsdamer Konferenz sollte vor allem Material für eine ausführliche Stellungnahme des Europarates erbringen. Dessen Direktor für Bildung, Kultur und Sport, Raymond Weber, faßte zusammen: Wissenschaftspolitik muß als Teil der Gesellschaftspolitik anerkannt werden. Die westeuropäische Unterstützung für Mittel- und Osteuropa darf sich nicht in Almosengeben erschöpfen. Da die neuen Regierungen entscheidenden Einfluß haben, ist zu beachten, daß die Wissenschaft nicht politisch instrumentalisiert wird und ihre Freiheit verliert. Spezifische Lösungen – erarbeitet etwa zusammen mit der Konferenz der Regionen in Europa – müssen im Vordergrund stehen. Außer der finanziellen braucht die Wissenschaft in Mittel- und Osteuropa auch legislative und administrative Unterstützung.

Konkreter wurde eine Konferenz, welche die amerikanische National Academy of Sciences am 8. und 9. Februar in Washington veranstaltete. Klar wurde, daß Mammutaktionen wie die der Internationalen Wissenschaftsstiftung, die speziell für die frühere Sowjetunion in den nächsten zwei Jahren 100 Millionen Dollar bereitstellt, damit insbesondere Nuklearexperten im Lande gehalten werden können, Ausnahmen bleiben müssen. Die Teilnehmer konzentrierten sich denn auch auf den Sektor außerhalb der Regierung: Notfallhilfe soll in kurzfristigen Programmen Stipendien und andere Mittel ausschließlich nach dem wissenschaftlichen Verdienst direkt an einzelne Forscher und kleine Gruppen geben und die Infrastruktur ausbauen; so ist für moderne Kommunikationsmittel sowie für Bücher und Zeitschriften im Osten kaum mehr Geld vorhanden. Des weiteren ist Anleitung im Forschungsmanagement erforderlich, und der Nachwuchs braucht eine Perspektive.

Einige Maßnahmen in Rußland sind nach Ansicht des ICSU in Zusammenarbeit mit der UNESCO ohne großen Aufwand sofort zu realisieren: die Einrichtung zentraler Referenzbibliotheken, die Rettung der riesigen Sammlungen von tiefseeökologischem Material und von Mikroorganismen in Moskau, die Verbreitung der Peer Review (also die Begutachtung von Arbeiten, die bei Fachzeitschriften eingereicht werden, durch mehrere voneinander unabhängige Experten) sowie die Errichtung von internationalen Forschungszentren, etwa an dem als Ökosystem zuhöchst gefährdeten Baikalsee.

Dabei gilt es zu nutzen, was es an Ost-West-Kontakten schon einmal gab. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) schilderte jüngst in einer Publikation „Entwicklungen“ ihre Zusammenarbeit mit der sowjetischen Akademie der Wissenschaften 1970 bis 1990; DFG-Präsident Wolfgang Frühwald sieht darin die Grundlage für mehr gemeinsame Forschungsvorhaben mit Institutionen der GUS und einen noch intensiveren Austausch jüngerer Wissenschaftler.

Die DFG hat – wie auch das französische Nationale Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) – für die Beziehungen zu den Ländern Mittel- und Osteuropas ein detailliertes Programm entwickelt. Um die Finanzierung jedoch gab es in Deutschland einen Eiertanz. Das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) kürzte seine Mittel dafür um 20 Prozent auf drei Millionen Mark; dafür stellt das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW) dieses Jahr 2,5 Millionen Mark bereit, die freilich bei den Programmen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes eingespart wurden – dieser aber ist zusammen mit der Alexander von Humboldt-Stiftung die wichtigste Organisation für wissenschaftlichen Austausch. Das DFG-Programm sieht BMFT-finanzierte gemeinsame, auch längerfristige Forschungsprojekte und Einladungen zu dreimonatigen Forschungsaufenthalten vor. Das BMBW finanziert die Teilnahme an wissenschaftlichen Veranstaltungen in Deutschland und qualifizierende Maßnahmen; außer dem Geld für Aufenthalte bis zu sechs Monaten an deutschen Hochschulen und Forschungseinrichtungen werden auch Sachmittel gegeben und – was wichtig ist, um den Brain-Drain zu vermindern – Ergänzungsfinanzierungen für anschließende Arbeiten im Heimatland zugesagt.

Die Konferenz der deutschen Akademien der Wissenschaften bietet seit Ende Januar 1993 ein weiteres Programm an. Rund 300 Nachwuchswissenschaftler aus Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Ungarn sowie der Slowakischen und der Tschechischen Republik können in den nächsten fünf Jahren zu jeweils sechsmonatigen Forschungsaufenthalten an deutsche Hochschulen kommen, vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler. Anträge können deutsche Hochschullehrer stellen. Die Volkswagen-Stiftung gibt dafür 7,5 Millionen Mark.

Zahlreiche Programme hat auch die EG aufgelegt. Die bekanntesten sind TEMPUS zur Förderung der Mobilität im Hochschulbereich (siehe Kasten) und PHARE (Poland and Hungary Action for Economic Restructuring), das allerdings bisher noch nicht voll ausgeschöpft wurde. Für ein weiteres, „40 + 10 + 5" genannt, stehen 55 Millionen ECU bereit; im Dezember 1992 wurden 3039 Vorschläge dafür angenommen: 2531 Stipendien, 159 Konferenzen und Seminare, 43 Netzwerk-Projekte, 30 gemeinsame Forschungsvorhaben, 129 Beteiligungen mittel- und osteuropäischer Staaten an spezifischen Programmen des Forschungs-Rahmenplans der EG sowie 147 Beteiligungen an Programmen, die über den EG-Bereich hinausreichen. In Brüssel wurde außerdem kürzlich die internationale Stiftung Rubbia zur Unterstützung von nicht-militärischer Forschung in der GUS gegründet.

Mehrfach wurde auf der Konferenz in Potsdam gar die Idee umfassender Hilfe in Form einer Art Marshall-Plans für Forschung und Entwicklung diskutiert. Pragmatisch erinnerte aber der frühere slowakische Wissenschaftsminister Ján Pisút daran, was die ehemals sozialistischen Länder selber zu leisten hätten, damit westliche Hilfsaktivitäten Erfolge zeitigen könnten: „Vorher müssen wir unsere Strukturen ändern.“


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1993, Seite 113
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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