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Krebstherapie: Freie Fahrt fürs Immunsystem (plus Interview mit Thierry Boon)

Tumoren sind in der Lage, die gegen sie gerichtete Immunreaktion zu blockieren. Neue Therapieverfahren sollen diese Bremsen lösen.
Rettungswagen ImmunabwehrLaden...

Zuerst war es nur eine Patientin, die wider Erwarten am Leben blieb. Sharon war ihr Name; sie litt an einem malignen Melanom, also an bösartigem Hautkrebs. Die Ärzte erwarteten ihren baldigen Tod – doch der trat nicht ein. Weitere Melanompatienten kamen hinzu, die deutlich länger lebten, als auf Grund ihrer Diagnose erwartet, und nicht nur das: Ihre Tumoren verkleinerten sich dramatisch oder verschwanden sogar ganz.

Als sich die Erfolgsmeldungen häuften und in klinischen Studien niederschlugen, begann der Onkologe Antoni Ribas allmählich zu akzeptieren, dass seine Immuntherapie tatsächlich wirkte. Anfänglich hatte nur etwa jeder zehnte Krebspatient von dem Verfahren profitiert, doch als der Mediziner und seine Kollegen es kontinuierlich weiterentwickelten, erhöhte sich die Erfolgsrate. Ribas forscht an der University of California, Los Angeles, über Tumorimmunologie. Er behandelt dutzende Melanompatienten; viele von ihnen müssten laut früherer Prognose eigentlich schon seit Jahren tot sein.

Die Arzneistoffe, die der Onkologe einsetzt, werden als Immuncheckpoint-Inhibitoren bezeichnet. Sie richten sich gegen eine tückische Strategie von Tumoren, nämlich das Außerkraftsetzen der Immunabwehr. Das Immunsystem verfügt über eine Reihe von Mechanismen (so genannte Checkpoints), die verhindern, dass seine Zellen außer Kontrolle geraten und gesundes Körpergewebe angreifen. Sie funktionieren etwa wie Bremsen eines Autos: Versucht die Körperabwehr, bestimmte Immunzellen, die T-Lymphozyten, in Aktion zu versetzen, unterdrücken die Checkpoints das. Tumoren können diese Mechanismen für ihre Zwecke einsetzen, um Angriffe der T-Lymphozyten zu verhindern. Immuncheckpoint-Inhibitoren wiederum blockieren die Checkpoints, lösen also gewissermaßen die Bremsen der T-Zellen und ermöglichen es ihnen, den Tumor anzugreifen.

Die Erfolge, die Ribas verzeichnet, indem er bösartigen Hautkrebs mit Immuncheckpoint-Inhibitoren behandelt, machten seine Fachkollegen aufmerksam. Doch ob sich die Arzneistoffe auch gegen andere Krebsarten einsetzen lassen würden, erschien zweifelhaft. Das maligne Melanom sei ein Sonderfall, argumentierten die Mediziner, und es sei bekannt, dass das Immunsystem bei dieser Krebsart eine wichtige Rolle spiele. Vor zwei Jahren setzte allerdings ein Umdenken ein. In einer Studie hatte sich ein Immuncheckpoint-Inhibitor als wirksam gegen das Nierenkarzinom erwiesen: Bei 31 Prozent der behandelten Patienten trat eine deutliche Besserung der Symptome ein. Des Weiteren profitierten 18 Prozent der behandelten Lungenkrebspatienten von dem Arzneistoff. Forscher und Pharmaunternehmen erkannten, dass Immuncheckpoint-Inhibitoren gegen mehrere Tumorarten wirken. ...

August 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft August 2014

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  • Quellen

Hamid, O. et al.: Safety and Tumor Responses with Lambrolizumab (Anti-PD-1) in Melanoma. In: The New England Journal of Medicine 369, S. 134 - 144, 2013

Topalian, S. L. et al.: Safety, Activity, and Immune Correlates of Anti-PD-1 Antibody in Cancer. In: The New England Journal of Medicine 366, S. 2443 - 2454, 2012

Wolchok, J. D. et al.: Nivolumab plus Ipilimumab in Advanced Melanoma. In: The New England Journal of Medicine 369, S. 122 - 133, 2013