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Freßvorliebe bei Flohkrebsen genetisch festgelegt



Die Individualität eines Menschen zeigt sich nicht nur in Äußerlichkeiten wie Kleidung und Haarschnitt, sondern auch in bestimmten Essensvorlieben. Teilweise sind diese sicherlich kulturell beeinflußt und in der Kindheit durch Gewöhnung erworben. Andererseits könnten sie aber auch auf unterschiedlicher Wahrnehmung durch die Geschmacksnerven beruhen, zwischen denen es so unzählige Verknüpfungsmöglichkeiten gibt, daß keine zwei Menschen dasselbe Muster haben dürften. Ebenso variabel ist die Ausstattung mit Chemorezeptoren, an die sich die Geschmacksstoffe binden und dadurch einen Sinnesreiz auslösen.

Gerade diese Vielfalt macht es aber praktisch unmöglich, einen Zusammenhang zwischen einer bestimmten Essensvorliebe und den Erbanlagen nachzuweisen. Zwar gibt es Nationalgerichte und landestypische Zubereitungsarten, an denen sich Eltern und Kinder gleichermaßen delektieren; im einzelnen aber gilt: Was den Eltern mundet, essen Kinder noch lange nicht. Und was soll man von so paradoxen Befunden halten wie etwa, daß die meisten Kinder keinen Rosenkohl mögen, aber im Erwachsenenalter trotzdem versuchen, das einst verabscheute Gemüse dem eigenen Nachwuchs schmackhaft zu machen?

Wenn die Verhältnisse beim Menschen zu undurchsichtig sind, lassen sich oft am Tier grundlegende Erkenntnisse gewinnen. Nach dieser Devise haben M. M. Guarna und R. L. Borowsky von der New York University gehandelt und dabei einen genetischen Hintergrund für die Freßgewohnheiten von Kleinkrebsen der Art Gammarus palustris entdeckt ("Proceedings of the National Academy of Sciences USA", Band 90, Seite 5257). Statt Geschmacksnerven und Chemorezeptoren sind es bei diesem Krebs allerdings die Verdauungsenzyme, die seine Lieblingsspeise bestimmen.

Unter G. palustris gibt es zwei Typen, die sich jeweils von einer anderen Algenart ernähren. Wie Guarna und Borowsky feststellten, verfügen sie über unterschiedliche Verdauungsenzyme, die die Kohlenhydrate der beiden Algenspezies in unterschiedliche Mischungen von Zuckermolekülen aufspalten. Nur die süße Mixtur, die das eigene Verdauungsenzym aus der bevorzugten Alge erzeugt, mundet den Krebsen. Sogar unter synthetisch hergestellten Zuckermischungen wählten sie zielsicher die, die sie auch als Verdauungsprodukt ihrer Lieblingsalge schätzen.

Dabei handeln die Tiere nicht etwa schlicht nach der Maxime: Friß nur, was du auch verdauen kannst. Die verschmähte Alge ist durchaus verdaulich, aber die entstehende Zuckermischung hat eben nicht die richtige Süße. Heißt das, daß auch bei uns Menschen etwa die Speichelzusammensetzung mit darüber bestimmt, wer ein Leckermäulchen ist?


Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 1994, Seite 31
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 1994

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 1994

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