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Frühe Stadtkulturen in Peru

Schon vor etwa 3800 Jahren waren Pampa de las Llamas-Moxeke und Taukachi-Konkan sorgfältig geplante urbane Zentren, in denen Hunderte oder Tausende von Menschen wohnten. Ihre soziale und wirtschaftliche Organisation beeinflußte die späteren Hochkulturen der Andenregion.

Länger als ein halbes Jahrhundert meinten Archäologen, die sich mit der Vorgeschichte Perus befaßten, daß dort die eigentliche zivilisatorische Entwicklung mit der Ausbreitung des Chavin-Stils begonnen habe, benannt nach der Tempelruine von Chavin de Huantar im westlichen Zentralperu; zu seinen Kennzeichen gehören unter anderem ornamentale Darstellungen von Jaguarmenschen mit Schlangengürteln und anderen Gottheiten. Entsprechende Fundstätten aus der Zeit zwischen 1100 bis 250 vor Christus wurden denn auch unter der Bezeichnung "früher Horizont" zusammengefaßt.

Doch in den küstennahen Ebenen 350 Kilometer nördlich von Lima zwischen den Ausläufern der Anden (Bild 2), die heute Wüsten sind, fanden sich die Überreste von mindestens 700 Jahre älteren Städten mit vergleichbaren Merkmalen sozialer Organisation. Seit 1985 haben wir in einer Reihe von Ausgrabungen die Kernareale von zweien dieser Siedlungszentren freigelegt. Sie liegen im Casma-Tal und zeugen von einer hohen Komplexität der damaligen Kultur: Offenbar planmäßig hatte man bis zu 30 Meter hohe künstliche Hügel mit Tempeln auf den flachen Kuppen, Verwaltungseinrichtungen, Hunderte von Häusern für Arm und Reich und weiträumige Bewässerungssysteme angelegt (Bild 1).

Erst 1980 wurde aufgrund der Datierung von Holz- und Holzkohleproben mit der Radiokarbonmethode klar, daß diese Orte schon während der Initialperiode (2200 bis 1100 vor Christus) bestanden – in jenem Zeitraum also, in dem Keramik, Weberei und intensive Bewässerungswirtschaft an der Pazifikküste aufkamen. (Diese Periode entspricht ungefähr der des Mittleren Reichs in Ägypten wenige hundert Jahre nach dem Bau der großen Pyramiden von Giseh.) Je mehr an Ruinen und sonstigen Relikten zutage kam, desto deutlicher wurde, daß diese Kultur nachhaltig die späteren in der Region geprägt hat.

Unser Wissen über die Menschen, die dort lebten, verdanken wir größtenteils dem trockenen Klima. Nennenswerte Regenmengen fielen in Casma zuletzt 1983 und davor 1925 und 1891. Solche Bedingungen herrschten offenbar auch bei Gründung der Siedlungen, denn viele der freigelegten Bauten haben niemals ein Dach getragen. Darum sind die Artefakte ungewöhnlich gut erhalten: Textilien, Holz und sogar leicht vergängliche Pflanzenblätter wurden oft in ihrem ursprünglichen Zustand ausgegraben. Die Bewässerungsanlagen, die erst Landwirtschaft in großem Stil ermöglicht haben, gaben zusätzliche Anhaltspunkte für die Sozialstruktur.


Grundriß eines Verwaltungszentrums

Während seiner Blütezeit war Pampa de las Llamas-Moxeke wohl von 2500 Menschen bewohnt und nahm in der Talebene zwischen Casma und seinem Nebenfluß Sechin eine Fläche von zwei Quadratkilometern ein. Zwei Komplexe beherrschten den Ort: Der Tempelhügel Moxeke im Süden und die hoch überbaute Plattform HuacaA im Norden liegen sich, getrennt durch eine Reihe symmetrischer Plätze, gegenüber und bilden somit eine zentrale Achse, nach der fast alle öffentlichen Gebäude ausgerichtet waren.

So standen dort in parallelen Reihen mehr als 110 Verwaltungsgebäude mittlerer Größe, die sich zum Zentrum des Ortes hin öffneten. Errichtet wurden sie zumeist auf kleinen Plattformen und wirken wie Miniaturausgaben von HuacaA. Es scheint, daß mindestens einmal einfachere Häuser eingeebnet wurden, um Platz für eine weitere Reihe mittelgroßer Bauwerke zu schaffen, von denen einige allerdings nie fertiggestellt wurden.

Moxeke ist ein U-förmiger, 160 Meter breiter, 170 Meter langer und 30 Meter hoher Hügel. Er diente wahrscheinlich als Tempelpyramide, auf der Priester Zeremonien für die Menschen auf den umliegenden Plätzen abhielten. Die beiden Haupteingänge des Komplexes HuacaA, der 119 Meter breit, 136 Meter lang und etwa 15 Meter hoch war, erreichte man über wesentlich kleinere Plätze. Weil das Gelände von Norden nach Süden hin abfällt, müssen die beiden Großbauwerke jedoch gleich hoch gewirkt haben. Nordöstlich von HuacaA befindet sich noch ein abgesenkter runder Platz; dieses architektonische Merkmal findet man häufig in urbanen Siedlungen jener Periode.

Sorgfältige Planung wird in der Anlage dieser Stätte auf vielfältige Weise deutlich. So ist Symmetrie ein Merkmal aller öffentlichen Gebäude, und auch die beiden Flügel von Moxeke sind spiegelbildlich. HuacaA hat sogar zwei Symmetrieachsen.

Trotz seiner beiden Zugänge ist dieser Komplex durch Tore, Sperren und ummauerte Bereiche abgeschirmt; vermutlich war er ein Lagerhaus. Eine gut organisierte Vorratshaltung bildete einen Eckpfeiler staatlicher Macht in allen Andenkulturen. Von Pampa de las Llamas-Moxeke aus wurde ein Großteil des umliegenden Gebiets verwaltet, und kleinere Siedlungen versorgten seine Einwohner mit Arbeitskraft und Nahrung. In den Räumen des künstlichen Hügels lagerten zu den Glanzzeiten der Stadt vermutlich mindestens 4400 Kubikmeter an landwirtschaftlichen Produkten und Luxusgütern.

Die Reihen mittelgroßer Gebäude waren möglicherweise nachgeordnete Verwaltungen mit Büros und Lagerräumen für Beamte des mittleren Dienstes; sie hatten vermutlich die Riesenmengen an Waren einzutreiben, zu bewachen und zu verteilen.

Es gab überraschend wenig Wohnhäuser im Ort selbst. Solche der Oberschicht hatten verputzte Steinwände, eigene Vorratsräume und Wandnischen für den persönlichen Besitz. Der Großteil der Bevölkerung – vorwiegend sicherlich Bauern, Arbeiter und Handwerker – muß in kleinen, übervölkerten, unregelmäßig ineinandergebauten Ansammlungen von Räumen gelebt haben, deren Wände größtenteils nur aus schlammverputztem Schilfrohr oder Holz bestanden; davon blieb außer niedrigen steinernen Wandsockeln wenig übrig.


Datierung der Funde

Seit ihrer Entdeckung wurde das wahre Alter der Ruinenstätten im Casma-Tal mehr als 40 Jahre lang unterschätzt. Die archäologische Untersuchung begann 1937, als der peruanische Archäologe Julio C. Tello Moxeke freilegte. An der Front des Hügels und den vorderen Seitenpartien kamen große Friese aus ungebranntem Material zum Vorschein – Hochrelief-Darstellungen von Menschen und massigen Köpfen, die einstmals prächtig rot, blau, grün, schwarz und weiß bemalt waren. Sie machten das Tal unter den Erforschern der frühen andinen Zivilisation berühmt. Tello ordnete die aufsehenerregenden Skulpturen der Hochland-Chavin-Kultur zu.

Um eine genaue Zeitabfolge der vielen Stätten im Casma-Tal aufzustellen, die dem frühen Horizont zugehören sollten, und auch um einen Platz zu suchen, der eine größere Grabung lohnte, überprüften wir 1980 außer fünf weiteren Orten auch Pampa de las Llamas-Moxeke. Von Anfang an war diese Siedlung voller Überraschungen. So fanden wir dort, obwohl bereits die Initialperiode durch das weitverbreitete Auftreten von Keramik gekennzeichnet ist, nur vergleichsweise geringe Mengen sehr primitiver Objekte, meist halslose Krüge; als Vorbilder dienten vermutlich Behälter aus Flaschenkürbissen, wie sie vor der Erfindung gebrannter Tongefäße üblich waren. Einfache Textilien belegten, daß die Grundlagen der Weberei bekannt waren; außerdem aber fanden wir kunstvolle, von Hand verfertigte Geflechte, wie sie für die vorkeramischen Kulturen typisch sind. Und bei keiner unserer mehr als 50 Testgrabungen entdeckten wir unter den reichlich vorhandenen Überresten von Kulturpflanzen Mais, das Hauptnahrungsmittel der späteren andinen Völker.

Alle diese Befunde legten schon damals den Schluß nahe, daß Pampa de las Llamas-Moxeke um einiges älter als angenommen und eine sehr frühe urbane Gründung sein mußte. Auf die Ergebnisse der Kohlenstoff-14-Datierung von Holzkohle und Holzproben waren wir dennoch nicht vorbereitet: Neun Proben, die wir am Beginn der Forschungskampagne, und 15, die wir während der späteren Feldbegehungen sammelten, wurden auf den Zeitraum zwischen 2000 und 1500 vor Christus datiert – Jahrhunderte vor dem frühen Horizont.


Die Ausgrabung von HuacaA

Mit der planmäßigen archäologischen Arbeit begannen wir 1985. Weil das südliche Drittel des Ortes schon in vorgeschichtlicher Zeit durch Wiederbesiedlung und neuerdings durch Landwirtschaft beeinträchtigt worden war, konzentrierten wir uns auf das Gebiet nördlich davon. Wir wählten große und mittlere Hügel sowie kleinere Hausstrukturen. Dort suchten wir nicht nur die Bauwerke zu ergründen, sondern auch Hinweise auf die Menschen zu finden, die dort gelebt und gearbeitet haben.

Der größte Hügel, HuacaA, schien zunächst die Ruine einer recht übersichtlichen Anlage zu sein. Ihre vierfache Symmetrie, die bereits an der Oberfläche erkennbar war, bedeutete, daß die Ausgrabung nur eines Viertels schon Aufschluß über die gesamte Struktur geben würde. Zudem zeichneten sich bereits vor dem ersten Spatenstich die Mauerzüge im Schutt ab.

Unsere peruanischen Helfer, 15 bis 25 an der Zahl, entfernten zunächst heruntergefallene Mauerblöcke, von denen jeder bis zu 150 Kilogramm wog. Wie es einst ihre Vorfahren beim Bau des Gebäudekomplexes getan haben mögen, luden sie sich die Steine auf den Rücken, abgepolstert durch ein Kissen; unsere Schubkarre nutzten sie dagegen nur, um Getränke in ihrem Schatten angenehm kühl zu halten.

In mehr als zwei Metern Tiefe stießen wir endlich auf einen Fußboden. Aus der Menge an Schutt war zu schließen, daß die Mauern der großen Räume mindestens fünf Meter hoch gewesen sein dürften. In den oberen Mauerbereichen bildeten dabei unverputzte Steine, durch Schlamm-Mörtel noch an ihrem Platz gehalten, mit ihren glatten Seiten die Wand. Im Abschluß bestanden die Mauern wahrscheinlich aus konischen, luftgetrockneten Ziegeln, deren geringeres Gewicht den Bau vereinfachte (Bild 3).

Die granitenen Mauersteine bedeckte eine dicke Schicht groben Schlammputzes, der über und über mit Mustern aus langen Fingerstrichen versehen war, wie man sie auch von anderen vorgeschichtlichen Wänden her kennt. Der feine, sehr tonhaltige Oberputz war zwar vom oberen Teil der Wände abgeplatzt, aber im unteren Teil noch gut erhalten, ebenso der glatte Estrich. Farbspuren zeigten, daß Wände und Boden früher weiß gestrichen waren. Die ganze Anlage stand wohl ehemals gleißend hell unter der Sonne.

Als wir schließlich alle Mauerzüge des nördlichen Viertels von HuacaA bestimmt hatten, konnten wir die Gestaltung der gesamten Plattformbebauung rekonstruieren. In dem Gebäudekomplex wiederholte sich in verschiedenen Größen eine Grundeinheit: ein quadratischer Raum mit gerundeten äußeren Ecken und zwei gerundeten und zwei rechtwinkligen Ecken im Inneren. Jeder Eingang war mit einer Schwelle versehen. In 1,25 bis 2 Meter Höhe waren große Nischen in die Wände eingelassen. Und auf den Böden lagen einstmals geflochtene und gewobene Riedgrasmatten – ihr Abdruck ist in dem stark tonhaltigen Estrich erhalten geblieben.

Entlang der von Nordost nach Südwest verlaufenden Achse von HuacaA waren die Räume am größten und wurden zur Peripherie hin immer kleiner. Die Korridore dazwischen waren fast nirgends mit Matten ausgelegt, noch gab es darin Wandnischen.


Zugangskontrollen

Um herauszufinden, wie HuacaA zu begehen war, räumten wir den nordöstlichen und südwestlichen Vorhof sowie jeden Eingang im nördlichen Viertel frei. Offenbar wurde der Zugang dermaßen gründlich eingeschränkt und überwacht, wie es sich nur ein allmächtiges bürokratisches System auszudenken vermag: Die Vorrichtungen, die wir fanden, sind zwar keine unüberwindlichen physischen Barrieren, signalisieren aber ehrfurchtgebietende Autorität.

Die Einschüchterung des Besuchers begann, sobald er die zentrale Treppe zu einem der Vorhöfe emporstieg. Deren hintere Wände trugen große, furchteinflößende Friese zu beiden Seiten des Tores. Der an der nordöstlichen Eingangshalle ist am besten erhalten und zeigt die Überreste von Flachreliefs aus stark tonhaltigem Schluff: zwei riesige katzenartige Tiere, vermutlich Jaguare, ursprünglich mehr als sechs Meter hoch und zehn Meter lang, die sich gegenüberstanden. Die gekrümmten Wände der Vorhalle haben ehemals die dreidimensionale Wirkung der Raubtierdarstellungen sicherlich noch gesteigert. Spuren von rotem und blauem Farbstoff lassen auf eine prächtige Bemalung schließen. Zwar haben sich nur noch die Füße und der schlangenförmige Schwanz erhalten (Bild 4), doch sind Raubkatzenprofile in der andinen Kunst so häufige Motive, daß sich Körper und Kopf leicht rekonstruieren lassen.

Als weitere psychologische Barriere gab es im Raum unmittelbar hinter dem Eingangstor kreisförmige Reliefs, deren innere Kreise vier regelmäßig angeordnete Rechtecke enthalten. Dieselben Muster zeigten auch die Keulen siegreicher Krieger im nahegelegenen Fundort Cerro Sechin, so daß wir darin ein Zeichen von Autorität vermuten.

In der südwestlichen Vorhalle entdeckten wir einen sorgfältig bearbeiteten Stein von fast 50 Zentimeter Länge (Bild 5). Auf der einen Seite ist eine stilisierte Schlange mit zwei Körpern eingeritzt, auf der darunter überraschend realistisch eine rechte Hand graviert. Dieser Stein wurde zusammen mit zwei wesentlich längeren gefunden, die ihn wahrscheinlich so trugen, daß die Schlange nach vorn und die Hand nach unten zeigte. Möglicherweise bildeten Pfosten und Sturz einen Schrein oder Altar. Denn in der westlichen Ecke der Vorhalle fand sich nahe einem weiteren Paar solcher langen Steine eine Menge Nahrungsmittelüberreste verstreut, die vielleicht von Opfergaben stammen.

Hinzu kamen bauliche Barrieren. Jeder Durchgang im Innern des Komplexes war beidseits durch Pfeiler von ummörtelten Astbündeln verengt. Große Holzstücke, in der Wüste eine Seltenheit, dienten höchstwahrscheinlich als Stürze bei einigen überbauten Durchgängen und den meisten Wandnischen. Der nordöstliche Haupteingang konnte sogar mit Balken verlegt werden. Am inneren Tor der Vorhalle, die außen mit den Raubkatzenfriesen versehen ist, waren auf jeder Seite zwei 3,50 Meter lange Pfosten eingerammt; sechs Querbalken, jeder fast genau 4,10 Meter lang, paßten auf jeder Seite in den Spalt zwischen Pfosten und Wand. Legte man sie mit den dickeren und den schlankeren Enden abwechselnd übereinander, bildeten sie eine hohe Schwelle.

Andere Ein- und Durchgänge von HuacaA – insgesamt sind es 93 – konnten durch eine oder mehrere Schrankenkonstruktionen versperrt werden; solche Vorrichtungen sind nie zuvor an frühen peruanischen Siedlungsplätzen gefunden worden. Während wir diese Öffnungen freiräumten, bemerkten wir zunächst in den seitlichen Laibungen kleine quadratische Vertiefungen. Sie lagen sich jeweils etwa einen halben Meter über dem Boden paarweise gegenüber, und eine Vertiefung war immer beträchtlich tiefer als die andere. Ihren Zweck machte ein Fund bei einer gleichzeitigen Grabung auf einem benachbarten Gelände klar: Dort lag ebenfalls einer leeren Vertiefung von 35 Zentimetern Tiefe eine andere gegenüber, aus der aber noch eine hölzerne Stange waagerecht herausragte. Sie war fest in Schutt eingebettet; beim Freiräumen entdeckten wir, daß sie in einer mehr als zwei Meter langen Steinkammer steckte. Schließlich konnten wir sie quer vor die Maueröffnung ziehen und in die gegenüberliegenden Laibungsnische schieben – die Schranke versperrte den Durchgang wie vor 3800 Jahren.

Warum wurden alle Eingänge so stark kontrolliert? Es gibt keinen Anhalt dafür, daß jemand in HuacaA gewohnt hätte, weder Herde noch Abfall. Der Komplex war kein schwer bewachter Palast, sondern wurde offensichtlich dazu genutzt, um Nahrungsvorräte und Güter zu lagern. Wir fanden davon allerdings nur einige wenige Relikte. Das war auch zu erwarten gewesen: Die Bewohner hatten gewiß alle Wertgegenstände mitgenommen, als sie die Stadt räumten. Was zurückblieb, waren Textilreste in den Wandnischen, entweder von gelagertem Stoff oder von Verpackungen. Außerdem enthielten Bodenproben aus den Nischen sowohl Pollen von Baumwolle als auch von Nahrungspflanzen wie Bohnen, Kartoffeln, Süßkartoffeln und Erdnüssen, hingegen nicht von Mais. Tausende von Nagetierknochen stützen ebenfalls die Vermutung, daß hier Nahrungsmittel gelagert wurden.


Zeugnisse der Einwohner

Es gibt vage Hinweise auf die Menschen, die HuacaA benutzten oder die Abläufe darin überwachten. Die schönsten Textilien in Pampa de las Llamas-Moxeke stammen von dem Hügel, ebenso viele türkisfarbene Perlen und ein einziges Holzfigürchen. Diese Gegenstände legen den Schluß nahe, daß nur die vermögendere Elite der Stadt leichten Zugang hatte. Wenn die Angehörigen unterer Schichten dort ein- und ausgegangen wären, hätten wir auch ärmlichere Artefakte und Dinge des täglichen Gebrauchs finden müssen.

Die Grundeinheit des quadratischen Raumes, die in HuacaA vorherrscht, wiederholt sich in den Reihen der öffentlichen Gebäude von mittlerer Größe, die entlang der Hauptachse des Ortes standen. Jede der Ruinen nahe dem Haupthügel besteht aus einer solchen Einheit, und ein quadratischer Raum bildet auch jeweils den Kern jedes kleineren Verwaltungshauses in der längeren Reihe, von wo aus wahrscheinlich der Fluß der Waren zum und vom Speicher überwacht wurde.

Dahinter standen die Überreste von Wohnhäusern der Oberschicht. Auch sie waren an der Achse des Ortes ausgerichtet und solide – mit hohen, schlammverputzten Steinwänden – gebaut. Dort fanden sich auch genügend Belege häuslicher Tätigkeiten. In einem Raum gab es einen großen quadratischen, aus Steinen gesetzten Herd mit einer runden Vertiefung in der Mitte für das Feuer. Kammern, in denen große Krüge standen, Wandnischen und Gruben im Fußboden wurden zur Vorratshaltung genutzt; Reste von Abfällen waren außen verstreut. Diesen Häusern fehlt aber die zweifache Symmetrie der öffentlichen Gebäude.

Sowohl HuacaA wie auch die Verwaltungsbauten und die öffentlichen Plätze wurden frei von Abfällen gehalten; deshalb bietet der Müll an den Wohnhäusern die besten Informationen über das Leben der Oberschicht. Fragmente von massiven Keramikfigürchen kommen häufig in und bei ihren Häusern vor. Wir fanden auch viele Überreste von Steinmörsern und Stößeln; daran hafteten noch Spuren von Farbstoffen, mit denen man Friese, Wände und möglicherweise einander bemalt hat.

Wie weit die Bürokratie entwickelt war, zeigen Gegenstände aus gebranntem Ton, bei denen es sich vermutlich um Stempel und Siegelzylinder handelt. Beide sind selten im Andengebiet. Obwohl in späteren andinen Kulturen Stempel benutzt wurden, um Keramiken mit eingedrückten Mustern zu versehen, gibt es kein Indiz dafür, daß sie in Pampa de las Llamas-Moxeke demselben Zweck dienten. Wir fanden hingegen an zwei Exemplaren Spuren von Farbstoffen; auch das mag ein Hinweis darauf sein, daß damit Zeichen etwa auf Textilien oder menschliche Haut aufgebracht wurden, die womöglich – wie in den Zentren der frühen Kulturen des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens, wo Siegel häufiger verwendet wurden – Macht und Autorität symbolisierten.

Die Häuser der Unterschicht in Pampa de las Llamas-Moxeke hatten einige Charakteristika mit den Wohngebäuden der Elite gemeinsam; schließlich mußten da wie dort die gleichen Haushaltsarbeiten verrichtet werden. Küchenabfälle und sonstige Relikte häuslicher Tätigkeiten waren denn auch häufig zu finden. Quadratische, aus Stein gesetzte Herde waren ebenfalls verbreitet, aber kleiner. Bei vielen Unterschichteinwohnern wurde nur auf kleeblattförmigen Feuerstellen gekocht, indem sie einen runden Topf auf drei aufrechte Steine setzten.

Architektonisch waren diese Behausungen indes kümmerlich: Kleine Räume lagen unregelmäßig eng beieinander; noch vorhandene Sockel bestehen nur aus wenigen Reihen Steinen – der obere Teil der Wände wurde aus schlammverputztem Rohr oder Holz gebaut.

Ein früher Städtebund

Hatten unsere Ausgrabungen bereits eine für ihre Zeit überraschend stark strukturierte Gesellschaft erkennen lassen, so ergaben weitere Feldforschungen Hinweise auf eine noch größere politische Einheit. Im Norden des Casma-Tales liegt Sechin Alto, ein Komplex von vier Siedlungen, die zusammen 10,5 Quadratkilometer einnehmen, also eine mehr als fünfmal so große Fläche wie Pampa de las Llamas-Moxeke. Bis 1992 hatten gründliche Ausgrabungen nur an der kleinsten, in Cerro Sechin, stattgefunden. Seither haben wir eine Fülle von Indizien dafür entdeckt, daß alle diese Orte miteinander verbunden waren und mit Pampa de las Llamas-Moxeke in Beziehung standen.

Unsere Ausgrabungen von 1992 und 1993 konzentrierten sich auf den am besten erhaltenen Ruinenbezirk von Sechin Alto, auf Taukachi-Konkan. Bald zeigte sich, daß die Menschen dort die gleiche Art von Keramik herstellten und benutzten und die gleichen architektonischen Elemente verwendeten, die wir fünf Kilometer weiter südlich gesehen hatten.

Die großen und mittleren Schutthügel enthielten ebensolche quadratischen Räume als Grundeinheit, Wandnischen und Zugangshindernisse. Auch hier flankierten mittelgroße Gebäude das Zentrum des Orts, das allerdings offen war und von mehreren großen rechteckigen Plätzen gebildet wurde. An zwei größere künstliche Hügel schließen tiefgelegte runde Plätze an, ähnlich wie bei HuacaA. Nach Radiokarbon-Daten von sechs Proben war diese Stadt zwischen 2000 und 1300 vor Christus bewohnt, etwa im gleichen Zeitraum wie Pampa de las Llamas-Moxeke.

Die Siedlungen ähneln sich zwar in mancher Hinsicht, doch sind ihre Unterschiede noch bedeutender – die frühe Gesellschaft im Casma-Tal war wohl noch komplexer, als wir uns nach der ersten Forschungskampagne vorgestellt hatten.

Der größte Komplex in der westlichen Ecke von Taukachi-Konkan, den wir Hügel der Säulen nannten, gleicht keinem anderen Bauwerk. Die Plattform auf der Kuppe ist in zwei zentrale Höfe unterteilt, um die herum zahlreiche quadratische Räume symmetrisch angeordnet sind. Auf der vorderen Hälfte der Plattform fanden wir die Überreste von etwa 100 runden Säulen aus gebündeltem Rohr, Tauen und Steinen, umkleidet mit verputztem Schlamm-Mörtel.

Diese Säulen trugen einstmals ein Dach, das wahrscheinlich Mitgliedern der Elite Schatten spendete und sie vor Blicken schützte – eine einmalige Besonderheit. Wir nehmen an, daß der Hügel der Säulen die Residenz einer außerordentlich wichtigen Person war, möglicherweise des Herrschers über den Sech-in-Alto-Komplex oder das gesamte Casma-Tal. Zumal es noch einige ebenfalls gedeckten Räume mit Wandnischen rund herum gab; darin wurden wohl wertvolle Güter aufbewahrt, sowohl solche, die der Hausherr erhalten hatte, als auch solche, die als Gaben bestimmt waren. Andere Räume hatten niedrige Nischen, die sich eher zum Sitzen eigneten – wahrscheinlich fanden hier Beratungen oder Audienzen statt. Die Räume im hinteren Teil der Plattform sind unregelmäßig gestaltet und weniger leicht zugänglich, was uns vermuten läßt, daß es sich um den Wohnbereich handelte. Hier standen auch zwei runde Schwitzhäuser, beheizbare Räume für religiöse Zeremonien.

Dieser Palast wird nicht grundlos in Taukachi-Konkan angelegt worden sein. Der Sechin-Alto-Komplex war eventuell der Regierungssitz einer das ganze Tal umfassenden politischen Einheit, während das ebenfalls große und wichtige Zentrum Pampa de las Llamas-Moxeke die Versorgung der Bevölkerung sicherte. Jedem der beiden Orte wäre so eine Schlüsselfunktion in der um 1800 vor Christus offenbar voll entwickelten Gesellschaft zugekommen.


Das abrupte Ende

Nachdem diese Städte mehr als ein halbes Jahrtausend bestanden hatten, wurden sie verlassen. Die vielen Gebäude, die an beiden Orten unvollendet blieben, legen den Schluß nahe, daß die lokale Entwicklung auf ihrem Höhepunkt eher plötzlich endete, als daß ein allmählicher Niedergang einsetzte. Forscher haben zunächst angenommen, daß Hochlandbewohner die küstennahen Orte überfielen und ihre Kultur zerstörten, denn zeitgleich treten unvermittelt Merkmale einer fremden Lebensweise auf: Mais, domestizierte Tiere und ein anderer Baustil.

Wir haben jedoch vor kurzem Indizien dafür gefunden, daß die Gesellschaft des Casma-Tales durch innere Konflikte geschwächt und so Eindringlingen das Vorrücken erleichtert wurde. Steingravierungen in Cerro Sechin zeigen siegreiche Krieger und ihre verstümmelten Opfer in Lebensgröße – die eindeutige Darstellung einer Schlacht. Der Gesichtsschmuck der Krieger und das Emblem auf ihren Keulen besteht aus Rechtecken in einem Kreis – das Muster gleicht dem Herrschaftssymbol auf dem Fries in HuacaA; mithin dürften die Eroberer aus der Umgebung stammen. Die Kleidung ihrer Opfer ähnelt wiederum der jener menschenähnlichen Figuren, welche die Vorderfront der Tempelpyramide von Moxeke zieren.

Wir können nur vermuten, welche Gruppierungen damals gegeneinander kämpften. Unter Umständen wurde in Cerro Sechin nur der Sieg eines Teils der Elite über einen anderen gefeiert: Vielleicht hatte die Bürokratie, die mit den weltlichen Tätigkeiten in HuacaA befaßt war, die Priesterkaste von Moxeke in einem entscheidenden Konflikt zwischen staatlicher und religiöser Macht abgesetzt. Die Gravierungen können aber auch eine Rebellion der Bevölkerung gegen eine rasch anwachsende Beamtenschaft darstellen: In dem Maße, wie diese geplanten Städte wuchsen und ihre Oberschicht zunahm, stiegen die Anforderungen an das arbeitende Volk möglicherweise ins Unerträgliche.

Obwohl wir wohl niemals im einzelnen ergründen werden, wie diese Städte aufstiegen und fielen, sind sie doch ihres hohen Alters wegen für das Verständnis der peruanischen Vorgeschichte entscheidend: Pampa de las Llamas-Moxeke und Taukachi-Konkan repräsentieren nicht mehr unbekannte oder schwerlich einzuordnende Gesellschaftsstrukturen; vielmehr zeigt sich an ihnen, daß die Initialperiode kein Vorspiel der zivilisatorischen Entwicklung in der Andenregion war. In der Zeit ihres Bestehens bildeten sich bereits grundlegende gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und religiöse Prinzipien aus, welche die peruanische Kultur für die nächsten 3000 Jahre prägten.

Literaturhinweise

- Recent Excavations at Pampa de las Llamas-Moxeke, a Complex Initial Period Site in Peru. Von Shelia Pozorski und Thomas Pozorski in: Journal of Field Archaeology, Band 13, Heft 4, Seiten 381 bis 401, Winter 1986.

– Early Settlement and Subsistence in the Casma Valley, Peru. Von Shelia Pozorski und Thomas Pozorski in: University of Iowa Press, 1987.

– The Origins and Development of the Andean State. Herausgegeben von Jonathan Haas, Shelia Pozorski und Thomas Pozorski. Cambridge University Press, 1987.

– Chavin and the Origins of Andean Civilization. Von Richard L. Burger. Thames and Hudson, 1992.

– Early Civilization in the Casma Valley, Peru. Von Shelia Pozorski und Thomas Pozorski in: Antiquity, Band 66, Heft 253, Seiten 845 bis 870, Dezember 1992.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 1994, Seite 84
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
8 / 1994

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 8 / 1994

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