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Milzbrand: Früher Geißel, heute Biowaffe

Seit einem halben Jahrhundert kennen die Industrieländer den einst häufigen Milzbrand praktisch nicht mehr. Nun verbreitet sein Erreger erneut Schrecken. Denn Bacillus anthracis eignet sich hervorragend als biologisches Geschütz: Mit relativ wenig Aufwand erzeugen seine Keime verheerende Wirkung.


Der griechische Held Herakles erlitt Höllenqualen, als er ein Hemd anlegte, das seine Gattin Dejanira im Glauben an einen Liebeszauber mit dem Blut des Zentauren Nessos bestrichen hatte. So rächte sich der Zentaure dafür, dass Herakles ihn tödlich verwundet hatte, weil er Dejanira Gewalt antun wollte. Das Nessoshemd zerfraß das Fleisch des Helden, der sich darum verbrennen ließ.

Erzählt diese Sage vom Milzbrand? Die Krankheit wurde noch im 19. Jahrhundert oft durch wollene Kleidungsstücke übertragen, wie auch durch Decken und Tierhäute. In der Antike beschrieb sie schon der griechische Arzt Hippokrates, der um 460 bis um 370 vor unserer Zeitrechnung lebte. Die Seuche war auch im alten Ägypten bekannt und war wahrscheinlich eine der sieben Plagen, von denen die Bibel erzählt. Dass der Milzbrand im alten Rom häufig auftrat, berichten die Dichter Lukrez (um 97-55 v. Chr.) und Vergil (70-19 v. Chr.). Vergil wusste bereits, dass der Mensch ihn sich bei Schafen holt.

Charakteristisch für die Erkrankung sind schwarzes Blut und eine wie verbrannt wirkende Milz. Franzosen sprechen vom kohligen Fieber oder sagen einfach Kohle – "charbon" –, Engländer haben die Bezeichnung "anthrax", das griechische Wort für Kohle, im Deutschen noch als Anthrazit in Erinnerung. Es gab dafür viele Namen, darunter persisches Feuer oder auch sibirische Pest und kohlige Pest, obwohl der Milzbrand zwar Beulen erzeugt, mit der eigentlichen Pest aber nichts zu tun hat.

Hauptsächlich tritt Milzbrand bei Weidevieh auf, also bei Kühen, Schafen, Ziegen, Pferden, seltener auch bei Schweinen. Die Sporen des Erregers, Bacillus anthracis, überleben im Boden sehr lange und werden mit dem Futter aufgenommen.

Der Mensch steckt sich vor allem an, wenn er mit infizierter Wolle, mit Häuten oder Leder hantiert. Dringen die Sporen durch kleine Hautwunden ein, entsteht der oft weniger gefährliche Hautmilzbrand, bei dem zunächst Ödeme auftreten. Eingeatmete Sporen aber lösen Lungen-Milzbrand aus. Der verläuft meist tödlich, wenn nicht sehr früh Antibiotika verabreicht werden. Es gibt außerdem den Darm-Milzbrand, der durch Verzehr verseuchten Fleisches hervorgerufen wird und ebenfalls akut lebensgefährlich ist. Zu den Erscheinungsformen gehört auch eine Hirnhautentzündung.

In den Industrieländern ist Milzbrand heute selten geworden. Viele jüngere Ärzte wurden damit in der Praxis noch nie konfrontiert. Dafür ist die Krankheit in den ehemaligen Ostblockländern nach wie vor heimisch, ebenso wie in Ländern um das Mittelmeer. Besonders in der Türkei, aber auch in Afrika, in Südostasien und in Südamerika kommt er noch häufig vor. Sogar Epidemien treten noch auf, etwa in Mittelamerika in Guatemala und in Afrika in Guinea, Mauretanien und im Niger. In Südostasien ist vor allem Vietnam durch diese Geißel geschlagen.

Der Erreger des Milzbrandes ist ein sehr großer stäbchenförmiger Bazillus, der sich durch eine Kapsel vor dem Immunsystem schützt (siehe den Artikel Seite 40). In Blut und Eiter bildet er kleine Ketten. Im Kulturmedium entsteht ein dichtes Gewirr langer Fäden, die an Bambusstäbe erinnern. Bei Nährstoffmangel bildet das Bakterium dagegen eiförmige Sporen, die mindestens Jahrzehnte überleben.

Tiere infizieren sich gewöhnlich durch Gras oder anderes verunreinigtes Futter. Meistens gelangen die Sporen über eine kleine Wunde im Maul in den Körper. Es entsteht eine Blutvergiftung, an der das Tier ein bis zwei Tage später verendet. Seine Milz ist sehr stark vergrößert und schwarz, das Blut schwarz und klebrig. Es gerinnt nicht und enthält große Mengen der Bazillen, die neue Sporen ausbilden können.

Steckt sich der Mensch durch eine Hautwunde an, zeigt sich an der Stelle nach zwei bis drei Tagen ein Knötchen wie bei einem Insektenstich. Daraus wird ein juckendes Bläschen, und später bildet sich schwarzer Schorf, umgeben von einem rötlichen verhärteten Wulst sowie kleinen Bläschen mit einer gelblichen Flüssigkeit. Nur wenn der Schorf sich ausdehnt und die Infektion in tiefere Hautschichten vordringt, entwickeln sich große gefährliche Ödeme und die Krankheit kann sich im Körper ausbreiten. Bei zeitiger Behandlung mit Antibiotika ist diese Form der Infektion meist schnell beherrschbar.

Tot innerhalb von Stunden

Lungen-Milzbrand, verursacht durch Einatmen von Milzbrand-Staub, den Sporen des Erregers, äußert sich durch Atemnot, Husten, Bronchitis mit zähem bräunlichem Auswurf und Lungenstauung. Kommt eine Milzbrand-Meningitis hinzu, verläuft die Krankheit normalerweise tödlich. Lungen-Milzbrand ist selten geworden, seit in den gefährdeten Berufen Vorbeugungsmaßnahmen ergriffen werden.

Auch Darm-Milzbrand tritt in Industrienationen kaum noch auf, kommt aber in Epidemie-Gebieten Asiens und Afrikas nach dem Verzehr verseuchten Fleisches recht häufig vor. Diese Form äußert sich mit Fieber, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen und blutigem Durchfall. Die Erkrankten können innerhalb weniger Stunden sterben.

Auch hier zu Lande war Milzbrand früher eine Plage, die ganze Viehbestände dahinraffte. Durch die Jahrhunderte scheint er in Zentraleuropa, Frankreich und Russland schwere Schäden angerichtet zu haben. Besonders im 14. Jahrhundert wütete die Krankheit in Europa. Am meisten litt damals Großbritannien unter der "schwarzen Geißel", die auch im 17. und 18. Jahrhundert große Verheerungen anrichtete.

Ungezählte Ärzte, Tierärzte und andere haben verzweifelt versucht, die Ursache des "kohligen" Fiebers zu ergründen. Jeder von ihnen hat dazu beigetragen, der Lösung näher zu kommen, bis der Bazillus schließlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erkannt wurde. In den vierziger und fünfziger Jahren beobachteten Forscher im Blut kranker und verendeter Tiere unbewegliche stäbchenförmige Körper oder fadenförmige Gebilde, erkannten aber meist noch nicht ihre Bedeutung – oder sie ließen einen Verdacht nicht gelten. Waren diese kleinen Objekte das verursachende Agens oder irgendwelche anderen Strukturen, die bei der einsetzenden Verwesung entstanden? Waren es womöglich "tote Vibrionen" oder tatsächlich infektiöse Gebilde?

Die Forscher verstanden zwar nach und nach, dass es sich im Falle von Schafen, Rindern und Pferden um Erscheinungsformen der gleichen Krankheit handelt und dass diese Krankheit übertragen wird. Doch erst nachdem der französische Mikrobiologe Louis Pasteur (1822-1895) Mitte der sechziger Jahre erkannt hatte, dass Mikroorganismen Krankheiten verursachen können, zündete bei einigen Wissenschaftlern der Gedanke, dass der Milzbrand tatsächlich von den "Bakteridien" verursacht ist. Nun wurde auch nachgewiesen, dass Tiere am schwarzen Fieber erkranken, wenn man ihnen Blut von Milzbrand-Tieren überträgt.

Der normale Infektionsweg blieb dennoch zunächst unklar. Erst 1870 stellte ein französischer Tiermediziner fest, dass krankes Vieh und deren Kadaver die Weiden und Böden verseuchen. Den wichtigsten Beitrag zur Klärung der Übertragung leistete Robert Koch (1843-1910), während er als Kreisphysikus – Landarzt – in der Nähe von Posen arbeitete. Im französisch-preußischen Krieg war er als Arzt in Frankreich gewesen. In einem abgetrennten Teil seiner Praxis, den er sich als Labor einrichtete, begann er 1873 mit seinen Studien zum Milzbrand.

Damals wütete in seinem Landkreis gerade eine Milzbrand-Epidemie. Koch bestätigte nicht nur frühere Ergebnisse, dass die Krankheit durch Blut betroffener Tiere übertragbar ist, sondern es gelang ihm ebenfalls, die verdächtigen Stäbchen über etliche Generationen zu züchten und auch hiermit Tiere zu infizieren. Damit wies der Bakteriologe erstmals schlüssig nach, dass die bewegungslosen Stäbchen im Blut die Krankheitserreger sind.

Unter dem Mikroskop beobachtete Koch am 12. April 1874 zum ersten Mal die Bildung von Sporen, die Form, in der diese Bakterien im Boden überdauern. Der Forscher stellte zudem fest, unter welchen Bedingungen die Bakterien sich am besten vermehrten und wann Sporen entstanden, und konnte schließlich den gesamten Lebenszyklus des Milzbrand-Bakteriums in Zeichnungen und Fotos darlegen. Unter Verwendung der Namensgebung des Breslauer Botanikers Ferdinand Cohn (1828-1898) für eine Anzahl von Mikroben nannte er den Erreger Bacillus anthracis.

Der erste Impfversuch gegen Milzbrand oder besser ein Vorversuch erfolgte wahrscheinlich 1878 in London. Die britischen Mediziner John Burdon-Sanderson (1828-1905) und William Greenfield (1846-1919) beobachteten, dass Rinder zwar erkrankten, den Milzbrand aber überstanden, wenn sie ihnen Blut von damit infizierten Nagern übertrugen. Vor allem aber wurden die Tiere später nicht mehr krank, wenn sie wieder verseuchtes Blut erhielten.

Greenfield versuchte dann, das Bakterium zu schwächen, indem er es über mehrere Zyklen in Glasröhrchen kultivierte. Anschließend spritzte er eine kleine Menge der Bakterien einem jungen Rind, das davon schwer krank wurde, sich aber innerhalb von zehn Tagen vollständig erholte. Demselben Tier injizierte er einige Wochen später die zermahlene Milz eines an Milzbrand verendeten Meerschweinchens – normalerweise ein Todesurteil. Das Rind erkrankte jedoch nur schwach und war schon nach zwei Tagen wieder gesund. Später konnten dem Tier weitere solche Injektionen nichts mehr anhaben. Wie die Studien ergaben, schwächte jeder Kultur-Zyklus den Erreger mehr, senkte also seine Virulenz, bis die Tiere davon schon beim ersten Mal überhaupt nicht mehr krank wurden. Trotzdem widerstanden sie in Zukunft Infektionen mit aggressiven Erregern.

Zweifelhafter Ruhm

Als Greenfield diese Befunde 1880 in drei Publikationen veröffentlichte, kam er einem französischen Kollegen nur wenige Monate zuvor. Henry Toussaint (1847-1890) von der Tierärztlichen Schule von Lyon wendete andere Verfahren an, um einen Impfstoff mit einem abgeschwächten Erreger zu gewinnen. Er filterte das Blut von erkrankten oder eben verstorbenen Tieren, erhitzte es dann für zehn Minuten auf 55 Grad oder versetzte es mit Antiseptika. Wenn er dieses Substrat Tieren spritzte, waren sie zwölf Tage später immun gegen Milzbrand.

Toussaint legte seine Studien am 12. Juli 1880 bei der französischen Akademie für Medizin schriftlich vor, zusammen mit einer Darlegung der zukünftigen Bedeutung solcher Impfungen. Am 6. August 1880 impfte er sechs Schafe mit seinen "immunisierenden Flüssigkeiten" – mit vollem Erfolg. Doch weder er noch Greenfield erhielten für ihr Pionierwerk Anerkennung. Statt ihrer heimste Louis Pasteur den Ruhm allein ein.

Pasteur war damals bereits berühmt, in hoher Stellung und Mitglied der französischen Akademie der Wissenschaften. Er hatte entdeckt, dass Mikroorganismen für die Zersetzung von organischen Stoffen verantwortlich sind und dass Hitze sie tötet. Diese Erkenntnis gilt als die Geburt der Mikrobiologie. Pasteur hatte die Seidenindustrie von Lyon gerettet, indem er die Erreger der Seidenspinner-Krankheit aufspürte. Er wies später auch – zusammen mit Émile Roux – nach, dass ein Bakterium, Staphylococcus aureus, eitrige Furunkel erzeugt. Und er hatte einen Impfstoff gegen die Hühner-Cholera hergestellt. Mitte der achtziger Jahre sollte er den ersten Impfstoff gegen Tollwut entwickeln.

1877 wurde er ersucht, ein Mittel gegen den Milzbrand bei Schafen und Rindern zu finden. Im März 1881, ein Jahr nach Toussaint und Greenfield, veröffentlichte er eine Arbeit, in der er eine Impfmethode beschrieb. Widersacher, die den erfolgreichen Wissenschaftler bloßstellen wollten, brachten ihn dazu, sein Verfahren öffentlich zu demonstrieren. Die berühmte Vorführung auf einem Gut bei Melon, bei der 25 Schafe gegen Milzbrand geimpft wurden, fand am 5. Mai 1881 statt. Am 31. Mai wurde diesen Tieren und 25 nicht geimpften ein hochvirulenter Erregerstamm übertragen. Als sich das Publikum zwei Tage später wieder einfand, konnte es nur vermerken: Die geimpften Schafe waren gesund, die anderen tot.

Pasteur erhielt das Ordensband des Großen Kreuzes der Ehrenlegion und wurde in die Académie Française gewählt. Doch der Impfstoff war nicht von ihm selbst. Andere Wissenschaftler hatten ihn nach dem Prinzip und Verfahren von Toussaint entwickelt. Es handelte sich um eine Suspension von Bakterien ohne Sporen mit verringerter Virulenz. Adrien Loir, ein Neffe Pasteurs, der damals Medizin studierte, hat dies später enthüllt.

Heute weiß man, dass Impfen die einzige wirksame Vorbeugung gegen den Milzbrand ist. Zwei Sorten von Vakzinen stehen zur Verfügung: Lebend-Impfstoff mit einem abgeschwächten Stamm des Bazillus, vergleichbar den Aufbereitungen, die Toussaint und Pasteur verwendeten; und zellfreier Impfstoff, der also keine kompletten Bakterien enthält, sondern nur Bestandteile von ihnen.

Der Lebend-Impfstoff ist für den Menschen nicht zugelassen. Er birgt das Risiko, dass der verwendete Bakterienstamm wieder virulent wird. Auch erzeugt die Vakzine manchmal Fieber, Ödeme und schwere Schwächezustände. Zudem hält die Immunisierung damit leider nur etwa ein Jahr vor. Mit einem zellfreien Aufschluss dürfen Menschen geimpft werden. Tierversuche haben allerdings gezeigt, dass dies weniger wirksam ist als der abgeschwächte Lebend-Impfstoff.

Trotz Vorbeugung aller Art ist der Milzbrand auch heute nicht völlig besiegt. Selbst in Europa kann diese verheerende Krankheit, die eher in vergangene Epochen zu gehören scheint, plötzlich wieder auftauchen. Das beweist ein Ausbruch im Sommer 2000 in Rumänien.

Am 10. August jenes Jahres teilte das rumänische Gesundheitsministerium den Tod zweier Menschen durch Milzbrand mit. 21 weitere Personen waren zu der Zeit erkrankt und bei 24 stand die Diagnose noch aus. Das erste Opfer war ein junger Bauer im Osten des Landes. Er hatte den Kadaver einer Kuh seinen wenigen Schweinen verfüttert. Eine Woche später waren alle diese Schweine und noch fünf Kühe tot. Wenig später erkrankten zwei ältere Bauern zunächst an Haut-Milzbrand und starben dann an einer hämorrhagischen Meningitis.

Diese Epidemie war die schwerste in Rumänien seit zwanzig Jahren. Für das Vieh wurde eine groß angelegte Impfkampagne gestartet. Zusätzliche drakonische Vorbeugungsmaßnahmen sollten eine Ausbreitung der Krankheit unterbinden. Auch die Menschen, die zu kranken Tieren Kontakt gehabt hatten, wurden prophylaktisch behandelt.

Testinsel für Jahrzehnte verseucht

Im Jahre 1925 unterzeichneten zahlreiche Staaten in Genf ein Abkommen über ein Verbot von chemischen und biologischen Kampfstoffen. Dies war eine Reaktion auf den Einsatz chemischer Waffen im Ersten Weltkrieg. Gleichwohl erfochten sich die Sowjetunion und die USA das Recht, solche Waffen im Ausnahmefall zu benutzen – also hierfür auch herzustellen und zu lagern –, vor allem falls sie selbst Ziel eines militärischen Angriffs würden.

Biologische Waffen gibt es noch nicht allzu lange. Forschungen über biologische Kriegsführung begannen 1929. Damals nahm die Sowjetunion ein wissenschaftliches Programm über militärisch verwendbare Bakterien auf, darun-ter die Erreger von Pest, Cholera, Typhus und Milzbrand. 1934 folgte Japan und 1939 England. Im Winter 1942, als der Zweite Weltkrieg auf dem Kontinent tobte, fuhren dem britischen Verteidigungsministerium unterstellte Wissenschaftler mehrmals nach Schottland zur Hebriden-Insel Gruinard, einem unbewohnten Eiland von ungefähr einem Kilometer Breite und drei Kilometern Länge. Sie ließen dort unter anderem sechs kleine Bomben mit Milliarden von Milzbrand-Sporen explodieren. Dass die Sporen der Explosion mit einer "klassischen" Bombe widerstanden und dann ein stabiles Aerosol bildeten, war bereits erwiesen. Diese Sprengköpfe wurden jedoch auf einem Turm gezündet, um den herum Schafe in verschiedenen Abständen angepflockt waren.

Sämtliche Schafe starben wenige Tage darauf. Ihre Kadaver hinterließen auf der Insel eine erschreckende Menge an Bakterien und insbesondere Sporen. Vierzig Jahre lang entnahmen Wissenschaftler jährlich Bodenproben. Jedes Mal wiesen sie keimfähige Sporen von Bacillus anthracis nach. Noch 1979 waren große Teile der Insel völlig verseucht.

In den achtziger Jahren wurde beschlossen, die Insel zu säubern, was sich als sehr aufwendig herausstellte. Tests mit vier Bakterien tötenden Flüssigkeiten erwiesen, dass Formol sich am besten eignete. Also schlug und mähte man zunächst die Vegetation ab, verbrannte sie und vernichtete den Rest der Pflanzen mit Herbiziden. Dann wurde die Insel mit in Meerwasser verdünntem Formol besprengt. Die Säuberungsaktion hatte tatsächlich Erfolg. Nur an wenigen Orten der Insel ließen sich danach noch keimfähige Sporen nachweisen. Diese Stellen wurden so lange immer wieder behandelt, bis die Bakterien auch hier verschwunden waren. Alles in allem erforderte die Entseuchung sechs Wochen Arbeit, 280 Tonnen Formol und zwei Millionen Liter Meerwasser.

Acht Monate später begannen auf der Insel wieder Pflanzen zu wachsen, und bald konnte auch eine Herde Schafe auf ihr weiden. Die Tiere lebten dort fünf Monate und blieben vollkommen gesund. Der Milzbrand-Bazillus war wirklich verschwunden.

Japan tat sich bei der Entwicklung biologischer Waffen besonders hervor – ebenso bei "wissenschaftlichen" Verfahren zum Massenmord. Schon 1935 entstand in der Mandschurei die Einheit 731, geleitet von dem Bakteriologen General Shiro Ishii, der an russischen, chinesischen, amerikanischen, australischen und englischen Gefangenen Experimente durchführte. Mehr als 3000 menschliche Versuchskaninchen wurden in den dortigen Lagern massakriert, lebend seziert, zu Tode gefroren oder mit verschiedenen Methoden infiziert, vor allem durch Aerosole von Krankheitserregern, darunter auch Bacillus anthracis. Zusätzlich starben in China und der Mandschurei 10 000 Menschen an Milzbrand, als die Japaner Dörfer angriffen und dabei Waffen mit dem Erreger einsetzten.

Im Zweiten Weltkrieg produzierten amerikanische, britische und kanadische Labors biologische Waffen, insbesondere "Milzbrand-Bomben". Das Programm bekam den Codenamen "N". 1944 waren Tausende dieser Bomben gegen Nazi-Deutschland einsatzbereit. Warum wurden sie nicht verwendet? Etwa deswegen, weil Hitlerdeutschland nicht über Bio-Waffen verfügte? Oder aus Angst, dass die damit bombardierten Gebiete dauerhaft verseucht würden? Möglicher-weise. Gegen Ende des Krieges fanden unter strengster Geheimhaltung in der Umgebung von Poznan in Polen Forschungen auf dem Gebiet der biologischen Waffen statt. Auch da interessierte besonders der Milzbrand-Bazillus. Der Krieg ging zu Ende, bevor konkrete Resultate erzielt wurden.

Die biologische Kriegsführung dürfte schon deswegen für manche verlockend sein, weil die Produktion von Biowaffen im Verhältnis lächerlich billig ist. 1969 verglichen Spezialisten die Kosten einer militärischen Operation mit verschiedenen Waffentypen gegen eine Zivilbevölkerung, die eine Fläche von einem Quadratkilometer bewohnt. Die dafür benötigten klassischen Waffen würden 2000 Euro kosten, Nuklearwaffen 800 Euro, Nervengase 600 Euro – bakteriologische Waffen 1 Euro.

Warum ist ausgerechnet Bacillus anthracis so gefragt? Der Milzbrand-Erreger eignet sich schon deswegen als tödliche Waffe, weil die breite Bevölkerung gegen die Krankheit nicht immun ist. Die Inkubationszeit ist kurz und die Infektionsschwelle niedrig. Der Erreger ist hoch virulent, die durch ihn verursachte tödliche oder zumindest sehr schwere Erkrankung setzt die Menschen schnell außer Gefecht. Auch bleibt das pathogene Potenzial des Erregers bei der Herstellung, Lagerung und beim Transport erhalten. Die Sporen eignen sich für Aerosole, und sie bleiben lange gefährlich. Sie überstehen Austrocknung, Temperaturwechsel und UV-Licht und bewahren dennoch ihre Keimfähigkeit und Virulenz. Zudem lassen sich Stämme gewinnen, die gegen gebräuchliche Antibiotika resistent sind.

Die vertuschte Katastrophe im Ural

Nicht zuletzt machen den Milzbrand-Bazillus die niedrigen Herstellungskosten und die einfache Produktion attraktiv. Ein Gramm Sporen kann zehn Millionen Menschen töten. Da die Krankheit kaum ansteckend ist, besteht für die Aggressoren selbst wenig Gefahr. Manche nennen die Milzbrand-Bombe "Atombombe der Armen". Wie groß die Gefahr ist, dass diese Waffe heimlich hergestellt wird, zeigte sich im Golfkrieg, als im Irak ein riesiges Arsenal an solcher Munition entdeckt wurde.

Das B-Waffen-Abkommen von 1972 unterzeichneten 130 Staaten. Es untersagt Entwicklung, Herstellung, Lagerung und Transport biologischer und toxischer Waffen. Gleichwohl halten sich viele Länder nicht daran, unter ihnen auch einige Unterzeichner-Länder wie China, Nordkorea, Indien, der Iran, Libyen und Syrien. Andere, die nicht beigetreten sind – Ägypten, Israel, Taiwan und viele weitere –, setzen ihre Forschungen fort. Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten Richard Nixon schätzte 1969 den strategischen Wert der biologischen Waffen so gering ein, dass die Amerikaner damals alle Bio-Waffen und Vorräte an Agenzien zerstörten.

Doch zehn Jahre später nahmen die Vereinigten Staaten die Forschung am Milzbrand-Bazillus aus aktuellem Anlass wieder auf. Im April und Mai 1979 war die Krankheit in der Sowjetunion bei Swerdlowsk im Ural ausgebrochen, dem heutigen Jekaterinburg, einer Universitätsstadt mit 1,2 Millionen Einwohnern. Die sowjetischen Behörden schoben die Epidemie auf den Verzehr von "infiziertem Fleisch vom Schwarzmarkt".

Damals war in der Region Milzbrand beim Menschen schon eine seltene Krankheit. Ein paar Kilometer vor der Stadt lag aber ein geheimes militärisches Produktionszentrum für bakteriologische Waffen. US-amerikanische Nachrichtendienste kamen bald zu dem Schluss, dass ein versehentlich freigesetztes Aerosol mit Milzbrand-Sporen, das die Menschen eingeatmet hatten, die Epidemie ausgelöst hatte.

Diese Einsicht verdankten sie dem Scharfblick der Pathologin Faina Abramowa, der Leiterin des anatomisch-pathologischen Dienstes im Krankenhaus der Stadt. Die Ärztin hatte die ersten 42 gemeldeten Todesfälle genau verfolgt und die ersten Autopsien durchgeführt. Sie erkannte, dass die Anzeichen für Milzbrand sprachen und konnte den Bazillus auch nachweisen. Sie fand heraus, dass diese Menschen Sporen eingeatmet haben mussten, denn sie waren sämtlich an Lungenmilzbrand gestorben. Die meisten Opfer hatten nahe des militärischen Labors gearbeitet oder gelebt. Doch die obersten sowjetischen Gesundheitsbehörden konfiszierten sogleich die gesamten Autopsieberichte und unterbanden jede Verbreitung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen.

Trotzdem gelang es den Ärzten, die mikroskopischen und eine Auswahl anderer charakteristischer pathologischer Präparate sowie ihre persönlichen Notizen zu verstecken. Erst 1992, unter Boris Jeltzin, wurde der Unfall offiziell zugegeben. Mit der Erlaubnis des sowjetischen Geheimdienstes KGB hieß es in der russischen Tageszeitung Prawda, "militärische Entwicklungsarbeiten" seien der Grund der Katastrophe gewesen.

Wissenschaftler konnten 1992 das Beweismaterial vor Ort prüfen und die frühere ärztliche Diagnose bestätigen. Ihre Untersuchung ergab ferner, dass aus dem militärischen Forschungslabor eine sehr kleine Menge trockener Sporen in die Luft entwichen war. Die genaue Menge konnten sie nicht mehr ermitteln. Es waren aber genügend Sporen gewesen, um – nach den sowjetischen Quel-len – 68 Menschen in den Tod zu ziehen, eine Herde Ziegen dahinzuraffen, die fünfzig Kilometer entfernt weidete, und in sechs Dörfern im Umkreis Tiere verenden zu lassen. Amerikanische Quellen gehen von tausend Opfern aus.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation würden 50 Kilogramm von Bacillus anthracis, bei günstigem Wind über einer Stadt mit 500000 Einwohnern freigelassen, 95000 Menschen töten und 125000 weitere außer Gefecht setzen können.

Der Irak begann mit Experimenten zur Entwicklung von biologischen Waffen Ende der siebziger Jahre. Er untersuchte zunächst fünf Bakterienstämme und einen Pilzstamm, fünf Viren und vier Toxine. Zwei nicht-pathogene Bakterienarten, Bacillus subtilis und Bacillus thuringiensis, dienten zu Simulationen.

Zwei der pathogenen Bakterien wurden weiter verfolgt: Bacillus anthracis und Clostridium perfringens, das den Gasbrand verursacht, eine schwere Wundinfektion. Die Irakis bezogen die Milzbrand-Stämme aus den Vereinigten Staaten und aus Frankreich, verwendeten aber auch eigene Stämme.

Zwischen 1985 und 1991 produzierte der Irak 8000 Liter einer Suspension mit Milzbrand-Sporen in einer Konzentration von einer Milliarde Sporen pro Milliliter. 6000 Liter davon wurden auf R400-Bomben verteilt, von denen jede 85 Liter der Suspension enthielt, dazu Botulinus-Toxin, ein schweres, oft tödliches bakterielles Nervengift, und Aflatoxin, ein Schimmelpilzgift, das Leber und Nieren schädigt. Im Golfkrieg von 1991 wurden fünfzig mit Milzbrand-Sporen gefüllte R400-Bomben in Stellung gebracht, dazu 25 mit den Erregern bestückte ballistische SCUD-Raketen mit einer Reichweite von 300 Kilometern.

Begründete Angst vor Bioterror?

Nach Raymond Zilinskas von der Universität Maryland waren diese Waffen nicht einsetzbar. Sie hätten auch wohl nicht die erhoffte Wirkung gehabt, denn es waren für den Zweck zu wenig Bomben und Raketen, und die Verteilungsmechanismen dürften ineffizient gewesen sein. Nach dem Kriegsende gelang es nach Einschätzung von Experten nicht, das irakische Arsenal biologischer Waffen völlig zu vernichten. Auch wenn das irakische Programm zu deren Produktion zerschlagen worden sein sollte, konnte sicherlich ein Teil des Bestände auf die Seite geschafft werden.

Seit den neunziger Jahren setzten auch Terrororganisationen so genannte nicht-konventionelle – chemische und biologische – Kampfstoffe für ihre Ziele ein. Bei dem U-Bahn-Attentat am 20. März 1995 in Tokio tötete die japanische Aum-Sekte mit dem Nervengas Sarin zwölf Menschen und verletzte 5000. Dieselbe Sekte hatte 1990 in Tokio von einem Gebäude Milzbrand-Bazillen ausgestreut und einige Monate zuvor beim japanischen Parlament Botulinus-Toxin verteilt, in diesen Fällen ohne Opfer.

Nicht nur die lange bekannten Krankheitserreger finden bei Terrorgruppen Gefallen, sondern auch erst in neuerer Zeit bekannt gewordene tödliche so genannte hämorrhagische Viren, wie die Erreger des Ebola- oder des Hanta-Fiebers, und selbst Grippe-Viren. Solches Material zu erwerben, ist mit genügend Geld durchaus möglich. Viele Länder stellen heimlich Biowaffen her: Bulgarien, China, Nordkorea, Kuba, Ägypten, Indien, Iran, Israel, Laos, Libyen, Syrien, Taiwan und Vietnam.

Man könnte Bacillus anthracis als das Urbild eines bakteriologischen Kampfstoffs bezeichnen. Ein beinahe behelfsmäßiges kleines Labor genügt, um ohne große Mittel in kurzer Zeit massenhaft Bakterien und Sporen zu züchten.

Seit ungefähr fünfzig Jahren war der Milzbrand in den Industriestaaten weit gehend verschwunden. Nur vereinzelt trat er noch auf. Die Epidemie in Rumänien im August 2000 war vermutlich die einzige in Europa in den vergangenen zwanzig Jahren. Ein Fall von Haut-Milzbrand in Frankreich liegt mehrere Jahre zurück. In der Schweiz infizierten sich Ende der siebziger Jahre mehrere Arbeiter durch Tierhäute aus Südostasien. Die Vereinigten Staaten registrierten seit 1900 nur 18 Fälle von Lungen-Milzbrand, den letzten davon im Jahr 1978.

Doch als Vernichtungswaffe ist Bacillus anthracis eine besonders heimtückische Bedrohung. Wenn man sie bemerkt, ist es oft schon zu spät. Zwar gibt es für die Zivilbevölkerung Schutzmöglichkeiten: Die Produktion von Impfstoffen, Antibiotika, Gasmasken, Schutzkleidung und anderen Hilfsmitteln läuft derzeit vielfach auf Hochtouren. Doch muss diese Ausstattung unentwegt dem Stand der Biowaffen angepasst und entsprechend nachgebessert werden. Denn von den Fortschritten in Genetik und Molekularbiologie profitieren auch die Hersteller unkonventioneller Waffen. Russische Forscher im Institut von Obolensk bei Moskau haben gentechnisch schon einen Milzbrand-Stamm erzeugt, gegen den Antibiotika wie auch eine Impfung nichts ausrichten.

Literaturhinweise


Milzbrand. In: Geißeln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen. Von Stefan Winkle. Artemis und Winkler, 1997.

Robert Koch. Von Wolfgang Genschorek. Hirzel, 4. Aufl., 1981.

Chemical and Biological Warfare. Von Eric Croddy et al. Springer, 2002.

Anthrax as a potential biological warfare agent. Von J. Pile et al. in: Arch. Intern. Med., Bd. 158, S. 429, 1998.

Bacillus anthracis et guerre biologique. Von F. Ramisse et al. in: Bull. Soc. Fr. Microbiol., Bd. 13, S. 145, 1998.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 2 / 2002, Seite 35
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2 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 2 / 2002

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