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Stereotype: Die Geniefalle

In manchen Fächern gilt ein überragender ­Intellekt als entscheidend für die Karriere. Wegen hartnäckiger ­Vorurteile haben Frauen an den Hochschulen dann oft das Nachsehen.
Eine junge Forscherin arbeitet in einem Labor.

Zu Beginn der 1980er Jahre war unter amerikanischen Philosophen oft die Rede von "The Beam" – einem Strahl intellektueller Brillanz, der wie ein Schlaglicht die kompliziertesten philosophischen Rätsel zu erhellen vermochte. Nur wenige Denker seien mit dieser Gabe ausgestattet, und ihr Werk repräsentiere den Maßstab für geistiges Gelingen. Wem dieser Glanz fehlte, der war auf ewig dazu verdammt, intellektuell im Schatten zu stehen.

Diese Geschichte kam jedes Mal zur Sprache, wenn wir beide uns bei einer Konferenz trafen. Wir hatten zwar unterschiedliche Fächer studiert – Leslie Philosophie, Cimpian Psychologie –, bearbeiteten aber ähnliche Themen. Also tauschten wir uns regelmäßig über unsere Erfahrungen im jeweiligen Fachgebiet aus. Psychologie und Philosophie haben viel gemeinsam; bis ins 19. Jahrhundert war die Psychologie eine philosophische Teildisziplin. Dennoch galten unseren Eindrücken nach in beiden Gebieten höchst unterschiedliche Erfolgskriterien. Philosophen legen größten Wert auf das persönliche Auftreten – am besten als brillanter Superstar mit herausragenden geistigen Fähigkeiten. Hingegen glauben Psychologen eher, die füh­renden Köpfe des Fachs hätten ihren Status durch harte Arbeit und Erfahrung erworben.

Zunächst sahen wir in der Geniebesessenheit der Philosophen nur eine Marotte, ein bisschen seltsam, aber harmlos. Für Leslie stand vielmehr im Vordergrund, dass ihr Fach keine Anziehung auf Frauen und Minderheiten auszuüben schien. Trotz aller Versuche, das Blatt zu wenden, waren in den Vereinigten Staaten bloß 30 Prozent aller anno 2015 in Philosophie promovierten Personen weiblich, und Afroamerikaner beiderlei Geschlechts stellten sogar nur 1 Prozent der promovierten Philosophen. Ganz anders die im selben Jahr verliehenen Doktorgrade in Psychologie: 72 Prozent Frauen und immerhin 6 Prozent Afroamerikaner – womit Letztere jedoch noch immer stark unterrepräsentiert waren ...

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