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Medizin: Gene, Gicht und Gallensteine

Wenn Moleküle krank machen
Wiley-VCH, Weinheim 2001. 340 Seiten, € 24,90


Wie beeinflussen Moleküle die Weltgeschichte? Nun ja, unser ganzes Leben beruht, genau betrachtet, auf der Wirkung chemischer Signale, die durch Moleküle vermittelt werden; Krankheiten – vom banalen Schnupfen bis zu Erbkrankheiten, Virusinfektionen oder Krebs – zeichnen sich dadurch aus, dass diese Signale schädlich sind; und wenn es einer herrschenden Persönlichkeit schlecht geht, bleibt das nicht ohne Einfluss auf die Geschichte.

Die britische Königin Victoria (1819 -1901) vererbte an ihre Nachfahren und damit auch an den Zarewitsch Alexej die genetische Veranlagung zur Bluterkrankheit. Dessen schlechter Gesundheitszustand trug mit zum Fall der russischen Monarchie und zum Ausbruch der Oktoberrevolution bei. Einer von Victorias Amtsvorgängern, George III. (1738- 1820), litt vermutlich unter einer Stoffwechselkrankheit namens akute intermittierende Porphyrie, die ihn zeitweise stark beeinträchtigte. Vielleicht hätte der amerikanische Unabhängigkeitskrieg ein anderes Ende gefunden, wenn ein gesunder Monarch regiert hätte?

Der Mikrobiologe und Publizist Manfred Reitz erzählt gleich eine Reihe solch spannender Geschichten, in denen krank machende Moleküle eine große Rolle spielen. In seinem sinnvoll gegliederten Buch bringt er zunächst etwa hundert Seiten Basiswissen: die Rolle chemischer Signale für die Funktion der gesunden Zelle, Mechanismen der Vererbung, Mutationen am Erbgut und zelleigene Reparaturmöglichkeiten. Schön, dass Reitz es nicht nur bei den bekannten Mendel-Erbsen belässt, sondern auch den Transfer zum Menschen vollzieht. So beschreibt er das "Habsburger Gesicht", den zu großen Unterkiefer und das dadurch nach vorn gewölbte Kinn samt ausgeprägter Unterlippe, das jahrhundertelang charakteristisch für die Herrscher dieser Familie war. Ein Beispielporträt mitsamt einem Stammbaum für dieses Merkmal wäre allerdings hilfreicher gewesen als die vier Seiten Text mit derselben Information.

Im weiteren Verlauf geht Reitz – didaktisch hervorragend – von der allgemeinen Vererbungslehre immer mehr ins Detail. Zunächst beschäftigt er sich mit chromosomengebundenen Erbdefekten, dann mit fehlerhaften Genprodukten, die Krankheiten auslösen – etwa Stoffwechseldefekte wie Diabetes. Nach einem Abstecher in das Wesen von Krebserkrankungen folgen ausführliche und leicht verständliche Erläuterungen zu Krebs, Virus- und Prionerkrankungen und weiteren Leiden wie zur Alzheimer- und zur Parkinson’schen Krankheit.

In den letzten Kapiteln widmet sich Reitz dem eigentlichen heißen Eisen des Buches: Sorgsam vermittelt er die Grundlagen für das Verständnis möglicher gentherapeutischer Ansätze. Dabei spart er keineswegs ethische Fragestellungen aus und gibt eine Reihe von humangenetischen Beratungsstellen an.

Insgesamt ist Reitz ein populärwissenschaftlicher Überblick über Infektions- und Erbkrankheiten auf hohem Niveau gelungen. Seine Sprache ist sachlich, präzise und auch für Laien verständlich. Anschauliche Beispiele und kleine Exkurse mit zusätzlichen Informationen – etwa über den ersten bekannten Aids-Patienten in den USA oder über das "perfekte" Verbrechen mit Hilfe einer Isoproterenol-Injektion, die einen chemischen Herzinfarkt auslöst – lockern die etwas trockeneren Fakten ein wenig auf und vermitteln interessante Details.

Dennoch ist das Buch nicht gerade leicht verdaulich: Um die komplexen Zusammenhänge, die Reitz in aller Kürze verständlich darstellt, wirklich zu durchblicken, braucht es schon etwas Zeit. Ein umfangreiches Register hilft beim schnellen Nachschlagen. Wünschenswert wäre ein Glossar, das die gebräuchlichsten Begriffe aus Medizin und Gentechnologie kurz erläutert.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 2002, Seite 111
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
3 / 2002

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 3 / 2002

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