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Biografie: Gene, Girls und Gamow

Erinnerungen eines Genies Aus dem Amerikanischen von Inge Leipold.
Piper, München 2003. 420 Seiten, € 23,90


Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, liebe Doppelhelix. Gratulationen dieser Art rauschten im Frühjahr zuhauf durch die Zeitungen und waren meist an die Entdecker der DNA-Struktur adressiert. Vor fünfzig Jahren erpuzzelten sich die Jungforscher James D. Watson und Francis H.C. Crick den spiralförmigen Aufbau des Erbmoleküls und ließen namhafte Konkurrenten vor Neid erblassen.

Mittlerweile zählen die zwei eigenwilligen Querköpfe zu den herausragendsten Biologen des vergangenen Jahrhunderts. Mit dem Paukenschlag vom April 1953 begannen für den US-Amerikaner Watson und den Briten Crick höchst erfolgreiche Wissenschaftlerkarrieren, die mit dem Nobelpreis im Jahr 1962 noch lange nicht abgeschlossen waren. In den Folgejahren machten beide nicht nur durch ihre Forschungsarbeit auf sich aufmerksam, sondern auch durch ihre frechen Bücher. Um den mittlerweile 75-jährigen Watson scharen sich noch heute die Journalisten, wenn sie Ansichten zur Gentechnologie suchen, die nicht immer politisch korrekt, aber für eine Schlagzeile gut sind.

Bereits in den Wissenschaftler-Zirkeln der 1950er Jahre stellte Watson sein Talent für unkonventionelle Auftritte unter Beweis. In seinem ersten Buch "Die Doppelhelix" von 1968 berichtet er, "wie Wissenschaft wirklich gemacht wird" – mit viel mehr Glück, viel mehr Spielerei und weniger Systematik, als der Laie gemeinhin annimmt. Der respektlose Ton und die schonungslose Darstellung von Freund und Feind hat einigen Mitstreitern seinerzeit Magendrücken bereitet.

Seine zweite, passend zum Jubiläum erschienene Autobiografie wird gleichfalls bei Kollegen Seufzer und beim Leser helles Entzücken auslösen. Es geht um die Zeit unmittelbar nach dem Aufsatz in der Fachzeitschrift "Nature", der das berühmte Modell vorstellt. Diesmal steht jedoch nicht der wissenschaftliche Gegenstand im Mittelpunkt, sondern Leben und Leiden des aufstrebenden Forschers Watson. Nach wie vor dreht sich sein Leben um die ungelösten Fragen der Genetik, aber ebenso darum, wie er eine Freundin bekommt und mit Kollegen viel Spaß haben kann.

Die "Erinnerungen eines Genies" erfassen im Detail die Zeit vom April 1953 bis zum September 1956. Ein Epilog bündelt die wichtigsten Ereignisse bis zum März 1968. Strukturiert wird der Berichtszeitraum nicht so sehr von Experimenten und Versuchen als vielmehr von den äußeren Stationen im Werdegang des James Watson. Von Cambridge aus geht er zunächst an das angesehene California Institute of Technology in Pasadena. Vereinsamt und unglücklich verlässt er jedoch die USA für einen Forschungsaufenthalt im englischen Cambridge, bevor er dann im Herbst 1956 für etliche Jahre mit seiner Arbeit in Harvard beginnt.

Anstelle der DNA nimmt er das verwandte Molekül RNA ins Visier und versucht, seinen Bau und seine Bedeutung für die Synthese von Eiweißmolekülen zu bestimmen. Verschiedenste, auch ausgefallene Überlegungen stellt er allein oder mit Freunden an – und verwirft sie wieder. Die zündende Idee fehlt, notwendige Experimente wollen nicht recht glücken, und der Erfolg bleibt aus. Weder Watson noch seinen Freunden, mit denen er für die Arbeit den exklusiven "RNA-Krawattenclub" bildet, gelingt in dieser Zeit der Durchbruch. Dass der in Cambridge gebliebene Crick die Schlüsselidee formuliert, erkennen alle erst deutlich später.

Härter trifft den Springinsfeld allerdings eine Niederlage auf zwischenmenschlichem Gebiet. Lang und ernsthaft bemüht sich Watson um Christa Mayr, Tochter des in Harvard lehrenden Ornithologen Ernst Mayr. Da er aber zwischen Kalifornien und England pendelt und zwischendurch an nahezu jeder renommierten Universität Station machen muss, um seine Doppelhelix vorzustellen, steht die Beziehung unter keinem guten Vorzeichen. James leidet unter den Launen Christas und ist tief entmutigt, als sie nach Monaten die Beziehung zu ihm beendet. Erst zwölf Jahre später ist seine Brautschau erfolgreich.

Intellektuelle und menschliche Ablenkung bieten Treffen wie die mit dem russisch-amerikanischen Physiker George ("Geo") Gamow, Mitbegründer des RNA-Krawattenclubs. Ebenso wie Watson ist der schrille Gamow immer für einen Spaß auf Kosten von Kollegen und Freunden zu haben und stets auf der Suche nach guten, alkoholseligen Partys. Hier und auf den zahlreichen Kongressen und akademischen Sommerkursen trifft Watson die Geistesgrößen seiner Zeit, die früher oder später ebenfalls gute Nachrichten aus Stockholm erhalten.

Im Buch nutzt er an diesen Stellen die Gelegenheit, dieses oder jenes kleine Geheimnis auszuplaudern: dass auch Wissenschaftler fremdgehen, uneheliche Kinder zeugen oder wegen Gesetzesverstößen höchstrichterlich verurteilt werden. Watson selbst muss eine Strafe zahlen, weil er sich vorübergehend illegal in Großbritannien aufhält. Der bunte Reigen an Anekdoten und Erlebnissen in Labors, auf Bergtouren, am Strand oder in den Salons reicher Förderer wird flott vorgetragen. Geradezu beiläufig kreuzen wissenschaftliche Hypothesen die Partygespräche und vermitteln die wissenschaftlichen Probleme der Zeit.

Auf Tiefenschärfe in der Darstellung der Charaktere verzichtet Watson weitgehend. Die Schilderungen geraten ihm zwar etwas oberflächlich, sind aber sehr vergnüglich und unterhaltsam. Es sind gar nicht so sehr die Genies, die dank ihrer Geisteskraft der Wissenschaft den Stempel aufdrücken. Es sind Menschen, die mit großer Lust und Freude an Ideen basteln und dabei den Spaß am Leben suchen.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 8 / 2003, Seite 84
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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