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Gene und Verhalten - Was bewegt den Menschen?



Spektrum: Herr Professor Voland – sind wir nur genetisch determinierte Bioautomaten?

Prof. Dr. Eckart Voland: Als Biologe gehe ich in der Tat davon aus, dass alle Information zum Aufbau des Menschen und zu seiner Steuerung in den Genen steckt. Eine andere Informationsquelle gibt es nicht. Meine Wissenschaft, die Soziobiologie, liefert ja gerade eine genetische Theorie des Verhaltens. Es wäre jedoch falsch zu behaupten, die Identifikation der Gene brächte uns eins zu eins auch ein Muster der verschiedenen menschlichen Verhaltensweisen, Strategien und Präferenzen.

Spektrum: Was leisten die Gene?

Voland: Sie codieren Proteine, nichts weiter. Aber damit bauen sie letztlich das auf, was auch unser Verhalten steuert: die Psyche mit all ihren Kompetenzen, Mechanismen und Modulen. Ausschlaggebend für unser konkretes Verhalten ist natürlich auch unser Umfeld. Die Gene liefern sozusagen die Matrix zum Verständnis der Funktion des Verhaltens. Aber die Analyse des menschlichen Genoms wird nicht ausreichen, um unser Verhalten komplett zu verstehen.

Spektrum: Herr Professor Eckensberger – Sie sind Psychologe. Wo suchen Sie die Ursachen für unser Verhalten?

Prof. Dr. Lutz H. Eckensberger: Mir persönlich geht es weniger um das konkrete Verhalten in dieser oder jener Lage, sondern um die Rekonstruktion der normativen Bezugssysteme, die unser Verhalten im Ganzen ordnen. Wie kommt der Mensch dazu, Standards, die sein Verhalten regulieren, zu entwickeln? Dazu gehören die Moral, das Recht und die Konventionen – aber ebenso die Logik.

Spektrum: Und für Sie spielt das alles keine Rolle, Herr Voland?

Voland: Doch, natürlich, aber unter einem anderen Gesichtspunkt. Ich begreife unser Verhalten als das Ergebnis eines "adaptierten Phänotyps", wie wir Biologen sagen.

Spektrum: Was heißt das?

Voland: Der heutige Mensch ist ein angepasster Organismus. Er ist aus Genen konstruiert – und zwar aus solchen, die sich innerhalb der Evolution als vorteilhaft erwiesen haben. Unsere verhaltenssteuernde Maschinerie – mit all ihren Modulen, Motiven und Kognitionen, mit all dem, was wir tagtäglich auch in unserer Selbstwahrnehmung erleben – ist das Produkt der "egoistischen Gene", verstanden als Ergebnis eines Selektionsprozesses, der in der Vergangenheit nur solches Verhalten belohnt hat, das der Fortpflanzung, also der Weitergabe der eigenen Gene, dienlich war.

Spektrum: Können Sie das an einem Beispiel verdeutlichen?

Voland: Nehmen Sie irgendein typisches Verhaltensmuster – meinetwegen "Verwandte helfen Verwandten"! Ich frage: Wo hat dieses Verhaltensmuster dem Menschen in der Vergangenheit einen Überlebensvorteil für die eigenen Gene beschert, sodass es bis heute weitergegeben wurde?

Eckensberger: In der Tat gibt es viele Belege dafür, dass man Verwandten, aber auch Freunden eher hilft als Fremden. Ich interpretiere das jedoch im Kontext der genannten Bezugssysteme, etwa unter der Berücksichtigung ethischer Überzeugungen.

Spektrum: Die Gene spielen in Ihren Untersuchungen also keine Rolle.

Eckensberger: Keine große jedenfalls.

Spektrum: Was können Sie als Kulturpsychologe von der Soziobiologie lernen?

Eckensberger: Was ich an der Soziobiologie interessant finde, ist, dass sie die wichtige Frage nach dem Warum stellt: Warum sind bestimmte Verhaltensstrukturen überhaupt da? Das ist ja eine völlig alternative Sicht auf die ganze Anlage-Umwelt-Debatte, die in der Psychologie bestenfalls nach dem Wie fragt, nach der Art und Weise des Handelns.

Spektrum: Kann die Entdeckung der einzelnen Gene im menschlichen Genom, wie sie derzeit erfolgt, unsere Erforschung des kulturellen menschlichen Verhaltens weiterbringen?

Eckensberger: Kaum. Das menschliche Genom hat sich in den letzten zehntausend Jahren ja so gut wie nicht mehr verändert. Auf der anderen Seite hat sich die menschliche Gesellschaft, die unsere Verhaltensweisen mit hervorbringt, ganz erheblich entwickelt. Dafür können die konstant gebliebenen Gene also wohl kaum als direkte und einzige Ursache in Frage kommen!

Spektrum: Ist die Psychologie überhaupt an den biologisch-genetischen Bedingtheiten interessiert, oder sind das nur Randbedingungen, die irgendwo fern am Horizont liegen?

Eckensberger: Für mich sind sowohl die organischen Voraussetzungen, die wir heute beim Menschen vorfinden, – also zum Beispiel seine Hirnstruktur – als auch deren entwicklungsgeschichtliche Rekonstruktion durch die Soziobiologie eine Folie, die ich sehr wohl zur Kenntnis nehmen muss. Nur: Menschliches Verhalten erklären sie mir noch lange nicht. Es handelt sich dabei allein um Ermöglichungsbedingungen für psychologische Strukturen und Funktionen.

Voland: Das sehe ich anders. Alle Verhaltensweisen waren zum Zeitpunkt ihrer Entstehung innerhalb der Geschichte des Menschen in irgendeiner Form biologisch förderlich. Sie haben alle das "Survival of the fittest" bestanden.

Was immer die Psychologie untersucht – sie sollte sich die Frage stellen, zu welchem Zweck ein bestimmtes Verhaltensschema evolviert ist. Und dann, Herr Eckensberger, haben Sie ein ganz bestimmtes Suchbild in Ihrem Forschungsprogramm, das Ihnen fehlen würde, wenn Sie sich mit der Formel von den "Ermöglichungsbedingungen" zufrieden geben.

Eckensberger: Natürlich brauche ich ein Suchbild, eine Theorie. Aber muss das unbedingt die Soziobiologie sein? Ich verstehe Ihre Argumentation sehr wohl. Sie interpretieren alles, was den Menschen ausmacht, unter dem Gesichtspunkt der Angepasstheit im Sinne der Evolutionstheorie: Wie könnte dieses oder jenes Verhaltensmuster in der Vergangenheit des Menschen der Weitergabe der eigenen Gene gedient haben? Das ist zunächst einmal eine spannende Frage. Das Problem besteht nur darin, dass Sie aus den möglichen Antworten auf Ihre zielorientierte Frage am Ende eine kausale Aussage basteln und behaupten, die egoistischen Gene hätten das untersuchte Verhaltensmuster sozusagen aktiv und vor allem kausal hervorgebracht. Diesen Sprung halte ich für logisch heikel: Darf man wirklich behaupten, nur weil etwas eine bestimmte Funktion hat, ist es auch so verursacht?

Spektrum: Können Sie Ihren Vorwurf noch ein wenig präzisieren?

Eckensberger: Jede beliebige Verhaltensweise, die mit der soziobiologischen Brille betrachtet wird, kann überflüssig werden und dennoch da sein. Umgekehrt kann Neues entstehen, das früher keine Funktion hatte. Beispielsweise kann eine bestimmte Präferenz der Männer – oder auch der Frauen – bei der Partnerwahl ihre ursprüngliche Funktion verlieren, wenn der kulturelle Kontext sich ändert. Und trotzdem wird sie von der Sozio-biologie immer noch kausal interpretiert.

Voland: Aber es leugnet ja niemand, dass es historische und kulturelle Brüche gibt. Nehmen Sie das Beispiel männliche Eifersucht! Diese entstand einmal aus einer Situation heraus, wo Männer ein evolviertes Interesse daran hatten, Ihre Vaterschaft zu sichern. Ihre Eifersucht half ihnen, die eigenen Gene durchzubringen. Heute, in Zeiten fast perfekter Verhütung, fehlt der Eifersucht dieser Grund ihrer evolutionären Entstehung: Die Frauen brauchen ja nicht mehr schwanger zu werden, wenn sie es nicht wollen. Und trotzdem können sich Männer nicht von ihrer Emotionalität befreien; sie ist stammesgeschichtlich gewachsen. Insofern berührt mich Ihr Einwand mit den kulturellen Brüchen wenig.

Spektrum: Wie stehen Sie sonst zu der Position von Herrn Eckensberger?

Voland: Ich werfe den nicht evolutionär inspirierten Psychologen eine gewisse Kurzsichtigkeit vor: Sie legen ihre kulturvergleichenden Studien kaleidoskopartig an und staunen dann über die ungeheure Vielfalt dessen, was sie in den unterschiedlichen Gesellschaften so alles finden. Aber sie versäumen es, ein einheitliches Prinzip dahinter zu suchen.

Spektrum: Sie meinen das Prinzip, sich immer so zu verhalten, wie es für die Weitergabe der eigenen Gene förderlich ist.

Voland: Genau. Denken Sie etwa an die Vaterrolle! Wie nehmen Männer ihre Vaterrolle ein? Wir kennen Gesellschaften, wo die Männer ungeheuren Wert darauf legen, dass die Kinder ihrer Frauen immer auch ihre eigenen Kinder sind. Da gibt es dann meist ein ausgefeiltes System von Kontrollmechanismen. Andererseits kennen wir aber auch sexuell sehr liberale Gesellschaften. Auf den ersten Blick könnte man bezweifeln, dass in Bezug auf die Vaterrolle in diesen sehr verschiedenen Gesellschaftstypen eine Verbindung besteht. Die Unterschiede scheinen schlicht zufällig und nicht von den Genen her bedingt.

Spektrum: Und das ist nicht so?

Voland: Fragen Sie einmal nach den strategischen Möglichkeiten, die die Männer jeweils haben, um ihre genegoistischen Interessen durchzusetzen! Manchmal gelingt das eben in einer sexuell freizügigen Gesellschaft besser – mit der Konsequenz natürlich, dass ein Mann seine Vaterrolle dort auch nicht annimmt. Was er an materiellen Dingen zu vererben hat, vererbt er dann nicht den Kindern seiner Frau – das sind vielleicht nicht seine eigenen –, sondern den Kindern seiner Schwester, denn mit denen ist er ja in jedem Fall verwandt. Dieses Verhalten rechnet sich am Ende; das lässt sich spieltheoretisch zeigen. – Sie sehen also: Kulturelle Vielfalt ist in diesem Fall durch ein einheitliches soziobiologisches Prinzip erklärbar.

Eckensberger: Ich finde Ihr Beispiel aus zwei Gründen interessant: Zum einen zeigt es, dass das leitende soziobiologische Erklärungsprinzip so allgemein ist, dass man fast immer irgendeine Fitness steigernde Funktion für ein bestimmtes Verhalten konstruieren kann. Daraus ergibt sich ein erstes grundsätzliches Problem: Kann man Ihre Theorie überhaupt falsifizieren? Zweitens belegt das Beispiel, dass sämtliche Verhaltensweisen, die noch einen nahen Bezug zum Akt der Fortpflanzung haben, soziobiologisch wahrscheinlich immer irgendwie plausibel zu machen sind. Es gibt aber ganz andere Bereiche – Berufswahl meinetwegen oder künstlerisches Schaffen –, die den Menschen ebenfalls auszeichnen, wo man jedoch weit größere Schwierigkeiten hat, die Existenz allein auf die "egoistischen Gene" zurückzuführen.

Spektrum: Warum gibt es Komponisten und Maler, Herr Voland?

Voland: Hier konkurrieren noch verschiedene Hypothesen miteinander. Eine besagt etwa, dass künstlerische Kreativität im Zusammenhang mit männlichen Selbstdarstellungstendenzen im Werbeverhalten entstanden ist. Ich gestehe jedoch ein, dass diese Erklärung nicht unbedingt zutreffen muss. Vielleicht geht es ja auch weniger um die Künstler selbst als vielmehr um unsere Präferenz für ein bestimmtes ästhetisches Erleben. In jedem Fall liegt hier ein empirisches Problem vor, das noch nicht gut erarbeitet ist. Man sollte aber auf keinen Fall davon ausgehen, dass die Soziobiologie zu diesem Problem prinzipiell nichts zu sagen hätte.

Eckensberger: Ich halte meinen Verdacht aufrecht, dass sich soziobiologische Deutungen stets leichter anwenden lassen, wenn es um vergleichsweise reproduktionsnahe Verhaltensweisen geht. Und auf solche Beispiele stützen Sie sich laufend. In jedem Fall brauchen Sie beim künstlerischen Schaffen einen breiteren Erklärungsansatz. Aber ich habe noch einen ganz anderen Vorwurf.

Voland: Nämlich?

Eckensberger: Viele Verhaltensmuster, die die Soziobiologie vermeintlich erklärt, sind in der Regel auch ökonomisch interpretierbar: Ich verhalte mich so und nicht anders, weil es für mich in irgendeiner Form förderlich ist. Einfach ausgedrückt: Ich mehre oder sichere meinen Besitz, meinen Einfluss durch mein Handeln – und folge dabei eben dem ökonomischen Prinzip. Die Gene brauche ich für eine solche Argumentation nicht. Und schlimmer noch: Das "Verhalten" der Gene wird ja selbst dem ökonomischen Kalkül unterworfen! Das ökonomische Prinzip geht dem soziobiologischen also voraus. Damit aber ist die Theorie eigentlich selbst eine ökonomische Theorie – und folglich Teil der Kultur, die sie zu erklären sucht!

Spektrum: Welche Rolle spielt der Begriff "Intention" für Sie?

Eckensberger: Er ist enorm wichtig! Was macht den Menschen denn aus? Ich möchte hier nicht pathetisch von unserer Sonderstellung in der Natur sprechen, aber es gibt zwei Dinge, die den Menschen fundamental vom Tier unterscheiden: seine Selbstreflexivität und seine Intentionalität. Einerseits wissen wir, dass wir existieren und dass wir alles, was wir tun, zumindest im Prinzip auch immer anders tun könnten. Andererseits ist menschliches Handeln nicht einfach irgendwie determiniert, sondern gewollt und intendiert. Es hat keine Ursachen, sondern Gründe! Der Mensch kann sich aufgrund seiner potenziellen Selbstreflexivität und Intentionalität im Prinzip auch gegen seine eigene Natur verhalten, wenn er möchte.

Voland: Woher wissen Sie das?

Eckensberger: Das weiß ich aus der psychologischen Empirie. Der Mensch ist prinzipiell reflexions- und intentionsfähig. Wir wissen doch alle, dass wir hier sitzen, um zu diskutieren, oder? Ich könnte jetzt aber auch aufstehen und den Raum verlassen. Damit würde ich kein Naturgesetz, sondern nur eine kulturelle Konvention brechen. Mit anderen Worten: Es gibt parallel zur Naturgesetzlichkeit – und dazu gehören freilich auch adaptive Strategien der Soziobiologie – so etwas wie kulturelle Regelsysteme, die wesensmäßig ganz anderer Art sind. Die spannende Frage lautet: In welcher Beziehung stehen die beiden Systeme zueinander?

Voland: Stopp. Natürlich gibt es Selbstreflexivität, aber ich bezweifle, dass sich daraus irgendetwas ableiten ließe, was den Menschen befähigt, sich gegen seine Natur zu entscheiden. Wie alle kognitiven Leistungen sind Selbstreflexivität und Intentionalität biologisch evolviert. Es muss in irgendwelchen sozialen Szenarien früherer Zeiten einfach vorteilhaft gewesen sein, sich mental in bestimmte Situationen einzuordnen, um darüber zur bestmöglichen Durchsetzung persönlicher Interessen zu gelangen. Und nur deswegen verfügen wir heute über Selbstreflexivität.

Eckensberger: Um eines klar zu stellen: Ich behaupte keineswegs, dass wirklich jede einzelne Handlung "reflektiert" ist. Viele, vielleicht sogar die Mehrzahl unserer täglichen Handlungen sind hochgradig automatisiert. Aber grundsätzlich sind sie reflektierbar; das ist das Entscheidende.

Spektrum: Können Sie das näher ausführen?

Eckensberger: Nehmen Sie das Beispiel Tennis! Da ist jeder Ballwechsel eine Handlung, genau so wie jedes gewonnene Match. Sogar die Karriere des Tennisspielers ist eine Handlung. Und alle diese Handlungen haben verschiedene Bewusstseinsgrade: Der einzelne Ballwechsel hat in der Regel kaum noch eine reflexive, intentionale Struktur; er ist hochgradig automatisiert. Das macht aber noch nicht das ganze Tennisspiel zu einem automatischen, reflexhaften Geschehen!

Voland: Was leiten Sie aus Ihrem Beispiel ab?

Eckensberger: Selbstreflexivität und Intentionalität sind Eigenschaften, die den Menschen prinzipiell auszeichnen. Ich habe gar kein Problem, beides als entwicklungsgeschichtlich entstanden anzusehen. Sicherlich brachte das alles erhebliche Anpassungsvorteile mit sich. Aber wir nehmen laufend Weltdeutungen vor – das macht den Menschen besonders –, und dadurch wird unser Handeln mit bestimmt. Die Gene reichen dazu nicht aus. Es gibt eine Metaebene. Für Sie, Herr Voland, scheint die Kultur indes nur eine Verwirklichung des menschlichen Genoms zu sein.

Voland: So ist es – allerdings bei Anerkennung der Vermittlungsebene zwischen Genom und Kultur, den adaptiven Leistungen des menschlichen Gehirns.

Eckensberger: Kultur bezieht sich aber nicht nur auf "geregeltes Verhalten". Das gibt es auch bei Tieren. Sie beruht wesentlich auf Bedeutungsstrukturen, und diese wiederum basieren vermutlich – zumindest aber zum Teil – auf unserer Selbstreflexivität. Ich persönlich glaube sogar, dass der wesentliche Kern der Kultur aus unserem Todesbewusstsein erwachsen ist und erwächst.

Spektrum: Da kommt die Religion ins Spiel?

Eckensberger: Richtig. Religion ist immer der Versuch, den Tod auszutricksen. Es gibt keine Religion, die sich nicht mit dem Tod und dem, was danach passiert, auseinander setzt. Das ist übrigens sehr interessant: Auch die Soziobiologie hat so gesehen eine religiöse Struktur, denn auch sie überlistet den Tod.

Spektrum: Inwiefern?

Eckensberger: Der einzelne Organismus ist für sie nicht wichtig. Es sind die Gene, die weiterleben.

Spektrum: Ein interessanter Aspekt! Herr Voland, sind Sie religiös aktiv, wenn Sie sich soziobiologisch betätigen?

Voland: Also, ich weiß jetzt nicht, ob irgendein Naturwissenschaftler, der sich mit längeren Zeiträumen beschäftigt – der Kosmologe, der Paläontologe oder auch der Soziobiologe – ob der ganz persönlich für sich den Tod überlisten will. Das ist eine Hypothese. Jedenfalls ist die Soziobiologie nicht aus dem Bedürfnis heraus entstanden, die Todesfurcht zu bekämpfen.

Eckensberger: Bedürfnis hin oder her – sie tut es aber.

Voland: Nein. Es geht darum, dass Naturwissenschaftler mit ihrem Instrumentarium erkannt haben, dass es informationstragende Einheiten gibt, die eben das einzelne Leben überdauern. Und dazu gehören die Gene. Ich behaupte, was immer wir an Leistungen erbringen, was immer wir an Verhaltensweisen an den Tag legen, welche Ideen wir auch immer haben – es gründet auf unserer Naturgeschichte.

Spektrum: Also am Ende doch ein deterministisches Weltbild?

Voland: Als Biologe kann ich nur in einem deterministischen Weltbild leben! Ich habe keine anderen Interpretationsschemata als die Zwangsläufigkeit alles dessen anzunehmen, was ich beobachte. Als Bürger und Individuum ist mir diese Einsicht freilich nicht sonderlich sympathisch, denn ich erfahre mich ja als entscheidungsfrei und in der Lage, über mich selbst zu bestimmen. Insofern lebe ich in zwei verschiedenen Welten.

Spektrum: Was unternehmen Sie, um diesen Widerspruch zu überbrücken?

Voland: Ich arbeite daran, Schwachstellen im Gedankengebäude meiner eigenen Wissenschaft aufzudecken. Ich suche immer auch nach möglichen Irrtümern in der Theorie. Bislang habe ich aber noch keine grundlegenden Fehler gefunden und nehme die Soziobiologie folglich bis auf weiteres als richtig an. Mit dem Widerspruch muss ich also leben.

Eckensberger: Das ist ja interessant! Sie sehen also eine Spannung zwischen Ihrer persönlichen phänomenologischen Erfahrung und Ihrer eigenen Theorie? Es ehrt Sie, dass Sie das so frei zugeben! Ich denke, dass es nicht unpraktisch wäre, als Mensch eine Theorie zu vertreten, die auch auf einen selbst zutrifft – ohne sozusagen permanent mit einer Klemme im Kopf herumrennen zu müssen.

Voland: Wäre das Maß für die Güte einer Theorie ihre subjektive Verdaulichkeit, hätte die Wissenschaft nie das geozentrische Weltbild überwunden.

Spektrum: Halten Sie dann am Ende doch nichts von der Soziobiologie, Herr Eckensberger?

Eckensberger: Natürlich können wir nur aufsetzen auf dem, was entwicklungsgeschichtlich entstanden ist. Aber wir haben mit der Kultur eine Anschlussorganisation geschaffen, die erweiterte Möglichkeiten besitzt und selbst nicht zwingend soziobiologisch zu rekonstruieren ist.

Aus: Spektrum der Wissenschaft 4 / 2001, Seite 96
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH
4 / 2001

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum der Wissenschaft 4 / 2001

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