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Marcus Elstner (Herausgeber):: Gentechnik, Ethik und Gesellschaft.

Springer, Berlin/Heidelberg 1997. 252 Seiten, DM 88,–.

Der Sammelband enthält vorwiegend Vorträge, die Philosophen, Soziologen, Naturwissenschaftler und Mediziner im Rahmen einer Reihe "Gentechnik und Ethik" am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg im Sommersemester 1995 gehalten haben. Der Herausgeber Marcus Elstner arbeitet in der Abteilung für molekulare Biophysik dieser Institution.
Es werden sowohl kontroverse Positionen zur Gentechnik und deren sozialverträglicher Gestaltung als auch Überlegungen zu einem verbesserten gesellschaftlichen Umgang mit dieser brisanten Technologie vorgebracht. Dabei greifen die zahlreichen Autoren nicht nur ungeklärte biologische, soziale und ethische Fragen auf, sondern machen am Beispiel dieser weitreichenden Technologie auch das Problem eines demokratisch und ethisch gerechtfertigten Umgangs mit Unsicherheiten, Ängsten und Hoffnungen deutlich.
Gleich eingangs stellt Elstner fest, daß in der Kontroverse um die Anwendung der Gentechnik ein Konsens in naher Zukunft nicht zu erwarten sei. "Dennoch müssen Anwendungsentscheidungen getroffen werden beziehungsweise sind schon getroffen worden." Die technische Entwicklung galoppiert also der ethischen davon, und man kann nur noch die Verspätung der letzteren beklagen.
Der erste Teil "Problemlagen und Kontroversen" behandelt Aspekte und Probleme gentechnischer Anwendungen. Darin findet eine inhaltliche Auseinandersetzung mit sozialen Folgen, ethischen Dilemmata und Risikopotentialen statt.
Unter den vielen Anwendungsgebieten der Gentechnik (in Medizin, pharmazeutischer Industrie, Nahrungsmittelproduktion, Landwirtschaft, Müllentsorgung und anderen) werden einige als besonders problematisch ausgewiesen. So preist Ernst-Ludwig Winnacker, Biochemiker an der Universität München und inzwischen Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, einerseits die neuen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten durch Genomanalyse und Gentherapie (siehe etwa Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1997, Seite 50); andererseits aber wirft er die Frage auf, ob wir uns nicht bereits das Rüstzeug zulegen, Monster à la Frankenstein, den "Menschen nach Maß" oder den "gläsernen Menschen" zu erschaffen.
Das Vorhaben, allgemeinverbindliche Grenzen für einen vertretbaren Einsatz der Gentechnik zu formulieren, scheitert an moralischen Unsicherheiten in der Bewertung der neuen Möglichkeiten. Aufgrund der "Pluralität der Wertsetzungen" (Elstner) scheint ein Rückgriff auf früher weithin geteilte Vorstellungen von Verantwortung vergeblich. Manche Autoren sind gar bereit, bisherige sittliche Orientierungshilfen in Frage zu stellen, und fordern eine "neue Ethik".
Die Philosophen Kurt Bayertz und Christa Runtenberg von der Universität Münster nennen drei Typen ethischer Argumentation. Nach dem kategorischen Argumentationstyp sind bestimmte menschliche Handlungen nicht erst wegen ihrer Folgen, sondern bereits aus sich selbst heraus verwerflich. Hingegen stellt die pragmatische Argumentation das Individuum – etwa den Patienten – in den Mittelpunkt der ethischen Bewertung und erklärt alle Handlungen für legitim, die sein Leiden vermindern oder beseitigen. Der gesellschaftspolitische Argumentationstyp schließlich stellt die sozialen Auswirkungen der Gentechnik und ihrer Anwendung in den Vordergrund; eine besondere Rolle spielen dabei Risiken und unbeabsichtigte Folgen. Diese drei Argumentationstypen schließen sich, so Bayertz und Runtenberg, nicht aus; vielmehr sei zwischen ihren Vertretern eine differenzierte Reflexion und zum Teil auch ein Konsens in einzelnen Regelungsfragen (wie zum Beispiel der Ablehnung der Keimbahntherapie) möglich.
Der zweite Teil des Buches steht unter dem Titel "Diskurse – Verfahren zum gesellschaftlichen Umgang mit Technik". Die meisten Autoren plädieren für eine Diskussion nach den klassischen Kriterien: Sie soll in der Regel öffentlich sein, Konflikte sollen argumentativ ausgetragen und durch nachvollziehbare Begründungen von Aussagen übereinstimmende oder abweichende Positionen der Konfliktparteien erkannt und verständlich gemacht werden. Allerdings kann der Diskurs bei einem wesentlichen Thema nur unter Stellvertretern stattfinden: Die von Reproduktionsmedizin, pränataler Diagnostik und Keimbahntherapie Betroffenen, die Embryonen, können natürlicherweise nicht mitreden.
Wesentlich für den Diskurs wie für den Umgang mit Gentechnik selbst sind der Begriff der Verantwortung und die Frage nach ihrem Träger. In diesem Kontext plädiert der Stuttgarter Philosoph Christoph Hubig angesichts der Herausforderungen von Wissenschaft und Technik für eine "Umwegethik", die sich über einen Rahmen von Institutionen und Organisationen letztlich an den einzelnen richtet. "Die Verantwortung der Individuen", konstatieren der Stuttgarter Philosoph Niels Gottschalk und Herausgeber Elstner in ihrem gemeinsamen Beitrag "Technik und Politik", "ist immer eine zweifache: erstens für die eigentlichen Handlungen, und zweitens für die Gestaltung der Institutionen und Organisationen, die dieses Handeln mitbestimmen."
Sowohl für interessierte und vorgebildete Laien als auch für Fachwissenschaftler bietet dieser Sammelband einen lesenswerten und vielseitigen Überblick. Allerdings kommt meines Erachtens der kategorische (deontologische, pflichtenethische) Argumentationstyp etwas zu kurz. Mit ihm ließe sich durchaus ein moralisches Verbot von verbrauchenden Experimenten mit Embryonen begründen, die im Rahmen der Keimbahntherapie erforderlich wären, weil diese ausschließlich als Sache (Mittel) für einen kritisch zu hinterfragenden Zweck verwendet würden.


Aus: Spektrum der Wissenschaft 3 / 1998, Seite 110
© Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH

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